Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Landleben | September 2011
Wenn wir gro├č sind
von Lutz Schafst├Ądt

Ein lauer Sommertag am Rande des Dorfes. Viele Jahre war ich nicht mehr hier. Spatzen schwirren aus ihrem Versteck im Holunder, es duftet nach frischem Heu. Fr├Âsche quaken im von wuchernden Brennnesseln ges├Ąumten Graben neben dem Weg. Gleich muss ich an der kleinen Br├╝cke sein, die auf die Wiesen f├╝hrt. Ich atme tief, ├Âffne zwei Kn├Âpfe an meinem Hemd. Ein L├╝ftchen rauscht durch die Gr├Ąser, streichelt k├╝hl meine Brust, wirbelt vergessene Bilder und Gef├╝hle auf.

In mir spult die Zeit zur├╝ck. Ich sp├╝re, wie die Welt sich reckt und der Himmel sich weitet. Die B├Ąume und B├╝sche schrumpfen, die Wiesen verwandeln sich in Koppeln mit weidenden K├╝hen. Unter mir w├Âlbt sich der Asphalt, wird zum schwarzen Morast eines ausgefahrenen Feldweges, mit Pf├╝tzen in den Mulden breiter Reifenspuren und zermalmt von den Klauen der Rinder. Schon meine ich, meine nackten Kinderf├╝├če in diesem Brei versinken zu f├╝hlen. Von mir f├Ąllt ab, was an Gegenwart an mir haftet. Ich winde mich von mir los und schaue mir nach, wie ich mit dem ungest├╝men Elan eines Elfj├Ąhrigen ins Dorf laufe. Gedankenstaub wirbelt auf, tr├╝bt f├╝r erwartungsvolle Sekunden die Sicht. Ich sehe mich nicht mehr, bin hinter der windschiefen Scheune verschwunden, die sich eben aus dem Dunst erhoben hat. Die drei Linden mit ihren gestutzten Kronen sind wieder da, der rostrot get├╝nchte Lattenzaun, das vielstimmige Kl├Ąffen der Hunde.

Da kommen wir um die Ecke. Mein Freund Frank und ich, der blasse Paul, in Sandalen und blauer Turnhose, die um meine H├╝ften flattert. Frank, mit stets zerzaustem Blondschopf und flinken Augen, h├Ąlt eine Harke geschultert und einen Blecheimer an der Hand. Er tr├Ągt schwarze Shorts, seine Beine schlackern in den unvergesslich gelben, am Schaft umgekrempelten Gummistiefeln. Wir sind unterwegs, um Entengr├╝tze zu holen. Mit dem letzten Hof endet die gepflasterte Stra├če und wird zu einem Feldweg, der von einem Gewitterschauer aufgeweicht ist. Franks Stiefel, eigentlich als Schutz gegen Blutegel gedacht, bew├Ąhren sich schon jetzt im Matsch. Ich bleibe bis zum Graben auf der schmalen Grasnarbe am Rand.

"Lass uns ein St├╝ck weiter gehen", sagt Frank. "Hier vorn ist schon alles abgeharkt." Eigentlich bin ich der Meinung, dass sich bereits hier der Eimer gut f├╝llen und die Arbeit schnell erledigen lie├če, doch ich willige ein und ziehe meine Sandalen aus. Weg und Graben f├╝hren auf die Weiden hinaus, neugierig kommen die K├╝he an den Elektrozaun getrottet. Bald sieht das Dorf hinter uns aus wie eine Insel aus B├Ąumen und D├Ąchern, die der Kirchturm als Leuchtturm ├╝berragt. Es ist von einem Meer aus flachem Weideland und ├äckern umgeben, auf dem B├╝sche, B├Ąume und Strommasten wie Bojen den Verlauf von Wegen und Stra├čen markieren.

"Wenn wir gro├č sind, werden hier ├╝berall Hochh├Ąuser stehen", sagt Frank und ich sehe ihn erstaunt an.
"Warum denn?"
"Wegen dem Fortschritt und weil alles w├Ąchst."
"Wer sagt das?"
"Mein Papa. Er hat erz├Ąhlt, in den D├Ârfern werden jetzt moderne H├Ąuser gebaut, da leben die Leute dann wie in der Stadt."
"Nicht schlecht."
"Ja, und die G├Ąrtnerei wird dann bis an die Chaussee reichen und ein Heizhaus mit drei Schornsteinen haben."
Ich finde Gefallen am dem Gedankenspiel: "Und am Dorfplatz wird ein Kaufhaus gebaut. Und einen Bahnhof bekommen wir."
Lachend f├Ąllt unser Blick auf einen Blechtrog im Graben, eine Tr├Ąnke, die irgendwer hier in ein Boot verwandeln wollte.
"Und ein Hafen fehlt", ruft Frank, wirft Eimer und Harke auf den Weg und trampelt einen Pfad in das Gestr├╝pp der B├Âschung. "Hier ist schon mal der Kanal."
Wir steigen in den wackligen Trog, das Regenwasser darin wabert umher.
"Willst du einmal Kapit├Ąn werden?", frage ich.
"Nein", sch├╝ttelt Frank den Kopf. "Ich werde Hubschrauberpilot." Er sieht, wie verdutzt ich bin. "Hab ich noch nicht gesagt? Ich werde ├╝ber die Felder fliegen, ist ja klar, dass auch die riesig sind, und D├╝nger streuen."
"Nimmst du mich mal mit, im Hubschrauber?"
"Klar Paul, aber du wirst ja Pr├Ąsident und musst zwei Mal die Woche nach Moskau."
"Am Wochenende. Da komme ich doch zu Besuch."
"Dann ja."

Unser Blechkahn schwimmt nicht. Das Wasser im Graben ist zu flach, wir sind zu schwer. Frank steigt aus, will ihn ein St├╝ck schieben. Doch der Druck seiner Arme ├╝bertr├Ągt sich auf seine Stiefel. Sie versinken im weichen Untergrund, sind im Nu mit brackigem Wasser vollgelaufen und sitzen fest. Mit vereinten Kr├Ąften, bis zu den Ellenbogen im Morast, ziehen wir sie wieder heraus. Zum Gl├╝ck erst danach fallen Frank die ekligen Blutegel wieder ein, die hier ├╝berall lauern sollen. Mit Grasb├╝scheln reiben wir uns hektisch die Arme und Beine sauber, um dann aufmerksam inspizierend einander zu umkreisen. Nichts zu sehen, wir d├╝rfen weiterleben.

Es ist Zeit, sich nach einer guten Stelle mit Entengr├╝tze umzusehen. Nun beide barfu├č, gehen wir noch ein paar Schritte, dann wirft Frank die Harke aus. Auf dem R├╝ckweg tragen wir den vollen Eimer gemeinsam am Henkel. Frank balanciert mit der anderen Hand die Harke, ich trage die Stiefel, in denen meine Sandalen stecken. Da sp├╝re ich pl├Âtzlich etwas Kaltes an meiner Ferse. Mit dumpfem, kantigem Druck l├Ąsst es mich zusammenzucken. Ich rei├če das Knie hoch, greife nach meinem Fu├č, will den Schmutz abreiben. Die schwarze Erde an meiner Hand vermischt sich mit Blut. Als ich es sehe, setzt auch der Schmerz ein.
"Ich habe mich geschnitten!"
Ich setze mich an den Wegesrand. Den Fu├č mit beiden H├Ąnden hebend und drehend, versuche ich, einen Blick auf die Wunde zu werfen. Immer mehr Blut quillt hervor.
"Soll ich laufen und Hilfe holen?" In seinen Hosentaschen kramt Frank nach einem Taschentuch.
"Nein, es geht schon."
Das Stofftaschentuch von Frank ist zu klein, um es um den Fu├č zu knoten. Wir dr├╝cken es gegen den Schnitt und ziehen eine Sandale dar├╝ber. Frank hilft mir auf, st├╝tzt mich, ich lege meinen Arm um seine Schulter. So humpeln wir langsam dem Dorf entgegen, wie zwei geschundene Krieger nach einer verlorenen Schlacht.

Am ersten Hof meint Frank, ich solle mich am Zaun festhalten. Lass, ich bin doch gleich zu Hause, will ich noch sagen, aber er ist bereits durch das Tor verschwunden. Er kommt mit der wei├čhaarigen Frau Weber zur├╝ck. Sie nehmen mich in ihre Mitte, geleiten mich hinein und setzen mich in der K├╝che auf einen Stuhl.
"War wohl eine Scherbe", sagt Frau Weber, w├Ąhrend sie die Wunde s├Ąubert. "Ist nicht tief. Blutet auch nicht mehr." Sie schneidet ein breites St├╝ck Pflaster ab, t├Ątschelt mir tr├Âstend den Kopf und lobt Franks f├╝rsorglichen Einsatz. Zum Abschied werden uns Gr├╝├če an die Eltern aufgetragen und gibt es aus dem Korb im Flur einen gro├čen gelben Augustapfel f├╝r jeden. "Sind paar Stellen dran, die spuckt einfach aus."

Ich warte vor dem Haus. Frank und ich kommen nicht mehr heraus. Die Erinnerung an einen saftigen, sauren Apfel kreist durch meinen Mund. Ich bin allein. Und reichlich erwachsen. Frank und ich sind fort, die Zeit hat uns fortgeweht, wie den Schmerz in meiner Ferse, den Bretterzaun, die Scheune, die Linden, das Kopfsteinpflaster. Ich wei├č nicht, welche Leute hier heute wohnen. Der Hof ist eine Pferdepension geworden, angelegt wie ein Garten, mit markierten Stellfl├Ąchen f├╝r Autos und G├Ąstezimmern im ausgebauten Stallgeb├Ąude.

Ich gehe die frisch sanierte Dorfstra├če entlang. Parktaschen gibt es nun auch hier. Nirgendwo ist ein Mensch zu sehen. In die L├╝cken zwischen den alten Bauernh├Ąusern, wo einst G├Ąrten waren, wurden kleine wei├če Familienh├Ąuser gebaut. In ihnen wohnen die neuen D├Ârfler. Sie schw├Ąrmen morgens aus an ihre Arbeitsorte und lassen Leere zur├╝ck. In den staubig-grauen H├Ąusern leben die alten Leute. Wo sie schon Platz gemacht haben, sind die Fenster frisch gestrichen, die Fassaden neu verputzt, blinken auf den D├Ąchern von Scheunen und St├Ąllen Solaranlagen im Licht. Hier wird l├Ąndlich-nostalgisches Leben zelebriert, dort schwei├čt ein K├╝nstler Skulpturen aus Metall. Ein Schild wirbt f├╝r handgefertigte T├Âpferwaren, auf einem Campingtisch an der Stra├če warten Tomaten, Gurken und Str├Ąu├če aus Sommerblumen auf Kundschaft.

Das Leben ist modern geworden, da hatte Frank recht. Geirrt hat er sich, was die G├Ąrtnerei betrifft: Sie ist nicht gewachsen, sondern liegt verlassen und verwildert da. Die Glasscheiben der Treibh├Ąuser sind eingeschlagen, geblieben sind Skelette aus splitterges├Ąumten Rahmen.

Das Leben ist modern geworden, doch mein Dorf ist nicht mehr da. Dieser Ort hier f├╝hlt sich falsch und leblos an. Ich spaziere entt├Ąuscht die leere Stra├če entlang. So vieles hat sich ver├Ąndert, ist verschwunden und vergessen. Alles war anders, damals. Besser? Sch├Âner? Was ist es eigentlich, woraus Erinnerungen ihren Zauber holen?

Neben mir knarrt eine T├╝r, eine Frau in Kittelsch├╝rze und Pantoffeln tritt auf den Gehweg und w├╝rdigt mich, nur wenige Schritte entfernt, keines Blickes.
"Majo", ruft sie. "M├Âko!"
Eine unverst├Ąndliche Antwort ist zu h├Âren. Wenig sp├Ąter kommen sie um die Ecke, Vater und Sohn, und ich frage mich erst gar nicht, wer von ihnen Mario und wer Mirko ist. Der Vater schiebt eine Schubkarre vor sich her und setzt zum Galopp an. Der kleine Sohn sitzt darin, h├╝pft federnd auf einem Berg aus Kaninchenfutter, hat die Arme ausgebreitet, jauchzt und glaubt zu fliegen. Als der Junge mich erblickt, wird er still und l├Ąsst die Arme sinken. Sie schieben an mir vorbei. Der Vater nickt mir einen wortlosen Gru├č zu, der Junge dreht sich nach mir um.

"Papa, wer war der fremde Mann?"

Lutz Schafst├Ądt (09/2011)
Version 2

Letzte Aktualisierung: 22.09.2011 - 16.05 Uhr
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