Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Landleben | September 2011
Landliebe
von Martina Bracke

Auf Marek lasse ich nichts kommen. Der ist anders.

Die Mertins hatten sich um einen Fremdarbeiter beworben. Sie konnten Hilfe auf dem Hof gut gebrauchen. Die Landwirtschaft hatte Hochkonjunktur. Wenn auch vieles in Deutschland am Boden lag, taten sie ihre Pflicht, um die Bevölkerung satt zu bekommen. Und nur mit ihrer Tochter Liesel allein schafften sie es nicht.

Marek ist fleißig. Und sauber. Gut, dass wir ihn haben.

Die Liesel hatte ein liebes Wesen. Und sie konnte schaffen. Das zählte. Verhätschelt hatten sie ihre Eltern nicht, obwohl sie das einzige Kind blieb. Zur Volksschule war sie gegangen. Dann half sie auf dem Hof. Ein Bräutigam musste irgendwann gefunden werden. Vielleicht der Karl-Otto. Wenn er aus dem Krieg zurückkehrte.

Marek macht seine Arbeit. Der ist in Ordnung.

Den Marek suchten sich die Mertins aus. Es ging fast zu wie auf dem Viehmarkt. Wirkten sie jung und kräftig? Ein bisschen abgemagert sahen sie schon aus. Aber der Bauer erkannte sofort, dass der Marek zu gebrauchen war. Er sprach zwar kein Wort deutsch, aber das ließ sich ja ändern. Früher kamen ja auch schon Polen nach Deutschland. In der Industrie hatten ganz viele gearbeitet.

Was geht der Marek immer so schnell aufs Zimmer? Kaum dass das Essen vorbei ist.

Der Marek hatte Glück. Der Hof der Mertins war groß und warf einiges ab. Hier hungerte keiner. Er musste nicht ins Lager, bekam eine eigene Kammer. Über dem Stall. Sauber und ordentlich. Weglaufen lohnte sich nicht. Wohin hätte er gehen sollen? Die, die es versuchten, hatten sie ganz schnell wieder eingefangen. Und was dann? Sie hätten ihn nur abtransportiert.

Ist der eigentlich katholisch?

Von einem polnischen Bauernhof kam der Marek. Jeden Abend betete er. Gern wäre er auch am Sonntag in die Kirche gegangen, aber das war per Erlass verboten. Auf dem Hof bewegte der Marek sich frei, durfte auch mit am Tisch sitzen. Wer arbeitet, muss auch essen. Alle saßen am Tisch. Auch die Liesel. Die Liesel betrachtete den Marek erst ganz argwöhnisch.

Polen sind keine Russen. Das fehlte noch.

Oft nahm der Marek der Liesel die Wassereimer ab. Das Wasser musste vom Brunnen geholt werden. Dem Marek machte das nichts aus, nur der Bauer durfte es nicht mitbekommen. Schließlich gehörte es zu Liesels Aufgaben, Wasser zu holen.

Marek ist so komisch. Irgendwas ist.

Nur noch alle paar Wochen gab es jetzt Kuchen, nicht mehr jeden Sonntag. Die Liesel steckte dem Marek immer wieder ein Stück zu. „Danke“, sagte Marek als erstes deutsches Wort, und Liesel brachte ihm noch mehr bei. Er sprach zwar mit einem fürchterlichen Akzent, aber er lernte gut. Das brachte den Bauer in die Bredouille, denn der Marek verstand viel mehr, als man dachte. Wenn Besuch kam, durfte er auf keinen Fall in die Nähe und was sagen.

Der hat ein Geheimnis. Was mit dem Feind?

Manchmal erzählte er der Liesel von daheim. Von den Feldern und Wiesen und Wäldern. Heimweh klang aus seinen Worten. Er malte mit der Sprache eine Landschaft, die der Börde ähnelte, aber auch ganz anders schien. Volksfeste, die sie gefeiert hatten. Burschen, die eine Liebste suchten, und die fast alle im Feld starben. Schlachtfeld. Der Marek wusste nicht, wie es Eltern, Großeltern und drei Geschwistern ging.

Wo treibt der sich denn auf einmal rum? Komm, lass uns seine Sachen durchsuchen.

Die Liesel nahm gern seine Hand und strich darüber. Tröstete den Marek. Manchmal erzählte auch sie von früher. Der Zeit vor dem Krieg. Wie sie morgens schon früh aufstanden, um die Hühner zu füttern. Wie sie von der Schule heim eilten, um auf dem Hof zu helfen. Wie sie auf den Markt in die Stadt fuhren, wie sie Kirchweih feierten. Die Mädchen mit den Burschen tanzten und einen Liebsten suchten.

Nichts. Vielleicht sollten wir ihm nachgehen.

Der Marek und die Liesel stellten fest, dass sie ganz ähnlich waren. Und beide träumten sie von friedlichen Zeiten, von einem Leben auf dem Hof. Sie wollten säen, die Pflanzen gedeihen sehen und ernten. Dabei sein, wenn die Kälbchen auf die Welt kamen, Kühe auf die Weide lassen, abends melken und müde, aber meist zufrieden ins Bett fallen.

Hast du gesehen, wie der guckt? Der hat doch was zu verbergen.

Krieg wollten sie sich nicht vorstellen. Der Marek hatte schon zuviel gesehen. Manchmal schreckte er nachts aus einem Albtraum hoch, die Liesel nahm ihn dann in den Arm, wenn sie es geschafft hatte, sich aus dem Haus zu ihm in die Kammer zu schleichen. Ein bisschen ängstigte sie sich vor Gott, denn beide wussten, dass sie sündigten. Aber sie liebten sich. Und sie hatten sich lange dagegen gewehrt.

Ich bin mir sicher, der hat was eingesteckt. Schließ das Haus nachts ab.

Vor den Eltern hatten sie auch Angst. Und vor der Polizei. Aber sie konnten nicht anders. Wenn sie zusammenlagen, vergaßen sie den Krieg und die Eltern und die Polizei. Und es zählte nicht, dass der Marek Pole war. Und dass er als Feind galt.

Doch, der ist nachts weg. Heut' Nacht bleibe ich wach.

Warm hatten sie es im Federbett. Manchmal schauten sie zu den Sternen, die durch die Dachluke blinkten. Manchmal lauschten sie auf das Scharren der Tiere im Stall, sie rochen das Heu und das Stroh. Der Marek genoss den Duft, den Liesel verströmte, und die Liesel fühlte sich geborgen in Mareks starken Armen.

Da, da schleicht er. Wir müssen zur Polizei gehen.

Hin und wieder verließ er sie für einen Moment, um Gurken oder Wurst aus der Vorratskammer für die Liesel zu holen. Auch nach Schwarzbrot gelüstete es sie ab und zu. Sie freuten sich, dass die Liesel ein Kind erwartete. Und sie liebten das Ungeborene.

Wo ist eigentlich die Liesel?

Aber was sollten sie tun? Der Krieg ging weiter. Sie konnten nicht heiraten. Der Marek würde verhaftet und deportiert werden. Die Liesel müsste mit der Schande leben. Das Kind hätte es schwer. Die Liesel musste gehen. Zu der Tante vielleicht. In die Wirtschaft. Bald. Bald müsste sie fort. Es ging schon zu lange. Sie würde in der Ferne warten. Bis die Soldaten zurückkehrten. Bis Friede wäre. Einen kleinen Koffer vom Dachboden hatte sie schon gepackt. Von der Tante aus wollte sie einen Brief schicken.

Wir gehen rüber, der hat sich das Kind geschnappt, der nimmt sie als Geisel, der tut dem Kind was an!

Auf den Weg zum Stall nahm der Bauer ein Schlachtermesser mit, die Bäuerin bewaffnete sich mit einer Heugabel. Trotz aller Vorsicht knarrten die Holzstufen zum Boden. Aber das Stöhnen, das aus der Kammer drang, übertönte alles andere. Der Bauer eilte hinauf, stieß die Türe auf, dass sie an die Wand polterte, und schrie: „Marek! Lass die Liesel los!“
Die Bäuerin drängte sich an seine Seite und erstickte ihren Schrei mit dem Handrücken.
Liesel und Marek fuhren auseinander, die Bettdecke verrutschte. Liesels Bauch war nicht mehr zu übersehen. Fünfter Monat.

Was haben die beiden gedacht? Wie lange hätten sie das geheim halten wollen? Eine Deutsche und ein Pole. Man sollte sie beide ...

Gott sei Dank endete der Krieg ein paar Wochen später. Der Pfarrer traute die Liesel im sechsten Monat mit dem Marek, aber nur nach einer geharnischten Predigt. Das Gerede verstummte erst zwanzig Jahre später. Heute leben glücklich und zufrieden ihre Kinder und Enkelkinder auf dem Hof Danzig bei Paderborn. Und der Marek und die Liesel haben immer frische Blumen auf dem Grab.

© mb2011, 3. Version

Letzte Aktualisierung: 27.09.2011 - 10.38 Uhr
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