Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Vorgegebenes Textfragment | Oktober 2011
Der Britpopper taped uns!
von Jochen Ruscheweyh

„Ey, schell’ ma’, Teschke!“
„Wieso ich?“
„Hab’ grad keine Pranke frei!“
Das is’ nich’ mal Verarsche, weil Pavarotti zehn Kannen Stifts – logo, was sonst für ’n Pils? - umklammert. Teschke tut’s, und ich seh’, wie ’n Typ, klein und kompakt mit wirrer Doc Brown-Reissue-Frise aufmacht.
„Ach ja, ihr seid die Vorstadt-Fuckodile.“
Teschke kontert: „Nein, wir sind Deathtroija, das ist ein Hybrid-Wortspiel aus Tod und Troja, weil ...“
Der Typ unterbricht ihn: „Ey, Ernie, das kannste deinem Fahrlehrer erzählen, ne? Baut euer Zeug auf und haltet die Fresse, ich hab’ gestern ’n ziemlich’n Scheiß-Tach gehabt!“

Siggi Löschs Studio stinkt wie die illegale Tierpension von dem Psycho-Rentner bei uns inner Straße, nur dass nirgendwo Chappi-Näpfe steh’n.
„So, Leute, ich hab’ voll Bauchdröhne, ich geh jetzt erstma’ scheißen, ne? Frankie pegelt euch aus!“, verkündet Siggi und schiebt so ’nen Britpopper-Bubi mit nach vorne gefönten Haaren und New-Wave-Krawatte hinters Pult. „Ach ja, Frankie macht so was wie ’n asoziales Jahr bei mir. Is’ doch so, ne Frankie?“
Siggi drischt ihm extrem heftig auf’n Rücken, wie in dem einen Karatefilm, wo der Haupt-Wegtreter in der Endszene dem Widersacher durch die Rippen prügelt und gleichzeitig das Herz in Zeichentricküberblende rausreißt. Big S verpieselt sich und wir reißen die Amps auf. Loud, louder, Deathtroija!
„Wann trifft denn Schröder ein?“, will Teschke wissen.
„Ey, zum tausen’sten Mal: Schröder kommt ers’ morgen für seine Leads!“
Pavarotti hat noch nich’ ganz ausgequakt, als Siggi seinen Scheißkopf nochmal zur Tür reinstreckt: „Und Jungs, um zwanzigfuffzehn is’ hier bücken, da muss ich Jauch kucken, ne?“

Zwei Stunden später hat Siggi das halbe Drum-Kit mit zig Lagen Gaffa-Tape (O-Ton Siggi: bestes Klebeband auf Welt) zugekleistert und is’ zum dritten Mal Scheißen, als Frankie das ganze Zeug wieder runterreißt, die Mikros umstellt, und ’n Hammersound aus den Monitoren quillt. Siggi kommt mit halboffener Buchse vom Pott und schüttelt seine Rübe im Takt: „Seht’a? Ihr müsst eure Schießbude nur richtig abkleben, dann rockt das auch! Ich bring’ jetz’ ma’ eben mein’ Ford inne Inspektion, ne? Und wenn einer von euch Pennern inzwischen was klaut, hol’ ich ’n paar Jungs aus meinem Club!“
Siggi macht sich eins mit dem Hintergrund und Teschke glotzt Frankie an, als wollt’ er gleich das Jugendamt verständigen, als Letzterer sich ’ne Nil-Kippe zwischen die Zähne schiebt und verkündet:
„Gut, Deathtroijas, Drums mit Pilotgitarre und Bass! Wenn du willst, Voice der Band“, er guckt zu Pavarotti, „kannst du noch eine Runde um den Block joggen oder deine Texte durchgehen, whatever!“
„Ey, willse mich verarschen oder wat? Die steh’n wie ’ne Eins!“


Drei Basic-Tracks haben wir ziemlich fix im Kasten, aber beim vierten kack’ ich immer ab, weil ich meinen Einstieg verpass’.
„Hey, gebt ihm doch einen Hint, wenn ihr in den Part geht“, schlägt Frankie vor.
„In Ordnung. Machen wir!“, bestätigt Teschke, und Beckmann gibt vier vor.
Wir kommen zu besagter Stelle, die beiden spielen weiter. Ohne Zeichen zu geben, und ich steh’ da wie Karl Arsch.
„Ich dachte, du wolltest das Zeichen geben“, bemerkt Teschke.
„Ach so, ja gut“, gähnt Beckmann.
Nächster Durchgang: Ich warte auf Beckmanns Meldung. Er nickt, als er den neuen Part schon am spielen is’.
„Ey, Beckmann, geht’s noch später?“
„Oh, war das zu spät? Sorry!“
Nummer drei: Beckmann kneift ein Auge zu. Ich wechsel. Die beiden nich’.
„Was jetzt?“, brüll’ ich ihn an.
„Jetzt sei doch nicht so nervös. Mein Auge hat gejuckt.“
Gefühlt hundertster Durchgang: Beckmann gibt Zeichen, ich steig’ in den Part ein, die anderen nich’.
„Ey, Beckmann, ich schwör’ dir, noch einmal und ich hau’ dir auf’s Maul!“ Ich bin abgefuckt as abgefuckt can be, weil ich’s nich’ gebacken krieg’ mitzuzählen.
Beckmann hat ’ne neue Weisheit parat: „Ich dachte, ich sollte dir schon beim vorletzten Mal Bescheid geben.“

Ich geh ers’mal auf Siggis Siff-Pott und piss’ im Stehen, weil auf die Brille setzen is’ ungefähr so schlau wie ’ne Intim-Kneipp-Kur inner Emscher. Auf’m Spülkasten liegt ’n Porno. Ich blätter’ aus Langeweile drin rum und bleib’ im wahrsten Sinne des Wortes an ’ner Seite kleben, wo ’ne Alte so ’nen Typen pseudo-agentenmäßig niedergestreckt hat. „Tja“, sagte Miranda, während sie die Spritze aufzog, „dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennen zu lernen!“, steht drunter. O Mann, is’ das scheiße!

Die Etage hat ’n Balkon. Ich geh’ raus, Frankie kommt nach. Wir glotzen dämlich über Alt-Hörde. Er sagt: „Tu’ mir einen Gefallen und setz’ dich nicht selbst unter Druck. Wir wissen beide, dass du die Sachen drauf hast.“
Die plötzliche Stille führt dazu, dass es Plöpp macht und ’n riesiger Brocken Ohrenschmalz aus meinem Gehörgang in meine Ohrmuschel kugelt. Ich hol’ ihn raus und schnipp’ ihn runter auf die Hermannstraße.
„Und du?“, frag ich, „warum tus’ du dir den Rotz mit Siggi an?“
Frankie zuckt mit den Schultern. „Siggi hat hier eine alte Neve-Konsole stehen, super für röhrenwarme Aufnahmen. So ein Teil wie das findest du in ganz Deutschland nicht mehr. Ich sammel’ noch etwas Erfahrung und dann mach’ ich meinen Tontechnikmeister.“
„Klingt nach’m guten Plan!“
„Hmm, einen anderen hab’ ich nicht. Geh’n wir wieder rein?“

Pavarotti steht mir im Weg. Ich rempel’ ihn an, dass sein Stifts überschäumt.
„Ey, Wuttke, wenn’ste deine Parts nicht hinkriegen tust, dann is’ dat dein Problem, wat?“
„Schreib’ du ers’ma’ deinen letzten Text oder halt die Fresse!“, is’ das einzig Schlaue, was mir einfällt.
„Ey, Wuttke“, er wischt sich den Schaum vonner Buchse, „Songtexte schreiben is’ wie im Wald scheißen: Du muss’ nur genuch Papier dabei ham!“
Gleich der erste Take sitzt und ich bin so porno gut drauf, dass ich gleich noch alle Rhythmus-Spuren hinterher mach’. Dann kommen Siggi und der Ford zurück und Jauch fängt an.


Steffi hat meine Alfons Schubeck-Schürze um und kocht, als ich nach Hause komm’; wie so oft, seit ich ihr ’n Schlüssel gegeben hab. Heute Erbsensuppe.
„Und wie war’s?“, fragt sie.
„Anstrengend, aber Big Wutt hat die Sache 1A durchgezogen. Na, jedenfalls so ziemlich, irgendwie.“
Ich hau’ mir drei Riesen-Teller rein und krieg’ zur Belohnung so Monster-Blähungen, dass ich das Gefühl hab’, ich implodier’, als wir im Bett liegen.
Steffi - schon halb eingeschlafen - knutscht mich auf die Stirn. „Nacht Woody!“
Ich knutsch’ sie zurück. „Wenn du jetzt Miranda wärst, würdste mir ’ne Spritze geben und ich müsste nich’ platzen!“
Sie dreht sich auf die andere Seite, und ich stutz’, als sie nuschelt: „Miranda? Die Widersacherin von James Bondage?“



Siggi macht die Tür auf. „Ach, ihr schon wieder! Auf eure Scheiß-Mucke hab’ ich heute überhaupt keinen Bock. Bringt doch eh nix. Das kann der Frankie machen.“
„Naja, soviel hast du ja gestern auch nicht gemacht“, spricht Beckmann aus, was alle denken.
„Ey, Burschi, ganz sachte, ich muss dir nix beweisen, ne? Ich hab schon Mucke gemacht, da war dein Vatter noch kahl am Sack. Aber wennste’s genau wissen willst, erzähl’ ich dir mal was.“ Er tippt sich auf die Brust und kackenhauert weiter: „Das Anfangsriff von Smoke on the Water, ne? Das hat der Blackmore von mir geklaut. Ich hab das immer gepfiffen, als wir zusammen bei Boing in Hamburg gejobbt haben.“
Teschke alias der Pop-Almanach schlägt zu: „Blackmore hat in Heathrow gearbeitet.“
Siggi is’ kurz vor ’ner gepflegten Eruption.
„Hey, Siggi, lass’ mich mal übernehmen, die brauchen dich unten!“, schiebt sich Frankie dazwischen.
Siggi grummelt sich was in ’n Bart und verpisst sich nach eine Treppe tiefer.
„Was ist denn da unten?“, will Teschke wissen.
„SLP.“
„Häh? SLP?“, frag’ ich.
„Siggi Lösch Promotion. Eine Pornofirma. Kennt ihr nicht SLP –The Home of James Bondage?“

Schröder zieht noch neue Saiten auf seine Flying V und zeigt auf Frankie. „Was macht ’n der Britpopp-Waver hier? Verkraftet der das?“
„Hey, immer langsam, Schrö!“, sag’ ich, „Der Britpopper taped uns! Und der hat’s ziemlich raus!“
Schröder kratzt sich seine Wampe: „Hmm, das ham se über diesen Joy Division Curtis auch gesagt und dann hat er unterm Dach gehangen ... und, is’ der Maistro schon auf Betriebstemperatur?“
Ich zeig’ auf die Batterie leerer Stifts-Kannen und Schröder versteht.
Hinter der Scheibe shoutet sich Pavarotti den Arsch ab. Klar, er is’ ’ne verfickte kleine Diva, typisches Lead-Singer-Syndrom, aber er trällert grad’ echt Gott, das muss man ihm lassen. Trotzdem fehlt dem faulen Sack noch ’n Text, das weiß ich hundert pro. Aber hey, was is’ das? Ich schnapp’ mir sein schwul-rosa Ringbuch und les’:
„She took a needle, will never ever get to know his skills, what a shame, who will be the one to blame?“
Ich würd’ mir glatt vor Lachen in die Hose pissen, wenn’s nich so verdammt traurig wär’. Aber Pavarotti setzt noch einen drauf, als er aus der Kabine kommt und meint: „Geiler Text, wat? Is’ mir letzte Woche eingefallen. Der Song heißt jetz’ „Well“, said Miranda!“

Schröders Soli sind pures Gold, aber Siggi is’ so angepisst, dass er das Demo nich’ mastern will. Pavarotti heult rum: „Ey, ohne Mastern is’ dat viel zu leise. Null radiotauglich. Dat is’ kommerzieller Selbstmord!“
Aber Super-Frankie hat das Master in zwei Stunden zusammen. Fast. „Da fehlt Bandkompression!“, meint er, „ich überspiel’ das Master auf Videotape, hier fliegt noch eins rum.“

Wir hocken alle vor dem Neve-Pult und peitschen uns die Songs auf Lautstärke Elf rein. Siggi biegt seinen Scheißkopf noch mal um die Ecke. „Ey, Frankie, hast du die rote Videokassette gesehen?“
„Äh, not really, wieso?“
„Da is’ James Bondage: Casino Anal drauf!“



Steffi zieht ’n Flunsch. „So’n Scheiß, jetzt wissen wir nich’, ob James Bondage und Miranda noch poppen, nur weil dieser Frankie euer beknacktes Demo da drüber gepackt hat.“
„Hmm“, überleg’ ich und schnipps’ den Videorecorder aus. „Meinste, wir kommen in diesem Jahr groß raus damit?“
„Keine Ahnung ... frag das Möpse-Orakel!“, sagt sie und drückt meinen Kopf zwischen ihre Titten.

Letzte Aktualisierung: 22.10.2011 - 20.02 Uhr
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