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Landleben | September 2011
Kein schöner Land in dieser Zeit
von Andrea Will

Endlich Urlaub! Die kleine Fee traf schon am frühen Morgen im Land der Almen und sanften Berge ein. Gleich im ersten Hof bot man ihr eine Bleibe. So holte Amaryllis ihre Rollschuhe aus dem Koffer und begab sich auf Entdeckungsreise. Bald jedoch erwies sich der Untergrund als rollschuhuntauglich, und so hingen die fahrbaren Untersätze über ihrem Rücken. Sie störten dort nicht, denn Amaryllis war eine besondere Fee. Eine ohne Flügel.

Auf der Wiese stand auf vier Beinen etwas Großes, Weißes. Es hatte schwarze Flecken und äugte mit großen Augen zu der Besucherin hinüber. Neugierig trat Amaryllis näher.
„Guten Tag, ich heiße Amaryllis. Du kommst mir bekannt vor. Was für ein Tier bist du?“

„Mann, diese Städter! Aber das Wort Kuh sagt dir doch etwas, oder?“
„Kuh?“, wiederholte die Fee und kratzte sich am Kopf. Im Fernsehen waren die doch lila und trugen einen großen Schriftzug auf dem Leib.
„Na und? Hast du hier goldene Hasen mit einer roten Schleife um den Hals erwartet? Oder einen Bären?“
„Das nicht, aber ich hatte eine andere Farbe in Erinnerung.“
„Ha!. Du meinst lila! Nein, nein. Ich bin eine ganz gewöhnliche Kuh, darf den ganzen Tag Gras fressen und werde gemolken. Die lila Kuh ist meine Halbschwester, wenn du die meinst. Ich bin übrigens die Eusebia.“
In diesem Moment näherte sich eine Katze:

„Matschefloh, Matschefloh, ja, das macht die Katze froh.“

Eusebia verdrehte die Augen.
„Dieses idiotische Geplärre bringt mich noch um. Wie oft muss ich dieses Lied noch ertragen? Davon bekommt man ja eine Katzenallergie!“
Doch die Katze fuhr umso schräger fort:

„Matschefloh, Matschefloh, ja, das macht die Katze froh.“

Die Kuh stampfte mit den Beinen und schlug vor, Amaryllis den Hof zu zeigen, um dem jämmerlichen Gesang zu entrinnen. Und so geschah es. Auf dem großen asphaltierten Innenhof schnallte sich die kleine Fee sofort die Rollschuhe an und fuhr wieselflink um ihre Fremdenführerin herum und mal hier hin und mal da hin. Ein Bauer, der eine Mistkarre schob, kreuzte ihren Weg. Eusebia stellte ihn als Klaus Tal vor, den Bauern, dem hier alles gehöre und nach dem der Hof seinen Namen habe. Ob das ein Nachfahre des Schachweltmeisters Michael Tal sei, wollte Amaryllis wissen. Eusebia nickte.

Sie sagten Hallo zu Leo, dem Hahn, der wie immer hoch oben auf dem Misthaufen stand und aller Welt mit einem „Hihihiiiiieee!“ kund tat, wer hier weit und breit das Alfa-Tier sei.
Gleich dahinter trafen sie auf einem Grünstreifen ein paar Schafe. Aber diese waren so dämlich, dass sie noch nicht mal ihren eigenen Namen wussten. Von morgens bis abends blökten sie ihre Dummheit in die Gegend. Der Fee fielen diese eigenartig kleinen Kaffeebohnen auf.
„Das? Das nennt man Schafsköttel. Die sind zu blöd, um einen anständigen Haufen zu setzen. Hier, schau mal, ich …“ Und die kleine Fee wurde Zeuge des Abwurfes eines ganz erstaunlichen riesigen Fladens, auf den Eusebia sehr stolz zu sein schien.

„Matschefloh, Matschefloh, ja das macht die Katze froh.“

Da war der Quälgeist wieder! Eusebias Puls beschleunigte sich, man sah es ihr an. Gleich würde ihr vor Wut das Euter platzen.
„Mach, dass du fortkommst. Du bist die schlechteste Sängerin der Welt, es ist eine Schande! Du solltest lieber Mäuse fangen, aber dazu bist du nicht zu gebrauchen!“
Und wie zur Bestätigung erschien eine Mäusefamilie, tanzte um die Katze herum und machte ihr eine lange Nase. Jene aber gab eine Zugabe nach der anderen, mit jedem Mal schrecklicher anzuhören. Offensichtlich trieb ein lange schwelender Konflikt zwischen Kuh und Katze seinem Höhepunkt entgegen. Nein, sonderlich zugetan waren sich das Rindvieh und die Katze nicht. Dabei hieß es doch immer ‚Landliebe‘ – von Liebe keine Spur!
Eusebia, die nun ernsthaft eine Allergie kommen sah, erbat sich Amaryllis‘ Rollschuhe. Sie schnallte diese an die Klauen der Hinterbeine, richtete sich auf und suchte das Weite. Man sah sie mit einer eleganten Kurve um Leos Misthaufen herum verschwinden.

Amaryllis begab sich auf die Suche nach Eusebia und den Rollschuhen. Ein Schwein, das sich als Rudi vorstellte, suhlte sich im Matsch und hielt einen Vortrag über die Vorzüge desselben für Körperhygiene und Immunsystem. Als sich die Fee dem Hofhund näherte, knurrte dieser nur und fletschte die Zähne. Dass es Amaryllis keinesfalls um seinen Knochen zu tun war, schien er nicht zu begreifen. Ähnlich ahnungslos zeigte sich bald darauf eine Ziege. Obwohl sich Amaryllis keines Verstoßes gegen höfliche Umgangsformen bewusst war, meckerte die Ziege aufdringlich. Was sind hier nur für komische Wesen vertreten, wunderte sich die kleine Fee, aber ihre Rollschuhe hatte sie immer noch nicht zurück.

Zuletzt betrat sie den Stall. Und wer hatte sich hier im hintersten Winkel mit zitterndem Fell versteckt? Natürlich: Eusebia. Amaryllis war froh, ihre kleinen Fahrgestelle zurückzuhaben und fühlte sich mit ihnen an den Füßen gleich wohler. Aber sie hatte vergessen, die Stalltür hinter sich zu schließen, und schwupp, war der singende Dämon hinterhergehuscht. Sein grauenhaftes Stakkato erfüllte den Stall bis oben hoch zum Schwalbennest, wo man Mühe hatte, die Jungen davor zu bewahren, aus dem Nest zu fallen:

„Mat – sche - floh – Mat – sche - floh- ja - das - macht - die – Kat - ze - froh.“

Welches akustische Inferno! Strohballen fielen um, Mäuse kamen aus ihren Löchern und rasten durch den Mittelgang ins Freie und Eusebia zeigte alle Anzeichen von Panik. Aber die Katze fuhr ohne jede Variation, dafür mit hämischem Augenaufschlag, fort.
„Matschefloh, Matschefloh, ja das …“

In diesem Augenblick geschah mit Eusebia eine Verwandlung: Ihre schwarzen Flecken färbten sich lila und dehnten sich über den massigen Körper aus, bis die ganze Milchlieferantin von Kopf bis Euter lila gefärbt und wie Espenlaub zitternd zu Boden sank. Amaryllis handelte geistesgegenwärtig: Sie packte das singende Katzenklo am Genick, raste mit ihm auf den Hof und schleuderte es oben auf den Misthaufen, wo sogleich ein Streit entbrannte, wer der größte Sänger sei.

Zurück im Stall fand die Fee Eusebia in etwas entspannterer Haltung vor, aber immer noch lila, immer noch nach Luft ringend. Der Schwalbenvater verließ sein Nest unter dem Dach, setzte sich auf Amaryllis‘ Schulter und zwitscherte ihr die ganze Wahrheit ins Ohr. Dass nämlich dieses elende Katzenlied wirklich nicht auszuhalten sei. Dass sie, die Schwalben, sich daher jedes Jahr nach Flüggewerden der Brut für sechs Monate in den Süden begeben, wo sie vor diesem Nervtöter sicher seien. Und dass es Eusebia mit der Wahrheit nicht so genau nehme. Sie sei weder mit einem verstorbenen Schachweltemeister verwandt noch habe sie eine Halbschwester, und niemand anders als sie selber sei diese lila Milka-Kuh aus dem Fernsehen. Der Bauer sei einfach nur der Bauer Heinrich. Allerdings treffe der Name Klaus-Tal-Hof zu: Heinrich sei lediglich der Pächter.
Die Kuh allerdings bekomme beim Matschefloh-Lied tatsächlich eine Katzenallergie, die sich in dieser lila Farbe ausdrücke. Nicht oft, aber immer öfter.

Mit solchen Informationen ausgestattet verließ Amaryllis den Stall. In sicherer Entfernung ließ sie sich auf einer Regentonne nieder, um sich von diesem Chaos zu erholen. Leo, der mit lila gewordenem Kamm und Gefieder an ihr vorbeizischte, nahm sie nur noch am Rande wahr. Und dass es vom Misthaufen her triumphierend

„Matschefloh, Matschefloh, ja, das macht die Katze froh“

erscholl, verdrängte sie aus ihrem Bewusstsein. Sie brauchte jetzt wirklich eine Pause.
Die kleine Fee zog bedächtig einen schlanken Schoko-Riegel aus der Tasche und wickelte ihn aus dem Papier. Have a break, have a Kitkat, las sie … Dann holte sie ihr Radio nach draußen, um den Tag mit etwas Musik ausklingen zu lassen. Die Sonne begann ihren Sinkflug, Schafe, Schwein und Ziege strebten auf Eusebias Stall zu, Leo, wieder in alter Farbenpracht, trieb seine Glucken ins Hühnerhaus und der Hofhund verkroch sich in der Scheune. In die friedvolle Stimmung hinein ertönte wie bestellt ein Lied von Amaryllis‘ schwarzbebrilltem , weißblonden Lieblingsinterpreten. Amaryllis schloss die Augen, und so entging ihr zuletzt, dass die Katze, lila gefärbt, vom Misthaufen sprang und in der Dämmerung verschwand. Da waren nur noch die Gitarrenklänge und diese sonore Stimme:

Kein schöner Land in dieser Zeit …

Letzte Aktualisierung: 26.09.2011 - 18.28 Uhr
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