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Mysterium | August 2011
Das Zechenkabel
von Jochen Ruscheweyh

Dass er mich an einen Nussknacker erinnerte, lag wahrscheinlich an seiner Uniform, die mit allerhand Dekoration um die Brust herum ausgestattet war.
Für einen Moment lupfte er seine kordelverzierte Kappe und gab den Blick auf sein zurückgekämmtes Haar frei, ehe er mir seine schwielige Hand hinhielt.
„Glück auf, als Knappschaftsältester und Vorsitzender des Siedlerbundes heiße ich Sie recht herzlich willkommen.“
„Danke, Herr ...?“
„Wischnewski, Eduard Wischnewski.“
Ich legte den Glätter in den Speiseimer und drückte ihm die Hand.
„Viel Arbeit, so ein Zechenhaus zu renovieren, was?“, sagte er und schaute meinem Putz einen Moment lang beim Anziehen zu.
„Klar, gibt schon einiges zu tun hier.“
„Wollen Sie viel verändern?“
„Pläne haben wir eine Menge“, gab ich zurück, „was sich realisieren lässt, ist letztlich eine Frage der Finanzen.“
Er nickte. „Ich will gleich zum Punkt kommen. Wir haben es eigentlich nicht so gerne, wenn hier Fremde einziehen.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
Sein Blick bekam etwas Stechendes. „Veränderungen belasten unsere Gemeinschaft.“
Ich zählte innerlich bis fünf und versuchte - womit er wohl am wenigsten rechnete - ein Lächeln.
„Dann wird es Sie sicher beruhigen, dass wir nur zu 50% fremd sind, da meine Freundin bereits früher in diesem Haus gelebt hat. Christine, komm’ doch mal runter!“, rief ich die Treppe hinauf.

Sie trug ihren beigen Bench-Jogginganzug, der ihr diese fahle Blässe und Schüchternheit verlieh, die ich so an ihr mochte.
Ein Strahlen ging über Wischnewskis Gesicht. „Mein Gott, das Tinchen, wie lange ist das her?“
Ich habe in meinem Leben nur Frauen kennengelernt, die beschützt werden mussten und - ich glaube auch – beschützt werden wollten. Ob ich mit anderen Frauen überhaupt hätte zusammen sein können? Vermutlich nicht.
Trotzdem widerstand ich dem Drang, mich vor sie zu stellen, als ihr Wischnewski wie Onkel, Vater und väterlicher Freund in Personalunion die Hand auf die Schulter legte.
Ihr Blick sagte mir, dass etwas nicht stimmte.
„Wir hatten einen anstrengenden Tag, Herr Wischnewski“, warf ich ein, „Und wir haben noch eine Menge zu tun. Also, falls Sie noch Vorbehalte wegen unserer ...“
„Nein, nein, alles bestens, lassen Sie sich nur nicht stören. Sie haben ja Recht. Wenn man renoviert, braucht man jede freie Minute.“

„Was ist los?“, fragte ich, nachdem ich die Tür hinter dem Eindringling geschlossen hatte.
„Oh, mein Gott, Sven, es ist, als wenn gerade irgendetwas in mich geflossen wäre.“



Ein leichter Nieselregen ging über der Siedlung nieder. Die ersten Regenwürmer krochen aus ihren Löchern.
„Hallo, Herr Nachbar, da können Sie nicht bohren, da läuft das Zechenkabel lang.“
„Keine Sorge“, rief ich über den Zaun zurück, „ich habe die Pläne eingesehen, hier ist nichts, was meinem Brunnenschacht im Weg sein könnte.“
Er winkte ab. „Das Kabel ist nirgendwo eingezeichnet.“
„Sicher, weil hier auch kein Kabel lang führt, Herr Tiefbauingenieur!“
Seine Oberlippe begann zu zittern, dann stieß er hervor: „Sie unverschämter Knilch!“



„Was war, Sven?“
„Ach, nur der Spinner von nebenan. Er hat diesen Spleen, dass ein Kabel durch unseren Garten läuft.“
„Aber wenn er’s sagt ... vielleicht ...?“
„Unsinn. Komm’ mal her zu mir.“
„Sven ...“
„Vergiss den Blödmann. Mmh, ich liebe deine flachen Brüste. Aber sie fühlen sich irgendwie anders an als sonst. Größer.“ Ich ließ meine Hände wandern. „Und du weißt, ich steh’ auf durchtrainierte Bäuche.“
„Nicht, Sven ...!“
„Versprich’ mir, dass du wieder zu den Weight Watchers und ins Fitnessstu... Verdammt, was ist das?“
Sie schob meine Hände weg. „Nichts. Mein Bauchnabel-Piercing ist etwas entzündet.“
„Du lügst mich doch an! Ich hab’ da was ganz anderes gefühlt.“
„Ja“, sagte Christine leise. „Es ist ein Abszess, aber nichts Schlimmes. Das hatte ich mit dreizehn schon mal, als ich noch hier bei Omi und Opa ...“
„Am Montag gehst du zum Arzt, klar?“
„Ja.“ Sie steckte ihr Shirt wieder in die Hose und fuhr sich durchs Haar.
„Wenn ich jetzt Psychologe wär’, würde ich sagen, du willst dich wieder irgendwo annabeln.“
„Ach, Sven, manchmal denke ich ...“
„Was?“, fuhr ich sie an. „Kannst du nicht einmal im Leben Kritik annehmen, ohne mir Contra zu geben?“



Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen nach getaner Arbeit im Haus bestand darin, von unserem Dachfenster aus in die umliegenden Gärten zu schauen, die von oben wie exakt geplante geometrische Figuren wirkten, und mir dabei von Christine den Rücken schubbern zu lassen. Ab und zu zeigten sich Frauen in Kitteln, harkten, zogen Kartoffeln und Rüben aus dem Boden oder schrubbten die Steinplatten. Ich nannte die Frauen Matgas. Und ich wich auch nicht davon ab, als Christine mir eröffnete, dass das doch eine etwas diskriminierende Bezeichnung sei. Ich zuckte nur mit den Schultern: „Pfft! Hauptsache, du wirst nicht mal so.“



Beim Siedlerfest beachtete man mich nicht. Ein paar Nachbarn nickten Christine zu, ich erntete nicht mal einen abschätzigen Blick. Na, wenn diese Proletarier meinten ...
Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Ein kleiner dicker, vielleicht sechsjähriger Junge neben mir drehte einen abgewetzten Lederball in den Händen.
„Hol’ ihn dir!“ Dann trabte er schwerfällig in Richtung Garagenhof.
Ich hatte es zwar selbst nur bis zum Westfalenmeister in der D-Jugend geschafft, aber für diesen kleinen Wichtigtuer würde es allemal langen. „Bin gleich wieder da!“, raunte ich Christine zu.

Die Büsche, die den Hof umgaben, warfen lange Schatten. Daher entdeckte ich ihn erst, als er den Ball aufticken ließ. Lass das Zechenkabel in Ruhe!, las ich aus seiner Miene.
„Was?“
Du hast mich verstanden!, schob sich plötzlich die sonore Stimme eines Erwachsenen in meinen Kopf.
Ich weiß nicht genau, was dann passierte, aber es schien Bälle zu hageln: kleine Bälle, große Bälle, Bälle aus Plastik und aus Leder, Tennis- und Golfbälle, es stach, juckte und brannte gleichzeitig, bis mich zu guter Letzt etwas mit der Wucht eines fliegenden Medizinballs niederstreckte. Der Junge sah mir zu, wie ich mich am Boden krümmte. Kleine Kugeln unter meiner Haut. Er wirkte irgendwie hilflos.

Christine stützte mich.
„Mit wem hast du dich denn angelegt?“, erkundigte sie sich, während sie die Haustür aufschloss.
„Ein kleiner ...“, begann ich, als mir auffiel, wie lächerlich die Wahrheit klingen musste. „Ach, vergiss es, nicht so wichtig. Aber, nach was riecht das hier?“, fragte ich, während Christine mir Jod auf die aufgeplatzten Hautstellen träufelte.
„Tauben. Hermann von gegenüber hat uns einen Eimer voll gebracht. Sag mal, du hast ja wieder überall Striemen!“

Christine brutzelte noch irgendetwas in der Küche. Ich legte mich sofort hin.
Gegen halb drei morgens wurde ich wach. Der Platz neben mir im Bett fühlte sich kühl an. Ich hangelte mich zum Fenster. Durch die leicht beschlagene Scheibe sah ich meinen Nachbarn im Schein seiner Gartenlaterne stehen und sich seinen fetten Bauch reiben.
Dann entdeckte ich Christine.
In unserem Garten.
Neben meinem Bohrloch.
Ebenfalls eine Hand an ihrem Bauch.
Mehr Schatten meiner selbst zwang in mich die Treppe hinunter.
„Was machst du da?“, zischte ich in die nächtliche Kühle, während ich Mühe hatte, mich an der Verandatür festzuhalten.
Mit eigenartig verklärtem Blick kam sie auf mich zu. „Ich musste etwas Luft schnappen, zuviel Taubensuppe gegessen. Aber ich habe fast zwanzig Liter einfrieren können. Toll, oder?“



Obwohl ich Christine angewiesen hatte, die Taubenreste sofort zu entsorgen, hielt sich der Gestank hartnäckig im ganzen Haus. Ich hatte kaum mehr Appetit. Eigentlich gab es ohnehin seit Wochen nur noch Schnittchenteller; vorbei die Zeiten von Pasta und Wein, argentinischem Steak und Folienkartoffeln. Ich musste ihr eine Lektion erteilen, wieder zu meinem Recht kommen; bloß wie, in meiner Verfassung.
Es war, als ob mir das Haus jegliche Energie rauben würde.
Christine hingegen ging in ihrer neuen Rolle vollkommen auf. Immer öfter sah ich sie in unattraktiven Oberteilen, die mich beinahe an diese Alte-Frauen-Kittel erinnerten, am Zaun lehnen und mit den Nachbarn reden, die bei mir stumm blieben. Auch verstand ich meine Freundin täglich weniger, wenn sie von Hümmelchen holen oder in die Furche gehen sprach. Ich fühlte eine unbändige Wut. Wollte raus aus meiner Haut. Eingesperrt, die Zechensiedlung mein Gefängnis.



Nach ein paar Tagen raffte ich mich auf und schleppte mich in den Garten.
Der Rasen! Ein Streifen von gut einem halben Meter. Dort wirkten die Halme schlaff und müde.
Es begann an der Südseite, lief geradewegs durch mein Bohrloch und verschwand schließlich unter dem Zaun zum Nachbarsgarten.
„Der Arsch hat uns Unkraut-Ex auf den Rasen gekippt“, schrie ich, als Christine oben das Fenster öffnete. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. Dann rief sie: „Oh mein Gott!“
Die Wut verlieh mir Kräfte, von denen ich Minuten zuvor noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. „Was macht ihr alle so ein Mysterium aus einem stillgelegten Kabel, das hier möglicherweise mal vor fünfzig Jahren durch den Boden gelaufen ist?“, brüllte ich, griff mir die Spitzhacke und ließ sie in den Boden krachen.
Christines „Niiiiiicht“ tönte noch, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie der Zechenturm, der am Rande der Siedlung einem Mahnmal gleich in den sich verdunkelnden Himmel ragte, zu glühen begann. Im Nachbarsgarten stob ein Schwarm Tauben auf.
Dann entlud sich etwas unter mir.
An mir.
In mir.
Grell.

Dunkel.



Christine ist so lieb zu mir. Sie salbt mich jeden Tag ein. Ich brauche eine starke Frau wie sie; jetzt, da ich mir nicht selbst helfen kann. Laue Herbstnachmittage in der Sonne und ihr Duft nach RAG-Seife, wenn sie mir die Haare kämmt. Das Bohrloch hat sie zugeschüttet und frischen, kräftigen Rasen gesät, an der Stelle, an der mein Stuhl immer steht.



Es gibt so vieles, worüber ich reden, was ich tun möchte, einfach ankommen, dazugehören. Aber ich kann es nicht. Vielleicht war das schon immer mein Problem.




Copyright J.R. Version 2 = Mittagschicht

Letzte Aktualisierung: 12.08.2011 - 11.40 Uhr
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