Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Reiner Pörschke IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Flower Power | Juli 2011
Heinz oder San Francisco im Schwarzwald
von Reiner Pörschke

1.

Hin und her gerissen zwischen Beklemmung und Vorfreude steuerte ich an einem Sonntag im März 1969 meinen alten R4 zum ersten Mal über die A5 nach Freiburg, wo ich meine berufliche Ausbildung fortsetzen wollte. Hinter Karlsruhe passierte ich Ausfahrten, deren Namen mir bisher absolut unbekannt waren, wie Herbolzheim, Riegel oder Teningen. Aber die Landschaft zur Linken der Autobahn war immer lieblicher geworden, grüne Höhenzüge wechselten sich ab mit ersten Weinberghängen und freundlich aussehenden Dörfern.

Abends machte ich mit meinem Freund Peter, der bereits in Freiburg wohnte, einen ersten Kneipenbummel. Wir strandeten in der Gerberau, einem Teil der historischen Altstadt von Freiburg. Mit Verwunderung sah ich im Dunklen die vielen „Bächle“, die neben den Rinnsteinen der Gassen daherplätscherten. Es wurde ein schöner Abend, vor allem, weil wir in einer der Kneipen auf Heinz trafen, den Hauptdarsteller dieser Geschichte, mit dem wir in den folgenden Monaten oft zusammen sein sollten.


2.

Heinz kam aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war kleiner Angestellter in einem Steinkohlekraftwerk, seine Mutter verdiente als Fleischereiverkäuferin gelegentlich etwas dazu. Ihr ganzer Stolz war ihr Sohn Heinz, der das Gymnasium besucht und gerade sein Abitur geschafft hatte. Dass seine Noten mittelmäßig waren, spielte keine wesentliche Rolle. Seine Eltern hatten beide nur den Volksschulabschluss, mit dem Abitur hatte Heinz für sie bereits Großes geleistet. Aber natürlich sollte der Sohn auch noch auf die Universität.

Aufgrund der bescheidenen Verhältnisse im Elternhaushalt konnte Heinz nicht mit großer finanzieller Unterstützung rechnen. Dennoch entschied er sich dafür, fern seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, in Freiburg Jura zu studieren. Er schaffte es dort nach wenigen Monaten, eines der begehrten Zimmer im großen Studentenwohnheim an der Sundgauallee zu ergattern, sodass die günstige Miete sein schmales Monatsbudget schonte. Das Geld konnte er so für Dinge ausgeben, die aus seiner Sicht wichtig waren.

Heinz war ein gutmütiger junger Mann, etwas untersetzt, sogar mit ersten Anzeichen eines Bäuchleins. Dies erklärte sich dadurch, dass er – neben gutem und reichlichem Essen – bei allen sich bietenden Gelegenheiten alkoholischen Genüssen sehr zugetan war. Er war ein richtiger Gute–Laune–Bär, hatte ein immer freundliches, aufgeschlossenes Wesen gegenüber jedermann, ohne aufdringlich zu sein. So hatte er auch bald viele Freunde. Dass diese zum Teil aus anderen sozialen Schichten stammten oder skurrile Typen waren, störte ihn überhaupt nicht. Da war zum Beispiel der schöne Deff, der mit seinen flotten Sprüchen und charmanten Verführungskünsten bei Ina und... und... und... eine Art Anführer war. Da waren Ralph und Wolfgang, die, statt Vorlesungen zu besuchen, lieber wochenlang alte Autos auf einem abgelegenen Parkplatz des Wohnheims aufmöbelten, um damit anschließend im schönen Schwarzwald herumzugondeln. Hamzar war – nach eigenen Angaben - der Sohn des Polizeipräsidenten von Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, konnte jedenfalls fantastisch asiatisch kochen, was er in der Stockwerksküche oft demonstrierte. Jeff aus Lousiana war ein Meister der akustischen Gitarre, auf der er gern etwas vorspielte. Christa fiel dadurch auf, dass sie sich jeden Tag bei der Hausverwaltung ein frisches Handtuch besorgte, mit der sie ihren edlen Körper abtrocknete.

Die vielen sonnigen Tage, die es im Breisgau im Sommer von 69’ gab, liefen bei Heinz im wesentlichen immer gleich ab. Erst brachte er vormittags notgedrungen und unlustig einige wenige Stunden in der Uni zu. Diese lag aber zu seiner Freude im Freiburger Zentrum. Denn es waren dann für ihn nur wenige Schritte zum Marktplatz rund um das alte Münster. Dort herrschte an jedem Werktag reger Marktbetrieb, bereichert durch zahlreiche Wurststände. Er konnte dort zwischen der „Roten“ und der „Weißen“ wählen, im Brötle mit oder ohne gedünstete Zwiebeln, das alles für kleines Geld.

Später schlenderte Heinz in der Regel zur Dreisam, einem munteren Flüsschen im Stadtgebiet, dessen Uferböschung auch für seine Clique die nächste Anlaufstelle war. Zwischen den Steinen im Bachbett konnte man in dem klaren, kalten Wasser prima Weinflaschen kühlen, sodass trotz steigender Celsiusgrade stets Nachschub in idealer Trinktemperatur gesichert war.

Nach einigen hitzigen Diskussionen über die Ereignisse des Abends zuvor (sofern und soweit für die Beteiligten noch nachvollziehbar), dem Austausch der Tagesneuigkeiten und seinen ersten beiden Viertele Gutedel am sonnigen Flussufer wurde Heinz schläfrig und so fuhr er per Straßenbahn wieder zur Sundgauallee zurück. Hinter dem Wohnheim befand sich ein großer Baggersee, der nicht mehr gewerblich betrieben wurde und somit viel Ruhe ausstrahlte. Die angrenzenden Wiesenflächen waren für ein Schläfchen wie geschaffen. Das kühle Nass des Sees, in das er später eintauchte, war erst recht dazu geeignet, seine Lebensgeister wieder zu wecken.

Denn abends wollte er wieder frisch sein. Dann ging es in die kleine Disco, die auf dem Gelände des Wohnheims in Eigenregie von den Studenten betrieben wurde. Die beliefernde Bierbrauerei Ganter ließ bei einer Abrechnung einmal fallen, dass diese Kneipe in ganz Freiburg pro Quadratmeter Fläche den besten Umsatz hatte.

Auch hier kamen ihm die kleinen Preise sehr entgegen, zumal unter den Barkeepern viele seiner Freunde waren, die es oft mit der Bezahlung nicht so genau nahmen. Spätestens an diesen Abenden kam bei Heinz dieses intensive Flower-Power-Gefühl auf, wovon Funk und Fernsehen gerade soviel berichteten. So ähnlich wie er mussten sich doch auch die Blumenkinder in San Francisco fühlen. Seine Freunde nahmen im Verlaufe des Abends denn auch immer mehr deren Gestalt an, wobei die Musik und die hereinbrechende Dunkelheit kräftig halfen, die sich wie ein warmer Mantel auf die kleine Kneipe herabsenkten. Die Gesichter der Mädchen begannen zu leuchten, und ihre Augen strahlten im Dunkel, wenn in der Luft die weichen harmonischen Klänge der zwölfsaitigen Gitarren von Scott McKenzie und den Byrds vibrierten. Die Gespräche wurden vage, alles war wie in Watte angenehm eingehüllt. Und so war es nur folgerichtig, dass Heinz den zweiten Teil der Nacht manchmal in einem Bett verbrachte, das er vorher noch gar nicht gekannt hatte.

Hatte er es in Freiburg nicht sogar besser als in Kalifornien? Denn die amerikanischen Blumenkinder hatten keinen dunklen Nadelwald, der in Freiburg stets rundum in der Ferne zu sehen war und der den wunderschönen grünen Rahmen seines Lebens abgab. Manchmal – an trüben Tagen - kam der Wald Heinz allerdings auch wie ein mahnender Zeigefinger vor.


3.

Ich habe Heinz in den folgenden Jahren aus den Augen verloren, dann aber gehört, dass er sein Studium hingeschmissen habe und nunmehr als Kneipier im Freiburger Vorort Littenweiler sein Geld zum Lebensunterhalt verdiene.

Dort habe ich ihn natürlich noch einmal aufgesucht. Wie er mir erzählte, konnte er sich mit dieser Kneipe so gerade über Wasser halten. Er fuhr dann etwas resignierend fort:

„ Die Leute, die bei mir jetzt ihre Viertele trinken, sind Freiburger Arbeiter. Statt intelligenter Worte über Politik, Gesellschaft, Juristerei oder tolle Frauen höre ich nur noch etwas über kleinliche Streitigkeiten mit den Nachbarn oder zänkische Ehefrauen.“

Politische Themen würden allenfalls auf Stammtischniveau diskutiert. Wegen des starken badischen Dialekts der einheimischen Arbeiter verstehe er manches auch gar nicht, obwohl er schon so lange in Freiburg lebe.

Beim letzten Viertele Gutedel brach es aber aus ihm heraus:

„Egal, ich habe, ohne in Kalifornien gewesen zu sein, meine Flower-Power-Zeit erlebt. Und die war schön, und die kann mir keiner mehr nehmen! “



RP
Juli 2011

Letzte Aktualisierung: 18.07.2011 - 20.59 Uhr
Dieser Text enthält 7785 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.