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Landleben | September 2011
Grummet-Ernte
von Thea Derado

Renate erhebt sich im Sattel, um mit ihrem ganzen Körpergewicht in die Pedale zu treten. HartnĂ€ckig meint sie, die letzte Steigung bis zu der Aussichtsbank oben am HĂŒgel noch schaffen zu mĂŒssen. Schließlich gibt sie auf und schiebt die letzten Meter. Die Kondition lĂ€sst nach, stellt sie leicht resigniert fest. Nix ist mehr, wie’s mal war.
‚Als Kind bin ich auch im Stehen geradelt, wenn ich zufĂ€llig mal ein Erwachsenenfahrrad erwischen konnte. Da reichten die Beine nicht vom Sattel bis zu den Pedalen. KinderrĂ€der gab es ja keine, jedenfalls nicht fĂŒr mich. Wie gut die es dagegen heutzutage haben! Die eigenen Kinder können bereits nicht mehr nachvollziehen, um wie viel eingeschrĂ€nkter unser Leben damals war.
Und die Enkel erst! Wo stecken die eigentlich? Die kriegen nahezu alles, mitunter gar bevor sie davon trĂ€umen. Vielleicht will ich mir ja mit Geschenken meine KindheitswĂŒnsche nachtrĂ€glich erfĂŒllen?
Wer weiß, wie lange ich es noch vermag. Sehr schnell kann Gevatter Hain zuhauen mit seiner Sichel.‘

Sie lehnt ihr Rad an den Baum und lĂ€sst sich auf die Bank plumpsen. Erst mal wieder zu Atem kommen! Ihr Gesicht wendet sie der SpĂ€tnachmittagssonne zu, die schon die Gipfel der Tannheimer Gruppe streift. Ach, tut das gut, fĂŒr einige Tage der TretmĂŒhle des Stadtlebens zu entkommen! Ihr wird ganz besinnlich zumute. Altwerden erscheint ihr wie ein kleiner Fingerzeig aus dem Jenseits, bewusster und intensiver die kleinen Freuden des Hierseins zu genießen.

„Omi! Wo bist du denn? Wir waren schon ganz hinten in dem WĂ€ldchen.“
Mit strahlenden Augen und glĂŒhenden Wangen pflanzen sich die neunjĂ€hrige Rike und der siebenjĂ€hrige Tomi vor ihr auf. Renate fĂ€hrt ihnen zĂ€rtlich durchs Haar.
„Entschuldigung, aber ne alte Frau ist nun mal kein D-Zug. Kommt, setzt euch zu mir. In meiner Satteltasche ist Apfelsaft, holt den euch raus! Ich finde es hier sehr schön. Oh, schaut doch!“
„Wo? Was?“
„Da, die junge Frau auf der Zugmaschine! Dass eine alleine das Grummet von der großen Wiese heimkriegt!“
„Was ist denn Grummet?“
„Der erste Grasschnitt im FrĂŒhjahr wird zu Heu, wie ihr wisst; den zweiten im SpĂ€tsommer nennt man Grummet oder Grumt.“
„Und was ist daran so sonderbar, Omi?“
„Naja, heutzutage ist es wohl normal. Mir fĂ€llt es nur gerade auf.“
„Was denn nur?“
„Als ich so alt war wie du, Tobi, das war im Krieg, da lebte ich ein Jahr lang auf dem Lande bei Bauern. In den StĂ€dten war es gefĂ€hrlich, weil da Bomben abgeworfen wurden. Im Sommer musste dann auch das Heu eingefahren werden. Das war eine Aufregung! Zwei MĂ€gde 
“
„Was sind MĂ€gde, Omi?“
„Oh, so nannte man die Frauen, die auf dem Bauernhof halfen. Die MĂ€nner, abgesehen vom Bauern, waren Knechte. Es gab noch keine Maschinen auf den Feldern, auch keine Traktoren. Nur Pferde, die zogen die unterschiedlichen GerĂ€te wie den Pflug oder die Egge. Auch den Erntewagen. Noch dazu war unser krĂ€ftigstes Pferd, der einzige Hengst, zum Kriegsdienst eingezogen worden. Also war die Stute vor den Leiterwagen gespannt, als es an der Zeit war, Heu einzufahren.
Tags zuvor hatten der Bauer und der Knecht mit Sensen die große Wiese abgemĂ€ht. Das Sensenblatt musste immer wieder mit einem Schleifstein gedengelt werden. Nachmittags zogen dann die Frauen mit Rechen hinaus aufs Feld, um das angetrocknete Gras umzuwenden. Am nĂ€chsten Morgen nochmals. Dann harkten sie das Heu zusammen, erst in lange Zeilen, und die dann zu Haufen. Das Feld lag nicht ganz nah beim Hof, und so wurde fĂŒr den Nachmittag das Vesperbrot in einem Korb mitgenommen. Gegen den Durst gab es bei der Sommerhitze Essigwasser mit Zucker drin.“
„Äh! Hattet ihr nichts Gescheiteres zum Trinken?“
„Oh, das war sehr erfrischend! - Schließlich hievten zwei Frauen und ein Knecht alles mit Heugabeln auf den Leiterwagen. Immer höher und höher hinauf! Ganz oben stand ich und trampelte das Heu fest, damit möglichst viel auf die Fuhre passte. Bansen nannten sie das, besonders dann in der Scheune, wenn in die letzte Ecke unterm Dach noch Heu oder Getreide eingestapelt werden musste.
Als wir noch auf dem Feld arbeiteten, zog in der Ferne ein Gewitter auf. Der Bauer war besonders nervös, und alle schufteten hektisch. Das Heu sollte ja trocken in die Scheune kommen.
Der Wagen war viel zu hoch beladen. Das arme Pferd schaffte es gerade mal so, das Fuder anzuziehen.
Von der Wiese auf den Feldweg ging es in eine Rechtskurve. Und da passierte es: Das schwere Fuder kippte, das Pferd hing in der Deichsel einen halben Meter ĂŒber dem Erdboden und schlug wild aus. Der Bauer fluchte wie ein Wilder, und alle zogen die Köpfe ein, um seinem Zorn zu entgehen. Er war ganz rot im Gesicht.“
„Und du? Hocktest du noch oben auf dem Fuder, Omi?“
„Nein. Zuvor hatte man mich schon runterspringen lassen. Aber ein Teil des mĂŒhsam hochgeladenen Heus lag wieder unten.
Ja, damals arbeiteten vier Erwachsene mehrere Stunden auf dem Feld fĂŒr einen Wagen voll Gras oder Heu.
Nun schaut, als ich mich hersetzte, hat die junge BĂ€uerin gerade erst mit der Mahd begonnen. Dann hat sie mit dem GerĂ€t, das jetzt dort am Wiesenrand steht, von der Zugmaschine aus alles in Reihen zusammengeharkt, und nun saugt sie es durch das dicke Rohr auf ihren AnhĂ€nger. Zum Essen wird sie schon wieder auf ihrem Gehöft sein.“
„Ich finde, zu deiner Zeit, Omi, das war doch viel lustiger. Hier kann ja gar nichts Aufregendes passieren, außer dass sie nicht genug Diesel im Tank hat. ErzĂ€hl mal noch mehr von frĂŒher.“
„Schieben wir dabei unsere RĂ€der, da komm ich nicht so außer Puste. Wir wollen sowieso zum Bauern, um Milch abzuholen. Ist euch gestern aufgefallen, wie brav die KĂŒhe der Reihe nach zur Melkmaschine marschieren? Die BĂ€uerin schafft so locker ihre vierzig MilchkĂŒhe alleine.“
„Und die Milch zutschelt‘s gleich in das VorhĂ€uschen in den riesigen KĂŒhlbehĂ€lter. Am Vormittag kommt ein Milchtankwagen und saugt alles ab. Hab‘s heute gesehen.“
„FrĂŒher war das im Sommer auch ein Problem, die Milch so gut zu kĂŒhlen, dass sie nicht schon sauer in der Molkerei ankam. Auch das Melken war kein Zuckerschlecken. Da kriegte man leicht mal den Kuhschwanz um die Ohren! Jede Kuh stand eingepfercht in einer schmalen Box. Die Melkerin saß auf einem niedrigen Schemel dicht an der Kuh, einen Eimer zwischen den Schenkeln, und strich abwechselnd ĂŒber die Zitzen des Euters. Wenn das jemand nicht gut schaffte oder mit rauen HĂ€nden das empfindliche Organ anfasste, dann konnte so ein Rindvieh ganz schön böse werden. Oft landeten auch Fliegen in der Milch. Die wurde deshalb durch ein Tuch in stĂ€hlerne Milchkannen geseiht. Noch am Abend fuhr dann der Bauer mit dem Pferdefuhrwerk zur nĂ€chsten Bahnstation, wo die Milch verladen und mit dem Zug zur Molkerei gebracht wurde. So war das jedenfalls im Erzgebirge in den letzten Kriegsjahren.“
„Aber im Winter, wenn ihr nicht aufs Feld musstet, da war es wohl bisschen langweilig auf dem Dorf.“
Renate erinnert sich: „Da mussten wir Federn schleißen.“
„Was ist denn das nun wieder?“
„Eine sehr empfindliche Angelegenheit“, lacht sie. „Wehe, jemand öffnete plötzlich die TĂŒr, dann wehte der Luftzug die ganze Pracht durch die KĂŒche!“
„Ich verstehe nur Bahnhof!“
„Der Bauer hatte ja auch GĂ€nse. Ich mochte den GĂ€nserich ĂŒbrigens gar nicht, und der mich wohl auch nicht. Wenn ich ĂŒber den Hof ging, zischte er hinter mir her und versuchte, mich in die Waden zu zwicken mit seinem Schnabel. Vor dem hatte ich einen Heidenrespekt!
Wurde Federvieh geschlachtet und gerupft, wanderten die Federn in ein SĂ€ckchen. Dann im Winter schĂŒttete die BĂ€uerin einen Haufen davon auf den großen Tisch in der kuschlig warmen KĂŒche. FĂŒr die KissenfĂŒllungen wurden da die weichen Federteile von den Kielen gezogen, vom dicken Teil her zur Federspitze. Das ist schleißen.“
„Aufs L kommt’s an!“, bemerkte Tomi grinsend.
„Scherzkeks!“
„Dabei wurde viel gesungen, auch Witze erzĂ€hlt. Wenn die jĂŒngeren Frauen gegenseitig ihre Erlebnisse bekakelten, dann spitzte ich kleines MĂ€dchen ganz höllisch die Ohren. Besonders wenn es menschelte.“
„Wo menschelt was?“
„Hm, wenn sich zwischen zwei Menschen was anbahnt, zum Beispiel.“
„Omi, erzĂ€hl mal!“, war nun Rike besonders gespannt.
„Naja, damals wurden aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten junge MĂ€nner zur Arbeit auch aufs Land geholt. Nicht freiwillig, ist klar. Lebende Beute quasi. Kolja, ein großer, gutaussehender junger Ukrainer war da auf dem Gehöft, wohin es auch mich verschlagen hatte. Er war stets freundlich, und alle mochten ihn. Besonders aber Herta, die ihr Pflichtjahr dort ableistete. 18jĂ€hrige MĂ€dchen mussten fĂŒr ein Jahr in einem kinderreichen Haushalt oder auf dem Land helfen.
Wenn man genau hinsah, konnte man beobachten, dass Herta hĂ€ufig errötete, wenn Kolja in ihre NĂ€he kam. Beim gemeinsamen Essen versuchte sie dennoch stets, sich neben ihn zu setzen. WĂ€hrend des Federnschleißens erzĂ€hlte sie dann tuschelnd der Bauerntochter, die etwa gleichalt war, ob Kolja ‚zufĂ€llig‘ mit seinem Bein an ihres gestoßen sei, oder sein Arm den ihren berĂŒhrt habe.
Im FrĂŒhjahr sah ich sie dann von meiner Schlafkammer aus mitunter abends Hand in Hand hinter den GemĂŒsegarten schleichen. Und als Kolja im Sommer wieder abgezogen wurde, gab es schmerzliche TrĂ€nen.
Ja, das Leben kann mitunter grausam sein, im Kleinen wie im Großen.
Es gibt Menschen, die behaupten, man hÀtte das Leben in seiner Hand. Pustekuchen! Im falschen Staat und zur falschen Zeit lebend, kannst du dich meist nur vergebens abstrampeln.
Das bleibt euch, hoffe ich, zum GlĂŒck erspart!“

2. Version

Letzte Aktualisierung: 06.09.2011 - 15.26 Uhr
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