Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Flower Power | Juli 2011
The sixties - a love story?
von Eva Fischer

Ein neuer Pucki-Band sollte mir die lange Zugfahrt versüßen. Auch ich träumte von einem Förster-Klaus, der mir alles zeigen würde, was die Natur an Schönheit zu bieten hat, und mich sicher durch das Labyrinth des Waldes führen konnte.
Ab und zu schaute ich aus dem Fenster, sah den Rhein von Weinbergen umgeben, durch dessen enges Tal unser Zug rollte, und glaubte blauäugig an eine rosige Zukunft. Am Düsseldorfer Hauptbahnhof stiegen meine Mutter und ich aus. Mein Vater wartete bereits und fuhr uns zu der neuen Wohnung. Wenig später brachte der Umzugswagen unsere alten Möbel. In neuer Umgebung sahen sie gleich viel besser aus: die schwarz-gelben Polstermöbel, der braune Nierentisch, die bunte Tüten-Stehlampe. Ich bekam ein eigenes Zimmer mit Klappbett und weiß lackiertem Schrank, Schreibtisch und Regal, in das ich meine gesammelten Pucki-Bücher einsortierte.
Die großen Ferien hatten begonnen.
Die Sonne brannte sommerlich vom Himmel, doch ich kannte kein Kind, mit dem ich hätte spielen können. Die Schwimmbäder waren wegen einer Kinderlähmungsepedemie geschlossen. Allmählich dämmerte es mir, dass ich nicht im Paradies angekommen war. Nachts träumte ich mich mit der Straßenbahn zurück nach München. Wenn ich morgens aufwachte, türmten sich die trennenden Kilometer wieder unüberwindlich vor mir auf.

In Berlin baute man zur gleichen Zeit eine Mauer, die Ost und West für lange Zeit hermetisch voneinander abriegelte.

Ich wartete auf das Ende der Sommerferien, auf eine neue Chance, auf eine neue Freundin.
Sie hieß Sigrid, war einen Kopf kleiner und lachte meine Traurigkeit weg. Wir spielten mit Puppen, guckten den Freitagabendkrimi in Schwarz-Weiß bei ihr, da wir keinen Fernseher hatten, bettelten darum, auch „Musik aus Studio B“ sehen zu dürfen. Unnachgiebig schaltete ihr Vater um. „Zum blauen Bock“. Wenn sich die Sendungen nicht zeitlich überschnitten, hatten wir eine kleine Chance. Wir schwärmten für Udo Jürgens, Roy Black, Rex Gildo...
„Ich will nen Cooowboy als Mann“, sangen wir lauthals in meinem Zimmer nach und träumten davon, einmal so groß wie Gitte herauszukommen. Mein Vater war unser einziger Zuschauer, der uns schmunzelnd applaudierte.

Englisch begeisterte uns, weil es die Sprache der neuesten Hits war, auch wenn unsere Englischlehrerin wenig Verständnis für unsere Idole zeigte und auf einem Oxford-English beharrte. Der „Beat-Club“ wurde zu unserer Lieblingssendung. „Diese Negermusik“, schimpfte Sigrids Vater und raschelte laut mit seiner Tageszeitung.
„Love me do“ war die erste Schallplatte der Beatles, die ich in endlos auf unserem Plattenspieler hörte, auf dem sich vor Jahren noch alles um Märchen gedreht hatte. All mein Taschengeld investierte ich ab sofort in die Singles und LPs der Beatles oder kaufte die „Bravo“, um mit den Postern der Pilzköpfe meine Zimmerwand zu schmücken. George Harrison war der Mann meiner Träume, der mich jeden Abend mit seinem papierenen Lächeln in den Schlaf wiegte. Ich zog meine lockigen, dunklen Haare über der Fönbürste glatt, um ein bisschen wie Pattie Boyd auszusehen, betonte meine Augen durch schwarzen Eyeliner und hungerte mich in Miniröcke. George Harrison blieb unerreichbar, aber ein anderer männlicher Duft wehte durch unser Treppenhaus.

Unter dem Dach, direkt über uns, wohnte ein Jurastudent. Als ich eine Fünf in Latein nach Hause brachte, heulte ich so laut, dass seine Mutter es hörte, die gerade sein Zimmer aufräumte. Sie vermittelte Nachhilfestunden zwischen ihrem Sohn und mir. Die lateinische Grammatik blieb mir weiterhin ein Rätsel, aber ich war betört und verstört von seinen dunklen Augen. Daher wurden die Nachhilfestunden leider wieder eingestellt. Zurück blieb nur sein Parfüm, wenn ich kurz nach ihm über die Treppen ging.

Es war an der Zeit, richtige Jungen kennen zu lernen. Sigrid und ich gingen zum „Creamcheese“, einer Disko in der Düsseldorfer Altstadt. Bis 22 Uhr mussten wir sie wieder verlassen haben, sonst holten uns die Polizisten nach einer Ausweiskontrolle von der Tanzfläche und unsere Eltern machten Ärger .
„I’m your yesterday man“, dröhnte es aus dem Lautsprecher. Mit unseren Blockabsätzen stampften wir den Takt zum Beat. Der Rippenpulli betonte unsere weiblichen Rundungen. In der Hand hielten wir lässig eine Zigarette, während wir aus den Augenwinkeln die männliche Welt begutachteten.
Er hatte sinnliche Lippen, tiefliegende Augen, blonde Haare, muskulöse Oberarme und keine Pickel im Gesicht wie die gleichaltrigen Teenager, die wir aus der Tanzstunde kannten, und er steuerte direkt auf mich zu. Ein Kopfnicken genügte, und ich folgte ihm auf die Tanzfläche, wo die Lichter im gleichen Rhythmus zur Musik blinkten und mich in einen Rausch versetzten. Beim Blues klebten wir aneinander wie zwei Briefmarken. Er stellte sich als Martin vor, war fünf Jahre älter als ich und brachte mich mit einem LKW nach Hause, denn sein Vater baute gerade eine Speditionsfirma als Familienbetrieb auf. Martins Zwillingsbruder Günther fuhr den dritten LKW.
Ich kletterte in das Fahrerhäuschen, das genügend Platz für leidenschaftliche Küsse bot. Wir verabredeten uns bald fast täglich. Ganz unbemerkt konnte das große Fahrzeug in unserer Strasse nicht bleiben. An einem Sonntag nahm ich eine große Wolldecke mit, um auf den Rheinwiesen mit ihm zu picknicken. Ich fühlte mich wie die Queen persönlich.
Es war früher Abend, als ich zu Hause klingelte, denn am nächsten Tag musste ich in die Schule und hatte noch einige Schularbeiten zu erledigen. Aus dem Gesicht meines Vaters war jede vertraute Freundlichkeit gewichen. „Wo kommst du her?“, brüllte er mich an. Ich antwortete wahrheitsgemäß. Völlig überraschend traf mich ein harter Schlag auf den Kopf, so dass ich taumelnd gegen die Wand stieß. Meine Mutter kam und versuchte sich zwischen uns zu stellen. Nach lautstarken Diskussionen flüchtete ich in mein Zimmer. Während Tränen der Wut und Enttäuschung auf mein Schulheft tropften, kritzelte ich auf das Papier: Ich hasse dich!

Draußen tobten Kämpfe zwischen Polizei und Studenten. Die Herrschaft der ehemaligen Nazis oder ergrauten Duckmäuser musste gebrochen werden, denn die Große Koalition suchte durch die Notstandsgesetze die Menschenrechte einzuschränken.
„Ho Chi Minh!“ war der Schlachtruf, bevor die Pflastersteine flogen und die Wasserwerfer eingesetzt wurden.


Martin parkte nicht mehr vor unser Haustür, sondern nahm sich ein Appartement in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung. Es kam zu dem, wofür ich bereits meine Prügel bezogen hatte. Gemeinsam richteten wir unser Liebesnest ein, wählten ein französisches Bett, ein modernes Sideboard, eine bequeme Sofaecke und einen roten, flauschigen Teppich. Wir berauschten uns an Coca Cola. Rauschgiftspuren suchten meine Lehrer beim morgendlichen Appell vergeblich in meinen Augen.
Am Wochenende aßen wir Currywurst oder trafen uns mit Freunden. Pünktlich um 22 Uhr
brachte mich Martin nach Hause. Mein Vater kam unwesentlich früher als ich von der Arbeit. Als Ausrede dienten meine Freundinnen, was ziemlich gefahrlos war. Sie hatten kein Telefon, wir auch nicht. Meine Mutter deckte mich, weil sie eine weitere gewaltsame Auseinandersetzung fürchtete.
Als ich für einen Sprachenaufenthalt vier Wochen nach England fuhr, folgte er mir kurzerhand, mietete sich ein Zimmer unweit meiner englischen Familie.
Ohne es je großartig zu thematisieren, war es vollkommen klar, dass wir nach der Beendigung meiner Schulzeit heiraten würden, spätestens mit 21 Jahren, falls meine Eltern ihre Zustimmung verweigerten.

„Am 20.Juli 1969 landeten die Amerikaner mit dem Raumschiff Apollo 11 auf dem Mond.
Hier sehen Sie eine Nachbildung des Raumschiffes. Damit verlassen wir die 60er Jahre und gehen eine Ebene höher zu den 70er Jahren.“


Den Kopfhörer am Ohr folge ich den anderen, werfe einen letzten Blick zurück.

1970 nahm ich in geblümtem Maxikleid mein Abiturzeugnis in Empfang und wechselte zur Uni. Am Tag der Immatrikulation verliebte ich mich in einen Medizinstudenten, der gerade aus Wien kam, und mich in eine vielversprechende, neue, schillernde Welt einweihte. Ich verließ den mir zu eng gewordenen Kokon
und Martin,
den ich nie wieder sah...

Hier im Haus der Geschichte taucht er plötzlich wieder auf
der Held meiner 60er Jahre.

Those were the days my friend.
We thought they never end.(Mary Hopkin)

Letzte Aktualisierung: 10.07.2011 - 21.35 Uhr
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