Bitte lächeln!
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Landleben | September 2011
Vollbluttouristen
von Robert Poleschny

„Kiek mal, da is et!“
Ein junges Mädchen zupfte hektisch am Ärmel ihrer Freundin, während sie sich die gepiercte Nase am Fenster des Busses platt drückte.
„Ey geil, wie abjefahrn is dit denn? Ick bin voll uffjeregt!“
Der Bus hielt vor einer Auffahrt, dessen Holztore geöffnet waren und den Blick auf einen gepflasterten Hof freigaben. Die Fassaden der drumherum stehenden Gebäude sahen brüchig und feucht aus und erinnerten ein wenig an blutende Wunden. Rot- weißes Absperrband zeugte davon, dass an diesem Ort etwas geschehen war.
Paul erhob sich vom Beifahrersitz, setzte sein Grinsen auf und drehte sich zu seinen sensationslüsternen Brötchengebern um.
„So, alles aussteigen. Der Ort des Schreckens liegt direkt vor Ihnen“, dabei grinste er noch breiter und fügte hinzu: „Bitte nicht den Kopf stoßen. Blut gab es hier ja schon genug.“
Mit einem Knopfdruck öffnete Paul die Tür und stieg aus dem Bus.
Sofort strömten an die sechzig Menschen aus dem Gefährt und durchbrachen die ländliche Stille mit einem Gegacker, das dem in einer Käfigbatteriehaltungsanlage in nichts nachstand.
Als die Reisenden an der frischen, aber gülledurchtränkten Luft waren, ging Paul vor und betrat das Gehöft. Jeder bemühte sich, nicht den Anschluss zu verlieren und watschelte hinter ihm her, wie Entenküken hinter ihrer Mama. Niemand wollte eine wichtige Anekdote überhören oder ein blutiges Detail übersehen.
Im Zentrum des Hofes blickte Paul noch einmal zurück und betrachtete den Bus, in den er ihr letztes Erspartes hinein gesteckt hatte. Auf der Seite prangte eine Kuh, die mit blutroten Buchstaben befleckt war:
Muh- ssaker- Tours.
Paul spürte eine innere Zufriedenheit, die ihm ein Lächeln auf den Mund zauberte. Er stellte sich vor, wie sich diese Menschen in einer halben Stunde in den Bus drängten wie der Arm des Besamungstechnikers in die zu befruchtende Kuh.
Paul musste sich das Lachen verkneifen ob der Visualisierung in seinem Kopf. Bald hatte er Feierabend und würde seinem finanziellen Traum wieder ein Stückchen näher sein. Auch wenn Blut an diesem Geld klebte, hatte er kein schlechtes Gewissen.
„Das Wichtigste habe ich Ihnen ja schon im Bus erläutert. Ich möchte Sie nur noch mal eindringlich daran erinnern, nichts zu berühren und zu fotografieren. Dies ist immer noch ein Tatort!“
Paul ließ das Gesagte wirken. Er wollte nicht, dass Bilder herumgereicht wurden, dann im Internet auftauchten und ihn schließlich entlarvten. Erst als alle nickten, verteilte er die versprochenen Wäscheklammern.
„So, jetzt möchte ich Sie nicht länger auf die Folter spannen. Wer weiß, vielleicht begegnen wir ja den armen Opfern, die noch immer hier herumgeistern.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
Paul lächelte, murmelte etwas, das nach immer die gleiche Reaktion klang und marschierte zu einer Tür, die ins Innere des Domizils führte. Langsam drückte er die Klinke hinunter und stemmte sich gegen das Holz. Draußen war die Luft zum Zerreißen gespannt, während sie im Haus nach Verwesung und Tod roch. Er hoffte, dass der Gestank beseitigt werden konnte. Doch im Moment gaben diese Ausdünstungen dem Ganzen eine noch stärkere Authentizität. Frei nach dem Motto: Genießen mit allen Sinnen. Alle steckten sich die Klammern auf die Nase. Jeder wollte der Erste sein, um später, im Freundeskreis, genau damit angeben zu können.
Paul stellte sich mit dem Rücken zur Kochstelle und beobachtete seine Ausflugsgruppe.
Es wunderte ihn jedes Mal, was für unterschiedliche Typen hier aufkreuzten.
Vom blass geschminkten Gruftie über gut situierte Rentner bis hin zu übergestylten, Hello Kitty bekleideten Girlies. Alles war vertreten. Selbst eine Nonne war schon einmal mit dabei.
„Wenn Sie Fragen haben, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung.“, damit überließ er die Küche den Schaulustigen und lehnte sich zurück.
Alle waren sprachlos und wandelten herum, als könnten sie durch ihre bloße Gegenwart die Vergangenheit verhindern. Sie stierten auf die blutbefleckten Wände, um jedes Detail in ihr Gehirn zu brennen. Verzogene Münder, zusammengekniffene Augen und ständiges Abwenden, begleitet mit würgendem Stöhnen, standen im krassen Gegensatz zu ihrer Anwesenheit an diesem Ort. Sie wollten das sehen. Alle wollten es.
„Und hier is dit passiert?“
Die Stimme kam vom anderen Ende der Küche und gehörte dem gepiercten Mädchen, das einen Lolli lutschte und gelangweilt wirkte. Paul fragte sich, ob jemand wirklich so blöd sein konnte. Schließlich sah die Küche aus, als wären sie in einem Schlachthaus. Trotzdem blieb er ruhig, wollte sich jedoch ein bisschen Sarkasmus nicht verkneifen.
„Warten Sie, ich schaue noch mal in meine Unterlagen.“, dabei blätterte Paul in ein paar Papieren herum, zog eines heraus, las es sich kurz durch und sagte:
„Ja, hier sind wir richtig. Das ist der Raum.“
Miss Nasenring schaute ihre Freundin an.
„Irgendwie hatte ick mir dit krasser vorjestellt.“
Paul verdrehte die Augen und blickte auf seine Uhr. Noch hatte er Zeit, bevor der nächste Bus eintrudelte. Trotzdem wollte er fortfahren und seinen Touristen etwas für ihr Geld bieten.
„Wie eben schon erwähnt, begann hier das ganze Drama. Laut Polizeibericht ist der Mann mit der Axt in die Küche gestürmt und hat mehrere Male auf seine Frau eingeschlagen, eingehackt oder wie immer sie das nennen möchten. Jedenfalls weiß niemand, warum er das getan hat. Sie schaffte es, trotz schwerster Verletzungen, in den Flur, in dem die nächsten hinterhältigen Attacken folgten.“
Paul machte eine kleine Pause. Er wusste, dass diese Informationen, die für die Meisten nichts Neues, in Verbindung mit der Anwesenheit am Tatort aber harter Tobak waren. Dann fuhr er fort.
„Wenn ich Sie nun bitten dürfte, mir in den Korridor zu folgen.“
Mit langen Schritten ging er zur Tür, öffnete sie und trat hindurch. Auch hier dekorierten rote Spritzer die Wände.
Dieses Mal blieb das andere Mädchen vor einem Stillleben stehen, auf dem ein Korb mit Orangen abgebildet war. Kreischend rief sie ihre Freundin zu sich.
„Ey krass, kiek mal. Dit jibt dem Bild doch n janz neuen Sinn. Blutorangen!“
Beide krümmten sich vor Lachen und hielten sich die Bäuche, um sich kurz darauf ein „High Five“ zu geben.
„Du bist echt so geil“, damit drehten sie sich um und gingen weiter den Flur entlang.
Die anderen Teilnehmer waren nicht so euphorisch.
Geschockte, blasse Gesichter, schwitzende, am Dekolleté klebende Hände und leises Geflüster über die Unglaublichkeit dieses bestialischen Verbrechens waren die Reaktionen auf das Gesehene.
Paul war das nur recht. Solange sie sich so verhielten, blieb sein Unternehmen in den schwarzen Zahlen, auch wenn Rote in diesem speziellen Fall passender wären.
„So und nun wartet noch ein kleiner Höhepunkt, den ich bis zum Schluss für sie aufgehoben habe.“
Alle waren plötzlich wieder ganz munter. Die anfängliche Sensationslust war zurückgekehrt und Gier stand in ihren Augen.
„Hierzu müssen wir uns auf die Rückseite des Hofs begeben. Ich gehe schon einmal vor. Schauen sie sich ruhig noch etwas um.“
Paul ging nach draußen und atmete tief durch. Die Luft im Haus war wirklich fast unerträglich. Dann machte er sich auf den Weg.
Nach und nach trudelten die Anderen aus dem Gebäude und versammelten sich auf der verabredeten Wiese. Ganz hinten am Zaun, neben einem himmelblauen Toilettenhäuschen, in dessen Tür das obligatorische Herz hineingeschnitzt war, stand Paul.
Dann war es soweit.
„Ich hoffe, der heutige Ausflug hat ihnen gefallen. Bevor wir nun wieder in den Bus steigen, haben sie die einmalige Gelegenheit, etwas zu sehen, dass diese Tour unvergesslich macht.“ Er wartete ein paar Sekunden, während alle ihn erwartungsvoll anschauten. Dann fuhr er fort.
„Ich möchte sie auch hier darauf hinweisen, nichts zu berühren.“ Paul öffnete die Tür.
„Bitte schön.“
Ein synchrones Geräusch des Entsetzens setzte ein.
Auf dem Donnerbalken lehnte die Axt, dessen Schneide mit etwas Braunem überzogen war. Jedem war klar, wo der Ursprung dieses klebrigen Zeugs war. Trotzdem wollten alle einen genaueren Blick drauf werfen.
„Hier ist der Ort, an dem das Blutbad mit dem Selbstmord des Bauern sein Ende fand.“ Paul wartete auf einen Kommentar von seinen „Freundinnen“ und wurde nicht enttäuscht.
„Da hat der sich wohl den Kopp abjekackt. Äh, ick meene abjehackt?“
Der nächste High Five war fällig, begleitet von johlendem Gelächter.
„Komm, wir jehn schon mal zurück. Ick muss ma noch die Kuhkacke aus den Schuhrillen pulen.“
Zwanzig Minuten später war der Rundgang beendet. Atemlos und völlig gerädert schlurften die Touristen zum Bus. Für die Meisten war das Dessert des drei Gänge Menüs, in Form der Axt, zu viel.
Für Paul war es ein Sieg auf der ganzen Linie. Jemand, der am Ende der Tour diese physischen Erscheinungen hatte, war zufrieden. Das gleiche Phänomen war nach einem Marathon zu beobachten. Befriedigende Erschöpfung.
Als alle Passagiere im Bus saßen, fuhr der nächste Reisebus vor. Auch er gehörte zum selben Unternehmen und war vollgeladen mit Vollblut-Touristen, inklusive des Hello Kitty Shirts.
„Noch ein kleines bisschen Geduld. Gleich treten wir die Heimfahrt an.“
Paul ging zum anderen Bus und winkte die Touristenführerin hinaus.
Sie begaben sich außer Hörweite der Reisenden.
„Na, mein Schatz, wie lief es?“
Johanna lächelte ihren Mann Paul an, unterließ es jedoch, ihn mit einem Kuss zu begrüßen.
„Super. Wenn das so weitergeht, können wir unseren Hof bald wieder in Betrieb nehmen und haben dann immer noch genug Geld, falls es mal wieder nicht so gut laufen sollte.“
Johanna nickte zufrieden.
„Du hattest recht“, sie blickte sich verschwörerisch um, „aber keinen interessiert es, ob dieser Ort der richtige ist. Es war wirklich Schicksal, dass ausgerechnet unser Dorf genau den gleichen Namen trägt wie das, in dem das Massaker stattgefunden hat. Ich meine natürlich Muh- ssaker.“
Dabei zwinkerte Johanna ihrem Mann zu und ging zurück.

Letzte Aktualisierung: 27.09.2011 - 14.41 Uhr
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