Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
Cassandra steuerte ihren alten Golf ĂŒber den unbefestigten Feldweg. Rechts und links der Strecke recken sich goldene Ăhren zur Sonne.
âAusgerechnet mich schickt der Big Boss in diese Einöde! Das Charisma des Landlebens erfĂŒhlen und einsaugen! Raum finden fĂŒr ungewöhnliche Aspekte des Landlebens. Neues entdecken! Pah!â
Sie wischte sich eine blonde HaarstrĂ€hne aus dem Gesicht. âAuĂer den gĂ€ngigen Klischees werde ich nichts entdecken!â
Ihr Kollege Markus schlug seine langen Beine ĂŒbereinander und rĂŒckte seine Kappe zurecht. âHaste erwartet, dass âne Neue von einem ProvinzblĂ€ttchen nach Berlin geschickt wird? Hier kannste dem Alten zeigen, waste drauf hast. Ist doch âne coole Herausforderung.â
Sie steckte sich eine Zigarette zwischen ihre knallrot geschminkten Lippen und nuschelte. âDie einzige Herausforderung, die es gibt, stellt dieser HinterwĂ€ldler-Feldweg an meine betagten StoĂdĂ€mpfer.â
Sie hielt ihrem Kollegen ihre Faust als fingiertes Mikrofon hin. âLiebe Leser, ich bin empört! Ja, man kann sagen, dass der Zustand dieses Weges ein Skandal ist. Tagaus, tagein, sommers wie winters mĂŒssen sich Landmaschinen ĂŒber diese Strecke quĂ€len! Die Pein der Pneus muss unsagbar sein. Aber sie ertragen es schweigend, wĂŒrdevoll und lecken
sich in zugigen Scheunen ihre Wunden. Viele von ihnen fĂŒhren ein einsames und geschundenes Schattendasein ohne Gnadenbrot und sind dem Rost hilflos ausgeliefert.â
Markus schnalzte mit der Zunge. âIch habe gelesen, dass diese UngetĂŒme von Maschinen alles niedermetzeln, was blond, weiblich ist und âne spitze Zunge hat.â
Cassandra lachte. âĂtsch! Selber blond!â
âAber nicht weiblich.â
Sie blickte zur Seite und pfiff durch die ZĂ€hne. âStimmt. MĂ€nnlich markant.â
Die Bodensenke traf die Fahrerin unvorbereitet.
Cassandra und Markus stiegen aus und analysierten die Lage. BeideVorderrÀder waren tief im morastigen Untergrund eingesunken.
âIch setz mich rein und starte im RĂŒckwĂ€rtsgang, wĂ€hrend du den Wagen vorne anhebst.â Cassandras blaue Augen strahlten. âDann sind wir ruck-zuck raus aus diesem fiesen Loch.â
Markus schĂŒttelte seine kinnlange MĂ€hne. âDer steckt zu tief in der ScheiĂe. Will auch keinen Bandscheibenvorfall riskieren.â
Cassandra spitzte einen Schmollmund. âDefekte StoĂdĂ€mpfer reichen mir. Nicht auch noch kaputte Bandscheiben.â
âWeit kann es bis zum Dorf nicht sein. Wir laufen.â
Sie riss ihre Augen auf. âZu FuĂ?â Cassandra blickte auf ihre hochhackigen Lackschuhe.
Markus zwinkerte ihr zu. âKlischee Nummer Eins. Weibliche Stadtpflanze stöckelt in der Mittagshitze durch die gĂŒldenen Felder!â
Cassandra zog sich ihre Schuhe aus. âKlischee Nummer Zwei. Hinterwalddörfler bewegen sich barfĂŒĂig ĂŒbers Land. Autsch!â Sie hob einen FuĂ an und massierte ihre FuĂsohle. âFuĂreflexzonenmassage der natĂŒrlichen Art.â
âWillste meine Schafwollenen ĂŒberziehen?â
âIgitt! Ich steh nicht auf vollgeschweiĂte KĂ€semauken! Lieber gehe ich barfuĂ ĂŒber glĂŒhende Kohlen!â
Nach einhundert qualvollen Metern zog Cassandra dankend Markusâ Wollsocken an. âHab extra âne Tube Anti-FuĂpilz-Creme eingepackt. Bei den Duschen in den alten Landgasthöfen kann man ja nie wissen, wie âs um die Hygiene steht.â
âKlischee Nummer Drei, Cassandra.â
* * *
Endlich waren sie im Gasthaus angekommen.
âWenns dem Ernsterl sein Traktor noch tut, dann kann er Ihren Wagen bergen.â Die Frau hinter dem Tresen rĂŒckte ihre Armani-Brille zurecht. âDer betreibt seinen Hof freilich nur noch im Nebenerwerb. Leben tut er von der Ihhh-Tiiii-Branche oder so Ă€hnlich, mĂŒssens wissen.â
âSagte ich dochâ, flĂŒsterte Cassandra Markus ins Ohr, âdass die Landmaschinen hier ein Schattendasein fĂŒhren.â
âEin schattiges Doppelzimmer solls sein?â Sie maltrĂ€tierte mit ihren Rotlackierten die Tastatur des PCâs.
âEinzel!â, antworteten beide im Chor.
âIs scho recht.â
Die Gasthausinhaberin ging mit den beiden vor die TĂŒr. âWenns da hinab gehen und an der nĂ€chsten Biegung links. Da ist dem Ernsterl sein Hof.â Sie blickte an Cassandra hinab und verkniff sich ein Lachen wegen der dicken Socken. âStöckerln auf dem Land will halt gelernt sein.â Mit elegantem HĂŒftschwung machte sie kehrt und bewegte ihren fĂŒlligen Körper auf hohen AbsĂ€tzen zurĂŒck in den Gasthof.
âKlischee Nummer Vierâ, nuschelte Markus leise.
âHast du die Brille gesehen? Mit Swarovski-Kristallen!â Cassandra pfiff zischend durch ihre ZĂ€hne. Sie fĂŒhlte sich verschwitzt, billig und unattraktiv. âMit deinen Socken habe ich einen Gang wie ein Bauerntrampelâ, maulte sie.
âKlischee Nummer FĂŒnf, liebe Kollegin.â
Inzwischen war der Hof in Sichtweite.
Weil niemand die TĂŒr öffnete, gingen Cassandra und Markus in die Scheune. Angenehm kĂŒhl war es hier. Sie kletterten ĂŒber die Leiter auf den Heuboden und legten sich ins Stroh.
âAh! Chillen! Geil!â Markus hatte sich auf den RĂŒcken gedreht und beobachtete das TĂ€nzeln der Staubteilchen im Schein der Sonnenstrahlen.
âIch brauch âne Dusche und Klamotten zum Wechseln.â Cassandra sah durch die Holzritzen hinab und blickte auf den Traktor. âHoffentlich ist das GefĂ€hrt einsatzfĂ€hig. Ich will endlich meinen Koffer haben.â Sie rollte sich auch auf den RĂŒcken. âEy! Das mistige Stroh piekst!â
Zwei MĂ€nner betraten die Scheune.
âEr hat wieder seine Macke. Technisch ist alles okay. Der Schorschi hat ihn durchgecheckt.â
Cassandra und Markus drĂŒckten sich die Nasen platt, damit sie durch die Schlitze im Holz was erkennen konnten.
Unten standen zwei MĂ€nner. Ein Dunkelhaariger im Anzug mit Krawatte und der andere trug eine typische grĂŒne Arbeitslatzhose.
Der mit der Latzhose umrundete den Traktor. âĂuĂerlich erkenne ich keinen Defekt.â Er streichelte ĂŒber das Blech. âIch vermute eine Depression. Ernst, der wird zu wenig von dir gefordert. Er fĂŒhlt sich nutzlos und alt.â
Der AnzugtrĂ€ger wischte sich mit der Hand ĂŒbers glatt gekĂ€mmte Haar. âHans, er könnte doch froh sein, im Alter nicht mehr so arg gefordert zu werden!â
Der LatzhosentrĂ€ger legte sein Ohr auf den Motorraum, streichelte darĂŒber und flĂŒsterte Worte, die Cassandra und Markus nicht bis oben hören konnten.
âSagte ich dochâ, zischte Cassandra, âgeschundene Kreaturen.â
âPst.â Markus legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. Sie öffnete ihren Mund und biss leicht in seinen Finger. Er zog ihn schnell weg und zeigte ihr einen Vogel. Cassandra kicherte leise.
Unten umrundete der LatzhosentrĂ€ger abermals den Traktor und strich ĂŒber alle vier RĂ€der. Nun redete er lauter. âDer Ernsterl braucht dich. DrauĂen erwartet dich nichts BeĂ€ngstigendes. Das Wetter ist gut, die Wege sind trocken und eben.â
âVon wegen ebenâ, flĂŒsterte Cassandra.
Hans holte ein Stethoskop hervor und horchte am Motorraum. Inzwischen war der Ernst auf den Sitz hinters Lenkrad geklettert und lieĂ den Motor an.
Es knatterte und dröhnte.
Cassandra hob beide Arme in die Höhe. âJuhuh. Mein Auto kann samt GepĂ€ck geborgen werden.â
âPst!â
Das Knattern hörte auf.
âSiehst âs nun selbst! Sobald ich den Motor anlasse, geht er nach ein paar Sekunden wieder aus.â Ernst schlug auf den Lenker.
âWenn du den Traktor so grob anfassen tust, dann wundert âs mich nicht, dass er sich dir verweigert, Ernst!â
Cassandra zwinkerte Markus zu. âVielleicht ist das arme Traktorlein liebesbedĂŒrftig.â Sie lachten.
âIst da wer?â
Die beiden stiegen die Leiter hinab. Cassandra zeigte hinauf. âWir haben eine Pause gemacht. Die Gasthofangestellte meinte, der Traktor könne meinen festgefahrenen Golf aus einer Senke im Feldweg befreien.â
âIch bin der Ernst.â Er hielt den beiden seine Hand entgegen. âDann habens ja mitgekriegt, dass mein Traktor Probleme hat.â
Der LatzhosentrĂ€ger nickte. âIch darf mich vorstellen? Hans. Bekannt als MaschinenflĂŒsterer auf dem Land.â
âMaschinenflĂŒsterer?â Markus kniff seine Augen zusammen. âIch habe bisher nur von PferdeflĂŒsterern gehört.â
âWas bei den Viechern funktioniert, muss bei den Maschinen nicht falsch seinâ, wurde er von Hans belehrt, âaber die Leutâ aus der Stadt denken, wir da auf dem Land tĂ€ten hinterm Mond leben.â
âDenkt ihr etwa auch so?â, fragte Ernst.
Cassandra und Markus schauten sich an und schĂŒttelten einvernehmlich ihre Köpfe.
âIch stehe Neuem stets aufgeschlossen gegenĂŒber. AuĂerdem bin ich froh, wenn ich endlich meinen Koffer habe.â
âAber er fĂ€hrt nicht.â Ernst schlug mit seiner Faust auf das Traktorblech.
Hans schnellte vor und hielt sein Handgelenk fest. âWenn ich noch einmal mitbekomme, dass du deinen Traktor schlĂ€gst, dann mache ich eine Anzeige wegen Misshandlung!â
Cassandra tĂ€nzelte freudig auf der Stelle und flĂŒsterte Markus ins Ohr. âDas wird ein Superartikel. Missbrauch an Landmaschine! Reporter decken auf.â
âIhr seids Reporter?â
WĂ€hrend Markus irgendetwas zu stammeln versuchte, schob Cassandra die MĂ€nner beiseite.
Sie kletterte auf den Sitz und öffnete drei Knöpfe ihrer Bluse. Dann legte sie ihren Oberkörper auf das Lenkrad und rieb leicht darauf hin und her. âHallo SĂŒĂer. Ich bin die Cassandra. Und wenn du mir versprichst, mein Auto zu bergen, dann werden wir beide noch viel SpaĂ miteinander haben. Ich liebe Ă€ltere Traktoren.â
Wow! AuĂer ihrer Zickigkeit hatte die neue Kollegin auch Erotisches zu bieten.
Sofort schnurrte der Traktor zum Feldweg und die drei MĂ€nner hatten MĂŒhe hinterherzulaufen.
* * *
Markus schob den Vorhang des Gasthofzimmers beiseite und blickte auf den Marktplatz. âDer Traktor hat wieder die ganze Nacht dort gestanden.â Er kuschelte sich zu Cassandra unter die Decke. âIch kann ihn verstehen. Bei deinen Reizen.â Er bedeckte ihren Körper mit heiĂen KĂŒssen. Plötzlich hielt er inne. âKann es sein, dass der Traktormotor kurz aufgeheult hat?â
âKann schon seinâ, stöhnte Cassandra. âEin eifersĂŒchtiger Traktor. Das ist wenigstens kein Klischee.â