Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Flower Power | Juli 2011
Aus einem anderen Holz
von Elmar Aweiawa

Glubschäugiger Biggiblick hinter blau getönten Gläsern.
„Dafür bin ich doch gar nicht ausgebildet, Chef. Schicken Sie mich zur NPD oder zum Kuckuck, das ist mir egal, nur nicht zu diesen idiotischen Blumendeppen. Die sind doch völlig gaga und zudem harmlos!“

Der Graue ihr gegenüber, dickbäuchige Autorität in Uniform.
„ICH entscheide! ICH lege fest, wer als Undercover-Agent bei wem eingeschleust wird. Ist das klar, Biggi?“

Hellblauer Hundeblick.

„Du hast genau eine Woche Zeit, die Gruppe um Jochen Tatting zu beobachten, dann schleichst du dich ein. Wir haben den konkreten Verdacht, dass die einen Anschlag auf ein Bundeswehrdepot planen. Also mach deine Sache gut, sonst ...“

Biggis Abgang und zurück bleibt ein breites Grinsen.

***

„Willst’nen Zug? Ist einwandfreier Afghane.“
„Nee danke, Mann, bin noch high von heute Morgen.“
„Bist neu hier, stimmt’s?“
„Hier schon, sonst nich’. Hab die Schnauze voll von Schule und son Kram. Die Spießer gehen mir echt auf den Sack, Mann!“
„Vasteh! Wie heiß’te denn?“
Augenklimpern.
„Biggi, und du?“
„Ich bin der Franzi. Hast tolle Titten in der Bluse, Biggi. Gefallen mir.“
„Sind geil, gell?“
„Absolut. Aber jetzt quatschen wir schon so lang, dabei steht nebenan ein verwaistes Bett rum. Afghane beim Bumsen ist klasse!“
„Im Prinzip gerne, Franzi, aber mein Spezi steht nicht drauf.“
„Was ...? Dein Macker? Ist wohl `n scheiß Schauvi! Hab ich gefressen, die Typen. Schick ihn in die Wüste, Biggi!“
Ehrliche Entrüstung. „Da steht er nicht drauf - dass ich nicht lache.“

„Ok du, sorry, andermal vielleicht, jetzt geh ich erst mal was Futtern.“


***

Verdammt, verdammt! Ich hab’s doch gewusst. Scheiße! Ich hasse diesen Job! Aber ich muss! Nur den großen Huberhäuptling nicht enttäuschen. Dieser Sesselfurzer hat zwar keinen Schimmer, was hier draußen los ist, aber dass der ungemütlich wird ... kann ich zur Not drauf verzichten.

***

„Lasst sie los! Welcher Hirni hat sich denn einfallen lassen, eine Frau gegen ihren Willen hierher zu schleifen?“
Wut steht im Gesicht. So kennt man Jochen Tatting nicht. Bisher jedenfalls. Mit rotem Hals.

„Sie ist eine Spionin, die können wir nicht einfach laufen lassen.“
Aufbrausendes Temperament gibt Kontra.

„Na, dann erzähl mal, du Gehirnakrobat, wie du das festgestellt hast?“
„Mann, sie kennt keinen einzigen Song von Janis Joplin, und von Santana hat sie noch nie gehört. Für die ist Schappi ein Katzenfutter.“
„Und da kommt euch kein besserer Gedanke, als sie hierher zu schleifen? Sancta Simplicitas! Lasst sie gehen, wir werden uns um keinen Preis auf deren Niveau begeben. Die Freiheit ist unteilbar, alle oder keiner, kapiert?“
„Willst du sie denn nicht mal verhören?“

Beleidigter Blick begegnet Resignation.
„Ok, wie heißt du?“
„Biggi.“
„Und, warum bist du hier?“
„Um für Frieden und freie Liebe zu kämpfen.“
„Aha, und wer ist unser Hauptfeind?“
„Ähem, ... die Bundeswehr.“

Belustigung allenthalben.

„Lasst sie gehen, egal, was sie hier wollte. Wir haben nichts zu verbergen. Und kriegt das endlich gebacken: Wir sind nicht wie die!
Und du, Biggizicke, verschwinde! Du hast hier nichts zu suchen.“

Hass schlägt ihm entgegen.

***

Verdammte Scheißfriedensfuzzis! Was fällt denen ein? Die Antworten waren hundert Pro korrekt! Meine Fresse, war das demütigend! Noch nie enttarnt, und jetzt das! So was passiert mir einfach nicht!
Der Chef frisst mich mit Haut und Haaren. Nee, so nicht!


***

„Jungs, wir sind friedlich und haben keine Geheimnisse. Lacht sie doch einfach aus, die Spione oder die ihr dafür haltet. Ich bin nicht euer Boss, doch wenn ihr meine Meinung hören wollt: Jemanden gegen seinen Willen herzuschleppen ist eine Gewaltanwendung, und so was machen wir nicht.“
Lehrer und Schüler. Man hört ihm zu. Freiwillig.

Sein Lachen gewinnt die Überhand, perlt durch den Raum.
„Kämpfen, für freie Liebe, und die Bundeswehr ist unser Feind ... aus welchem Misthaufen hat sie das nur ausgegraben?“

***

„Ich habe deinen Rapport gelesen. Klare Sache. Gut gemacht.“
„Danke, Chef.“
Strahlendes Lächeln.

„Wir werden die Bande ausräuchern. Endlich haben wir eine Handhabe gegen sie. Und diesen Jochen Tatting werden wir uns ganz besonders vornehmen.“
„Er ist der Schlimmste, völlig fanatisch, ein erklärter Feind unserer Demokratie.“
„Du bist die Beste, Biggi. Phänomenal!“
„Man tut, was man kann, Chef.“
„Wir werden mit aller Härte zuschlagen. Wenn die Demokratie in Gefahr ist, kennen wir kein Pardon. Dieses antiautoritäre Gesindel ist ein Geschwür an unsrem Arsch, lästig, aber operabel.“
Eifriges Nicken.

***

Nacht. Nur eilends installierte Scheinwerfer beleuchten die Szenerie. Gespenstisch!
„Kommt mit erhobenen Händen heraus! Bei Widerstand wird scharf geschossen!“
Der Chef persönlich. Seine Megaphonstimme überschlägt sich. Sturmgewehre rechts und links.
Die Zeltstadt der Hippies ist umzingelt, niemand kann entkommen.
Erschreckt fliegt ein Käuzchen auf, sucht das Weite. Nichts regt sich sonst.

Skeptischer Huber. Ratlose Biggi.
„Sind die Vögel ausgeflogen? Das hätten wir doch ...“

Die ersten Steine fliegen. Glas splittert. Scheinwerfer werden zielgenau ausgeknipst. Dunkelheit. Unheimliche Stille. Nur fahles Mondlicht.
Erwartungstrunkener Stillstand der Zeit.

Niemand hat geschossen. Diszipliniert warten die Tarnkleider auf das Signal. Vom Huberboss.
Voreilige staucht er zusammen. Verschnürt sie zu einem handlichen Paket. Lieber den Finger abgeschnitten, als vorzeitig losgeballert.

„Was wollt ihr von uns?“ Eines der Zelte spricht.
„Das ist er, das ist Jochen!“
Aufgeregte Biggi mit denunzierendem Finger.

„Ihr seid verhaftet wegen terroristischer Aktionen. Kommt einzeln mit erhobenen Händen heraus.“
Die Megaphonstimme überschlägt sich. Hubergewaltig! Majestix auf dem Schild.

„Wer hat sich denn den Unfug ausgedacht? Wir werden der Aufforderung nicht Folge leisten. Wir erkennen eure Macht nicht an. Verschwindet von hier!“
Geweih an Geweih, sozusagen. Dampf aus den Nüstern, rollende Augen, Kampfeslust.

Huschende Schatten im Dämmerlicht. Hasenfüße! Blumenkinder auf der Flucht. Nicht alle haben Tattings Kaliber.
„In die Beine!“
Huberbestimmtheit adressiert den linken Scharfschützen.

„Es ist zu dunkel für einen sicheren Schuss ...“
„Ich wiederhole mich nur ungern ...“
Destillierte Unbedingtheit verkündet imperative Autorität!

Die letzte Chance ist vertan. Massenflucht. Chaos!
Militärische Huberstimme befiehlt:
„Vorrücken!“

„ Aber den Tatting will ich lebend!“
Die gleiche Parole zum zehnten Mal. Dass es auch der Dümmste kapiert.

Gewehrfeuer! Blitze! Schreie! Hilferufe!
Langsam rücken die Schützen in einer Linie vor.
Biggi mittendrin, Huber bleibt zurück. Einer muss den Überblick behalten. Ist Hubers Aufgabe, klar.

Einzelne Schüsse wie Peitschenschläge.

***

„Du? Haben wir dir diese Scheiße zu verdanken, Biggi?“

„Wie kann man nur so dumm sein? Du hattest mich in deiner Hand und hast mich gehen lassen. Das zahlt sich nicht aus. Jetzt liegst du hier, mit einer Kugel im Bein.“
Häme! Haifischgrinsen im Puppengesicht.

„Und du denkst, ich hätte anders entscheiden sollen? Dich vielleicht erschießen? Ich lebe gern in Freiheit, doch der Preis wäre mir zu hoch gewesen.“
„Mann, Tatting, bist du ein Weichei!“
Abfälligkeit, ja Ekel in der Stimme.

„Ist es denn mutig, sich hinter einer Waffe zu verstecken?“
„Mutig vielleicht nicht, aber praktisch. Willst du noch einmal was Schönes sehen, bevor du …?“
Die freie Hand nestelt an der Bluse.

„Spar dir deine Witze und pack die Dinger wieder ein.“
„Dann eben nicht. Selber Schuld!“

***

„Wie konnte das passieren?! Zehn Verletzte und ein Toter, und das muss ausgerechnet Tatting sein.“
Die Lautstärke kratzt an der Schmerzgrenze.

„Schreien Sie mich doch nicht so an, Chef! Er hat mich bedroht, sollte ich mich etwa abmurksen lassen?“
Unschuldsengelsmiene.

„Ich hatte doch extra ...“
„Weiß ich, Chef, weiß ich! Doch es ging nicht anders. Ihnen wäre es wohl lieber gewesen, wenn er mich ...?“
Verschämter Blick von unten.

„Quatsch mit Soße! Aber jetzt werden wir nie erfahren, was sie geplant hatten, und wo sie ihre Waffen versteckt haben. Die Mitläufer wissen nichts.“
Der Kamm schwillt langsam ab.

„Hauptsache, wir haben den Anschlag vereitelt, Chef, dafür werden Sie sicher befördert. Und ich könnte mal wieder eine Gehaltsaufbesserung vertragen.“
Schmeichelschleim breitet sich aus, kriecht die Wände hoch.

„Nun ja, ist sowieso nicht mehr zu ändern. Pass nächstes Mal aber besser auf. Ich kann nicht jedes Mal eure Fehler vertuschen und die Kohlen aus dem Feuer holen.“
Grandseigneur hat gesprochen.

„Danke, Chef, ich werd’s mir merken. Soll ich nach dem ausgestandenen Schreck noch ein bisschen hier bleiben, zur Entspannung?“
Schmachtblick über schwellenden Brüsten. Huberhäuptlingbezirzung!

„Hab leider keine Kondome hier.“
„Aber Chef, hab ich doch immer dabei. Ist doch Ehrensache.“
„Also gut, aber mehr als zehn Minuten hab ich nicht.“

***

Männer sind ja sowas von primitiv. Wenn man ihnen den Arsch hinhält, fressen sie einem aus der Hand. Konditioniert eben. Wie ein Pawlowscher Hund. Möse sehen, geifern, und nix wie drauf.
Nach dem Tatting kräht schon morgen kein Hahn mehr. Ein Schmarotzer weniger auf der Welt. Hat der vielleicht blöd geguckt, als ich abgedrückt hab. Aber kein Wunder, wenn man selber keinen Mumm in den Knochen hat ...



3. Fassung

Letzte Aktualisierung: 26.07.2011 - 13.55 Uhr
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