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Landleben | September 2011
Lilli in der Stadt
von Sabine Barnickel

„Lilli?“
Leo wäre fast über die Reisetasche gestolpert, die mitten im Flur stand.
„Ich gehe. Ich habe keinen Bock mehr auf den Dreck, die Viecher, den Gestank und das alles.“
Sie stand vor ihm, Hände in die Hüften gestemmt. Ihre strohblonden Locken hüpften, wie immer wenn sie sich aufregte. Er fragte sich, was jetzt wieder passiert war.
„Aber Lilli …“
„Aber Lilli“, äffte sie ihn nach. „Nix ‚Aber Lilli‘. Ich habe die Schnauze einfach voll. Ich will mehr von meinem Leben, will etwas erleben ...“
Leo rang nach Worten. Sie war seine Jugendliebe, hatte ihren Kindergartenjob aufgegeben, um mit auf dem Hof zu arbeiten. Ab und zu hatte er das Gefühl, sie wäre nicht hundertprozentig glücklich. Begründen konnte er das nicht und sie lachte ihn aus, wenn er sie fragte. Er wäre nur ein Mann, was wüsste er schon. Leo hatte sie nie dazu gedrängt, nur Bäuerin zu sein. Dafür hatte er versucht, ihr außerhalb des Hofalltags etwas zu bieten: Kino, romantisches Candle-Light-Dinner beim Italiener in der nächsten Stadt.
„… Mal in den Urlaub fahren …“
Gestaltete sich schwierig mit den Viechern, wie Lilli sie nannte. Jemanden einstellen, der ihn vertreten konnte, gaben die Finanzen nicht her. Sie wusste das besser als er.
„… aber jetzt gehe ich erst mal nach Frankfurt.“
„Was willst du denn da?“
Lilli war immer die erste im Stall, wenn ein neues Kalb geboren wurde, fütterte die Kleinen, päppelte sie wenn nötig auf.
„Was ich da will? Eben etwas erleben! Annemarie lässt mich erst einmal bei sich auf dem Sofa schlafen.“
„Und was ist mit mir?“
Sie sah zu Boden, griff sich die Tasche und drängelte sich an ihm vorbei nach draußen. Sie war weg, ohne dass er den Grund erfuhr. Etwas erleben wollen. War das etwa ein Grund, alles hinzuwerfen, inklusive ihn?

Lilli bändigte ihre wilden Locken, bekam eine Stelle in der Kindertagestätte einer Privatbank und fand ein billiges Zimmer in einer WG mit Blick auf die stahl- und glasglänzende Skyline von Mainhattan. An diese Aussicht konnte sie sich nicht gewöhnen. An den Wochenenden stürzte sie sich mit ihrer Freundin Annemarie ins Frankfurter Nachtleben, wenn es ihr Geldbeutel zuließ. Sie genoss es, zu tanzen bis ihre Füße genug hatten.

Manchmal telefonierte Lilli mit Leo und erkundigte sich, wie es auf dem Hof so lief. Manchmal sagte Leo ihr, wie sehr er sie vermisste. Er fragte nie, ob und wann sie zurückkäme. Manchmal klang er sehr traurig. Manchmal sagte er: „Ich liebe dich.“ Dann legte sie ohne ein weiteres Wort zu sagen auf. Manchmal vermisste Lilli Leo auch.

Mit dem alten Fahrrad, bei dem die Bremsen quietschten, von den Gängen nur noch die Hälfte richtig funktionierte und der Sattel knarrte, fuhr sie zur Arbeit. Wenigstens funktionierte die Klingel, um die Fußgänger vom Radweg zu verscheuchen. An einer Ampel spuckte ein alter Diesel Ruß und Lilli musste husten. Das war, was sie am Berufsverkehr am meisten hasste. Heute war der erste Tag nach zwei Wochen Kindergartenferien. Sie freute sich auf die Kinder und darauf, was sie zu erzählen hatten. Im Gemeindekindergarten war es das Schönste gewesen, wenn ihre Schützlinge von ihren Sommererlebnissen berichteten. Meistens ging es um Tiere, auf Bäume klettern, am Baggersee baden und alle redeten durcheinander. Bei der Erinnerung daran steigerte sich ihre Laune. Eine ihrer Locken stahl sich aus dem Gefängnis und fiel ihr frech ins Gesicht. Sie grinste und trat fester in die Pedale des alten Fahrrads.

„Wir waren eine Woche in Eurodisney in Paris. Das war toll,“ sagte Charlotte.
„Pah, das ist ja gar nix“, rief Marlon. „Wir waren in Amerika. In Disneyland und Disneyworld. Da gibt es die tollsten Achterbahnen. Sogar Papa hatte Angst! Nur ich nicht.“
Charlotte streckte Marlon die Zuge heraus. Die Kinder versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen. So hatte Lilli sich das nicht vorgestellt. Sie strich sich die freche Locke aus dem Gesicht und steckte sie hinters Ohr.
Die kleine Marlene saß ganz still da.
„Und Marlene, warst du weg?“
„Mama musste arbeiten. Ich war bei Oma. Die hat einen Bauernhof.“
Ein paar Kinder kicherten.
„Ist ja langweilig.“ Marlon gähnte.
„Die hat ganz viele Tiere. Hühner, Enten, Hasen und Kühe.“
„Blablabla“, sagte Charlotte.
Marlene schossen Tränen in die Augen.
„Hör nicht auf die anderen. Erzähl ruhig weiter.“ Lilli nickte ihr aufmunternd zu.
„Die Kühe sind toll. Und gar nicht lila.“
Lilli lächelte und die Locke rutsche wieder hinter dem Ohr vor..
„Und am allerbesten sind die Kuhbabys. Die durfte ich füttern.“
„Stimmt“, sagte Lilli, „die sind echt toll.“
Marlene strahlte.

Leo stolperte über etwas, was im Flur lag, und fiel fast hin. Er fluchte, dann sah er was es war: Es war eine Reisetasche.
„Lilli?!“

Letzte Aktualisierung: 06.09.2011 - 09.05 Uhr
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