Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Landleben | September 2011
K139-5
von Elmar Aweiawa

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich Ihren Namen erfahren?“
„Natürlich, ich heiße … äh, Jaqueline. Und Sie?“
„Elsa. Ich hätte eine Bitte an Sie, Jaqueline.“
„Ja, was kann ich für Sie tun?“
„Könnten Sie ein bisschen zur Seite rücken, ich fühle mich so beengt.“
„Ach kommen Sie, hier ist es doch nicht eng. Sie sollten mal sehen, wie es bei uns zu Hause zugeht. Da ist der Platz hier drinnen ja fast ein Luxus.“
„Noch enger als hier? Da bekäme ich ja überhaupt keine Luft mehr. Und dieses entsetzliche Ruckeln macht mich noch wahnsinnig.“
„Ja, das stört mich auch, Elsa. Das wäre ein Grund, sich zu beschweren.“

***

„Sagen Sie mal, wissen Sie, wohin wir fahren, Jaqueline?“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Ich kenne mich in der Welt nicht aus, bin selten von zu Hause weggekommen.“
„Mir ist überhaupt nicht wohl. Jetzt sind wir schon so lange unterwegs, es ist heiß hier drinnen und ich habe Durst.“
„Mir scheint, Sie sind ganz schön verwöhnt, meine Beste. Immerhin haben wir ein Fenster, durch das ein wenig Luft hereinkommt, und wir können hinausschauen. Etwas Interessanteres kann ich mir nicht vorstellen. Schauen Sie doch nur, diese Farben! Eine ist dabei, die habe ich noch nie gesehen.“
„Wie kann man eine Farbe noch nie gesehen haben? Ich glaube, Sie wollen mich verarsch... Oh, entschuldigen Sie bitte.“
„Nur nicht so zimperlich, Elsa. Aber ich sage die reine Wahrheit, wie heißt denn die Farbe, in der diese große Fläche da draußen gestrichen ist?“
„Meinen Sie mit Fläche etwa diese Wiese da?“
„Wiese heißt sie also!?“
„Aber Jaqueline, Sie werden mir doch nicht einreden wollen, dass Sie noch nie eine Wiese gesehen haben?“
„Hab ich wirklich noch nie, aber ... sie gefällt mir, diese Wiese. Irgendwie bin ich ganz verliebt in sie.“
„Sie ist grün.“
„Grün? Ich dachte Wiese.“
„Die Farbe. Sie heißt Grün.“
„Oh, hört sich toll an, dieses Wort. Grüüüün, das kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Grüüüün. Es klingt irgendwie … saftig“

***

„Jaqueline, darf ich Sie etwas fragen?“
„Aber natürlich, Elsa. Ich unterhalte mich gerne mit Ihnen. Sie sind nett und wissen so viel.“
„Ach, machen Sie mich bitte nicht verlegen! Aber was ich fragen wollte: Haben Sie Kinder?“
„Oh ja, viele.“
„Und das Jüngste, ist es noch bei Ihnen?“
„Nein, natürlich nicht. Warum fragen Sie?“
„Weil meines verschwunden ist. Vor drei Tagen. Wie all die anderen zuvor.“
„Aber das ist doch ganz normal. Wenn sie geboren sind, verschwinden sie wieder.“
„Und trotzdem fällt es mir so schwer. Ein halbes Jahr ist so kurz!“
„Ich weiß, wie lange ein halbes Jahr ist, aber was hat das mit den Kindern zu tun.“
„Na, so lange bleiben sie doch bei einem.“
„Aber Elsa, jetzt wollen Sie mich verarschen! Wer hat so was schon mal gehört?“
„Wieso machen Sie sich über meine Trauer lustig, Jaqueline? Habe ich Ihnen was getan?“
„Aber Elsa, die Kinder kommen doch sofort nach der Geburt weg. Das war noch nie anders. Sie wollen doch nicht wirklich behaupten, dass ...“

***

„Eben waren Sie noch so traurig, liebe Elsa, und nun lächeln Sie zufrieden. Woran denken Sie?“
„Erinnerungen, Jaqueline, das sind Erinnerungen.“
„Sie Glückliche. Woran haben Sie gerade gedacht, ich möchte mich mit Ihnen freuen.“
„An den Vater meiner Kinderchen.“
„Was ist das, Vater meiner Kinderchen?“
„Aber Jaqueline?! Haben Sie nicht eben noch gesagt, Sie hätten auch Kinder gehabt? Viele sogar?“
„Schon, aber ich verstehe Ihre Ausdrucksweise nicht.“
„Hannibal heißt er, der Wilde, wie ich ihn immer bei mir nenne. Es war himmlisch mit ihm. Wer hat Ihnen denn die Kinder gemacht, Jaqueline, wie hieß er und wie sah er aus? War er groß und kräftig?“
„Darüber möchte ich nicht reden!“

***

„Jaqueline, darf ich fragen, wie alt Sie sind? Mir scheint, Sie sind viel jünger als ich. Obwohl ich ja gar nicht gut im Schätzen bin.“
„Ich bin ziemlich genau fünf Jahre alt, und Sie?“
„Elf. Aber ich muss mich wundern, mit fünf schon auf Reisen. Bei uns zu Hause geht niemand vor seinem zehnten Lebensjahr auf Reisen.“
„Was?! Elf?! Es ist an mir, sich zu wundern, denn ich habe noch niemals jemanden in Ihrem Alter getroffen. Und Sie sehen noch so blendend aus, Elsa, mein Kompliment.“
„Sie schmeicheln mir, Jaqueline!“
„Nein, im Gegenteil. Ihr Haar glänzt wunderbar, und meines … ist stumpf. Wie haben Sie das nur geschafft?“
„Ich glaube, das liegt am Essen. Denn im Winter werden meine Haare auch etwas stumpf. Da gibt es ja auch kaum frische Sachen.“
„Ich weiß zwar nicht genau, was Sie mit frischen Sachen meinen, Elsa, doch daran wird es liegen. Wenn ich zurück bin, werde ich danach fragen. Nach frischen Sachen.“

***

„Ach Elsa, ich muss Ihnen etwas gestehen, es liegt mir auf der Seele, seit wir uns kennen gelernt haben.“
„Nur heraus damit! Drüber reden ist allemal besser, als es in sich zu vergraben.“
„Es ist mir peinlich, aber eigentlich … heiße ich gar nicht Jaqueline, sondern K139-5. Doch ich finde, das klingt nicht halb so gut wie Jaqueline ... oder Elsa.“
„Aber wie sind Sie ausgerechnet auf Jaqueline gekommen?“
„Nun, ich habe eine schreckliche Vorliebe für schöne Klänge. Und auf dem Weg zum Bahnhof hörte ich von draußen eine Stimme, die rief: ‚Jaqueline, du bist eine blöde Kuh!’. Ich weiß nicht, was blöd bedeutet, doch es klingt genau so schön wie ‚grüüün“. Und Jaqueline erst ... der Name ist ein Juwel. So hab ich mich, als Sie so unvermittelt nach meinem Namen fragten ...“
„Mir gefällt Jaqueline auch sehr gut, und ich werde mir den anderen Namen gar nicht merken. Für mich werden Sie immer Jaqueline sein.“
„Oh danke, meine Liebe. Sie sind nicht nur klug, sondern haben auch ein gutes Herz.“

An dieser Stelle fand die Unterhaltung zwischen Elsa und K139-5 ein abruptes Ende, denn der Schlachthof war erreicht, und es blieb nicht einmal Zeit, sich vernünftig zu verabschieden.

2. Fassung

Letzte Aktualisierung: 08.09.2011 - 08.49 Uhr
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