Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Landleben | September 2011
Rinderwahnsinn (oder Gone with the wind)
von Hajo Nitschke

Autsch! Was für ein Trampel! Die reißt mir noch die Zitzen ab, die dusselige Kuh!

‘tschuldigung, ich vergaß, dass Sie meine Gedanken lesen können. Vielleicht sollte ich …

Volltrottel, diese Katrin! Mensch, pass doch auf!

Zieht und rupft wie eine Wahnsinnige, die Braut. Nicht lange, und meine Zitzen haben einen Blutstau. Voll Porno oder was? – Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, vielleicht sollte ich uns erst mal vorstellen. Wir befinden uns in der Hall of Fame – im Stall von Bauer Aloys. Mit dem kommen wir gut aus. Das heißt, wir kamen. Wir, das sind zum Beispiel sechs ganz in Braun gekleidete Damen im besten Milch-Alter. Gestatten, von links nach rechts Susi, Wilma, Hanna, Resi, Adelheid und ich, Tamara. – „Mädels, sagt Hallo!“

„Muuuh!!“

Hörte sich das für Sie nur wie „Muh“ an? Etymologisch bedeutet es mit drei U‘s „Hallo!!“. „Muh“ heißt „Ja“ und „Muuh“ logischerweise „Nein“. Der Rest ergibt sich aus Lautstärke, Hebungs-Senkungs-Kurve und Anzahl der Ausrufezeichen.
Ursprünglich waren wir sieben. Doch Ulysses hat Yvonne als Kundschafterin hinter die Linien geschickt. Nach fast hundert Tagen kam sie heimlich zurück und erstattete Meldung, ein illegaler Quartierwechsel sei zu riskant. – Mission erfüllt. Sie ließ sich ganz nach Plan wieder einfangen und brachte die Leute dazu, ihr einen Kurlaub zu bewilligen.

Fuck! Das war wieder zu fest. Aufhören!

Hat echt ‘nen Sockenschuss, die Schabe! Melken konnte sie noch nie, alles andere ist Absicht. Aloys ist ihr hörig, und daher muss es leider heißen: Wir kamen gut mit ihm aus. Jetzt aber wollen wir nur noch weg.

Die Tussi hat ihn glatt überredet, aus Kostengründen im Winter auf unser Kraftfutter zu verzichten. Und den Stall nicht zu flicken, obwohl es tierisch zieht. Auch den neuen Melkautomaten hat sie untersagt, und so sind wir unsensibelster Handarbeit ausgeliefert. Das Infamste: Wir mögen noch so zappelig werden: Unser Stier wird nächstes Jahr verkauft. Ab dann Fremdbesamung ohne Direktkontakt! Als ob wir Milchmädchen keine Gefühle hätten. Von Ulysses ganz zu schweigen!
”By’n bye hard times come a-knocking at the door …” Wie lange muss ich das wohl noch vor mich hin summen …?

Sogar der Rotwein, den man uns Müttern nach jeder Geburt flaschenweise eintrichtert, wurde gestrichen. Was für ein Geizkragen, die Schnepfe! Aber niemand hält zu uns. Höchstens Rauchi, doch der startet mit seiner Familie bald nach Afrika. Täte auch uns gut. Oder Indien. Hier jedenfalls herrscht Trübsal.
”Weep no more my lady, oh weep no more today …”

Scheißscheinwerfer – das geht auf keine Kuhhaut! Sind meine Augen denn Spiegeleier, hä? Ich muss meine Linsen zukneifen …


Ha! Dachte ich‘s mir doch: Halbtotale, Zoom – der Assi hält voll drauf. Und die TV-Tante schiebt ihre Sahneschnittchenmaske dekorativ neben mein Gesicht. Säuselt, wie behaglich ich mich fühle, wenn ich so genüsslich die Augen schließe. Sie lächelt und das Klatschvieh vor den Bildschirmen ist gerührt. Ich verfolge durch die Wimpern den Kameraschwenk auf die Tafel: ‚Tamara von Trautenstolz‘ steht dort über meinem Platz, außerdem, dass ich viereinhalb Jahre alt bin und mein drittes Kind Anfang Mai zur Welt kommt: in acht Monaten.

Endlich. Puh! – Drehtag vorüber, wurde auch Zeit.

„Muuuuh!!!“

Das ist ein langer Satz, unisono aus sechs Mündern. Sie erkennen ihn an den vier U’s mit Stimmsenkung: ‚Und Tschüss, zieht Leine und lasst euch hier nie mehr blicken!!!‘ – Katrin eilt dem Kamerateam hinterher: Ohne Galerie kein Handschlag …
Vor vier Monaten hat sie sich an Aloys rangesegelt. Brief geschrieben, ausgesucht worden, den Bauern beim Scheunenfest stierig gemacht. Die Klamotten waren reif für die Abfrackprämie: bedeckten nichts und enthüllten alles, nämlich eine überdimensionale Topografie und das unterbelichtete Hirn einer Intelligenzallergikerin.

Oh ja, ihr säugefähiges Euter gefiel dem Bauern. Aber er hat sich verdaddelt, denn ihre Milchproduktion dürfte im Fall der Besamung beträchtlich hinter der unsrigen zurückstehen. Außerdem hat Aloys jetzt nichts mehr zu melden. Selber schuld …

“Traudl, jetzt wird’s Zeit: Schöne Träume! Morgen lässt euch die Schnalle bestimmt raus.“

Das verspreche ich meinem Babyface jeden Abend, aber es wird nur selten wahr. Seit diese Hexe hier ist, kommen unsere Mädchen kaum ins Freie und die Kälber werden noch früher abgeholt als bisher. Zuletzt hat es Theo, meinen Jüngsten, erwischt. Wilmas kleiner Wotan ist schon zwei Jahre verschwunden. Niemand sagt, wohin. Einfach weg, wie vom Wind fortgetragen … Immer sind es die kleinen Bullen. Gerade mal etwas mehr als zwei Wochen war Theo an meiner Seite. Muss allerdings sagen, dass er in dieser Zeit erstaunlich viel und gute Nahrung bekam … Wo bist du, Baby? Geht’s dir gut? Wirst sicher auch mal so ein Leit-Stier wie Ulysses, aber ich werde es nie erfahren.

Wenn man vom Stier spricht … Da kommt Ulysses, gefolgt von Alma. Die beiden sind unser Thinktank, zu dem zuvor auch Yvonne gehörte. Die stecken seit Monaten die Köpfe zusammen. Irgendein Plan, aber noch geheim. Alma ist Adelheids Älteste, ‚Färse‘, wie der blöde Ochse auf ihre Tafel schrieb. Na ja, ein Knecht muss kein Germanist sein. Alma hat in ihrem ganzen zweijährigen Leben noch keinen Vers hingekriegt, geschweige denn mehrere. Stattdessen ist sie jetzt gebärfähig: Nachwuchs zeugen – kleine Schnullerbacken, aber no future.

Oha! Ulysses will uns heute den Plan verraten, höre ich soeben. Leider darf ich Sie vorerst nicht weiterlesen lassen. Wie gesagt: Top secret! Gehaben Sie sich wohl. Ich verabschiede mich mit einem unserer längeren Sätze: „Und Tschüss, ihr wart ein tolles Publikum, beehrt uns bald wieder“. Ebenfalls mit vier U’s, diesmal aber mit Schlusshebung und nur einem Ausrufezeichen:

„Muuuuh!“

***

22.09.2012

„Wir schalten jetzt um zu Kai Edel. Hallo Kai, kannst du mich hören und wie sieht‘s bei euch aus?“

„Danke. Ich stehe hier zusammen mit Ornithologen und anderen Experten sowie zahlreichen Schaulustigen auf einer der reservierten Prominenten-Plattformen des Felsens. Spannung liegt wie Elektrizität in der Luft … In diesem Moment wächst die herannahende Wolke ins Riesenhafte … Der Schwarm ist über unseren Köpfen! Alle starren wir mit angehaltenem Atem. Dicht an dicht drängen sich die Objektive. Was für ein Anblick! Lautlos schweben sie etwa dreihundert Meter über uns dahin, in derselben aerodynamischen Formation wie vor einem Jahr. Majestätischen Zeppelinen gleich. Die Beine grazil ausgebreitet, die Blicke wie entrückt in die Ferne gerichtet. Manchmal eine leichte Korrektur mit Bein oder Schwanz.

Wieder sind wir Zeugen eines Quantensprunges der Evolution. Sie fliegen. nein, korrekter gesagt, sie fahren wie Luftschiffe durch das ihnen eigentlich fremde Element. Seit einem Jahr müssen die Wissenschaftler ihre Bücher umschreiben. Es ist unfassbar, mir versagt es die Stimme. Lassen Sie die Bilder für sich sprechen und genießen Sie den Anblick ...“

„Danke, Kai Edel. Beim Jungfernflug vor einem Jahr war es nur die kleine Rinderherde von Aloys Huber in Bayern, die es zum Überwintern in den Süden zog. Bei ihrer Rückkehr wurde sie zum Multiplikator für andere Herden, inzwischen vereinigt der Schwarm Hunderte Kühe aus der ganzen Region. Soeben sind sie über die Straße von Gibraltar Richtung Marokko geflogen, ähm … gefahren. Bald werden sie in einer Reisehöhe von tausend Metern nach Zentralafrika unterwegs sein. Über Südfrankreich, Pyrenäen, Spanien bis nach Afrika: Immer auf der Westroute und sprichwörtlich in Windeseile. Einige Kühe haben ihre Kälber wie im lageverkehrten Tandemflug huckepack auf dem Rücken. Sie sehen es jetzt noch mal in der Verlangsamung. Und hier – bitte einmal das Bild anhalten –, hier erkennen Sie in der Nahaufnahme deutlich eine Schwalbenfamilie auf dem Schädel des Leitbullen vorneweg: Seltsame Wege der Natur!
Sehen Sie gleich auch unser Special …“


***

Hier ist Tamara, meine Lieben. Richtig, die Tamara. Es war alles sehr einfach: Methangas ist leichter als Sauerstoff und Stickstoff. Ulysses hat die Molekulargewichte genau errechnet, ebenso Neigungswinkel und Öffnungssequenzen der Mund- und Gesäßventile und Ausrichtung des Darmgebläses. Wir mussten dann nur die Flatulenz eine Woche unterdrücken, um Gas anzusparen. Der Rest war Sache der Technik: Dosiertes Windablassen, Auftrieb durch Verdrängung der Luft entsprechend unseres eigenen Volumens, Vortrieb, Steuerung und Abtrieb mit Beinen und Schwanz. Ansonsten sich weitgehend nur von der Thermik tragen lassen, voilà!

Rauchi, unser Schwalberich, hat sich als Navigator zur Verfügung gestellt. Bald wird die Route in unseren Genen gespeichert sein. Überall haben wir Flugschulen gegründet. Wären wir so zwanghaft wie ihr Menschen, würden wir sie Fahrschulen nennen.
Die Leute haben damals Stielaugen gemacht. Haben wohl an das Ende der Welt geglaubt, als sie uns über ihren Köpfen sahen. Katrin ganz bestimmt, denn wir zogen sie mit hoch und ließen sie in eine Jauchegrube fallen. Der Aloys hat die Hexe übrigens später vom Hof gejagt. Sie stank ihm …

“Summertime, and the living is easy …”

Yvonne nebst Anhang ist auch da. Mit der Milch gibt’s keine Probleme. Entweder saugen uns die Kleinen leer oder die eigenen Verwandten melken sich mit ihren großen Lippen gegenseitig. Traudl macht das sehr geschickt. Theo der Zweite ist nun ein Jahr alt. Er wurde einen Monat nach unserer ersten Heimkehr geboren. Ich bekam meinen Rotwein wie früher. Sogar einen Merlot, den mit dem grasigen Bukett. Und niemand hat meinen kleinen Jungen von mir getrennt, denn wir alle stehen unter Naturschutz. Über die uns dargebrachte Verehrung wären unsere Brüder und Schwestern in Indien neidisch.

“Oh your daddy’s rich and your mam is good looking. So hush little baby …”

Aus einem afrikanischen Nationalpark mit großen, wasserreichen Grüngürteln und saftigem Weidegras sendet

liebe Grüße
Ihre Tamara von Trautenstolz

Letzte Aktualisierung: 16.09.2011 - 09.29 Uhr
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