Ganz schön bissig ...
Ganz schön bissig ...
Das mit 328 Seiten dickste Buch unseres Verlagsprogramms ist die Vampiranthologie "Ganz schön bissig ..." - die 33 besten Geschichten aus 540 Einsendungen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ingo Pietsch IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mysterium | August 2011
Hudi
von Ingo Pietsch

Richard Wormsen eilte Richtung Badeinsel. Die Hitze machte ihm zu schaffen.
Die Sonne brannte ihm in den Nacken und er fluchte leise vor sich hin, weil er vergessen hatte, sich mit Sonnecreme zu schützen.
Er war schon den halben Vormittag in Steinhude unterwegs und interviewte Anwohner.
Sein schneller Schritt verschaffte ihm keinerlei Abkühlung; es herrschte absolute Windstille.
Ideales Wetter für die Sommerferien.
Kurz vor der Brücke zur Insel kam er an einem überquellenden Mülleimer vorbei. Perfekt. Er stopfte sich den Rest des halbgeschmolzenen Schokoriegels in den Mund und versuchte die Verpackung irgendwie so zu platzieren, dass sie nicht herunterfiel.
Richards Figur war durch die neue Sucht leicht aus den Fugen geraten, dafür war er jetzt Nichtraucher.
Außerdem kam ihm beim Anblick des Unrats wieder das saftige Honorar in den Sinn, dass er für die Auflösung seines letzten Falles kassiert hatte: Der Bigfoot vom Schwarzwald.
Anwohner glaubten einen menschenähnlichen Affen gesehen zu haben, der den Wald verlassen hatte, um auf Nahrungssuche zu gehen. Dies war stets nachts von statten gegangen und der Bigfoot hatte Mülltonnen entleert und Gemüsebeete geplündert.
Richard hatte ein Faible für außergewöhnliche Reportagen. Und so entpuppte sich das Missing-Link als ausgebüchster Zirkusaffe.
Auf der Brücke stand ein Schild, von dem eine Seeschlange Richard angrinste. Ein Pfeil zeigte auf den Binnensee und mit großen Buchstaben stand unter der Zeichnung: Die Heimat von Hudi, dem Ungeheuer vom Steinhuder Meer.
Richard schüttelte den Kopf. Die örtlichen Wochenblätter hatten die Geschichte schon bis zum Erbrechen ausgeschlachtet. Sogar verschiedene Fernsehsender waren mit Kamerateams hiergewesen. Aber Fakten hatte niemand vorzuweisen gehabt.
Und genau da trat er auf den Plan.
Was genau sich im See befand, konnte er auch nicht beantworten. Es stellte sich die Frage, wer wohl am meisten davon profitieren würde. Natürlich der Tourismus rund um das Steinhuder Meer. Dann der Dinosaurierpark Münchehagen, der rein zufällig gerade ein neues Themengelände eröffnet hatte. Außerdem gab es Gerüchte über gelangweilte Studenten, die irgendeine Attrappe gebaut hatten.
Allerdings passte das wieder nicht mit den Meldungen von zerstörten Segelbooten und verschwundenen Hunden zusammen. Komischerweise fanden diese Angriffe immer in den Abend- oder Nachtstunden statt, sodass es kaum Augenzeugenberichte oder Videos gab. Entweder hatten die Anwesenden keine Kameras oder Handys dabei gehabt oder die Filme waren trotz der digitalen Technik dermaßen unscharf und verwackelt, dass man kaum etwas erkennen konnte.
Zum Glück waren nie Menschen verletzt oder getötet worden.
Da gab es zum einen diejenigen, die schwörten, einen Plesiosaurus gesehen zu haben. Die anderen glaubten an einen riesigen Aal, der hier sein Unwesen treiben sollte, aus Rache für seine Artgenossen, die hier geräuchert wurden. Aale gab es im Steinhuder Meer aber gar keine. Andere Fische auch kaum.
Gegen den Plesiosaurier sprach, dass der See kaum drei Meter tief war. Nahrung gab es kaum und wo sollte er auch hergekommen sein? Angeblich lebte er in einer Höhle unter der künstlichen Festungsinsel Wilhelmstein.
Aale wiederum konnten keine Boote versenken.
Alles Schwachsinn, dachte Richard. Er musste husten, als ein Nussrest seine Luftröhre versperrte.
Er nestelte seinen Presseausweis hervor und zog den Notizblock aus seiner Brusttasche.
Dann suchte er sich zwei Frisbee spielende Jugendliche aus der Menge.
„Hey Jungs!“, rief er und hielt ihnen den Presseausweis hin.
„Was ist, Alter?“
Richard war Mitte dreißig, ließ es sich aber gefallen, ohne darauf einzugehen.
Jugendliche wussten meist mehr von dem, was um sie herum geschah, als Erwachsene.
„Ich habe ein paar Fragen über Hudi.“
Einer der Jungs sah sich den Ausweis genauer an.
„Wormsen. Sind Sie nicht dieser Bigfoot-Jäger?“
Sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Er zog seinen Bauch ein.
„Jap, genau der bin ich.“ Er fischte zwei Zehner aus seiner Hosentasche und gab sie den Jugendlichen.
„Was wollen Sie denn wissen?“
Nach ein paar Minuten war ihm klar, dass die beiden auch nicht mehr wussten als alle anderen.
Er würde sich heute Nacht selbst auf die Lauer legen, um diesem Ungeheuer auf die Spur zu kommen.

Es war für Richard gar nicht einfach gewesen, sich an den Menschenmassen vorbeizuschleichen und sich ein Ruderboot zu leihen. Auch ein paar verliebte Pärchen hatten sich über das Nachtfahrverbot hinweggesetzt und fuhren über den See. Die Verleiher freuten sich über zusätzliche Einnahmen. Außerdem sorgte die anderen Nachtschwärmer dafür, dass der Sicherheitsdienst ihn nicht gleich vom See holte; denn heute Abend fand „Das Steinhuder Meer in Flammen“ statt.
Richard war diesmal von Mardorf losgefahren, der anderen Seite des Sees. Nur so weit, bis ihm die Arme anfingen zu schmerzen. Richtig dunkel war es noch nicht.
Der Reporter hatte es sich in dem kleinen Boot mit einer kleinen Kühlbox für seine Schokoriegel und seinem Netphone gemütlich gemacht.
Wahrscheinlich würde sich die ganze Hudi-Sache als Scherz herausstellen.
Richard surfte im Internet, als plötzlich das Boot zu schaukeln begann und die Verbindung unterbrochen wurde.
Er lugte über den Rand und sah in zwei Metern Tiefe einen hellen Strahlenkranz entstehen, der sich zu einer leuchtenden Kugel ausweitete, die fast bis an die Oberfläche reichte.
Richard versuchte mit seinem Handy zu filmen, doch die Aufnahme war voller Störungen.
Er fluchte laut.
Ein riesiger Schatten schoss aus der Kugel heraus, größer als sie selbst, was eigentlich unmöglich war.
Unvermittelt erhob sich ein Schädel von der Größe einer Motorhaube direkt vor dem Boot aus dem Wasser. Richard wurde rückwärtsgeschleudert.
Der Kopf der Kreatur erhob sich vier Meter über Richard aus dem Wasser. Das Ganze ging lautlos vor sich, abgesehen von dem tropfenden Wasser.
Der Reporter tastete nach der Taschenlampe, die er mitgenommen hatte und richtete sie auf das Ding.
Langsam fuhr der Strahl an dem langen Hals des Ungeheuers nach oben. Myriaden winziger schwarzer Schuppen schluckten das Licht und Richard konnte nur vage Umrisse erkennen.
Das Licht erreichte ein dreieckiges Maul mit fingerlangen Zähnen.
Hudi knurrte. Gelbe Augen mit geschlitzten dunklen Pupillen starrten auf Richard herunter.
Der begann zu zittern und blendete dabei das Ungeheuer. Die Augen des Tieres verengten sich, aber es gab immer noch keinen Laut von sich.
Der Reporter versuchte wieder zu filmen.
Hudi senkte den Kopf und schnüffelte an Richard.
Richard legte sein Handy ab und kramte in der Kühlbox herum. Dann packte er einen Riegel vorsichtig aus, um Hudi nicht mit dem Knistern zu verscheuchen.
Hudis Nüstern blähten sich auf, als es den Geruch in die Nase bekam. Eine armlange Zunge schob sich aus dem Maul und begann Richard abzulecken. Als die schleimige Zunge über sein Gesicht fuhr, hielt er den Riegel von sich weg. Die Zunge umschlängelte ihn und er verschwand im Maul.
Richard glaubte ein Grinsen in den entblößten Zahnreihen zu erkennen.
Er hatte Ehrfurcht vor dem riesigen Gebiss.
Ein zufriedenes Schmatzen kam aus dem Maul. Wieder kam Hudi näher und beschnüffelte Richard.
Plötzlich zeriss ein Knallen, gefolgt von einem Pfeifen und anschließendem Donnern, das Kennenlernen.
Feuerwerkskörper verwandelten den Himmel in ein buntes Lichtgewitter. Richard hatte vor Aufregung alles um sich herum vergessen.
Hudi war klar und deutlich zu erkennen.
Richard sah sich um. An der Promenade standen Menschen, die auf den See starrten und laut „Hudi“! riefen.
Das Tier ruckte zurück und zuckte bei jedem Knallen zusammen.
Richard fischte nach seinem Handy, ohne die Kreatur aus den Augen zu lassen.
Ein letztes Mal wippte der lange Hals zurück, dann schnellte er vor und der Kopf umschloss Richard zur Gänze.
Das Tier tauchte ab und schwamm wieder in die Leuchtkugel, aus der es gekommen. Wenig später verschwand die Erscheinung wieder.

Das Ruderboot wurde am folgenden Tag führerlos an den Strand der Badeinsel angeschwemmt. Die Kamera und persönliche Gegenstände konnten geborgen werden. Von Richard fehlte jede Spur. Das Handy funktionierte einwandfrei, aber der Speicher war leer.
Hudi wurde niemals wieder gesehen.

Letzte Aktualisierung: 25.08.2011 - 20.35 Uhr
Dieser Text enthält 8144 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.