Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mysterium | August 2011
Der Sündenfall
von Lutz Schafstädt

Die Hofpause ist zu Ende. Lärmend strömen die Kinder der dritten Klasse ins Schulhaus zurück. Paul ist ganz vorn mit dabei, stürmt die Treppen hinauf, rechts um die Ecke, bis zum Ende des Flures, ist als erster durch die Tür, rennt zu seinem Platz am Fenster. Unten auf der Dorfstraße tuckert sein Vater mit dem neuen Traktor vorbei. Ein roter Belarus, Baujahr 1969, mit zwei rumpelnden Anhängern im Schlepp, bei seiner ersten Ausfahrt auf die Felder der LPG "Frieden". Durch den Zaun des Schulhofes hatte er Ausschau gehalten, um diesen stolzen Moment nicht zu verpassen. Spät, erst kurz vor dem Klingeln, hörte er ihn kommen. Jetzt freut sich Paul, es noch rechtzeitig ans Fenster geschafft zu haben. Er winkt mit beiden Armen, und als sein Gruß mit quäkender Hupe erwidert wird, klatscht er fröhlich in die Hände.

"Komm schnell, Franki", ruft er in den Raum, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Als sein Banknachbar nicht reagiert, schaut Paul sich um. Vor dem Lehrertisch herrscht Tumult. Zwischen vielen Köpfen kann er Franks schmales Gesicht erkennen. Er sieht wütend aus, sein Haar ist zerzaust. Er ruft der langen Doris etwas zu, das im Getümmel nicht zu verstehen ist. Doris zerrt ihn am Pullover, Frank greift nach ihrem Zopf. Sie stößt ihn gegen die Tafel, rennt in den Raum, greift sich Franks Federtasche, wirft sie im hohen Bogen nach vorn, wo sich schon Hände danach strecken und das Wurfgeschoss flink zu Doris zurückspielen. Frank ist zu langsam, Doris zu groß.

Das Geschehen verlagert sich an die Tür. Paul sieht, wie Wut und Verzweiflung in Frank überkochen. Hochrot ist sein Kopf, die Halsader schwillt hervor. Und Doris lacht. Frank holt tief Luft, um zum Gegenschlag auszuholen. Er kneift Augen und Lippen zusammen, sucht angesichts seiner Ohnmacht nach dem schlimmsten Wort, das er zu sagen im Stande ist, und dann schleudert er es heraus: "Du alte Fot..."

Kaum hat er zu brüllen angesetzt, ist es plötzlich still. Frau Tesch, die Lehrerin, steht hinter ihm. Frank scheint es zu spüren, doch das Unheil ist nicht mehr aufzuhalten. Das böse Wort ist unterwegs, er kann es nicht stoppen, auch der Zischlaut der zweiten Silbe flutscht heraus und poltert durch den Raum. Frank steht wie versteinert, das erregte Rot seines Kopfes hat sich schlagartig in fahles Grau verwandelt. Die Kinder huschen auf ihre Plätze. Paul schaut Frank mitleidig an. Das war wirklich nichts für die Ohren von Erwachsenen und erst recht nicht für die von Frau Tesch. Armer Frank, er muss sich schnell entschuldigen.

Doch der Schreck sitzt dafür zu tief. Frank will lieber zu seinem Platz entwischen, Frau Tesch aber hält ihn an der Schulter fest. Sie sei so enttäuscht, sagt sie, so ein übles Wort von ihm zu hören. Woher er es habe und ob er nicht wisse, wie verletzend und beleidigend es sei? Und ob seine Eltern wohl wüssten, mit welchen Kraftausdrücken er seine Mitschüler traktiert? Darüber würde noch zu reden sein. Ob man mit solchem Verhalten Jungpionier bleiben kann? Frank beginnt zu heulen. Als Häufchen Elend steht er vor der Klasse und trottet dann zu seinem Stuhl neben Paul.
"Geh nachher hin und entschuldige dich einfach bei Frau Tesch", flüstert der ihm zu und wird prompt dafür ermahnt.

Wie viel lieber hätte er mit Frank über etwas wirklich Spannendes getuschelt. Der Traktor muss nun warten, bis die Tränen getrocknet sind. Bis zur nächsten Pause haben beide bereits vergessen, dass Frank doch noch etwas in Ordnung bringen sollte. Nachdem die Lehrerin gegangen ist, kommt Doris und stupst Frank aufmunternd gegen die Schulter. Ach ja. Egal.

Zur letzten Stunde bringt Frau Tesch einen Dia-Projektor mit. "Kino!", freuen sich alle und emsig werden die Vorhänge zugezogen. Ein Bild erscheint an der Wand. Ein berühmtes altes Gemälde, erklärt die Lehrerin, von einem noch berühmteren Maler, Lucas Cranach der Ältere. Paul muss schmunzeln, über diesen komischen Namen. Zu sehen sind zwei nackte Menschen, ein Mann und eine Frau, die sich einen Apfel reichen. Sie stehen unter einem Baum, in dessen Wipfel eine Schlange hängt, neben ihnen sind ein Löwe und zwei Hirsche zu sehen.

Paul ist gespannt, was es mit dem Bild auf sich hat. Die dicke Birgit meldet sich, doch Frau Tesch will erst noch einmal über Frank reden und das, was er am Vormittag Unflätiges gerufen habe. "Unflätig", flüstert Paul belustigt seinem Banknachbarn ins Ohr und überhört deshalb fast, dass nun vom menschlichen Körper die Rede ist. Er sieht Franks eisigen Blick, dann endlich macht es Klick: Der schlimme Ausdruck hat mit einem Körperteil zu tun. Puh, stimmt ja. Da hat sich Frank aber wirklich heftig was eingebrockt.

Birgit kommt dran. Offensichtlich hat sie auch nicht richtig aufgepasst und fängt an, von Adam und Eva zu plappern. Aus der Christenlehre weiß sie, dass Gott den Apfel verboten hat und die Schlange der Teufel ist und die beiden nun aus dem Paradies vertrieben werden. Christenlehre, das ist auch so ein Wort, das Frau Tesch nicht leiden kann, weiß Paul, und schon unterbricht sie Birgit. Ja, das Bild erzähle von einer religiösen Legende, die zu einer Zeit entstanden ist, als die Menschen sich noch nicht erklären konnten, wie Blitz und Donner entstehen. Da erfanden sie sich Götter - doch darum gehe es heute nicht. Paul versteht: Birgit glaubt altmodisch, deshalb ist sie kein Pionier geworden. Aber darum geht es gerade nicht. Heute geht es um Frank.

Wie auf dem Bild zu sehen, sei das eine ganz natürliche Sache mit nackten Menschen. Sie haben Geschlechtsorgane, die sie zu Frauen und Männern machen. „Wir wollen heute darüber reden, wie diese Körperteile richtig heißen. Frank fragen wir nicht, der kennt ja nur schmutzige Wörter.“

Paul wundert sich, warum auf dem Bild ausgerechnet die Organe von spärlichem Blattwerk verdeckt sind, über die hier gesprochen werden soll. Ob Frau Tesch noch ein besseres Bild hat, auf dem man mehr sieht? Ob er sich melden und fragen soll?
"Wer möchte nun sagen, wie man es bei den Mädchen nennt?"
Allgemeines Kopf-zwischen-die-Schulter-ziehen, betretenes Schweigen.
"Na, Inge, wie heißt es wohl?"
"Muschi."
"Gut, Inge, das ist eine Bezeichnung, die man innerhalb der Familie benutzt. Richtig benannt ist es eine Scheide, ein Arzt würde zum Beispiel auch Vagina dazu sagen."
Vagina ist ja mal ein vornehmes Wort, denkt Paul. Das hat er noch nicht gehört. Er blättert sein Heft auf, sucht einen Stift.
"Nein", ruft Frau Tesch, "das sollt ihr euch nicht aufschreiben, das sollt ihr euch merken. Na los, Paul, sag du, wie heißt es bei den Jungs?"
Paul seufzt laut. Warum er? Frank hat ihnen den ganzen Mist doch eingebrockt, soll er es doch sagen, das wäre als Strafe nur gerecht.
In die peinliche Stille wispert Doris ihm etwas zu: "Puller."
Paul blickt sie entgeistert an. Meint sie wirklich, sie müsse ihm das vorsagen? Es hilft nichts, er ist dran. „Puller?“, Paul flüstert, hebt fragend die Stimme, er ist sich sicher, dass auch er danebenliegt.
In den Reihen wird gekichert, die Stimmung in der Klasse wird lockerer. Und richtig, er liegt falsch, hat ins Regal mit den kindlichen Begriffen gegriffen. Glied heißt das richtig, Mediziner wissen angeblich auch bei Penis, was damit gemeint ist. Eier ist ein Schmutzwort, das hätte Paul nicht gedacht. Die Dinger heißen Hoden, sind in einem Sack, von dem Paul seinen Kopf gewettet hätte, dass dies ein schlimmes Wort sei. Er liegt zur Hälfte falsch: Sack ist schlecht, Hodensack ist Fachsprache.

Einige Kinder lachen laut, Frau Tesch findet das unangebracht. Während über Brust und Busen geredet wird, zucken die Mundwinkel trotzdem nach oben und werden vielsagende Blicke getauscht. Jetzt könnte ich fragen, denkt Paul und hebt seine Hand. „Warum sind auf dem Bild Glied und Scheide mit Blättern übermalt?“ Das neue Vokabular fühlt sich gut an.

Schamgefühl, meint Frau Tesch, könne der Grund dafür sein. Nacktheit stelle man nicht zur Schau, wir haben schließlich auch alle Kleidung an. Birgit ruft dazwischen, dass Adam und Eva erst durch ihre Sünde angefangen haben, sich zu schämen. So habe der liebe Gott sie bestraft. „Schluss damit!“ Beim Thema Gott ist Frau Tesch resolut. Das mit der Sünde ist Hokuspokus, der in der Schule nichts zu suchen hat. Birgit trumpft auf: Der Herr Pastor habe das so gesagt und überhaupt sei das Bild für eine Kirche gemalt worden.

Frau Tesch sieht verärgert aus, Paul hakt nach: "Warum hat Eva kein Blatt vor ihren Brüsten?" Das Bild sei da, um über den Körper der Menschen zu reden, zur Anschauung. Birgit protestiert erneut, sagt irgendwas von Bibel. Die Lehrerin verdreht die Augen. Paul winkt ab. Er will nicht mehr wissen, warum die interessanten Stellen des Bildes, für die nun ordentliche Begriffe vergeben wurden, gar nicht zu sehen sind. Frau Tesch knipst den Projektor aus. „Vorhänge auf, Kinder, und Themenwechsel.“

Seltsam, diese Erwachsenen, denkt Paul. So viele Wörter für die gleiche Sache. Für zu Hause, für die Schule, für den Doktor. Ausgerechnet von den Wörtern, die man nicht sagen darf, gibt es so furchtbar viele. Versteckte Wörter für versteckte Körperteile, nur für den geheimen Gebrauch. Ob Frau Tesch sie alle kennt? Das verstehe wer will, warum eine Sache so viele Namen braucht. Er könnte ja mal die dicke Birgit fragen, ob Adam und Eva damit zu tun haben. Oder auch nicht.

Auf dem Heimweg ist der Schultag schnell abgeschüttelt. Paul und Frank reden über einen roten Traktor, der schon bald wieder ins Dorf tuckern wird. Sie werfen die Schulranzen ab, setzen sich auf die Friedhofsmauer und warten.
Nach einer Weile sagt Frank: „Belarus MTS 50. Auf so einen Namen muss man auch erst einmal kommen.“
„Mein Vater nennt ihn manchmal Russe. Mein Russe. Aber nur zu Hause, denn Russe sagt man nicht.“
„Solange Frau Tesch es nicht hört, geht das in Ordnung.“


Lutz Schafstädt (08/2011)
Version 2

Letzte Aktualisierung: 21.08.2011 - 21.08 Uhr
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