Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Vorgegebenes Textfragment | Oktober 2011
Schlaf gut, Püppchen
von Nicole Müller

Yve steht vor dem neuangebrachten Werbeplakat neben ihrem Haus. Wie makaber ist das denn? Nochmals liest sie die Schrift oberhalb:
„Tja“, sagte Miranda, während sie die Spritze aufzog, „dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennenzulernen.“
Eine in knappen Dessous gekleidete Dame hält die Nadel direkt am Hals eines im Anzug gekleideten Mannes. Aus vielen Schlitzen seiner Kleidung tropft Blut. Ein Messer steckt in der Armlehne. Darunter befindet sich in fetter Aufschrift:
„Mit unseren Tomaten können Sie sich durchsetzen! Homy-Tomatenketschup“
Yve kriegt ihr Kopfschütteln nicht abgestellt. Sie zuckt zusammen, als sie unerwartet einen festen Händedruck auf ihrer Schulter spürt.
„Na, Süße! Hunger bekommen?“
„Haha! Witzig, Steve. Hast du heute schon dein Ketschup-Fläschchen getrunken?“
„Du weißt doch, ich bevorzuge echtes Blut.“ Langsam streichelt er mit seiner langen, schmalen Zunge genüsslich seine breiten Lippen, wobei seine stark gelb verfärbten, hervorstehenden Zähne besonders zur Geltung kommen.
Yve rollt die Augen. „Du hast einen verkorksten Humor. Und? Bist du startklar?“
„Muss ich wohl sein, Süße.“ Er blickt theatralisch auf seine Armbanduhr. „Ohoh! Wir sind spät dran! Die Toten warten!“ Lachend trippelt er mit seinem immer anwesenden Hüftschwung zum Auto.

Im Freizeitpark „Heavy-Happy-Land“ zieht Yve sich ihr Vampir-Kostüm an. Es wird ein harter Arbeitstag. Sie hasst es, jedes Jahr den Kindern an Halloween Angst einjagen zu müssen, nur weil die Eltern diese aus Sensationslust mit sich schleifen. Doch es ist ihr Job. Und wenn sie es als Schauspielerin weiter bringen möchte, muss sie vorerst für alles offen sein. Sie betrachtet sich im Spiegel und greift zum weißen Puder.
Vanessa betritt den Raum. „Hey, Yve. Ich soll dir ausrichten, dass wir dieses Jahr auf Kunstblut verzichten.“
„Aha! Und was kommt jetzt? Möchte der Chef, dass wir uns blutig schlagen, weil es echter aussieht?“
Vanessa schmeißt ihr kleine Tüten auf die Kommode. „Na, wieder bei bester Laune? Nein, ihr sollt euch das Zeug vom Werbepartner ins Gesicht schmieren!“
Yve greift zu einer davon. „Das ist nicht sein Ernst? Ich soll mich mit Homy-Ketschup voll schmieren? Weißt du wie das klebt und wie süß das stinkt!?“
„Mir war klar, dass das für dich ein Problem ist. Aber find dich damit ab: Du bist eben nur eine Möchtegernschauspielerin. Übrigens: Du sollst zwischendurch davon etwas an deine Zähne schmieren und aus deinem Mund laufen lassen.“
Yve schaut Vanessa hinterher. Wie gerne würde sie diese ganzen kleinen Tüten über Vanessas Kopf laufen lassen, dabei ihre perfekte Frisur ruinieren. Verwöhntes Biest! Scheiß Ketschup!
Aus der Ferne ertönt Vanessas Stimme: „Yve, ich kann Gedanken lesen! Vergiss nicht: Ohne mich als deine Teamleitung wärest du arbeitslos!“
Steve tätschelt ihr im Vorbeigehen den Hintern. „Schade! Wie gerne würde ich mit dir tauschen. Lieber ein klebriger, süßer Vampir, als ein halbabgeschlachtetes Huhn darstellen zu müssen.“

Mit der triefenden, roten Flüssigkeit am Hals und Mund, sowie abgepackt in ihrer Kostümtasche, geht Yve an ihren Posten vorne am Eingang. Nur wenige Minuten später kommen die Menschenmassen durch diesen geströmt. Yve bewegt sich nicht, bis die ersten Besucher sie erreichen. Blitzartig springt sie ihnen vor die Füße, schaut einem kleinen Mann ins Gesicht und brüllt: „Gib mir dein Blut!“ Seine Begleiterinnen kreischen, er lacht. Yve hat ihre Aufgabe erfüllt und stellt sich wieder reglos hin. Armselig, lächerlich fühlt sie sich. Scheiß Job. Nachdem sie diese Szene ein weiteres Mal durchgespielt hat, lutscht sie eine Tüte Tomatenketschup aus, sammelt die Masse im Mund und wartet angewidert von dem Geschmack auf die nächsten Gäste. In diesem Augenblick kommt Vanessa angestelzt.
„Reiß dich zusammen! Ich habe dich schon eine ganze Weile beobachtet. Du stehst nur herum. Versteckt dich, spring heraus. Und lass dieses Mal die Kinder nicht aus!“
„‘Türlich nisch!“, spuckt Yve ihr ins Gesicht. Der Ketschup trifft Vanessas und die weiße Bluse. Ihre Gesichtsfarbe gleicht sich den Flecken an.
„Die Rechnung bezahlst du! Und besorg dir nach diesem Auftritt einen neuen Job.“
Schon stampft sie wie ein Storch im Salat auf ihren Stöckelschuhen davon.

Yve steht reglos in einer Ecke. Ihr Blut kocht, es kribbelt von Kopf bis Fuß. Wie gerne würde sie… Was bildet sich das Prinzesschen eigentlich ein?
Neben ihr steht der Tisch von ihrem Kollegen Harry, dem Messerwerfer. Yve schmunzelt. Wenn Vanessa meint, sie könne ihren Job nicht, dann wird sie ihr es jetzt zeigen! Ohne auf Harry zu warten und um Erlaubnis zu fragen, greift sie sich eines von den echt wirkenden Trickmessern und schleicht hinter den bunten Betonhäusern herum. Ein warmes Gefühl breitet sich in Yves Bauchgegend aus. Was hat sie schon zu verlieren? Gekündigt wird sie so oder so. Einmal richtig Spaß an diesem Vampirspiel darf sie doch haben, findet sie.
Drei Häuser weiter entdeckt sie Vanessa zwischen den Menschenmengen. Yve versteckt sich hinter einer Wand. Da kommt sie genau an ihr vorbei.
Zuschauer gibt es auch genug. Jetzt werden alle Halloween erleben. Yve stellt sich vor, wie laut und schrill Vanessa gleich vor Angst kreischen und schreien wird. Sie füllt noch einmal ihren Mund mit der eklig süßen, roten Flüssigkeit und hält das Messer auf Angriff. Vanessa ist nun wenige Schritte von ihr entfernt.
Yve nimmt all ihren Mut zusammen, springt vor und brüllt: „Gib mir dein Blut!“
Vanessa kreischt. So hat Yve es sich gewünscht. Breit grinsend lenkt sie das Messer Richtung Vanessas Herz und ruft für alle hörbar: „Schlaf gut, Püppchen!“
Das tut gut! Die Besucher bilden einen Kreis um sie herum. Vanessa spielt wunderbar mit. Sie sackt zusammen und hält die Hände am Messer, dabei verzieht sie krampfhaft das Gesicht, als habe sie Schmerzen. Yve geht mit ihr auf die Knie und flüstert ihr ins Ohr: „Das habe ich dir gar nicht zugetraut!“ Überrascht schaut sie auf die rote, süßlich riechende und klebrige Soße, die sich um das Messer herum ausbreitet. Hat Vanessa den Ketschup dabei?
Yve stutzt. „Wusstest du ...?“
Als Vanessa die Augen verdreht, nimmt Yve das Messer an sich. Ihr Opfer fällt hinten über.
Mit Entsetzen kreischt Yve: „Steh auf!“
Doch ihre Worte gehen im Beifall und Pfeifen aller Zuschauer unter.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2011 - 10.56 Uhr
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