Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Landleben | September 2011
Lilli in der Stadt
von Sabine Barnickel

„Lilli?“
Leo wĂ€re fast ĂŒber die Reisetasche gestolpert, die mitten im Flur stand.
„Ich gehe. Ich habe keinen Bock mehr auf den Dreck, die Viecher, den Gestank und das alles.“
Sie stand vor ihm, HĂ€nde in die HĂŒften gestemmt. Ihre strohblonden Locken hĂŒpften, wie immer wenn sie sich aufregte. Er fragte sich, was jetzt wieder passiert war.
„Aber Lilli 
“
„Aber Lilli“, Ă€ffte sie ihn nach. „Nix ‚Aber Lilli‘. Ich habe die Schnauze einfach voll. Ich will mehr von meinem Leben, will etwas erleben ...“
Leo rang nach Worten. Sie war seine Jugendliebe, hatte ihren Kindergartenjob aufgegeben, um mit auf dem Hof zu arbeiten. Ab und zu hatte er das GefĂŒhl, sie wĂ€re nicht hundertprozentig glĂŒcklich. BegrĂŒnden konnte er das nicht und sie lachte ihn aus, wenn er sie fragte. Er wĂ€re nur ein Mann, was wĂŒsste er schon. Leo hatte sie nie dazu gedrĂ€ngt, nur BĂ€uerin zu sein. DafĂŒr hatte er versucht, ihr außerhalb des Hofalltags etwas zu bieten: Kino, romantisches Candle-Light-Dinner beim Italiener in der nĂ€chsten Stadt.
„
 Mal in den Urlaub fahren 
“
Gestaltete sich schwierig mit den Viechern, wie Lilli sie nannte. Jemanden einstellen, der ihn vertreten konnte, gaben die Finanzen nicht her. Sie wusste das besser als er.
„
 aber jetzt gehe ich erst mal nach Frankfurt.“
„Was willst du denn da?“
Lilli war immer die erste im Stall, wenn ein neues Kalb geboren wurde, fĂŒtterte die Kleinen, pĂ€ppelte sie wenn nötig auf.
„Was ich da will? Eben etwas erleben! Annemarie lĂ€sst mich erst einmal bei sich auf dem Sofa schlafen.“
„Und was ist mit mir?“
Sie sah zu Boden, griff sich die Tasche und drĂ€ngelte sich an ihm vorbei nach draußen. Sie war weg, ohne dass er den Grund erfuhr. Etwas erleben wollen. War das etwa ein Grund, alles hinzuwerfen, inklusive ihn?

Lilli bĂ€ndigte ihre wilden Locken, bekam eine Stelle in der KindertagestĂ€tte einer Privatbank und fand ein billiges Zimmer in einer WG mit Blick auf die stahl- und glasglĂ€nzende Skyline von Mainhattan. An diese Aussicht konnte sie sich nicht gewöhnen. An den Wochenenden stĂŒrzte sie sich mit ihrer Freundin Annemarie ins Frankfurter Nachtleben, wenn es ihr Geldbeutel zuließ. Sie genoss es, zu tanzen bis ihre FĂŒĂŸe genug hatten.

Manchmal telefonierte Lilli mit Leo und erkundigte sich, wie es auf dem Hof so lief. Manchmal sagte Leo ihr, wie sehr er sie vermisste. Er fragte nie, ob und wann sie zurĂŒckkĂ€me. Manchmal klang er sehr traurig. Manchmal sagte er: „Ich liebe dich.“ Dann legte sie ohne ein weiteres Wort zu sagen auf. Manchmal vermisste Lilli Leo auch.

Mit dem alten Fahrrad, bei dem die Bremsen quietschten, von den GĂ€ngen nur noch die HĂ€lfte richtig funktionierte und der Sattel knarrte, fuhr sie zur Arbeit. Wenigstens funktionierte die Klingel, um die FußgĂ€nger vom Radweg zu verscheuchen. An einer Ampel spuckte ein alter Diesel Ruß und Lilli musste husten. Das war, was sie am Berufsverkehr am meisten hasste. Heute war der erste Tag nach zwei Wochen Kindergartenferien. Sie freute sich auf die Kinder und darauf, was sie zu erzĂ€hlen hatten. Im Gemeindekindergarten war es das Schönste gewesen, wenn ihre SchĂŒtzlinge von ihren Sommererlebnissen berichteten. Meistens ging es um Tiere, auf BĂ€ume klettern, am Baggersee baden und alle redeten durcheinander. Bei der Erinnerung daran steigerte sich ihre Laune. Eine ihrer Locken stahl sich aus dem GefĂ€ngnis und fiel ihr frech ins Gesicht. Sie grinste und trat fester in die Pedale des alten Fahrrads.

„Wir waren eine Woche in Eurodisney in Paris. Das war toll,“ sagte Charlotte.
„Pah, das ist ja gar nix“, rief Marlon. „Wir waren in Amerika. In Disneyland und Disneyworld. Da gibt es die tollsten Achterbahnen. Sogar Papa hatte Angst! Nur ich nicht.“
Charlotte streckte Marlon die Zuge heraus. Die Kinder versuchten sich gegenseitig zu ĂŒbertrumpfen. So hatte Lilli sich das nicht vorgestellt. Sie strich sich die freche Locke aus dem Gesicht und steckte sie hinters Ohr.
Die kleine Marlene saß ganz still da.
„Und Marlene, warst du weg?“
„Mama musste arbeiten. Ich war bei Oma. Die hat einen Bauernhof.“
Ein paar Kinder kicherten.
„Ist ja langweilig.“ Marlon gĂ€hnte.
„Die hat ganz viele Tiere. HĂŒhner, Enten, Hasen und KĂŒhe.“
„Blablabla“, sagte Charlotte.
Marlene schossen TrÀnen in die Augen.
„Hör nicht auf die anderen. ErzĂ€hl ruhig weiter.“ Lilli nickte ihr aufmunternd zu.
„Die KĂŒhe sind toll. Und gar nicht lila.“
Lilli lÀchelte und die Locke rutsche wieder hinter dem Ohr vor..
„Und am allerbesten sind die Kuhbabys. Die durfte ich fĂŒttern.“
„Stimmt“, sagte Lilli, „die sind echt toll.“
Marlene strahlte.

Leo stolperte ĂŒber etwas, was im Flur lag, und fiel fast hin. Er fluchte, dann sah er was es war: Es war eine Reisetasche.
„Lilli?!“

Letzte Aktualisierung: 06.09.2011 - 09.05 Uhr
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