Der Tod aus der Teekiste
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Flower Power | Juli 2011
Jochen lässt Liebe in sein Blockpraktikum
von Jochen Ruscheweyh

Ich hocke neben Hartmuts Rollstuhl. Meine Hände haben blaue Flecken, sein Hemd ist tiefrot gefärbt. Ich sehe sie kommen.
„Hartmut, ich glaube, das war's“, raune ich ihm zu.



***

Meine Anleiterin stellt sich als Hilde Kötter-Karrenberg vor und hat meinen Praktikumsplan bereits für sich klar: „Bei mir lernen Sie, wie man auffällige Bewohner führt.“
Ich schaue mich um. Ein angegilbtes Plakat in schwerem Holzrahmen ermahnt mich, Gott und Liebe in mein Herz zu lassen. Genau das habe ich vor, Hilde!

***

„Ich erkläre Ihnen das jetzt schon zum dritten Mal! Die Servietten werden an der gefalzten Seite zweimal geknickt! Wie sieht das denn sonst aus? Die alten Leute hier erwarten Gemütlichkeit. Außer meinen Kaffeetrinken haben die doch nichts mehr vom Leben ...“
Ich halte HKKs Blick stand, bis sie sich wegdreht. Dann frage ich Frau pädagogischer Doppelname: „Meinen Sie nicht, dass Sie die Bewohner ein wenig unterschätzen?“
„Ich bin Altentherapeutin und Sie sind hier nur Praktikant, und jetzt tun Sie gefälligst, was ich Ihnen sage.“

***

Gerda Majewski schiebt meinen T-Shirt-Ärmel hoch. Frau Kötter-Karrenberg ruft von der Tür aus: „Frau Majewski, lassen Sie das sein!“
Gerda streicht mit marmeladigen Fingern über mein Tattoo. „Bunt gemalt“, sagt sie. Ich lächele sie an und gebe ihr den Wachsmalstift. „Weitermalen?“, frage ich.
„So weit kommt's noch!“, tönt es von der Tür. „Am Ende wollen Sie sich wohl noch Ihre Haare von den Bewohnerinnen flechten lassen, was?“
Hey, keine schlechte Idee!

***

Mein Dozent reibt sich die Stirn: „Es ist Ihre Sache, Herr Ruscheweyh, wenn Sie das durchziehen wollen. Verstehen Sie mich nicht falsch, prinzipiell haben Sie meine volle Unterstützung, aber wenn Ihnen die Seniorenresidenz Stockheide als Ihre Praxisstelle lediglich ein Mangelhaft oder Ungenügend bescheinigt, dann sind mir seitens der Fachhochschule die Hände gebunden. Dann müssen Sie zwei Semester wiederholen.“
„Hmm, schon klar. Aber das nehm' ich in Kauf.“
Ilka, die alle nur Walter nennen, weil sie ein Praktikum in der JVA macht, stupst mich lila-Kuh-mäßig an: „Komm, Jochen, sei doch nicht blöd, irgendwann hast du irgendwo einen Festvertrag und dann kannst du immer noch dein Ding durchziehen.“
„Ach ja, echt?“
„Du musst auch mal ein bisschen auf deine Kollegin zugehen. Jeder Mensch hat etwas Liebenswertes, man muss es nur suchen!“
„Gibt's bei euch eigentlich auch eine Forensik, Ilka?“ frage ich.
Sie scheint irritiert. Dann wiegelt sie ab: „Ähh, ich meine ... für Geisteskranke, Vergewaltiger und Kinderschänder gilt das natürlich nicht mit dem liebenswert, die sollte man eigentlich alle ...“
Hört, hört!

***

Hilde Kötter-Karrenberg hat auf der Sitzfläche eines Rollators Platz genommen und beobachtet mich aus kurzer Distanz. Sie nennt es anders: unterstützen und eingreifen, wenn das Wohl der Bewohner gefährdet ist.
Ich werfe das einundzwanzigste Sprichwort von der Liste, die HKK mir aufgezwungen hat, in die Runde:
„Man soll keine Eulen nach ...“
„ ... Athen tragen!“, bürgermeister-von-weselt ein Teil der Runde.
Ich fixiere meine Anleiterin. Dann souffliere ich:
„Auch ein Hippie ...“
„ ... muss mal Pippi!“, schallt es zurück.
„An dieser Stelle brechen wir ab, gleich gibt es Mittagessen“, schneidet HKK mir das Wort ab.
Ich bin kaum in der Wohnbereich-Küche, als sie sich an mir vorbeidrängen will, wir beide im Türrahmen stecken bleiben und sie mir entgegenzischt: „Noch so eine Sache und ich melde Sie bei der Heimleitung!“
Dann fängt sie an, wie wild mit den Armen zu rudern, um sich zu befreien, und kommt dabei irgendwie an die Knopfleiste meiner Jeans.
„Holla!“, sage ich, während sie die Augen aufreißt wie ihre Athener Eulen.
„Macht Ihnen Ihre Arbeit eigentlich Spaß, Frau Karrenberg?“, setze ich nach.
„Für Sie immer noch Frau Kötter-Karrenberg!“

***

Es ist Freitag; der Tag, an dem Hilde grundsätzlich ihre Mehrarbeit auslöst. Tja, unverhofft kommt oft!
Ich lasse einen Pappkarton rumgehen und Am Tag als Conny Kramer starb im Hintergrund laufen. Paul Schmidtkus nimmt sich ein VW-Zeichen aus dem Karton und begutachtet es von allen Seiten. „VW-Samba, 44 PS.“
Dann grinst er mich an: „Große Rückbank“, und legt den Arm um die Schulter seiner Nachbarin Gisela, die eine Nickel-Sonnenbrille gefunden hat und sich diese probeweise auf ihren Nasenrücken schiebt. Astrid und Melanie, der Spätdienst, der durch HKK delegiert ein Auge auf mich haben soll, setzt sich zu uns und probiert Perücken aus.
„Das tut den Bewohnern gut. Kannst du öfter kommen?“

***

Neue Woche, neues Glück.
„Darf ich erfahren, was Sie heute mit der Gruppe vorhaben?“
„Nichts Besonderes. Ein bisschen olfaktorische und visuelle Reize setzen ...“
„Was bitte?“
„Basale Stimulation, im weitesten Sinne, Aroma- und Lichttherapie.“
„Gut“, atmet Hilde auf, „das harmoniert mit meinem Angebotsplan.“

Die Räucherstäbchen haben den Gruppenraum kräftig eingenebelt. Ein schwerer Duft nach Cannabis hängt in der Luft. Der Diaprojektor ist warm und lässt die Öldias zerlaufen. An der Wand gegenüber fließen Farben und Formen ineinander. Brigitte Meier, eine schweigsame Frau, die weder aufgrund ihres Krankheitsbildes noch ihres Alters hierher gehört, faltet ihre Hände, führt sie an den Mund und tut so, als ob sie inhalieren würde, dann lächelt sie still vor sich hin.
HKK stürzt in den Gruppenraum. „Ist das ihre Vorstellung von Sozialtherapie? Aus dem Gruppenraum einen holländischen Haschladen machen? “
„Hmm, das sehe ich etwas konträr, Frau Kötter!“
„Sie sollen mich mit meinem vollen Namen ... Und was macht Herr Paschke da? Jetzt sehen Sie, was Sie angerichtet haben. Er hat das Löschpapier in Schnipsel gerissen und kaut es! Das wird Konsequenzen für sie haben!“

***

Heimleiter Dr.Habsburger wirkt nervös. Die beiden Frauen neben ihm tragen Kladden und Aktenordner. Kein Zweifel: die Heimaufsicht!
Ich hocke neben Hartmuts Rollstuhl. Meine Hände haben blaue Flecken, sein Hemd ist tiefrot gefärbt. Ich sehe sie kommen.
„Hartmut, ich glaub’ das war’s“, raune ich ihm zu.
„Und welche Aufgabe hat dieser junge Mann hier bei Ihnen?“
Habsburger nestelt an seiner Krawatte. „Ähem, das ist unser Praktikant. Sozialarbeit.“
„Mahlzeit zusammen!“, sage ich.
Die Damen starren auf meine Hände ... und auf Hartmuts Hemd.
„Und ... an was für einem Projekt arbeiten Sie gerade, Herr ... haben Sie uns eigentlich gesagt, wie der junge Mann heißt, Herr Dr.Habsburger?“
Habsburger hastet an ihnen vorbei und stellt sich vor Hartmut und mich.
„Herr Ruscheweyh und Hartmut sind zur Zeit sehr beschäftigt!“
Dann beugt er sich zu uns runter und flüstert: „Um Himmels willen, Ruscheweyh, was auch immer Sie da grade tun, machen Sie weiter damit und geben Sie’s als Projekt aus.“
Ich warte einen Moment. Dann sage ich:
„Wir sind an einer wohnbereichsübergreifenden 70er Jahre Sache dran.“
„Ah, eine sehr interessante Idee. Dürfen wir uns das einmal näher anschauen?“
Habsburgers Adern treten aus seinem Hals heraus. Er scheint zu ahnen, dass er die Notbremse ziehen sollte. Müsste. Muss.
„Wissen Sie, meine Damen, ich denke, dass Herr Ruscheweyh dieses Projekt leider nicht mehr beenden kann, da er mir heute morgen mitgeteilt hat, sein Praktikum in unserer Einrichtung beenden zu wollen; und ich selbst bin auch der Meinung, dass es unter den gegebenen Umständen ...“
„Aber ein eigenes Bild dürfen wir uns schon machen, oder?“, fragt die zweite Heimaufsichtsfrau.
Habsburger winkt entnervt ab. „Bitte. Wenn Sie möchten. Bitte.“
Die beiden schieben sich an Hartmut und mir vorbei und starren auf das Einrichtungsschild.
Eine halbe Minute später bricht die jüngere der beiden ihr Schweigen.
„Und Sie wollen Ihr Praktikum hier tatsächlich auf eigenen Wunsch beenden, Herr Rüschwei?
Ich kratze mich am Kinn. „Nun, wenn Sie mich so fragen ...“
Habsburgers Augen weiten sich.
„Ich denke, Sie sollten Herrn Ruschelwei eine Chance geben, Herr Doktor“, stellt die andere fest.
„Also, ich bitte Sie, meine Damen, unser Haus ist Ihrer Behörde unterstellt, aber Sie können sich doch nicht in unsere Personalpolitik ...“
„Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Herr Dr.Habsburger! Wir haben Sie bei unseren letzten zwei Kontrollen bereits angezählt. Wenn wir Ihnen heute für die psychosoziale Betreuung ein „Befriedigend“ bescheinigen, dann nur, weil wir von den Talenten und Ansätzen Ihres Praktikanten hier überzeugt sind. Wir könnten Ihnen den Laden auch dicht machen! Haben wir uns da verstanden, Herr Doktor?“
Ich sehe des Doktors Zähne mahlen. Dann nickt er.
„Fein! Also, wenn Sie mir heute garantieren, dass Herr Rüschelwei bei unserem nächsten Besuch noch hier arbeitet, dann hätte ich nichts mehr. Du, Beate?“
„Nein.“
„Begleiten Sie uns noch hinaus, Herr ...?“
„Ruscheweyh“, ergänzt Habsburger.
„Richtig. Herr Rüscheweyh.“
„Klar, kommen Sie“, sage ich.
Sie gehen los, drehen sich aber beide noch einmal um.
„Wie um alles in der Welt sind Sie darauf gekommen?“, fragt mich die Ältere.
„Es war Hartmuts Idee, und ich denke, Selbstbestimmung ist doch ein wichtiges Thema für unsere Bewohner.“
„Da haben Sie allerdings Recht. Stellen Sie sich doch beide noch einmal vor das Schild!“
Die Jüngere macht ein Foto mit ihrem Handy. Von Hartmut und mir. Und dem Eingangsschild, auf dem zwischen Blumen, Sternen und dem Peace-Zeichen in fetten Lettern der Schriftzug Seniorenresistenz Woodstock prangt.

***

Astrid, Melanie und ich knuddeln uns.
„Hey, Jochen, das ist super, dass du bei uns bleibst. Irgendwie macht die Arbeit wieder mehr Spaß so“, meint Astrid.
„Danke, dass ihr mich so easy in euer Team aufgenommen habt“, antworte ich und meine es echt ernst.
Melanie gibt mir einen dicken Knutscher auf die Wange.
„Ach was, ein bisschen interdisziplinäre Solidarität, der Rest ist dein Verdienst.“
HKK steht in der Tür und macht Stielaugen.
„Also, wissen Sie ...“, fängt sie an, „ich war auch nicht immer so wie jetzt ...“
Und auf einmal hat auch sie fast ein bisschen was Liebenswertes.
„Aber es war richtig, dass ich so geworden bin!“, fügt sie hinzu.
Ich sagte ja: fast!

Letzte Aktualisierung: 27.07.2011 - 12.29 Uhr
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