Bitte lächeln!
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Mysterium | August 2011
Wer weiß das schon!
von Ingeborg Restat

Mias sechzehnter Geburtstag. Wie aufregend! Gleich am Morgen, bevor sie zur Schule geht, gratulieren ihr die Eltern und – tatsächlich! – sie bekommt ein neues Fahrrad. Es ist genau das, was sie sich gewünscht hat. Tim, ihr Freund, wird Augen machen! Zwar kommt er erst zum Wochenende zu der Party, die dann mit Freunden stattfinden soll, aber die Mutter hat bereits Kuchen gebacken. Das bedeutet, am Nachmittag wird im engsten Kreis zusammen Kaffee getrunken. Ob die lange Bernsteinkette, die sie neulich in einem Schaufenster gesehen hat, bei den Geburtstagsgeschenken dabei ist? Wie sehr sie sich diese wünscht, hat sie häufig genug erwähnt. Neugierig darauf, beeilt sie sich von der Schule nach Hause zu kommen.
Der Kaffeetisch ist bereits gedeckt. Die meist mürrische Großmutter Gertrud, schwer am Stock gehend, und ihre pummelige Schwester Felizitas, nebenher trippelnd, kommen als Erste.
„Nein, Kind, du wirst ja immer größer“, ruft Felizitas und drückt Mia an ihren üppigen Busen.
Mia windet sich. Ihre Bluse rutscht aus ihren Jeans. Sie versucht sich aus der Umarmung zu befreien.
Die Großmutter stößt ihre Schwester mit dem Stock an. „Nun gib ihr schon das Kuvert!“
„Ja, ja, gleich!“, murrt Felizitas und lässt Mia los.
Die stopft ihre Bluse zurück in die Jeans, streicht sich ihr blondes Haar hinter die Ohren und schaut ein bisschen enttäuscht zu, wie Tante Felizitas in ihrer Tasche kramt. Eine Bernsteinkette wird sie da wohl nicht herausholen.
„Was ist, hast du unser Geschenk vergessen?“ Die Großmutter wird ungeduldig und setzt sich.
„Wie kommst du darauf? Hier ist es doch!“ Pikiert zieht Felizitas ein weißes Kuvert aus der Tasche.
„Ihr werdet doch jetzt nicht streiten“, mahnt die Mutter. Sie bringt die erste Kanne Kaffee herein.
„Natürlich nicht!“, versichert Felizitas mit einem kurzen bezeichnenden Blick zur Großmutter. Dann beginnt sie feierlich: „Also Mia, Gertrud und ich, wir haben uns gedacht …“
„Was soll das Gerede? Geld nimmt sie bestimmt lieber als irgendetwas Albernes zum Geburtstag“, unterbricht die Großmutter. „Nun gib es ihr das endlich, damit ich Kaffee trinken kann!“
Mia nimmt den Briefumschlag und schaut hinein. „Oh, danke, danke!“, ruft sie überrascht. Ihre Augen glänzen und sie umarmt sie ihre Oma und Tante Felizitas.
Danach steht ihre beste Freundin Anja in der Tür. Jetzt fehlt nur noch Tante Isabel, die Schwester der Mutter. Wo sie nur bleibt?

Erst als die ersten Kuchenstücke verteilt sind und der Kaffee bereits duftend in den Tassen dampft, hält ein Auto vor dem Haus. Eine Autotür schlägt zu. Der Kies auf dem Weg zum Haus knirscht unter flotten Schritten und zur Tür herein kommt Tante Isabel.
„Wie immer zu spät!“, rügt die Großmutter sofort ihre Tochter.
„Dir auch einen guten Tag!“, antwortet Isabel gleichmütig, küsst flüchtig ihre Mutter und schlägt sich den verrutschten schmückenden Schal über die Schulter.
„Hast du Halsschmerzen?“, fragt spitz die Großmutter.
„Also Oma!“, mahnt die Mutter.
Isabel reagiert nicht. Sie wendet sich dem Geburtstagskind zu und überreicht ein Päckchen. Neugierig wickelt es Mia aus. Ob darin die Kette ist? Aus dem raschelnden Papier holt sie eine längliche Schachtel hervor. Das könnte … Sie öffnet es. „Danke, danke! Das habe ich mir so gewünscht!“, ruft sie überglücklich und zieht eine lange Kette aus Bernsteinperlen hervor. Jubelnd fällt sie ihrer Tante um den Hals. Alle lachen und freuen sich mit.
Nur nicht Oma Gertrud. Wie erstarrt sitzt sie auf ihrem Stuhl. „Isabel! Wie konntest du!!!“, ruft sie entsetzt.
Verblüfft fragend schauen alle auf.
Nur Isabel reagiert ungerührt. „Ja, ja, Mama, ich weiß, dein Aberglaube!“, erwidert sie und setzt sich an den Tisch.
„Das ist kein Aberglaube!“, empört sich die Großmutter.
„Ich verstehe nicht! Was meinst du, Gertrud?“, will Felizitas irritiert wissen.
„Das fragst du noch? Du hast es doch selbst erfahren!“
„Ach so! Denkst du etwa, weil ich damals das Bernsteinarmband umhatte, als ich mir den Arm brach und jemand gemeint hat …?“
„Ja, genau!? Das solltest du nicht so leichtnehmen.“
Felizitas lacht. „Nur weil jemand gesagt hat, das Armband sei schuld daran gewesen, glaube ich doch nicht daran. Außerdem habe ich es damals bald danach verloren.“
„Das denkst du, hast du aber nicht! Ich habe es weggeworfen, ehe noch mehr geschehen konnte“, ereifert sich die Großmutter.
„Also, das ist doch …! Wie konntest du?“, empört sich Felizitas.
„ Wollt ihr Mia die Freude an ihrem Geschenk verderben?“, mischt sich die Mutter ein.
Die Freundin Anja schaut ratlos von einer zur andern und fragt: „Wieso soll …?“
„Bernstein ist nicht gut!“, schneidet ihr die Großmutter gleich das Wort ab und erklärt: „Der bringt unserer Familie nur Unglück! So ist das! Basta!“
„Und warum?“ Mia versteht es nicht.
„Weil in unserer Familie …“
„Mama, muss das jetzt sein?“ Isabel will die Großmutter am Weiterreden hindern.
Auch Felizitas warnt ihre Schwester: „Du wirst doch jetzt nicht mit den alten Geschichten anfangen?“
„Alte Geschichten? Tatsachen sind das. Oder ist die Urgroßmutter nicht die Treppe hinuntergefallen, als sie sich eine Bernsteinkette umgelegt hatte? Und davor noch: Ist deren Mutter nicht ins Wasser gestürzt und ihre Bernsteinkette hatte sich so verfangen, dass sie sich nicht mehr befreien konnte und ertrank? Und dann …“
„Oma!“, ruft die Mutter.
„Es reicht, Gertrud!“, mahnt Felizitas.
„Es ist gut, Mama! Wir wissen es. Hör auf damit!“, beschwört auch Isabel ihre Mutter.
„Zufälle sind das, nichts als Zufälle! Auch mit Ketten aus anderem Material wäre das alles geschehen. Nehmt dem Kind nicht die Freude“, versucht die Mutter zu beruhigen.
„Ihr werdet schon sehen!“ Die Großmutter kneift missgelaunt ihre Lippen zusammen.
Mia hält nachdenklich die Kette in ihrer Hand.
„Du lässt dich doch nicht etwa davon beeindrucken?“, sorgt sich Isabel.
„Wirklich, Kind, solche Geschichten gibt es bestimmt in jeder Familie. Nur wenn man daran glaubt, zieht man das Unglück an. Und du wirst doch nicht an so etwas glauben?“, redet auch die Mutter ihr zu.
„Nein, nein, natürlich nicht!“, versichert Mia und legt sich die Perlen zwei Mal fest um den Hals, während sie den Rest der Kette lose herunterhängen lässt.

Als die jungen Leute sich von der Kaffeetafel erheben und hinausgehen wollen, stolpert Mia. Fast wäre sie hingefallen.
„Da, da seht ihr es! Na, bitte!“, schreit sofort die Großmutter auf.
„Oma!“ Isabel und die Mutter rufen es empört wie aus einem Mund.
Während Felizitas ihre Schwester anstößt und mahnt: „Das geht zu weit, Gertrud!“
Mia verharrt einen Moment. Verunsichert steht sie in der Tür. Sie greift zur Kette und lockert sie am Hals. Dann geht sie mit Anja hinaus.

Einige Wochen später kommt Mias Freund Tim, um sie zur Geburtstagsparty von Anja abzuholen. Sie wollen mit den Fahrrädern dorthin radeln. Er schaut ihr noch zu, wie sie sich vor dem Spiegel dreht und kritisch betrachtet. „Nun komm schon, du bist schön genug“, drängt er.
„Irgendetwas fehlt“, meint sie und schaut sich suchend um.
„Dann nimm das hier!“ Tim greift nach der Bernsteinkette in der Schale vor dem Spiegel und hält sie ihr hin.
„Ich weiß nicht!“ Sie zögert. Bisher hat sie die Kette noch nie getragen, nicht einmal zu ihrer eigenen Geburtstagsparty.
„Warum? Was ist damit?“, wundert er sich.
„Meine Oma - sie hat da was erzählt und gesagt, Bernstein bringe Unglück.“
Timo lacht. „Und daran glaubst du?“
„Nein! Natürlich nicht!“, versichert Mia schnell und läuft rot an.
„Na, also! Dann mach’ sie um und komm endlich! Wir sind spät dran.“
Schnell legt sich Mia die Kette lose in zwei Reihen hängend um den Hals. Wenn Tim darüber lacht, so soll er nicht denken, dass sie abergläubig sei. Aber so ganz wohl ist ihr nicht zumute. Ach, was! Hastig folgt sie ihm.
Als sie die Treppe herunterkommen steht die Mutter an der Tür. „Oh, du hast heute die Bernsteinkette um“, ruft sie. War ihr Blick besorgt?
Verunsichert blickt Mia zurück, ehe sie in die Pedale tritt und Tim folgt.
Ein Stück müssen sie eine Landstraße entlangfahren. „Bleib hinter mir und gib auf die Autos Acht!“, mahnt Tim.
Kaum gesagt, kommt von vorn ein Cabrio herangerast, fährt zu schnell in die Kurve, schleudert, gerät auf die Gegenfahrbahn und direkt auf Mia zu. Sie will ausweichen und gerät in den Straßengraben. Ihre lange Kette verfängt sich im Fahrradlenker und sie stürzt auf einen Felsstein.
Vom Cabrio ist nichts mehr zu sehen. Der Fahrer hat den Wagen wieder in den Griff bekommen und wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, dass Mia gestürzt ist.
Sie liegt jammernd im Straßengraben, das neue Fahrrad ist verbeult und sie unfähig aufzustehen.
„Mein Bein, mein Bein!“, klagt sie.
Die Bernsteinkette ist zerrissen. Weit verstreut liegen die Perlen im Gras um sie herum.
Tim kommt erschrocken zurück. „Versuch aufzustehen!“ Er will ihr helfen.
„Ich kann nicht!“ Sie stößt ihn weg.
„Das Bein wird doch nicht gebrochen sein?“
„Bestimmt! Hätte ich mir nur nicht die Kette umgelegt“, weint sie.
„Willst du damit sagen, die ist schuld daran?“
„Ja, was sonst?!“
„Doch nicht die Kette! Glaubst du das wirklich? Dieser Aberglauben! Damit ziehst du das Unglück ja erst an.“
„Und das ist kein Aberglaube?“
„Ach, was weiß ich!“, murmelt Tim, nimmt sein Handy und ruft Hilfe herbei.
Nachdem Mia und Tim fort sind, liegen die Bernsteinperlen noch immer verstreut im Gras. Verführerisch schimmern sie im Sonnenschein, doch niemand hat sich danach gebückt.

Letzte Aktualisierung: 25.08.2011 - 20.34 Uhr
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