Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mysterium | August 2011
Von der Obsession des Geschichtenschreibens
von Helga Rougui

Der Kobold saß mir seit Tagen im Nacken, sanft kitzelnd wie eine Feder, dabei fordernd, unnachgiebig. Er nannte sich bald – nach einem flüchtigen Blick auf einen vorbeifahrenden Lieferwagen – Mario Mozzarella, bald – hinter einem vorbeifliegenden Bahnhof - Guigui Kölndeutz, er war mal grün, mal blau, was ihm gefiel, aber immer trug er eine rote Zipfelmütze. Sofort maulte er, daß man ihn nicht ernst nehmen werde in seiner Rolle, denn die ihm verpaßte Kopfbedeckung diskreditiere ihn, und alle Verweise auf die Jakobinermütze, die Farbe der Liebe, die revolutionäre Linke, Himbeergötterspeise, die Rote Blume der Romantik (ich war am Ende meiner Vorschläge, verstehen Sie?) fruchteten nichts. Nein, er sei altmodisch gekleidet, und das läge nur an mir und meinem mangelnden Sinn für Koboldkleidung.
Ich sagte, daß bei der ständig schaukelnden Bewegung des ICE hinter Köln mir die Gehirnsuppe hin und herschwappe wie eine Erbsbrühe in einem Bundeswehrkochtopf und ich daher nicht mehr wisse, ob ein Wichtel wie er quer- oder längsgestreift daherkomme. Das Kerlchen hatte von allem aber nur das Wort "Wicht" verstanden und bemerkte völlig zu Unrecht beleidigt, daß, wenn ich ihm sonst nichts weiter anzubieten habe als meine diffuse Befindlichkeit, er sich ein Weiterleben ohne mich sehr gut vorstellen könne und ich ihn in die Freiheit entlassen solle.
Das tat ich nur allzu gern, hatte er sich doch insgesamt bisher als Sackgasse erwiesen.
Der gehörte einfach nicht auf eine bundesdeutsche Zugfahrt nach Würzburg.
Denn die war absolut nicht geheimnisvoll.

Als ich nach meiner Landung auf dem Ronaldsway Airport das Flughafengebäude verließ, war er plötzlich wieder da. Er paßte perfekt zu dem feinen Nieselregen, der in sanftgrauen Schleiern vom englischen Himmel fiel, und ich war schlau genug, ihm die rote Mütze zu versagen, also bestand die Chance, daß er sich hineinarbeitete in das mildkühle Wetter, die grünen mit granitenen Steinen besetzten Landschaften und das die weißen Wolken des Himmels spiegelnde Meer – und nicht zuletzt in seine eigentliche Aufgabe – die Geheimnisse der Isle of Man, ihrer Bewohner und Dörfer, ihrer Sehenswürdigkeiten und ihrer Geschichte zu erkunden.
Im übrigen nannte er sich nun Kavid Delly, wohl weil er am Vorabend "Waking Ned Devine" im Mitternachtsprogramm der ARD gesehen hatte. Da hatte er, in der Ersten Reihe sitzend, Unmengen von Hähnchenschenkeln gemampft und literweise Guinness in sich hineingeschüttet, um sich materiell und ideell auf seine Mission einzuschießen, und dabei war der echte Name von Michael O'Sullivan vage und unvollkommen an ihm hängengeblieben.

Nun standen wir da, beide ohne Schirm, und warteten auf den Bus, Service 11, der uns zur Central Promenade nach Douglas bringen sollte.

Kavid: - Ich hab Hunger.
Ich: - Im Flugzeug wolltest du nichts.
Kavid: - Aus welchem Jahrhundert stammst du? Flieger sagt man heutzutage, nicht Flugzeug. Und im Flieger war ich gar nicht.
Ich: - Stimmt, das fällt mir jetzt erst auf. Und wie kommst du daher?
Kavid: - Bin geschwommen.

Das war natürlich gelogen. Kobolde fürchten das nasse Element wie der Teufel das Weihwasser. Wenn man sich beispielsweise mit einem feuchten Waschlappen ihrem sagen wir mal tomatensaftverschmierten Gesicht nähert, laufen sie lilafarben an und sehen aus wie eine Portion Ratatouille, und sie wedeln hektisch mit den Flügeln, natürlich nur, wenn sie welche haben. Die große Ausnahme sind die Klabautermänner, die in den Swimmingpools der Reichen wohnen und dort pausenlos das Getränk gleichen Namens zu sich nehmen, was ihre rüde Art und pöbelnde Aussprache hinreichend erklärt.

Der Bus kam, ich zeigte mein Tourist Ticket vor, eine Woche gültig auf allen Verkehrsmitteln der IOM, und suchte mir einen Platz. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, daß Mister Delly seine Flügel entfaltet hatte und mit dem Busfahrer in einem unverständlichen Kauderwelsch parlierte, ansich eine sehr dumme Aussage, galt sie doch nur für mich und nicht für die beiden, die sich offensichtlich prächtig verstanden. Das Ende vom Lied war, daß Mister Delly neben mir Platz nahm, ohne eine Fahrkarte gelöst zu haben.

Ich: - Wie hast du das denn hingekriegt? Und wieso konnte der dich sehen?
Kavid: - Alle die, die hier Manx sprechen, können mich sehen, und als Kobold hab ich überall freie Fahrt und freien Eintritt.
Ich: - Und worüber habt ihr so lange geredet?
Kavid: - Über dich.
Ich: - Wie, über mich?
Kavid: - Ja, darüber, wieso du als stinknormale Touristin zu einem Kobold wie mir kommst. Das ist sehr ungewöhnlich, weißt du?
Ich: - Nein. Und weder stinke ich noch bin ich normal. Gottseidank.

Heimlich dachte ich mir, daß meine Phantasie ja immer noch gefangen war im ICE1221 von Duisburg nach München und sich jetzt eigentlich kurz vor Aschaffenburg befand, daß ich zwar auf Fotos und auf Google Earth die Promenade und mein Hotel am Mona Drive bereits gesehen hatte, aber daß auch der Fluß meiner Ideen immer dünner wurde wie ein versickerndes Rinnsal eines erst mächtig dahinbrausenden Stromes, der mangels Zuführung neuer Wassermassen bzw. realer Erlebnisse allmählich seine Überzeugungskraft verliert.
Was als Fingerübung für die Fahrt zwischen Düsseldorf und Würzburg begonnen hatte, würde möglicherweise katastrophal in einer dieser bonbonfarbenen Geschichten enden, in denen sich bei intensiv fehlender relevanter Handlung alle möglichen Wesen durch langweilige Ausführungen und überflüssige Beteuerungen auf den Wecker gingen, um sich am Ende mangels irgendwelcher undurchsichtigen Motive selbst zu entleiben.
Ich beschloß, die weitere Zeichenproduktion so lange auf Eis zu legen, bis mein Körper meinen bereits im Bus Richtung Douglas eilenden Geist eingeholt hätte.

Kavid: - Was machst du? Wo willst du hin? Noch haben wir keine wesentlichen Geheimnisse gelöst.
Ich: - Das ist, weil deine Konturen zu sehr ausfransen. Ich komme wieder, wenn du feste Masse bist.

Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die Schafe rechts und links auf den saftiggrünen Weiden, durch die unser Bus auf der staubigen Landstraße dahinbrauste, und entmaterialisierte mich.

... ... ...

Cassia Kirfy zog ihren himmelblauen Rucksack hinter sich her, ihre nagelneue Errungenschaft von Amazon, sehr praktisch, wenn man keine Lust hatte, sich mit dem Schleppen schwerer Lasten abzuplagen.
Der Bus hatte sie unweit von Mona Drive abgesetzt, der Straße, in der sich ihr Hotel befand. Nach dem langen Flugtag mit Umsteigen in Paris und Manchester freute sie sich auf ein entspannendes Bad und eine heiße Tasse Tee, bevor sie ihre Recherchen hinsichtlich der Geheimnisse der Insel begann. Es war zwar noch luxuriös viel Zeit bis zur Abgabe, aber sie brauchte endlich ein paar konkrete Grundlagen für ihre Geschichte.
Cassia schaute sich um. Gab es hier keine Straßenschilder? Ah ja, doch. Sie erblickte die Einmündung ihrer Straße und wollte gerade eben um die Ecke biegen, als jemand sie aus einem Hauseingang anpschtte.

Kavid: - Pscht. Pschschtt. Hier herüber.

Cassia guckte und guckte, aber sie sah nur ein grünblaues winkendes Nebelwölkchen. Das aber alsbald feste Umrisse bekam und immer mehr einem verdrückten Häuflein farbiger Knetmasse ähnelte, allmählich die Formen eines Minizwergs annehmend, und gerade dachte sie, wie hübsch doch ein rotes Zipfelmützchen –

Kavid: - Halt! Keinen Gedanken weiter!!

Nachdem er so für sich das Schlimmste gerade noch hatte abwenden können, verließ er seine Nebelwolke und strebte auf die Touristin zu. Er grinste sie freundlich an und meinte:
- Wir kennen uns, du weißt es aber nicht. Das heißt, ich kenne jemanden, der dich ziemlich gut kennt. Und ich werde dich herumführen auf diesem unserem manxschen Eiland, und zusammen werden wir seine Geheimnisse ergründen.
Cassia staunte. Sie hätte Bekannte, die Inselkobolde kennten? Das fing ja gut an. Sie hatte tatsächlich die vage Hoffnung gehegt, daß hier im Dunstkreis Tolkiens die Ideen leichter sprudelten als im Ruhrpott mit seinen lodernden Essen und seinem deftigen Essen, aus welchersterem sie stammte, welchmittlere sie vor dem blaunächtlichen Himmel anzuschauen liebte und welchletzteres ihr aber leider weder die körperliche noch die gedankliche Leichtigkeit einer Elfe oder Fee verlieh. Blöd das. Aber wenn die Inspiration nicht zu einem kam, dann mußte sich der PommesSchrankeBerg eben zum Inselpropheten mit seinen alten geheimnisvollen Mythen und Sagen begeben.
Einen Kobold als Reiseführer. Das war nett. Zwar ungewöhnlich, aber so konnte sie direkt zum Kern vorstoßen, und als Dolmetscher wäre er sicher auch gut zu gebrauchen, hatte doch ihr Schulenglisch die Grenze vom Rasten zum Rosten längst überschritten.

Kavid: - Nun komm. Erst mal mußt du einchecken. Und dann gibts Abendessen. Nen schönen Teller gebratenen Fisch 'n' Chips und 'n großes Glas lecker dunkel Bier.

Cassia dachte, daß es mit der von ihr angestrebten Leichtigkeit auf dieser Insel wohl auch eher Essig sei, aber sie stieg willig und auch hungrig mit ihrem unsichtbaren Begleiter die Stufen zum Hoteleingang hoch, als wären es die Minen von Moria, und verschwand mit ihm hinter der bunten Glastür.

... ... ...

Ich stand da, mitten auf der Straße, und schaute den beiden nach. Nun hatte Cassia das Privileg, den Kobold zu sehen, und Kavid hatte mich nicht einmal bemerkt. Ich war wohl zu ausgefranst, kein Wunder, war ich doch auch gar nicht richtig da und hatte nur schauen wollen, ob Cassia gut angekommen war. War sie, dachte ich etwas eifersüchtig, und nun würde sie Kenntnis von den Geheimnissen der Insel erhalten und ich nicht.

Aber es ist ja auch wahr.
Wenn man Geheimnisse ergründet, dann sind sie keine mehr.
Und das Geheimnis der Isle of Man zu lüften steht für mich noch aus.

Ich würde selbst hierherfinden, sehr bald, ich würde in die ländliche Atmosphäre dieser wunderschönen Insel eintauchen, einfach loslaufen und damit alles erfahren, was es zu wissen galt.

Denn es sind Wege nicht nur zu beschreiben und zu denken, sondern Wege muß man gehen.

Aber das letzte Wort haben natürlich die Fluglotsen.

Letzte Aktualisierung: 18.08.2011 - 00.45 Uhr
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