Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Flower Power | Juli 2011
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von Ann Nissuth

„Essen is fertig.“

Nur kurz grunzt Walter auf, dann zieht er sich aus mir zurück.

„Hab ich ´n Hunger.“

Er schmeißt sich in die Jeans und bindet sich sein Stirnband um. Weg ist er.
Und ich liege da. Frustriert. Beobachtet.

„Du, tut mir leid. Ich konnte ja nicht ahnen …“, druckst Matze rum.

Wie lange war er neben uns gestanden?

„Ich würd dir jetzt auch gerne helfen, weißt du. Aber die Elfi. Na, du kennst sie ja. Und wenn ich jetzt nicht gleich …“

Er bückt sich und drückt einen Kuss auf meinen Bauch.

„Sie hat Hirseauflauf gemacht. Na komm schon, zieh dir schnell was an.“

„Hab keinen Hunger“, maule ich und füge still für mich hinzu: „Jedenfalls nicht auf Hirseauflauf von Elfi.“
Und überhaupt: Am Wochenende haben wir ein ganzes Eifeldorf erschreckt, weil wir dort mit einer Meute anderer WGler nackt gezeltet haben. Und jetzt soll ich mich in unserem Haus zum Essen anziehen?

„Ich weiß, du magst Elfi nicht so sehr. Aber wir sind schließlich alle eine Familie, hmm?“

„Deine Elfi hat sich am Bach von Walter vögeln lassen.“

Und weil’s so schön aussah, was sie vorführten, haben ein paar das direkt nachgemacht, nachdem die Kinder in die Zelte verteilt waren. Na, wenigstens waren sie fertig, als die Bullen kamen.

„Sie ist nicht meine Elfi“, sagt Matze bekümmert. „Und ich geh jetzt essen.“

„Sie haben meine a-gen verbraucht und wenn du eine von uns auch nur streichelst, wird Elfi zum Tier“, rufe ich ihm hinterher.

„Nur, weil sie ihr Diaphragma nicht gefunden hat“, stellt Matze klar und wendet sich mir wieder zu: „Hast du den Castaneda endlich gelesen?“

„Was hat der denn mit Elfis Diaphragma zu tun?“

Da verschwindet er durch die Perlenschnüre.

Ich brauche dringend ein Bad. Und wehe, irgendjemand fühlt sich jetzt berufen, mir Diskussionen in der Wanne aufzuzwingen. Darüber, wie mein Busch getrimmt ist beispielsweise. Das widerspricht immerhin der kollektiven Auffassung vom Umgang mit der Schamfrisur. Ist alles herrlich offen, hier bei uns. Energisch ziehe ich den Vorhang zu.

Mmh, ist tatsächlich warmes Wasser da. Vor lauter Erleichterung übersehe ich fast den Hundehaufen, den Trixi vor den Boiler gesetzt hat. Ich trete den Rückzug an. Mir stinkt’s.

Viel einzupacken habe ich nicht. Nehme Grace und ihre Männer von der Wand, ein paar Klamotten aus der Ecke, meine Sonnenbrille. Fertig. Ach ja, vielleicht sollte ich mir auch was überstreifen. Nur für den Fall, dass diese blöden Bullen wieder vor dem Haus lungern. Sie wollen Matze anscheinend immer noch nachweisen, dass er beim Kaufhof mit gezündelt hat. Nur weil er dem Fritz Teufel mal begegnet ist und vor vier Jahren zufällig in Frankfurt war. Ausgerechnet Matze.

In unserer Zehn-Täubchen-WG wird doch lediglich rumgesponnen. Der Che und Simone de Beauvoir, alles schlicht Tarnung. Allesamt Spießer und Chaoten. Aktiv rebelliert wird höchstens gegen Küchendienst. Und die Bewusstseinserweiterung riecht süß. Ich bin die Einzige, die sich vom Establishment noch nicht genug gelöst hat, sagen sie. Elfi Pastorentochter vorneweg mit ihrem Prilblumengesülze. Was sie wohl macht, wenn mit mir auch Entchen verschwindet?
Die Autoschlüssel! So, das war’s. Mein Gastspiel hier ist eindeutig beendet.

„Hey, Janis. Machst’n du für ein Gesicht?“

Ach nee, die Unschuld selbst!

„Mein Wenn-du-nicht-sofort-aus-dem-Weg-gehst-hau-ich-dich in-deinen-Auflauf-Gesicht, liebste Elfi“, fauche ich.

Ihr Lächeln fällt auf meinen Rucksack.

„Da waren’s nur noch neun“, erkläre ich und bevor einer ihrer Vorträge über Besitz und Eifersucht dieses bescheuerte Friedenslächeln noch verstärken kann: „Ach ja und lass dich mal demnächst auf Tripper untersuchen.“

Damit schläpple ich, jetzt hochgradig befriedigt, zu meinem Deux Chevaux. Prima, kein Bulle weit und breit zu sehen.

Ich habe keine Ahnung, wo ich künftig penne. Entchen wird jedenfalls schnellstens entblümt und ich bin einfach wieder Hanna. Und irgendwie fühlt es sich trotzdem scheiße an, als Grace dann anfängt mit Don`t you want somebody to love. Was hat sie damals auf der Bühne noch gesagt? It’s a new dawn. Nun denn. Ich schniefe meine Tränen hoch und gebe Gas.


(2)

© ANis

Letzte Aktualisierung: 24.07.2011 - 17.22 Uhr
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