Ganz schön bissig ...
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Landleben | September 2011
Ein folgenreicher Fehltritt
von Robert Pfeffer

„Hildegard, ich denke, wir müssen dem Jungen langsam mehr Freiheiten lassen!“
„Weshalb sollten wir das tun, Wernfried?“
„Der Butler brachte heute früh einen Brief, den Florentin aus dem Ferienlager geschrieben hat.“
„Ach, Wernfried, ich kam noch nicht dazu, ihn zu lesen. Würde nicht das Kränzchen am Nachmittag gewesen sein, hätte ich es schaffen können, ...“
„Hildegard, ich bin gewiss ein Freund distinguierter Sprache, aber es ist an der Zeit, sich einem wirklich großen Problem in sehr direkten Worten zu widmen!“
„Wernfried, ich kann es nicht ausstehen, wenn du derart die Stimme erhebst.“
Freiherr von Ruhwedel schnappte nach Luft, als wolle er die Wolken einatmen, aus denen er fiel.
„Martin, bitte sagen Sie: Habe ich die gnädige Frau angeschrien?“
„Nein, gnädiger Herr.“
„Da, Hildegard, da hörst du es. Lass uns zur Sache kommen.“
Die Dame des Hauses strafte den Butler mit einem Blick, der einem mehrwöchigen Gehaltsentzug ebenbürtig war, und widmete sich danach mit Hingabe dem Teegebäck. Der Gatte streckte ihr den Brief hin.
„Also bitte, Wernfried“, stöhnte sie und griff sich an die Stirn, „nachdem heute früh die Sitzheizung im Auto auf der Fahrt in die Stallungen ausgefallen ist, bin ich mit den Nerven am Ende. Statt mit diesem Biskuit ein klein wenig Ruhe finden zu dürfen, soll ich auch jetzt noch lesen? Unterrichte mich gefälligst davon, was unser Sohn meint schreiben zu müssen. Hat er dort in den Ferien eine Bürgerliche kennengelernt? Ich habe gleich gesagt, dass diese Reise schädlich für seine Entwicklung sein würde.“
„Schlimmer, Hildegard, viel schlimmer.“
Mit ernster Miene begann er.

Werter Vater, liebste Mutter,
es ist an der Zeit, euch zu danken, dass ich diese meine erste Ferienfahrt machen darf. Gerade weil ich wegen des Privatunterrichts nie eine Schule von innen sah, scheint mir die Reise einige bedeutsame Erfahrungen zu verschaffen, derer ich bislang in meinen fünfzehn Lebensjahren noch nicht habhaft werden konnte. Und ich stelle mir ernstlich die Frage, ob ihr bei allem Wohlwollen, das ihr mir fraglos entgegenbringt, nicht doch gleichzeitig meine Entwicklung in mir erst langsam klarwerdendem Ausmaß behindert habt.


„Wie kann der Junge nur so etwas zu denken wagen? Wenn er sein Jura- und danach sein Medizin-Studium beendet haben wird, steht ihm die Welt offen. Welche Erfahrungen mögen es sein, von denen er spricht?“
„Du wirst, meine Liebe, schon in Kürze gewahr werden, was er meint.“

Bevor ich weiter schildere, was ihr wissen solltet, denkt zunächst an einen Lichtschalter. Die Helligkeit, die ein schlichter Druck auf ihn auslöst, umgibt mich, wenn ich die Sprache meiner Altersgenossen hier höre. Sie bedienen sich etlicher Worte, die ich bislang nicht kannte. Und bei denen ich auch zweifle, ob ihr sie kennt.

Die Hausherrin zog den Kopf nach hinten und die Augenbrauen nach oben, legte die Stirn in Falten und saß, einem Fragezeichen gleich, auf der Kante des Diwans.
„Ich denke, Wernfried, wenn Florentin heimkehrt, werden wir ihn züchtigen müssen. Wirst DU ihn züchtigen müssen. Und solche Fahrten wird er nicht mehr unternehmen. Für seine weitere kulturelle Bildung haben wir persönlich zu sorgen!“
„Wenn er denn heimkehrt, Hildegard, wenn!“
„Kehrt er nicht?“
„Ich bin mir keinesfalls sicher.“

In der Früh stehen wir um fünf Uhr auf, begeben uns in den Kuhstall und legen die Melkmaschinen an. Dennoch war es dem Bauern wichtig, dass wir ebenso lernen, es von Hand zu tun. Das Gefühl, das ein Euter vermittelt, gleicht am ehesten einer von der Sonne beschienenen Decke aus Kurzhaar. Das Empfinden, eine Zitze zu drücken, löst zwar auch einen Vergleich bei mir aus, diesen behalte ich jedoch mit Rücksicht auf euch für mich. Nach dem Melken wird ausgemistet, wie sie hier sagen. Und frisches Futter bereitgestellt.

„Unser Sohn kümmert sich um die Hinterlassenschaften von Rindern?“, stieß Hildegard hervor.
„Es hat den Anschein, als wenn er dies sogar regelmäßig tut“, sagte Wernfried.
„Bei Gott, was muss es für seinen Geruchssinn bedeuten, jene Tortur über sich ergehen zu lassen. Nicht umsonst fehlte mir bislang der Mut, den Pferdestall zu betreten.“
„Nun, meine Liebe, es mag dich erstaunen, aber vermutlich hat nicht jeder ausreichend Personal, das die Pferde in den Hof führt, wenn man ausreiten möchte.“
„Ich kann mir niemanden unseres Standes vorstellen, der seine Schuhe der Gefahr eines Fehltrittes aussetzen würde!“
„Genau dazu schreibt Florentin etwas.“

Gestern morgen passierte Epochales. Ich trat am Beginn der Wiese, auf der die Kühe weiden, in eine rundliche, weiche und gar noch warme Masse. Mein Schuh war in Gänze darin verschwunden. Ich sah nach unten, zog den Fuß langsam hoch. Ein sehr starker Duft stieg auf, wie er allerdings auch in den Stallungen vorherrscht. Der Bauer lachte. Als ich ihn fragte, was das sei, nannte er es einen Kuhfladen. Er wollte wissen, ob mir das zum ersten Mal passiert sei, was ich bejahte. Da sprach er folgenden Satz zu mir, dessen Tragweite philosophischen Ausmaßes ist. ‚Sei froh! Wenn du noch nie in der Scheiße gestanden hast, weißt du nicht, wie das Leben funktioniert.’ Ich bin geneigt zu erkennen, dass er die Wahrheit spricht. Was hatte ich bislang an Schwierigkeiten zu bewältigen, die ihr mir nicht aus der Hand nahmt?

„Dieses undankbare Kind! Von den Wohltätigkeitsveranstaltungen wissen wir, dass es Millionen gibt, die es weit schlechter getroffen haben und unser Herr Sohn beklagt sich darüber, keine Probleme zu kennen.“
„Florentin wächst heran, Hildegard. Möglicherweise ahnt er bereits, dass die Welt da draußen der seiner Kindheit nicht in allen Punkten gleicht.“
„Seit er weiß, dass er etliche Jahre auf der Universität verbringen wird, werden ihm die Unterschiede klar.“
„Als hättest du es geahnt ...“

So glaube ich mittlerweile, noch viele andere Dinge außerhalb unseres Schlosses lernen zu müssen. Ihr plantet für mich bisher die beiden Studiengänge. Von Jugendlichen, mit denen ich hier sprach, musste ich mich verlachen lassen, dass ich dagegen nicht aufbegehrt habe. Sie motivierten mich, stachelten mich geradezu an, selbst herauszufinden, was ich studieren möchte. Und zunächst nur ein Studium, nicht zwei hintereinander. Ich solle reisen, die Welt kennenlernen. Und ich glaube inzwischen, dass ich wirklich viel mehr unterwegs sein sollte. Wenn ich es recht betrachte, bietet unser Schloss sicher ein Plus an Bequemlichkeit, erfüllt in seiner Funktion aber für mich in etwa die eines Gefängnisses.

Freifrau von Ruhwedel brach in Tränen aus und ergoss diese in den Diwan, auf den sie sank. Wernfried streichelte ihr beruhigend den Kopf.
„Wie kann er mir das antun“, schluchzte sie wiederholt.
„Wir werden eine Weile Zeit haben, über diese Frage nachzudenken, Hildegard. Hör, was er weiter zu sagen hat.“

Ich denke, dass ich zunächst meinen Aufenthalt hier ein wenig verlängere. Zu Unterrichtsbeginn bin ich wieder zu Hause. Seid unbesorgt, die Schule wird ordentlich beendet. Allerdings bitte ich euch um die Erlaubnis, auf das örtliche Gymnasium wechseln zu dürfen.

Zum Ende noch etwas, das meine Aufmerksamkeit erregte. Gemeinsam mit Bianka, einer mir erfreulich zugewandten jungen Dame, mit der ich so manch interessante Stunde in abgelegeneren Bereichen des Hofes zubrachte, und dem Bauern diskutierte ich über ein zutiefst fragwürdiges Phänomen dieser Zeit.


„Ich will es gar nicht mehr wissen, Wernfried. Da opfert man sein ganzes Leben, damit es der Nachwuchs einmal besser hat, und erntet Hohn und Spott.“
„Der Brief geht dem Ende entgegen, meine Liebe, es ist bald geschafft. Einen letzten Absatz gilt es noch zu verdauen.“
Die Freifrau umklammerte das Kopfteil des Diwans und hielt, der atemlosen Spannung gehorchend, die Luft an.

In so gut wie jeder größeren Stadt gibt es Filialen verschiedener Anbieter, die ihren Gästen kleine gebratene Fleischscheiben vorsetzen. Sie werden in ein Brötchen gehüllt, mit einer Gurke und einer Tomate, gelegentlich mit Käse garniert, in Plastik verpackt und auf einem Tablett liegend mit vierkantförmigen Kartoffelstücken und chemisch anmutenden Getränken zum Verzehr bereitgehalten. Diese Form der Nahrungsaufnahme stammt wohl aus dem fernen Amerika und ist dort landesüblich. Das Fleisch ist das von Rindern. Der Bauer meinte nun, dass offenbar Gerüchte kursieren, es werde nicht nur das Muskelfleisch verarbeitet, sondern auch noch anderes. Seine Tirade gipfelte darin, dass er sagte: ‚Fehlt nur, dass die uns gehäckselte Kuhtitten auf den Rost knallen!’ Nach einer kurzen Erläuterung der Vokabel durch den Landwirt in dessen eigenen Worten war mir klar, dass ich mich seiner Initiative anschließe, die diese Entwicklung zu bekämpfen versucht. Ich bin, wie Bianka, mehr denn je der Meinung, dass Titten geschützt werden müssen, ganz gleich, wem sie gehören. Alles Liebe, Florentin

Freiherr von Ruhwedel steckte das Papier ins Kuvert zurück und wandte sich seiner Frau zu. Die war zwischenzeitlich vom Diwan auf den Fußboden gerutscht. Gemessenen, dennoch ruhigen Schrittes, ging Wernfried an das Haustelefon.
„Martin, bringen Sie bitte das Riechsalz für die Gnädigste und verständigen Sie den Arzt. Kompliment übrigens für den Brief. Gehäckselte Titten ... auf was Sie so alles kommen!“
„Wenn ich helfen konnte, Ihrem Sohn einen Wunsch zu erfüllen, war es mir eine Freude.“
„Florentin hat jetzt erst mal Spielraum. Rufen Sie ihn nachher noch an und sagen ihm, dass die Verlängerung seiner Ferien in Ordnung geht. Die Anmeldung auf dem Gymnasium auch. Und ja, Sie haben schon recht. Ich muss mich ab sofort mehr in die Erziehung einbringen.“

(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 25.09.2011 - 14.44 Uhr
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