Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Landleben | September 2011
Welt in Ordnung
von Gerhard Fritsch

Gleich neben der Media-Markt-Anzeige „Ich bin doch nicht blöd“ fand sich ein Inserat der Schraubflut AG, in dem Interessenten zu einem Schnuppertag im neuen Mittnacht-Seniorenheim auf dem Lande eingeladen wurden.
Toll, dachte sich Margarethe und machte sich sogleich auf den Weg.

„Ich bin Margarethe“, stellte sie sich vor, „ich liebe das Landleben und finde es ganz phantastisch, dass es ein Seniorenheim in dieser schönen Gegend gibt.“
Eine Menge Leute schüttelten ihr nun die Hand und begrüßten sie aufs Allerherzlichste, nicht nur Leute vom Personal, sondern auch Insassen, die sich bereits ein Plätzchen im Heim gesichert hatten.
„Sieh dich ruhig um“, sagte ein älterer Herr mit bismarckähnlichem Aussehen, „und sei ohne Sorge, wenn du einmal Hilfe brauchst, sind wir alle für dich da, schließlich handelt es sich hier ja um betreutes Wohnen.“

Klasse, dachte Margarethe und begann ihren Rundgang durch das Heim.
Gleich neben dem Empfang befand sich ein Gesellschaftsraum, in dem sich Bewohner gegenseitig Märchen und rührselige Erlebnisse aus ihrer Kindheit oder einfühlsame Episoden vom letzten Weltkrieg erzählten. Einige, die Ähnliches erlebt hatten oder die sich mit solchen Dingen auskannten, erhoben leichte Einwände, weil sie etwas richtigstellen wollten, aber im Großen und Ganzen waren alle hellauf begeistert.

Ein Pfleger wies Margarethe darauf hin, dass es noch mehr solcher Aufenthaltsräume gab. Im nächsten, den sie besuchte, ging es sehr viel ruhiger zu. Dort saßen Männer und Frauen, die häkelten, Kreuzworträtsel lösten (oder es zumindest versuchten) oder gemeinsam mit anderen etwas bastelten. Vier spielten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.
In einem anderen Raum fand gerade ein Kochkurs statt. Überwiegend Frauen waren dort vertreten. Sie schnitten Zwiebeln und rührten in Töpfen. Eine holte gerade einen Gugelhupf aus dem Ofen, der anscheinend besonders gut gelungen war, woraufhin alle frenetischen Beifall spendeten.
Im nächsten Gruppenraum waren zwei Mitarbeiter eines Tierheimes zu Besuch, die insgesamt drei Hunde und vier Katzen mitgebracht hatten, die von den Bewohnern nach Lust und Laune gestreichelt werden konnten, was die Tiere jeweils mit Schnurren oder Abschlecken belohnten.

Auch die Cafeteria fand Margarethe sehr interessant. Witze wurden dort erzählt und gegenseitig Rätsel gestellt. Einige berichteten, was sie am Vortag gegessen hatten oder im Fernsehen gesehen hatten. Auf der Außenterasse hatte sich ein Alleinunterhalter mit seinem Keybord niedergelassen, der in weichen Tönen Lieder von Heino und Roy Black zum Besten gab.

Plötzlich aber kam Unruhe auf. Bewohner drängten ins Freie, und in den oberen Stockwerken wurden Fenster aufgerissen. Viele standen mit ausgebreiteten Armen da und reckten ihre Nase in die Luft. Nach einem tiefen Einatmen folgte ein befreites „Ahhhhhh“ und „Herrlich“.
Im Hintergrund sah man ein landwirtschaftliches Fahrzeug auf einem Acker hin- und herfahren, und am Geruch, der in der Luft lag, erkannte man, dass es Gülle verteilte.

„Das ist es, was unsere Bewohner am meisten mögen“, erklärte ein Pfleger, „denn sie kennen das von früher her. Hier draußen ist die Welt halt noch in Ordnung.“

„Ja“, sagte Margarethe, „das hat mich überzeugt.“

Letzte Aktualisierung: 02.09.2011 - 16.18 Uhr
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