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Flower Power | Juli 2011
Verblüht
von Robert Pfeffer

So verschlossen wie an jenem 17. März war er noch nie! Ich kannte den Bruno ja schon eine Weile. Oft zählte er die Tage. Die Tage bis zur Rente. Nachdem er gezählt hat, ging er zu Rosalie und streichelte sie, schaute dabei aus dem Fenster. Und ich glaube, dass er sie auch meist mit einer kleinen Träne goss. Die sollte ich bloß nicht sehen, also will ich nicht weiter darüber reden. Und wenn er sich zurück ins Zimmer drehte, lächelte er. Als ob eine magische Kraft ihn aufgetankt hätte.

Als ich Bruno Lüdeke zum ersten Mal traf, da war es mein erster Tag mit ihm im Büro. Gut ein Jahr ist das her. Wir sind damals beide auf unserem Weg dort gestrandet, ich aus der Entziehung und Bruno Richtung Altersteilzeit. „Ne Suffnase“, hat er gesagt und sich direkt wieder abgewandt. So was kannte ich zum Glück. Ich baue immer auf den Satz danach. Und da hab ich ihn überrascht, als ich sagte, dass mir seine Passiflora gefällt. Geguckt hat er nicht. Nur die linke Braue hochgezogen. Rosalie stand in voller Blüte und da haben andere Frauen keine Chance. Aber das wusste ich da noch nicht. Er bügelte die Blätter, so sah es jedenfalls aus. Mit einem feuchten Tuch wischte er drüber und das in einer Haltung, in der er bald eine Arnikalösung brauchen würde, um der Rückenschmerzen Herr zu werden. Erst nach Minuten richtete er sich auf und sprach mich an.
„Sie kennen sich mit Pflanzen aus?“
„Jennifer Hohmann, Sie können Jenny sagen, wenn Sie wollen.“
„Die wenigsten hier haben ein Gespür für die Natur.“
„Wie soll ich Sie denn anreden?“
Er wandte sich Rosalie wieder zu. Genug geredet für diesen Tag.

Nach einigen Wochen erzählte er mir von den Hebebüchern, von seinem früheren Büro in der Kassenabteilung. Drei Ficus benjamina und sogar ein Zierspargel als Staubfilter hätten ihn überhaupt erst so alt werden lassen, sonst wäre er vorher schon am Lungenkarzinom eingegangen, da war er sich sicher. Inmitten seines bürokratischen Urwalds verbuchte er Knöllchen, was ja auch was Botanisches hatte, wie er fand. Ein grüner oder blühender Berufsalltag, in dem seine Eigenbrötlerei nicht weiter auffiel. Denn für Frau und Kinder war in seiner Pflanzenwelt wohl nie Platz gewesen.

Als sie ihm das erste Datensichtgerät vor die Nase gesetzt haben, später einen Computer, da war es für ihn wie eine Invasion. Die Brandroder, die seine Idylle in Flammen setzten und die ihm noch so oft erzählen konnten, dass aus der Asche der Vergangenheit in der modernen Zeit ein viel stärkeres Gewächs werden würde. Ohne seine Hebebücher und das perfekte Gegengewicht der Chlorophyll-Sammlung war er seines Bodens beraubt. Die Welt um ihn herum lebte seitdem schneller, als er es hätte können.

Sehen Sie mir nach, dass ich es so deutlich sagen muss: Das volle Desaster brach aus, als Manuel Glaschke auf der Bildfläche erschien. Weniger als halb so alt wie Bruno, befreit von Respekt, aber gefüllt mit englischen Fachtermini. Nur ein einziges Mal, ganz kurz – ich war dabei – hat Bruno versucht, Glaschke in die Faszination der Botanik einzuweihen. In mühevoller Arbeit hatte er eine Zwergdattelpalme aufgezogen, sie maß gut einen Meter seinerzeit. Der Steckling fand den Weg in seinen Koffer während eines Urlaubs auf dem Mekong. Dem Britischen wollte er das Lateinische entgegenhalten. Doch für eine Phoenix canariensis war sein Gegenüber einfach noch zu jung. Und, mit Verlaub, wer sich dem Controlling mehr verpflichtet fühlt als den simpelsten Regeln der Höflichkeit, der hat wenig Augen für die Dinge, die entlang des Weges stehen.

Letzte Woche hat er Bruno ein iPhone in die Hand gedrückt. Damit sollte er Schlaglöcher knipsen und ausmessen. Minutenlang saß Bruno starr auf seinem Stuhl und sah den Fremdkörper an. Er hat nie eine Allergie entwickelt, Heuschnupfen war für ihn ein unbekanntes Wort. Aber als er das neue Telefon auf den Tisch ablegte, musste er erst einmal niesen. Flehend sah er mich an. Die Aufgabe, ihm die Benutzung dieses Dingens zu erklären, schien mir wie ein Hürdenlauf, bei dem man auf der letzten Runde im Wassergraben liegen bleibt. Seine Vorstellung davon, dass man ihn mit GPS orten könnte und das Gerät die Höhe über Normalnull zwischen dem Straßenbelag und der Sohle eines Schlaglochs unterscheiden kann, werde ich nie erfahren. Es erschien ihm wohl so verrückt, wie es mir heute vorkommt.

All die Jahre war das Grün seine persönliche Photosynthese. Die Liebe zu den Geschöpfen, die ihn umgaben, war der Motor für Bruno Lüdekes Stoffwechsel. Die Blumen waren seine heile Gegenwelt. Das, was er der neuen Zeit als seine eigene so lange es ging entgegenhalten konnte. Nun ist seine Kraft erschöpft. Dass er den Aconitum napellus für seinen Weg aus dem Leben wählte, ist vermutlich kein Zufall. Ich habe es nachgelesen in einem Buch über Mythologie: Aus dem Geifer des Zerberus erwuchs die Pflanze, die den Tod bringt. Der Eisenhut bedeckt, was auch aus seiner Sicht verborgen bleiben sollte.

Die Zwergdattelpalme ziert nun dein Grab, lieber Bruno. Sie ist dein Werk und möge dir weiter Kraft geben auf dem Weg, den du eingeschlagen hast. Und Ihnen, verehrte Trauergäste, kann ich nur noch sagen, dass ich Rosalie künftig hegen werde. Hier draußen würde sie unserem Kollegen zu bald folgen. Sie wird mir Stütze sein, wie sie es ihm gewesen ist.

(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 21.07.2011 - 07.54 Uhr
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