Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Landleben | September 2011
Stachelbeerbaiser
von Andrea Heinen

„Na, gefällt dir mein kleines Paradies?“

Wie eine ertappte Voyeurin zuckte ich zusammen, als mich die weiche Stimme einer fremden Frau aus meinen Träumen riss.

Schon oft war ich mit dem Auto an diesem abseits hinter den Alleebäumen am Ende eines schmalen Fußpfades liegenden Anwesen vorbeigefahren. Hatte mit den Augenwinkeln den toskanisch wirkenden Charme der hinter einer mannshohen, weißgetünchten Mauer nur zu ahnenden Gebäude eingefangen, einen flüchtigen Blick durch das eiserne Tor erhascht, das jetzt, im Sommer, wie ein kleines Fenster am Meer meine Sehnsucht geweckt hatte, die Pracht des satten, alles zu überwuchern scheinenden Grüns und der ungezählten Farbtupfer eines blühenden Ozeans ganz aus der Nähe betrachten zu wollen.
Oder … war es dieser kobaltblaue Sonnenschirm, der mich angezogen hatte wie ein Magnet, der im Winter den einzigen, farbigen Akzent setzte und jetzt, im Sommer, so verloren wirkte inmitten dieses verschwenderischen Meeres aus allen Farben der Natur?

Ja, ich war überzeugt, dass hier niemand mehr leben würde, dass dieses Anwesen von Menschen verlassen war, sich selbst überlassen, der ursprünglichen, urgewaltigen Kraft des Dschungels –auf einer kleinen, verwunschen wirkenden Insel, umgeben von der Monotonie schier endlos wogender Getreidefelder.

Und jetzt, an diesem sonnigen warmen Tag, hatte ich nur ein Ziel, als ich den entlang der Alleebäume verlaufenden Radweg befuhr, mein Fahrrad die letzten Meter bis zum Tor über den groben Kiesweg schob, das Rad an die Mauer lehnte, mit den Händen die Streben des eisernen Portals umklammernd erst einmal tief durchatmete, die Augen schloss, um all die betörenden Düfte von Oleander, Jasmin und Rose zu genießen, sie einzusaugen, zu träumen. Mich treiben zu lassen, meine Seele, meine Ohren … dieses polyphone Summen und Brummen des Flügelschlags der Bienen und Hummeln, das Werben der Singvögel ... was für ein wunderbares Konzert der Sinne …


„Na, gefällt dir mein kleines Paradies?“

Als Voyeurin ertappt und verschreckt, blickte ich in das lachende, sonnengegerbte Gesicht einer Frau, deren hellrotes, lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden war, wobei ein paar vereinzelte Strähnen auf ihrer schweißnassen Stirn klebten, ihre von lustigen Lachfalten umgebenen, moosgrünen Augen berührten.

Sie schien in etwa mein Alter zu haben, streckte mir, noch ehe ich etwas zu meiner Rechtfertigung erwidern konnte, ihre rechte Hand entgegen. „Hallo, ich bin Angelina … Entschuldigung ...“ Umständlich, aber immer noch fröhlich lächelnd, streifte sie die gelben, fast bis zum Ellenbogen reichenden, erdverkrusteten Haushaltshandschuhe ab. „Entschuldige meinen Aufzug, die Gartenarbeit ist auch ein wenig anstrengend.“
Dieser herzliche, unkonventionelle Empfang gab mir die Sprache zurück. „Aber dein Garten ist wunderschön … zauberhaft … ach ja, ich bin Andrea.“
„Willkommen, Andrea, in meinem kleinen Paradies.“

Ja, Paradies war der richtige Ausdruck dafür, was ich nun auch mit meinen Augen aus unmittelbarer Nähe erfahren durfte. Die von Efeu, Knöterich und Klematis überwucherten Gebäude, der in schweren Tonkübeln kultivierte, prächtig blühende Oleander … dieser alles Negative, Unerfreuliche verdrängende Duft der Natur … und dazu diese Lichtgestalt von Frau, die meine Hand gar nicht mehr freigeben wollte. Zarte, feingliedrige Finger, die so gar nicht zu harter Gartenarbeit passten, die ich nicht mehr loslassen wollte, weil ich spürte, fühlte, dass mir diese Hand sehr vertraut war, die warme, weiche Hand, die meine sinnlichen Eindrücke nur noch bestätigte, mir ein Gefühl von Wohligkeit und Wärme gab, ein Gefühl von Zuhause …

Doch dann, während wir immer noch in diesem sanften, heimeligen Händedruck verwoben schienen, überraschte mich Angelina: „Ich habe gewusst, dass du eines Tages kommen würdest.“

Sofort löste ich mich aus unserem so vertraut wirkenden Griff, starrte sie mit großen, fragenden Augen an, registrierte, dass ihre schönen, von der Sonne etwas geblendeten und deswegen leicht blinzelnden Augen meinem insistierenden Blick nicht standhalten konnten. „Wie meinst du das?“

„So, wie ich es sage. Ich habe dich oft mit deinem kleinen, grünen Auto vorbeifahren sehen, deinen flüchtigen, sehnsüchtigen Blick auf mein Haus, du wirst mich gar nicht bemerkt haben ...“
„Nein, ich habe gedacht ...“
„... dass hier niemand wohnt“, unterbrach sie mich, und mit ihrer Vermutung hatte sie auch wieder recht.
„Genau“, erwiderte ich, „dieser Sonnenschirm war es ...“
„ … der dich in die Fänge dieser alten Hexe getrieben hat“, fuhr sie mir erneut in die Parade, lachte laut auf und provozierte meinen Widerspruch: „He, ich sehe nichts Hexenhaftes, Befremdliches ...“
„Selber he, so meinte ich das auch nicht, ich freue mich, dass du endlich da bist, hast du Lust auf 'nen Kaffee?“
Natürlich hatte ich Lust, was für eine Frage.

„Aber du hast keinen Kuchen mitgebracht, wie schade.“
„Ich könnte ja ...“
„Oh, ja, ich weiß, dass die Konditorei heute Nachmittag geöffnet ist, hol' uns mit deinem schnellen Fahrrad doch einfach ein paar Stückchen, ich dusch' derweil und setze den Kaffee auf – soll ich dir Geld mitgeben?“
Nein, das musste sie nicht.

Wie in Trance schob ich mein Fahrrad zurück zum Alleenweg, hörte noch ihr „am liebsten Stachelbeerbaiser“, ehe ich mich in die Pedale schwang und, wie ferngesteuert, in Richtung Stadt strampelte.

Was war nur los mit mir? Ich war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, irgendwie hatte diese skurrile Frau einen an der Klatsche, doch ihre Offenheit, ihre Direktheit … ja, und auch ihre Schönheit – diese natürliche, erregende Schönheit, die so wunderbar in dieses Bild passte, mein Bild einer faszinierenden Frau, deren rote Locken, deren lachende, freundliche, nein: eher sinnliche, moosgrüne Augen in mir Gefühle und Sehnsüchte geweckt hatten, die während der Fahrt selbst meinen Schritt erfassten, mich fast wund werden ließen, während ich die Getreidefelder hinter mir ließ und endlich mein Fahrrad vor der Konditorei parkte.

„Haben Sie auch Stachelbeerbaiser?“
Die Konditoreifachverkäuferin lachte mich verschmitzt an. „Leider“, meinte sie mit einem Fingerzeig auf die Auslage, „haben wir nur noch Stachelbeerbaiser.“

Wie schade. Allzu gerne hätte ich ein Stückchen Kirschkuchen für mich gehabt, doch Kirschen waren aus.
Aber, mit welchem Recht durfte mich diese blonde, höchstens mit der Hälfte meines Alters und meiner Lebenserfahrung gesegnete Frau so unverschämt und respektlos angrinsen? Dieses Gör!

Ich beschloss, gleich die komplette Torte zu kaufen. „Dann können Sie ja jetzt endlich Feierabend machen, der allerletzte Kuchen wäre ja damit verkauft. Was bin ich Ihnen schuldig?“
„Nichts“, zwitscherte die kleine Blonde, deren Name ausweislich des am Revers haftenden Etiketts Sabrina zu sein schien, mit hochroten Wangen, „es war doch vorbestellt … und ist schon längst bezahlt.“

„Wie bitte?!“ - Ich stand kurz davor, endgültig die Kontrolle über die mir eigentlich angeborene Contenance zu verlieren.
„N…, nein“, stammelte sie, wobei sich ihr hochroter Kopf mittlerweile der Strahlkraft einer verbotenen 100-Watt-Glühbirne deutlich näherte, „ich darf Ihnen nichts sagen, aber Sie sind sehr nett, so nett … sehr sympathisch ...“

Ich fand nicht, dass ich besonders nett mit ihr umgegangen war, fuhr sie stattdessen ein weiteres Mal barsch an: „Was soll dieses Affentheater? Rücken Sie endlich den verdammten Kuchen raus, und dann lassen Sie mich mit Ihrem dummen, kryptischen Geschwätz in Ruhe!“

Erst die Tränen, die Sabrina mit dem Kragen ihres Kittels aus dem Gesicht tupfte, verrieten mir, dass ich mich in meiner eigenen Verwirrtheit ihr gegenüber deutlich im Ton vergriffen hatte. „Entschuldigung, aber ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen ...“
„Ich will nichts von Ihnen, im Gegenteil“, schluchzte sie auf, „aber ich muss … ja. Ja, nein … verflucht, ja … Ich muss Sie warnen! Ja, ich muss! Sie – bitte verstehen Sie mich nicht falsch … ich mag Sie … und deswegen … verflucht … ich darf doch nicht! … Aber Sie wären bereits die Dritte an diesem Nachmittag, die für Lady Angelina ...“

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff.

Obwohl: so ganz kann ich es bis heute nicht begreifen.
Sabrina bekam dank meiner Aussage mildernde Umstände - nur zehn Jahre wegen Beihilfe, die Richter am Schwurgericht waren zu dem Schluss gekommen, dass Angelina als Eignerin der Konditorei sie genötigt, ja, regelrecht erpresst hatte. - Lady Angelina wurde wegen achtfachen, vorsätzlichen Giftmordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Ein Motiv hatte sie während des sich fast über ein ganzes Jahr erstreckenden Prozesses nie angegeben. Sie galt als unheilbare Psychopathin. Ihre Opfer waren ausschließlich annähernd gleichaltrige Frauen. - Um ein Haar wäre ich die neunte gewesen. Die Neunte … Freude schöner Götterfunken …

Ihr Haus, diese wunderbare, verwunschene Insel mit toskanischem Charme, war schon bald nach ihrer Verhaftung auf Anordnung des Gerichts bis auf die Grundmauern abgetragen worden. Selbst in einem der Oleanderkübel hatten die Gerichtsmediziner die Überreste einer vor Jahren als vermisst gemeldeten Frau gefunden.

Wenn ich heute mit meinem Fahrrad den Alleenweg passiere, dann halte ich oft inne, lasse meinen Blick über die endlos erscheinenden Getreidefelder schweifen, schließe die Augen, rieche den Duft des Sommers, sehe den kobaltblauen Sonnenschirm, höre die weiche Frauenstimme, taste, spüre die zarten, feingliedrigen Finger, die sanft meinen Handrücken streicheln.

Und immer noch bringen mich diese schönen Bilder, diese Momente tiefster Sinnlichkeit, in heillose Panik, die mich mein Fahrrad schnappen und von irrsinniger Furcht getrieben in die Pedale treten lässt – weg! einfach nur weg!

© andreashava, 2010

Letzte Aktualisierung: 20.09.2011 - 14.53 Uhr
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