Der himmelblaue Schmengeling
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Mysterium | August 2011
Der Klabautermann muss einen Schraubenzieher haben
von Till Kurbjuweit

„Groß vorheißen“, rief mein Freund Thomas von der Pinne her. Da ich bereits einige Minuten auf den Befehl, das Großsegel zu setzen, gelauert hatte, war ich schon dabei, das Fall unten aus dem Mast zu ziehen, bevor sein Satz ganz verklungen war. Ich zog ziemlich flott, zu Anfang geht das ja auch recht leicht, wenn noch nicht das ganze Gewicht des Segels an dem Fall hängt. Als ich das Tuch so halb oben hatte, wurde es schon recht schwer, irgendwie schwerer als beim letzten Mal, dachte ich so. Und dann war plötzlich Schluss.

„Was ist los?“, rief Thomas, und es war eine ungemütliche Schärfe in seinem Ton. Ich kannte das schon. Wir sind zwar Freunde, dicke Freunde, aber wenn es um Schiffsführung und Schiffsbedienung geht, hört bei ihm die Freundschaft auf. An Bord ist er der Boss, schließlich hat er alle Scheine, die man so beim Segeln machen kann. Ich habe ja nur den A-Schein, und die Summe meiner Segelerfahrung lässt sich noch in Tagen ausdrücken. Aber in der Theorie bin ich ziemlich gut. Also, ich meine, ich habe all die dicken Segelhandbücher gelesen, in denen die ganze Seemannschaft und Navigation erklärt ist. Als mein Kollege und Freund Thomas mich fragte, ob ich mit ihm einen Ostseetörn machen würde, fühlte ich mich geschmeichelt. Ich hatte ihm zwar erzählt, dass ich schon einmal gegen Bezahlung auf einer 28-Fuß-Yacht durch die dänischen Gewässer geschippert sei, aber das hätte ja auch ein Gegenargument sein können.

Und nun waren wir im Begriff, aus Fåborg auszulaufen. Unter Motor waren wir in dem engen, heiklen Fahrwasser zwischen den grünen und roten Tonnen direkt nach Süden auf die Insel Bjørnø zugelaufen, die die direkte Zufahrt nach Fåborg so prächtig versperrt. Die Fock hatte ich auf Geheiß meines Käptns schon gesetzt, als er den Motor ausgemacht hatte, aber jetzt musste das Großsegel hoch, das mir auch klar, denn der Wind kam aus Westen, und wir mussten schleunigst anluven, wenn wir nicht am Strand von Bjørnø aufbrummen wollten. Und anluven ohne Groß, na ja, das konnte kaum gehen.

Also zog ich, nein, riss ich aus Leibeskräften an diesem verdammten Großfall, aber es kam keinen weiteren Millimeter, und das Segel blieb in seiner jämmerlichen Schlabberstellung auf halb acht.
„Groß vorheißen, verdammt noch mal!“, brüllte Thomas jetzt, und da war überhaupt nichts mehr von Freundschaft.
„Es geht aber nicht“, brüllte ich fast ebenso heftig zurück, denn ich war voll im Stress. „Das Fall sitzt fest.“
„Ein Fall kann nicht festsitzen“, brüllte der Skipper wieder, noch lauter als zuvor. Mir war klar, dass er mich für einen gottverdammten Landlubber hielt, einen Vollidioten, der nicht mal ein simples Fall ordentlich vorheißen kann. In der nächsten Sekunde war mein Freund und Vorgesetzter Thomas, unter gröblicher Vernachlässigung seines Amtes als Steuermann und Kapitän zu mir her gesprungen, stieß mich grob zur Seite und riss nun selber wie verrückt an dem Fall. Das Boot fiel nun völlig ab und drehte nach Backbord, gerade querten wir die Linie zwischen den grünen Tonnen. Und ich wusste aus dem vorabendlichen Studium der Seekarte, dass es dahinter schnell flacher wurde.
Die malerischen Wörter der Fäkalsprache, die mein Thomas jetzt nacheinander brüllte, lasse ich hier mal weg, die kann sich der geneigte Leser selber denken. Na, jedenfalls stürzte der Thomas, als er einsehen musste, dass auch er das nicht regeln konnte, zurück zur Pinne, ließ den Motor an und brachte das Boot im wirklich letzten Moment auf Gegenkurs, so dass wir bald wieder im Fahrwasser waren.

Da nicht nur ich ein gottverdammter Landlubber bin, sondern vielleicht auch der eine oder andere Leser oder Leserin, will ich kurz erklären, was es mit dem Fall auf sich hat. Das ist das Seil, das an der oberen Ecke des Segels befestigt ist. Ganz oben am Mast läuft es über eine Rolle, verschwindet dann im Mast und kommt unten über eine weitere Rolle wieder heraus. Wenn man da unten dran zieht, geht das Segel hoch, alles klar?

Aber es ging ja nun mal nicht, und das war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, da hatte der Thomas schon Recht. Während wir nun unter Motor die Insel Bjørnø in sicherer Entfernung umschifften, starrten wir beiden am Mast hoch, um herauszufinden, wo und wie das Fall festsitzen könnte. Thomas überließ mir die Pinne und nahm das lose am Mast herunterbaumelnde Fall in die Hand und riss es nach hinten, nach links, nach rechts, schließlich stellte er fest, dass es sich hinter das Dampferlicht geklemmt hatte, das ist die kleine weiße Positionslaterne im oberen Mastdrittel. Aber wie sollte das Fall dahinter gekommen sein? Am Vorabend war beim Bergen der Segel alles klar gegangen, nichts hatte geklemmt. Und über Nacht war es fast windstill gewesen. Merkwürdig, sehr merkwürdig!

Thomas beschloss, nach Lyø einzulaufen, da wären wir normalerweise auf dem Weg in den kleinen Belt vorbeigeschippert. Das, was sich auf der Insel Lyø „Hafen“ nannte, war nichts weiter als ein langer Steg, der durch das flache Wasser bis zur Fahrrinne reichte. Daran machten wir fest, und zwar nicht einfach so wie sonst. Wir setzten die Festmacherleinen kurz und steif, so dass das Boot kaum noch die Möglichkeit hatte, zu krängen. Dann machte der Thomas das Fockfall los und band es sich mittels eines Pahlsteks um den Bauch. Und ich hatte nun die ehrenvolle (und schweißtreibende) Aufgabe, mittels der Fockwinsch den Thomas am Mast hochhieven. Das ging natürlich nur, weil er auch nach Kräften kletterte, sonst hätte ich das nicht geschafft. Schließlich konnte er sich auf die Saling stellen und war dann mit dem Gesicht ziemlich genau in der Höhe des Dampferlichts.

Jetzt muss ich wieder einige seiner Worte auslassen, damit der Text jugendfrei bleibt. Das Ende vom Liede war, dass er das Fockfall von seinem Bauch löste und ich Lose gab, bis das Ende unten ankam. Daran befestigte ich auf Thomas’ Geheiß einen Schraubenzieher und hievte den dann hinauf zu ihm. Er musste tatsächlich das Dampferlicht losschrauben, um das dahinter sitzende Fall los zu bekommen. Wieder einige Auslassungen, sorry. Aber dann war das Großfall tatsächlich frei, Thomas konnte das Dampferlicht wieder festschrauben und ich ihn mittels des Fockfalls herunterlassen. Uff.

Es gab trotz allem keine vernünftige Erklärung, wie das Fall hinter das Dampferlicht gekommen sein konnte. Dazu bräuchte es eine gewaltige Energie, ein heftiges Reißen, das hatte aber nicht stattfinden können. Alles war ein Ding der Unmöglichkeit, und wir waren uns schließlich einig, dass da nur der Klabautermann seine Finger im Spiel gehabt haben konnte. Der hatte vermutlich auch einen Schraubenzieher.

Durch dieses denkwürdige Ereignis hatten wir einige Stunden Verspätung. Als wir an der Südspitze der Halbinsel Helnæs vorbeisegelten, machten wir uns klar, dass es schon zu spät war, an diesem Tage noch den nächsten Hafen, nämlich Årøsund auf Årø zu erreichen und beschlossen, umzukehren und in das Haff hinter der Westküste von Helnæs einzulaufen, um dort die Nacht in geschützten Gewässern vor Anker zu verbringen. Von wegen geschützte Gewässer. Das wurde dann die aufregendste Nacht meines Seglerlebens – aber das erzähle ich dann beim nächsten Mal.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2016 - 13.27 Uhr
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