Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Flower Power | Juli 2011
Am Ende des Feldes
von Helga Rougui

Seitdem ich in meiner ungeordneten grünen Wildheit existiere, kann ich hinüberschauen zu diesem Stück gezähmter Erde, das, nur durch einen einfachen Holzzaun von mir getrennt, doch all meine Samen und Pollen und Sporen aufnehmen muß, weil ich das will. Steht der Wind günstig, dann sind es mehrere Kilo am Tag, und ich bemerke schadenfroh, wie sich die Erde stöhnend aufbäumt und sich angewidert bemüht, sich wegzubiegen unter der Berührung meiner Fruchtbarkeit. Meine Abgesandten dringen schnell und heftig ein und bilden so zügig als möglich ihre grünen Triebe, und sobald diese sichtbar werden zwischen den starren Stengeln der quietschbunten wie wächsernen Blumen, kommt ein Mann und reißt sie heraus. Er wirft sie auf einen Haufen und verbrennt sie.
Ich sehe das.

Wir durchbrechen die Erde, die locker und wohlwollend über uns aufgehäuft ist.
Wir bilden Triebe, feste Stengel, einen stolzen Blütenkopf. Leicht gebogen stehen die Blütenblätter. Rot, rosa, gelb, weiß.
Sie bilden einen Kelch, innen verstecken sich die Staubfäden, der Stempel.
Wir sind kein Büro.Wir sind ein Tulpenfeld.
Wir stehen in Reih und Glied, bereit zum Kampf.
Zu dem es niemals kommen wird, denn wir können nicht losmarschieren.
Wie auch. Wir sind Blumen, Mann.
Der Feind hinter dem Zaun schaut her, unentwegt.
Auch er ist bereit.
Aber er ist genau wie wir zur Unbeweglichkeit verdammt.
Seine Abkömmlinge versuchen zwar Wurzel zu fassen bei uns, aber sie sterben alsbald im Feuer.
Wir sehen das.

Wir sind zwei Armeen, die jeden Tag aufeinander losgehen und sich dabei keinen Zentimeter von der Stelle bewegen.
Das Gemetzel ist mörderisch, obwohl kein Tropfen Blut fließt.
Wir sind beide Sieger an jedem Abend und haben beide verloren.
Wir hassen uns abgrundtief und beneiden uns aus tiefster Seele.

... ... ...

Sie kann diese grüne Unordnung nur schwer ertragen. Wenn sie nach hinten an den Zaun geht, dann greifen die stachligen Brombeerranken nach ihr und zerren an ihrer Haut. Die Brennesseln wachsen meterhoch und streifen glühend ihre Unterarme. Der Flieder, seit Jahren nicht zurückgeschnitten, läßt seine Äste schwer und hinderlich über die verkrauteten Wege ragen, so daß kein Durchkommen ist. Die Wege sind unkenntlich überwuchert, die Blumen unter abenteuerlichen Gewächsen längst erstickt.
Sie denkt, während sie sich bis zum Schuppen durchkämpft, wenn ich das alles hier so sehe, wird mir schlecht. Und keiner, der sich kümmert.

Auch er kann die grüne Unordnung nur schwer ertragen, aber eben, weil es nicht die seine ist, sie aber existiert, und zwar, wie es scheint, zu dem einzigen Zweck, seine wohlgeordnete Welt zu bedrohen. Seine wunderschönen, sauber aufgereihten, nach Farben abwechselnd sortiert gepflanzten Tulpen, die an das nachbarliche Tohuwabohu grenzen. Und er muß den permanenten Invasionen der anderen Seite trotzen, das Unkraut weht herbei, siedelt sich an, und sobald es soweit ist, daß man es an den Ohren ziehen kann, zieht er.
Seine edlen gutorganisierten Blumen sollen unbelästigt groß und stark werden.
Sie sind wertvoll.

... ... ...

Die Jahrzehnte vergingen, eine Generation löste die andere ab, und der verwilderte Garten ähnelte inzwischen einem zugewachsenen Urwald. Er war ein verläßliches Heim für diverse Eichhörnchenfamilien, zahlreiche Vogelsippen, Schneckenherden und Käferkolonien geworden. Hier konnten Kaninchen und Löwenzahn in Eintracht und Sicherheit leben, da sich die anfängliche Einstellung der ursprünglichen Besitzer auch bei den Nachkommen erhalten hatte, etwa zusammenzufassen in die Worte: nur nicht dran rühren, sonst schlägt es dich. Zudem schienen die Disteln mittlerweile Zähne bekommen zu haben.
So war der zum Gestrüpp geratene Garten mancher bedrohten Tier- und Pflanzenart in dieser Gegend ein rettendes Biotop, in dem deren Vertreter in Frieden leben konnten.
Zu den Tulpen schauten sie alle schon längst nicht mehr hinüber, waren sie doch ziemlich uninteressant in ihrer sterilen Steifbeinigkeit.
Immer dasselbe langweilige Bild. Immer die gleiche strenge Disziplin.
Nur ab und an, alle paar Monate, hielten sich die pflanzlichen und tierischen Bewohner des Wildgartens sozusagen die Ohren zu, wenn die Blumen, spitze schmerzhafte Schreie ausstoßend, abgeerntet wurden. Solange es dauerte, war es grauenvoll, aber dann herrschte wieder Stille, bis die nächste Generation dran glauben mußte.
Die Natur funktioniert, und schlau und gierig ist der Mensch.

... ... ...

Sterblich aber auch.
Denn es kam die Zeit, als das Tulpenfeld nicht mehr erneuert wurde und der inzwischen außer Rand und Band geratene Garten die unbestrittene Vorherrschaft über das gesamte Areal antrat. Der trennende Zaun, schon längst vermodert, schwankte und kippte endlich um. Ungehindert überwucherten die wilden Pflanzen alles, ein einziges großes Feld entstand und die Tiere breiteten sich aus bis in den letzten Winkel. Das Paradies auf Erden, so schien es ihnen allen, war endlich angebrochen. Jeder hoffte, daß es bis in alle Ewigkeit bestehen möge.

Eines Tages war alles vorbei.
Am Ende des Feldes wurde ein Baumarkt mit angeschlossenem Gartencenter errichtet, und das Feld selbst wurde sauber eingeebnet und gleichmäßig betoniert, weiße Markierungen wurden gesetzt, und Autos parkten in Reih und Glied, wo früher die Tulpen aufmarschiert waren und die Disteln ihnen feindlich-brüderlich zugenickt hatten. Das alles interessierte nun keinen mehr, das war Vergangenheit, und nur die Zukunft zählte.

Aber vielleicht käme irgendwann ein noch Größerer, noch Mächtigerer, der das gesamte Einkaufszentrum inklusive Parkplatz hinwegharken würde zu einem höheren, jetzt noch niemandem einsehbaren Behufe.
So träumt es das eine oder andere staubige, halb erstickte Gänseblümchen in seinen fiebrigen, mondnächtlichen Träumen, wenn es sich noch im Schlaf verbissen in die Erdritzen, die fein hier und da im Beton aufscheinen, klammert.

Ob diese Träume Wirklichkeit werden, weiß niemand.
Denn niemand weiß, was die Zukunft bringt. Auch ein Gänseblümchen nicht.

Aber wir müssen, so sagt es Voltaire, unseren Garten bestellen.
Bis dahin.

Letzte Aktualisierung: 03.07.2011 - 20.08 Uhr
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