Bitte lächeln!
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Flower Power | Juli 2011
Let the sunshine in!
von Thea Derado

Janes Lächeln streifte das Gesicht ihres ‚kleinen‘ Bruders und erstarb, als es keine Erwiderung fand.
Abschätzig betrachtete Jim ihren ‚Wieh-Dabbeljuh‘, mit dem sie ihn gerade vom Flughafen San Francisco abgeholt hatte.
Die Graffiti mit bunten Vögeln, Käfern und Blüten in grünem Blattwerk, von ihr selbst aufgesprüht, heiterten Janes Gemüt stets auf.
Jim hingegen sah darin nur den bedrohlichen Dschungel Vietnams, dem er entkommen war. Mit Gift aus orange markierten Tonnen mussten sie ihn aus der Luft besprühen, um versteckte Vietkong auszuspähen und zu töten. Wenn der Wind drehte, litten sie selbst an Chlorakne. Überdrüssig schüttelte er diese Erinnerungen ab. Alles vorbei! Kein peinigendes Ungeziefer, kein wucherndes Dickicht, keine lauernden Feinde. Er war wieder daheim in Menlo Park.
Durch den Vorgarten kam die Mutter geeilt.
„Mein Junge ist zurück!“ jubelnd, reckte sie sich, von Lockenwicklern gekrönt, auf die Zehenspitzen, um ihre Arme um Jims Hals zu werfen. Unter ihrem Kuss-Gewitter kamen sie zur Haustür.
Dad empfing ihn dort mit zwei wohlgefüllten Whiskeygläsern und stellte anerkennend fest: „Ein richtiger Mann bist du geworden.“ Voll Vaterstolz hieb er ihm kumpelhaft zwischen die Schulterblätter.
Jim hatte bei dem Schlag Mühe, den Bourbon nicht in die Gegend zu spucken. Auch seinen Lieblingsausdruck der letzten Monate, o fuck!, konnte er gerade noch zurückhalten.
How many roads must a man walk down, before you call him a man?”, trällerte Jane ihren Vater von der Seite her an. Sie hatte von anderen Kriegsheimkehrern gehört, wie die Wege waren: schmutzig, blutig, brutal und menschenunwürdig. Vergeblich hoffte sie, Vaters eingefrorene autoritäre Werteskala einmal ins Wanken bringen zu können.
Unbeirrt lobte Vater die Ziele des Vietnamkrieges. „Und mein Sohn, mein Fleisch und Blut, hat zum Gelingen beigetragen!“
Jim zuckte zusammen. Gelingen? Er hatte nicht nur viele Freunde und Kameraden in diesem Scheiß-Krieg krepieren sehen, sondern noch mehr Vietnamesen. Abgerissene Gliedmaßen, zerrissene Gedärme. Sein zweites Glas Bourbon kippte er ohne Eis hinunter.
Viel Alkohol gehört nun mal zum Mannbarkeits-Ritual.
Unbeirrt bohrte Vater: „Wie viele von den Kommunistenschweinen hast du denn abgeknallt? Auch in Asien werden schließlich die Interessen der USA verteidigt.“
Jim erinnerte sich des etwa zehnjährigen Jungen, der auf ihn zuradelte. In Panik geraten, feuerte er sein ganzes Magazin auf das Kind ab. Für die Ehre des Vaterlandes!? Wenn doch die Bilder ihn endlich loslassen würden!
„Auf die Interessen der USA! Hipp-hipp-hurra!“ Sarkastisch wiederholte Jane Vaters Parole. Wie eine Rakete hoben der Hausherr und seine Stimme ab. „Halte gefälligst die Klappe! Du mit deinem unamerikanischen Verhalten, das sich schon in deinem schlampigen Hippie-Outfit zeigt. Dein Hirn ist ja von kommunistischem Gedankengut zersetzt.“
Jims entsetzt fragenden Blick beschwichtigte Jane. „Für Vater ist nun mal jeder, der ne andere Meinung hat als er, ein Vaterlandsverräter und Kommunist. Beruhige dich, bin ich bestimmt nicht! Aber wir jungen Leute können den Vietnamkrieg nicht gutheißen, die Art, wie er geführt wird. Hunderttausende verlieren dabei ihr Leben. Die Alten zetteln immer neue Kriege an, und die Jungen sollen stets dafür ihre Köpfe hinhalten. Wir finden, Gedanken und Ideen, für wie falsch man sie auch hält, lassen sich nicht mit Waffen bezwingen. Mit einer Antigewalt-Bewegung, make love not war, versucht die junge Generation, jedenfalls ein Teil davon, ihre Stimme dagegen zu erheben.“
Mutter, bestrebt, jeden politischen Diskurs abzuwürgen, verkündete, dass am Abend der freundliche Reverend ihrer Gemeinde einen Gottesdienst für die Heimgekehrten halten werde. „Auch der Toten und Vermissten wird gedacht. Drum habe ich ja noch die Lockenwickler im Haar, damit ich bei der Andacht gepflegt aussehe.“
Jim würgte und wankte zum Klo.
Jane trollte sich mit einem Korb zur Blütenernte in den Garten.
If you go down to San Francisco, be sure to wear flowers in your hair!
Vorm Spiegel befestigte sie eine Magnolienblüte in ihrem üppigen Schopf. Die Überlegung, wann sie ihrem Bruder mal eine Blüte auf seiner beim Militär kahl geschorenen Murmel anstecken könnte, brachte sie zum Lachen. Aus dem neuen Musical Hair stimmte sie an: „Zum Teufel, wir wollen nicht so weitermachen. Ich will mein Haar nicht vom Stahlhelm frisieren lassen.
Jim, frischgemacht und in Boxershorts, ließ sich von ihr leicht überreden, für den Nachmittag mit nach Carmel zu einem Rock-Festival zu fahren.


Carmel in der Monterey Bay ist einer der schönsten kleinen Orte am kalifornischen Pazifik: Häuser aus behauenem Naturstein verleihen der Hauptstraße etwas Gewachsenes, Solides, im Gegensatz zu den sonst üblichen Holzhäusern mit dem Anstrich der raschen Vergänglichkeit. Aus vielen Ecken und Restaurants wummerten die Bässe der Bands. Die Idole Joan Baez, Bob Dylan, Scott McKenzie waren umdrängt von ihren Fans, die eifrig mitsangen und summten. Eine eingeschworene Gemeinschaft.
Jim zog seine Baseballmütze bis an die Ohren, damit man nicht schon an den fehlenden Haaren den Eindringling, den Fremdkörper in ihm erkannte.
My hair like Jesus wore it, Hallelujah, I adore it. Hallelujah; Mary loved her son. Why! Don’t my mother love me?
Der kühle Pazifik erfrischt hier die Luft auch an heißen Sommertagen. Es atmet sich leichter als in den Ortschaften hinter dem Küstengebirge.
Am Strand winkten ihnen vom letzten der fest installierten Grillplätze bunte Tücher und Gitarrenklänge Hare Krishna.
Als Janes Bruder konnte er sich nicht dagegen wehren, von ihren Freunden umarmt und gebusselt zu werden. Wie peinlich! Einer, mit welligem Haar bis unter die Schultern, reichte ihm als Friedenpfeife seinen Joint. Gierig zog Jim den Rauch ein.
Jane stellte ihm Howard, ihren Freund vor. Er war etwas älter und arbeitete als Journalist. Geschickt lockte er alles, was ihn interessierte, aus dem bis vor wenigen Tagen noch ins Kriegsgeschehen Verwickelten heraus. Er ließ sich bestätigen, dass keine Gefangenen gemacht wurden. Jeder, der verdächtig erschien, war ein Kandidat des Todes. So war der Befehl. Jedoch erleichterte die Wut über den Verlust der eigenen Kameraden das Morden an den vermeintlichen Feinden.
„Und das alles wegen einer groß angelegten Falschmeldung! Mit einem inszenierten Angriff auf zwei US-Zerstörer im Golf von Tonkin hatte sich Präsident Johnson die Zustimmung des Kongresses zur Invasion erschlichen. Daraufhin landeten im März 1965 die ersten US-Truppen in Vietnam.“
Jim wollte es nicht wahr haben, dass er für eine Lüge sein Leben in der Hölle am 17. Breitengrad riskiert hat. So sehr er sich sträubte, Howards ruhige Worte bohrten sich tief in sein Bewusstsein. Er setzte seinen Flachmann an.
„Ja, mit dem Krieg ist es wie mit dem Alkohol: leicht, damit anzufangen. Aber wie aufhören? Ich rate dir, heute lieber nur noch Tee zu trinken. Kiffen verträgt sich nicht mit Alk.“
Jim wollte nichts mehr hören. Er ließ sich auf eine Matte fallen und vergrub sein Gesicht vor sich und vor den Anderen.
Peggys Fürsorgeinstinkt regte sich beim Anblick des unglücklichen jungen Mannes. Sie nahm ihn in die Arme, streichelte ihn zärtlich und hauchte ihm immer wieder den Rauch ihres Joints in den Mund. Jims Geist war weit weg, sein Körper ließ alles bereitwillig mit sich geschehen. Als Peggy an ihm erfreuliche Reaktionen spürte, schnappte sie ihn und eine Decke und verzog sich einige Meter abseits, begleitet von Lucy in the sky with diamonds.
Vor seiner Militärzeit hatte Jim kaum etwas mit Mädchen gehabt. Bisschen Geschmuse in einem Drive-in-Kino. Das, was sie Car-Petting nannten, endete stets vorzeitig an den unüberwindlich engen Gummihöschen, die ihre Aufgabe als Liebestöter getreulich erfüllten. In Vietnam war der Drill auch in Geschlechtsdingen hart. Wollte Jim nicht ausgelacht werden, so durfte er nicht zimperlich sein, wenn sie ein Dorf überfallen hatten und sich dann beim Vergewaltigen der verängstigten Frauen und Mädchen gegenseitig anfeuerten.
Zugedröhnt, wie er war, hörte er wieder die zotigen Ermunterungen seiner Kriegskameraden. Und er richtete sich danach, brutal und rücksichtslos. Bis die Schürfwunden auf seinem Rücken ihn in die Realität zurückholten.
Die Gruppe um Jane fuhr auf, als sie Peggy wild ‚No‘ kreischen hörten. Wütend und heulend kam sie angelaufen.
„Ich bin ja durchaus zu mancherlei bereit. Aber dein Bruder, Jane, das ist ein Irrer! Wie der sich auf mich gestürzt hat! Und dabei ganz glasige Augen! Der gehört in ne Klapsmühle! Alle Kraft habe ich gebraucht, um ihm die angezogenen Beine gegen die Brust zu stemmen und ihn dann heftig wegzutreten. Der ist ganz schön mit dem Rücken über den Kiesstrand geschlittert. Geschieht ihm nur recht!“
Alle waren damit beschäftigt, Peggy zu trösten. Nur Jane blickte den Strand entlang, sah da aber niemanden liegen.
Howard war rasch an ihrer Seite, als sie beschloss, nach Jim zu suchen. In Höhe von Peggys ‚Liebeslager‘ trieb etwas im seichten Wasser.
Verwirrt und beschämt war Jim zum Ufer gekrochen und hatte sich von der nächsten Welle mittragen lassen. Der Schmerz, ausgelöst vom Salzwasser in den frischen Wunden, hatte ihm das Bewusstsein geraubt.
Als sie ihn aus dem Wasser holten, war er leicht unterkühlt. Sein Atem ging leise – aber er ging. Howard lud ihn sich auf die Schulter, so dass verschlucktes Wasser leicht ablaufen konnte.
Während sie ihn in Decken wickelten, intonierten einige “This is the dawning of the age of Aquarius, the age of Aquarius - Aquarius!

Von der nächsten Telefonzelle aus verständigte Jane ihre Mutter, dass der Abend in Menlo Park ohne Jim laufen müsse.
„Was soll ich denn dem Pfarrer sagen? Er will doch über die Rückkehr des verlorenen Sohnes predigen“, jammerte die Mutter fassungslos.
„Sag ihm, es wird noch sehr lange dauern, bis der verlorene Sohn wirklich heimfindet.“



(3. und somit letzte Version)

Letzte Aktualisierung: 17.07.2011 - 06.47 Uhr
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