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Landleben | September 2011
Die Erbschaft
von Bernd Kleber

2001

Ein Gutshaus und ein Mantel. Wie war ich zu diesem Erbe gekommen?
Ich sitze im Regionalexpress, der seinen Weg durch die Uckermark schaukelt. Meine Schl├Ąfe wird gek├╝hlt vom Nass der Scheibe, an der mein Kopf lehnt.
Ich sehe in die Heide. Birken und Weiden schie├čen an mir vor├╝ber. Dazwischen immer wieder kleine Inseln Laubw├Ąldchen mit Seen. Ich liebe diese Landschaft. So saftig, so fruchtbar.
Meine Mutter, Vera, Verchen genannt, erz├Ąhlte, dass der Teich hinter dem Gutshaus, in einem pl├Âtzlichen Winter angeflogen gekommen w├Ąre.
Schw├Ąne h├Ątten sich damals in Ostpreu├čen auf einem T├╝mpel niedergelassen. Und als ein unerwarteter Eissturm sie festfrieren lie├č, begannen sie in ihrer Panik mit den Schwingen zu schlagen und zu flattern, bis sie sich samt Eisscholle in die Luft erhoben.
Hinter dem Gutshaus, zu dem ich jetzt unterwegs bin, lie├čen sie sich nieder. Meine Patentante lebte dort. Ich muss l├Ącheln.
Wie sch├Ân war das mit Tante Mathilde und Mutter, wie hatte das Schicksal diese ungleichen Frauen auf einen gemeinsamen Weg gef├╝hrt? ├ähnlich wie die Schw├Ąne den Teich nach Gut Sarnow gebracht hatten: Unerwartet.
Ich erinnere mich der Abende am Kamin. In der Halle des Gutshauses lauschte ich, wenn Mutter und Mathilde nebeneinandersa├čen und aus ihrer Kindheit erz├Ąhlten. Die Geschichten waren immer sehr lebendig, auch lustig oder anr├╝hrend. Sie schilderten schwierige K├Ąlbergeburten, lachten ├╝ber wachsame G├Ąnse, erinnerten an treue Sch├Ąferhunde und jubilierten von abenteuerlichen Ausfl├╝gen in die Uckermark.
Aber die Geschichte vom Mantel ist die sch├Ânste, die konnte ich nicht oft genug h├Âren.

1941-1945

Elfriede, meine Gro├čmutter, hatte sich in drei ihrer dicksten M├Ąntel geh├╝llt, den alten Kinderwagen aus dem Keller geholt und mit dem, was sie f├╝r das Wichtigste hielt, bepackt. Ein Gebetsbuch, ein Fotoalbum, die Geburtsurkunden, eine Puppe f├╝r ihre Tochter Verchen und W├Ąsche, vor allem jedoch wertvollen Schmuck sowie Porzellan zum Tauschen.
Sie kalkulierte genau, was sie mitnahm. Auf der Karte hatte sie sich angesehen, wie weit es nach Skandinavien war. Sie w├╝rden mit der S-Bahn bis an den Stadtrand fahren. Die Reichsbahn mussten sie meiden, von Bernau aus w├╝rden sie laufen. Bis R├╝gen! Von Sassnitz aus wollte sie einen Kutter f├╝r sich und ihre Tochter nehmen.
Verchen hatte sie etwas von Kinderlandverschickung erz├Ąhlt. Und so machte sie sich in ihr gr├Â├čtes Abenteuer auf. Sie musste mehr Nahrung f├╝r sich und das Kind organisieren.
Nach m├╝hseligen Stunden und einer Nacht im Stra├čengraben, w├Ąhrend der sie ihre Tochter unter ihre M├Ąntel geh├╝llt hatte, erreichten sie Gut Sarnow.
Elfriede schob Verchen vor den Wagen, dr├╝ckte ihr die Puppe in den Arm, dann klopfte sie an das Tor. Das Klopfen hallte in ihren Ohren wider. Sie hatte das Gef├╝hl, ihr Herz werde aus dem Hals springen. W├╝rde man sie wieder fortjagen?
Sie wollte sich schon zum Weitergehen abwenden, ein Hund bellte w├╝tend, als sich das Tor einen Spalt ├Âffnete. Es klirrte die Kette des Hofhundes, an der er riss, und Elfriede sah jetzt, wie er im Kreis sprang. Das Knarren des Tores erzeugte viele Erwartungen. Hinter dem Tor trat eine selbstbewusst wirkende Frau hervor.
Elfriede fragte stammelnd nach Unterkunft und Brot, bot zwei Sammeltassen daf├╝r an. Die Frau, die sich da mit strenger Flechtfrisur aufbaute, stemmte die H├Ąnde in die H├╝ften. Ein buntes Tuch flatterte um ihre Schultern. Da schob sich ein Kind an ihr vorbei. Sie schmiegte sich an Mutters Rock und sah gebannt Vera an.
So standen die vier und r├╝hrten sich nicht. Das M├Ądchen zupfte an der Kleidung ihrer Mutter, die sich hinabbeugte. Dann fl├╝sterte die Kleine. Die Frau straffte ihren K├Ârper: ÔÇ×Wie alt ist Ihre Tochter?ÔÇť
ÔÇ×Verchen ist zehn, wird zehn im n├Ąchsten Monat. Sag `Guten Tag!`, Verchen!ÔÇť Elfriede schob sie ein wenig vorw├Ąrts.
ÔÇ×Zehn, soso, meine hier, die Mathilde, ist acht und ich wei├č nicht, warum ich das jetzt tue, aber sie d├╝rfen eine Nacht bleiben. Mathilde bat mich darum. Kommen Sie! Aber ich warne Sie, nur weil mein Mann an der Front ist, bin ich nicht wehrlos.ÔÇť
Sie liefen ├╝ber den dunklen Hof, Frau von Sarnow machte den Hund los, ÔÇ×Hasso, komm!ÔÇť, der folgte schwanzwedelnd.
Die Gruppe bewegte sich schweigend ins Haus.
Dort angekommen forderte die Gutsherrin: ÔÇ×Den Mantel Ihrer Kleinen will meine Tochter. Ich gebe Ihnen etwas anderes, vielleicht sogar w├Ąrmeres, da wird sich etwas finden lassen. Geben Sie ihn mir gleich.ÔÇť
Mit spitzen Fingern nahm sie den an sich und trug ihn in einen Verschlag unter der Treppe. Verchen begann zu weinen.
Dann forderte die Gastgeberin Elfriede auf, ihr zu folgen.
Sie liefen durch eine gro├če wei├č-blau geflieste K├╝che, deren Zentrum eine riesige Kochmaschine beherrschte. Das Holz daneben roch frisch geschlagen. Kleine Harzbahnen liefen in den Wunden, wie Tr├Ąnen ├╝ber faltige Haut.
Hinter der K├╝che gab es eine Gesindestube. In der Mitte ein Eichentisch, auf dem eine Vase mit Strohblumen stand. An der Wand prangte ein Kreuz mit dornenbekr├Ântem Heiland. Selten in dieser protestantischen Gegend. Sp├Ąter stellte sich heraus, dass dieses Kreuz Maria, der polnischen Magd, geh├Ârte.
Die Hausherrin ├Âffnete eine noch kleinere T├╝r, Elfriede musste den Kopf einziehen und sah in eine winzige Stube mit zwei Betten, frische karierte W├Ąsche war aufgezogen. Es duftete nach Lavendel, der getrocknet an der Wand hing. Es gab kein Fenster, daf├╝r aber einen Eisenofen, einen Kleiderschrank und einen Stuhl.
ÔÇ×Hier k├Ânnen Sie eine Nacht bleiben, ich bringe Ihnen gleich etwas Milch und Brot. Und noch eins, wir schieben vor diese T├╝r den Besenschrank, das hat sich bew├Ąhrt.ÔÇť
Elfriede nickte mehrmals. Mathilde hielt die Hand ihrer Mutter und hatte keinen Blick von Vera gelassen.

Am n├Ąchsten Morgen wurde Elfriede durch Rufe wach und Schritte waren in der K├╝che zu h├Âren. Sie sprang aus dem Bett, zog sich eine Strickjacke ├╝ber und ├Âffnete die T├╝r. Da stand sie vor der Schrankr├╝ckwand. Sie hielt sich mit weit ge├Âffneten Augen den Mund zu. Laute Stimmen auf der anderen Seite der Bretter. Mit einer Hand machte sie hinter sich warnende Zeichen. Da war irgendwas im Gange.
Als wieder Ruhe einkehrte sackte sie wegen weicher Knie zusammen, froh, dass sie so schnell reagiert hatte und Verchen kein Mucks von sich gegeben hatte.

Wie sich herausstellte, hatten die Gutsfrau und ihre Magd der SS Lebensmittel f├╝r die Winterhilfe ├╝bergeben m├╝ssen. Nachdem die Soldaten mit Kartoffeln, Eier und Speck beladen waren, fuhren sie davon.
Elfriede bedankte sich f├╝r das Verstecken und sah verlegen auf die Hausherrin.
Die fragte aufgeregt: ÔÇ×Sie wissen aber schon, dass wir uns im Krieg befinden? Meine Nerven machen das nicht mehr mit!ÔÇť Dann setzte sie sich auf einen Schemel und weinte. Maria winkte ab. Elfriede trat n├Ąher und legte ihre Arme um die schluchzende Frau von Sarnow. Die lehnte ihren Kopf an den Bauch der Stehenden.

Die M├Ądchen Mathilde und Vera wurden Freundinnen. Ihre M├╝tter auch. Die Kinder spielten auf dem Hof, gingen mit Hasso spazieren und trieben sich durch W├Ąlder und Felder. Elfriede half auf dem Hof und war froh ├╝ber jeden weiteren Tag, den sie bleiben durften.

An einem Fr├╝hlingstag 1942 kam Vera schreiend auf den Hof gerannt. Sie war kaum zu beruhigen. Bis sie endlich klar vernehmlich artikulierte, vergingen bange Minuten. Man hatte auf der Landstra├če Mathilde auf einen Laster gehoben und mitgenommen. Wer? Uniformierte! Wo? Kurz vor Carinhall. Wieso? Keine Ahnung! Wo war Verchen in dem Moment? Hatte sich im Unterholz versteckt.

Beide Frauen beratschlagten hektisch, was zu tun sei. Das Kind musste aus den Klauen der Machthaber befreit werden.
Elfriede riet, Heidelinde solle direkt bei G├Âring oder dessen Gutsverwalter in Carinhall fragen, wo ihre Tochter sei. Die Gutsherrin pochte auf ihren Adelstitel und stimmte zu, ihr Mann war schlie├člich Offizier der Luftwaffe.
Sie besprachen Details, wie sich Elfriede und Verchen w├Ąhrend der Abwesenheit der Gutsbesitzerin zu verhalten h├Ątten. Heidelinde von Sarnow schrieb in ordentlichen Druckbuchstaben eine Personenbeschreibung f├╝r die Fahndung auf. Dunkle Z├Âpfe, blaue Augen. Welche Schuhe trug sie, welche Str├╝mpfe? Die Gesichter der Frauen erstarrten in marmornem Grau, als Verchen unter Tr├Ąnen verriet, dass Mathilde heimlich aus dem Verschlag den Mantel geholt hatte.
Drei Tage sp├Ąter war die Freude gro├č, als Heidelinde und ihre Tochter auf dem Hof mit einem Motorrad mit Beiwagen ankamen. Nachdem der Motorradfahrer den Hof verlassen hatte, fielen sich die Kinder weinend und lachend in die Arme. Man hatte Mathilde in Ravensbr├╝ck ausfindig gemacht.
Bis Kriegsende blieben Elfriede und Verchen bei Heidelinde und Mathilde und Maria, inzwischen unzertrennlich. Oberst von Sarnow kam nicht aus dem Krieg zur├╝ck.
Elfriede und Verchen kehrten in das zerbombte Berlin heim.

2001

An all das denke ich, inzwischen auf dem Gut angekommen. Die Jahre w├Ąhrend der DDR-Zeit hatte das Gut ├╝berstanden, war nie in staatliche H├Ąnde gefallen. Ein Gl├╝cksfall. Mathilde wurde meine Patentante, konnte leider nie selbst Kinder empfangen. Viele Ferientage habe ich hier verbracht. Mathildes Mutter hatte ich nicht kennen gelernt. Aber Magd Maria hatte ich geliebt, sie hatte hier bis zu ihrem Tod gelebt und gearbeitet.
Die Tochter, die in meinem Bauch temperamentvoll boxt, wird Mathilde hei├čen.
Ich gehe durch die verwaiste K├╝che auf das kleine Zimmer hinter dem Besenschrank zu. Ich ├Âffne die T├╝r mit zitternder Hand. Der Lichtstrahl, der sich hineindr├Ąngelt, erfasst sofort den Mantel, der auf einem Kinderb├╝gel am Schrank h├Ąngt.
Der Mantel, der zu diesem Gut geh├Ârt, zu der Geschichte und zu den Frauen darin. Blauer Boucl├ę-Stoff, brauner Kaninchenfellkragen und ...
der goldene sechszackige Stern, den Tante Mathilde bei ihrer ersten Begegnung mit meiner Mutter so wundersch├Ân fand.

Letzte Aktualisierung: 08.09.2011 - 08.50 Uhr
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