Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Landleben | September 2011
Der Mörder ist immer der Andere
von Katharina Conrad

Wie üblich war Greta Kinkerlich die Letzte am Tatort.
Schlamm spritzte, der Motor soff ab, und bezeichnenderweise sah der Wagen nach Gretas Sliding Stop kein bisschen schäbiger aus als zuvor.
Sie faltete sich aus dem Wagen und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die spektakulär war, zumal sie sich durch nichts und niemanden von ihren Acht-Zentimeter-Absätzen abbringen ließ. Dummerweise versanken die gerade in einer stinkenden Mischung aus Dung und Morast.
Wie ein Storch stakste Greta stakste zum Wohngebäude und streifte den Dreck kurzerhand an der Hauswand ab.
Die Kollegen von der Spusi steckten irgendwo in einem Gewimmel aus Dorfpolizisten und Gaffern. Greta war einmal mehr froh, dass sie den Überblick eines Leuchtturmwärters besaß. Gerade, als sie fand, wen sie suchte, tauchte ein besonders zielstrebiger Hilfssheriff direkt vor ihrer Nase auf. Genauer gesagt, eineinhalb Köpfe darunter.
„Die Kommissarin aus der Stadt, nicht wahr? Ich bin der Kollege vom Posten hier vor Ort. Nennen Sie mich Emil!“
Greta ignorierte die dargebotene Hand und schritt an ihm vorbei auf die Spusi-Leute zu.
“Leitende Oberhauptkommissarin Greta Kinkerlich. Nennen Sie mich Frau Oberhauptkommissarin.“
Emil schien nicht gewillt, ihr von der Seite zu weichen.
„Wir haben schon Verdächtige!“, teilte er mit.
Sie fuchtelte mit der Hand, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen, und brachte ihn damit zum Schweigen.
„He, Fröschke – na, was haben wir?“
Fröschke von der Spusi raufte sich die nicht vorhandene Frisur.
„Eindeutig tot“, offenbarte er.
Der Blick, den Greta ihm zuwarf, hätte hundertjährige Eichen dazu gebracht, sich selbständig zu fällen, zu spalten und zu stapeln.
Kleinlaut fügte er hinzu: „Na ja. Wir können schon von Fremdeinwirkung ausgehen. Ich zeig's Ihnen ...“
Mit Emil im Schlepptau umrundeten Greta und Fröschke die Stallungen.
„Verdammte Kacke. Güllepfützen!“, fluchte sie und fand sich kurz darauf vor einem dampfenden Misthaufen von der Größe des Großglockners.
„Hinter der Scheune, Frau Oberhauptkommissarin!“
Dieser Emil nervte.
„He, die Scheune ist ja komplett ausgebrannt! Wann ist das denn passiert?“
„Schon letzte Woche, Frau Oberhau...“
„Ja ja, schon gut. Brandstiftung?“
Emil nickte und hob zu einer Antwort an, aber Greta schob ihn beiseite, denn Fröschke war stehengeblieben und zeigte vor sich auf den Boden, bevor er die Hände in die Taschen steckte und ihr das Feld überließ.
Gute zehn Zentimeter tief im Brustkorb des Opfers steckte eine Mistgabel. Gebrochen und stumpf starrten die Augen des Bauern in den Septemberhimmel; auf seinem Karohemd klebte geronnenes Blut.
„Eindeutig tot, Fröschke. Gute Arbeit!“, bemerkte Greta.
Dann zwang sie sich, Emil nach seiner Meinung zu fragen, immerhin hatte der wahrscheinlich das Opfer persönlich gekannt. Wie hätte er in diesem Fünfhundert-Seelen-Kaff auch drum herumkommen sollen?
„Das ist der alte Prandl“, begann Emil. „Er hat Rinder gezüchtet und Getreide angebaut, wie die meisten hier. Seine Frau – also, Witwe, die sitzt mit der Tochter in der Küche.“
Er senkte die Stimme.
„Man munkelt, die Tochter hätte was mit dem Huber-Schorsch gehabt, und das hat dem alten Prandl nicht gepasst. Schorsch streitet natürlich alles ab ...“
„Den will ich auch haben, den Schorsch!“, befahl Greta, und Emil strahlte.
Greta bedachte den völlig elanfreien Fröschke mit einem letzten langen Seitenblick, bis der einknickte. „Schon gut, Frau Kinkerlich. Meier, holen Sie meinen Koffer aus dem Wagen ...“

In der Küche fand Greta die Hinterbliebenen.
Schniefend hing die nicht mehr taufrische, aber immer noch ansehnliche Witwe auf der Eckbank in den Armen eines strammen, hemdsärmeligen Mannsbilds; wenn das der Huber-Schorsch ist, dann aber hallo, dachte Greta, denn in Frau Prandls verschwollenen Augenaufschlag lag weitaus mehr als Trauer. Die Tochter stand an der Anrichte und schenkte irgendetwas ein.
Als sie sich mit drei Schnapsgläsern in den Händen umdrehte, wären sie ihr beim Anblick von Greta und Emil vor Schreck fast entglitten.
Greta wünschte sich auch etwas, das sie vor Schreck hätte fallen lassen können, denn Prandls Tochter war hochschwanger, dem Umfang nach im elften Monat.
Gretas ermittlerischer Verstand raste.
Prandls Tochter nahm zwei neue Gläser aus dem Regal und machte Anstalten, auch für Greta und Emil einzuschenken, doch Greta schüttelte den Kopf. Emil schien nicht so abgeneigt, aber ein weiterer von Gretas Holzfäller-Blicken brachte ihn dazu, sich eines Besseren zu besinnen.
„Mein tief empfundenes Beileid Ihnen allen“, leierte Greta herunter und setzte sich der Witwe gegenüber.
Die drehte nervös ihr Schnapsglas in den Händen und schien nicht recht zu wissen, was sie damit sollte.
Die schwangere Tochter war nicht so zimperlich, setzte ihres an und leerte es in einem Zug.
Was Greta allerdings noch mehr irritierte, war die Art und Weise, wie die Witwe Prandl sich vom Huber-Schorsch trösten ließ; wie beiläufig er ihr die Schulter streichelte, sie ihren Kopf an seine Brust lehnte, er ihre Hand hielt.
Aha.
Greta entgingen auch nicht die Versuche der Tochter, den Schorsch mit Blicken zu töten.
Na, Mädchen, dachte sie, da könntest du aber noch einiges von mir lernen!
„Wer hat denn das Opfer als Letztes lebend gesehen?“, eröffnete sie die Vernehmung.
Frau Prandl warf dem Schorsch einen Blick zu und nuschelte: „Das war ich.“
„Mutter!“
Der dicke Bauch der Tochter bebte, und Greta bekam Angst, er könnte platzen. Es gab noch Schlimmeres auf der Welt als Güllepfützen.
Die Tochter fuhr ein wenig leiser fort: „Wir wissen beide, dass du nicht die Letzte warst!“
Frau Prandl senkte den Blick und sagte nichts mehr.
„Haben Sie auch etwas beizusteuern?“, wandte sich Greta liebenswürdig an den Huber-Schorsch.
„Dann hab ich ihn halt zuletzt gesehen“, antwortete der genervt, und in Gretas Vorstellung zeichnete sich ein möglicher Tathergang ab.
„Nee, Schorsch“, mischte sich die Tochter wieder ein. „Der Huber-Alfons war noch da heute morgen, wegen dem verreckten Kalb!“
„Moment – wer ist der Huber-Alfons und wo ist hier ein Kalb verreckt?“
Eindeutig zu nahe an Gretas Ohr flüsterte Emil: „Der Nachbar. Dem ist letzte Woche ein Kalb eingegangen.“
„Heißen hier eigentlich alle Huber oder Prandl?“, verlangte Greta zu wissen. „Und warum ist letzte Woche Ihre Scheune abgebrannt? Und “, an die Tochter gewandt, „mit Verlaub: Wer ist denn der Vater von Ihrem Kal... Kind?“
Die reckte trotzig das Kinn in die Luft. „Der Max Prandl aus der Kirchstraße“, verkündete sie mit einem herausfordernden Seitenblick auf den Huber-Schorsch und setzte hinzu: „Glaub ich.“
Mutter Prandl fing wieder an zu heulen, und Greta spürte erneut Emils feuchte Aussprache in ihrem Ohr: „Bei den Kirchstraßen-Prandls hat es übrigens auch erst neulich gebrannt ...“
In Gretas Kopf drehte sich alles. Plötzlich wünschte sie sich, sie hätte den Schnaps vorher nicht so leichtfertig abgelehnt.
„Bringen Sie mir diesen Huber-Alfons. Und den Prandl-Max auch gleich!“, befahl sie Emil, und bat dann die Prandls so freundlich, wie sie konnte: „Haben Sie ein Aspirin? Ich krieg Migräne.“
Fünf Minuten später kehrte Emil zurück und die kleine Küche füllte sich weiter mit Hubers und Prandls.
„So. Wer oder was ist jetzt alles verreckt oder abgebrannt, wer hat was mit wem, und vor allem: Wer hat den alten Prandl umgebracht?“
Der Huber-Alfons erklärte, er habe ein Alibi und behauptete außerdem, der Huber-Schorsch habe den alten Prandl auf dem Gewissen.
Der Prandl-Max wollte mit dem Baby nichts zu tun haben, bezichtigte aber den Huber-Schorsch, seine Scheune abgefackelt zu haben.
Der Huber-Schorsch hielt sich weiter an der alten Frau Prandl fest und behauptete, die Tochter habe dem Huber-Alfons das Kalb vergiftet.
Die Tochter behauptete, der Huber-Alfons habe ihrem Vater die Scheune angezündet.
Die alte Frau Prandl sagte gar nichts mehr.
Greta Kinkerlich wünschte sich in ein Sanatorium.
Sie schickte alle Delinquenten erstmal nach Hause, ordnete aber an, dass sie sich dort nicht vom Fleck zu rühren hatten.
„Emil!“, stöhnte sie. „Was ist das für ein grauenhaftes Dorf?“
„Vielleicht kann ich ein bisschen Licht ins Dunkel bringen“, behauptete Emil. „Die Prandls sind alle bekannt dafür, dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Die Hubers dagegen sind grundehrlich. Hilft Ihnen das?“
Greta grübelte, und ein Silberstreif erschien an ihrem Horizont.
„Also, wenn der Huber-Alfons den Huber-Schorsch anschwärzt, dann ist da wahrscheinlich was dran? Und nach seiner Aussage hat der Schorsch den alten Prandl auf dem Gewissen, richtig? Und alles andere kann mir eigentlich piepegal sein, oder? Also, worauf warten Sie noch! Verhaften Sie diesen Huber-Schorsch!“
Als Emil den Verdächtigen in Handschellen abführte, hielt Greta ihn noch kurz zurück.
„Sagen Sie, Emil, für meinen Bericht brauche ich Ihren vollständigen Namen. Emil ….?“
„Prandl, Frau Oberhauptkommissarin!“

„Nein, Herr Polizeipräsident, darauf scheiße ich! Die spinnen doch alle hier!“
Der Mann am anderen Ende der Leitung schien sich derselben Lautstärke zu bedienen wie Greta Kinkerlich, denn sie hielt das Handy gut zwanzig Zentimeter neben ihr Ohr.
„Ja – nein – dann soll er sich eben beschweren! Alle diese Verrückten sind vorläufig festgenommen, auch der Kollege! Der zuallererst! Wegen vorsätzlicher Irreführung im Amt … Ja, auch die hochschwangere Frau!“
Sie hielt kurz inne, ihr Gesicht hatte inzwischen eine unnatürliche dunkellila Farbe angenommen.
„Die haben alle Dreck am Stecken, da können Sie Gift drauf nehmen! Aber die grauen Haare soll sich meinetwegen der Untersuchungsrichter wachsen lassen, ich bin draußen!“
Sie klappte das Handy zusammen und stürmte zu ihrem Wagen. Zwei Meter vor der Türe landete sie knöcheltief in einer Güllepfütze …


©2011 K.Conrad – Vers.3

Letzte Aktualisierung: 26.09.2011 - 22.04 Uhr
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