Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Vorgegebenes Textfragment | Oktober 2011
Eine alte Geschichte
von Andrea Will

Niemals war Manderley schöner als in den frühen Morgenstunden. Das entdeckte ich zum ersten Mal während der Morgendämmerung, als ich vor sechs Jahren hier einzog. Das Schloss hatte etwas Geheimnisvolles. So, als würde man hier jeden Tag auf einen neuen Zauber stoßen.

Es war Anfang August, als ich plötzlich eines Nachts das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Das Fenster stand offen. Kühle Luft drang herein Ich stand auf und wollte es schließen, als ich unten vor dem Haus eine mir unbekannte Frau sah. In einem weißen Kleid stand sie vor dem Baum unter dem Fenster und blickte nach oben. Genau in meine Augen. Es war unheimlich. Ich sah zur Uhr: zwei Uhr nachts. Als ich wieder nach unten blickte, war die Dame verschwunden.

Am nächsten Morgen befragte ich meinen Mann zu dem ungewöhnlichen Vorfall.
„ Nein. Bitte nicht. Fang du jetzt nicht auch damit an. Es reicht, dass die Leute in der Stadt den Mund über solche Ammenmärchen nicht halten können.“
„Wovon redest du?“
„Pass auf. Geh am besten zum Pfarrer. Der wird dir mit Vergnügen die Geistergeschichte erzählen. Er soll sogar mit der Frau verwandt sein.“

Nach dem Frühstück, als sich mein Mann verabschiedet hatte, ging ich zum Pfarrer in die Stadt. Ich hatte Glück. Er hatte Zeit und war nur allzu gern bereit mir alles zu erzählen.
„Das Schloss gehörte früher meiner Familie. Sie musste es verkaufen, als mein Urgroßvater plötzlich verarmte. Seine Frau starb unter mysteriösen Umständen an ihrem ersten Hochzeitstag. Man sagt, sie hätte ihren Mann mit einem Dienstmädchen in flagranti ertappt. Sie wollte ihn daraufhin verlassen. Darum brachte er sie um. Aber beweisen konnte man ihm das nie. Er behauptete, sie habe ihn tatsächlich verlassen. Jedenfalls tauchte sie nie wieder hier auf.“
„Komische Geschichte. Ist etwas Wahres dran?“
„ Warum erzählt man sich sonst solche Geschichten?“
„Sie haben recht. Ich danke Ihnen. Ich werde nun nach Hause gehen. Heute ist auch mein Hochzeitstag.“
Ich lächelte und dachte an die Geschichte mit dem Schimmelreiter. Die Menschen erzählten sich, wenn er auftauche, wolle er die Menschen vor der Flut warnen. Legenden. Halbwahrheiten. Nichts weiter.

Als ich zu Hause ankam, saß mein Mann im Sessel und las seine Zeitung.
„Schatz, willst du mein Geschenk zum Hochzeitstag nicht auspacken?“
„Gerne“, sagte ich: auf dem Tisch lag ein kleines, nett eingewickeltes Päckchen.
Ich war gespannt. Denn mein Mann schenkte mir immer etwas für den Haushalt, weil ihm nichts Besseres einfiel. Letztes Jahr war es eine Kristallvase gewesen. Doch als ich es diesmal auspackte, hielt ich eine Spritze in der Hand.

„Schön, dass du mir immer solche nützlichen Sachen schenkst, mein Schatz“, versuchte ich so natürlich wie möglich zu heucheln.
„Hat dir der Pfarrer die Geschichte erzählt?“
„Ja, über einen seiner Vorfahren, der angeblich seine Gattin umbrachte. Beweisen konnte man ihm das aber nie. Er beteuerte stets, sie habe ihn verlassen und er kenne ihren Aufenthalt nicht“.
In diesem Moment betrat eine mir unbekannte Frau den Raum.
„Darf ich dir Miranda vorstellen?“
Sie war sehr hübsch. Blond. Schlank. Von zierlicher Gestalt.

„Das ist sie doch!“, stammelte ich.“
„Kennst du sie?“
„Ja! Das ist sie!“, wiederholte ich, vor Entsetzen am Rande einer Ohnmacht.
„Was hat das alles zu bedeuten?“, brachte ich mit schwindenden Sinnen her hervor, als die beiden auf mich eindrangen.
Ich sank zu Boden. Im Dämmerzustand bekam ich noch mit, wie sie mich auf das Sofa legten und Miranda etwas zu mir sagte.
"Tja", sagte Miranda, während sie die Spritze aufzog, "dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennen zu lernen."

Als ich wieder erwachte, lag ich im Bett. Draußen war es heller Tag.
Max kam ins Zimmer und setzte sich zu mir.
„Alles Gute zum Hochzeitstag, Agatha!“
Dann nahm er mich in den Arm und küsste mich.
„Versprich mir nur eins“.
Ich sah ihn erstaunt an.
„Treib es mit deinen Romanen nicht zu weit! Das macht mir Angst.“
„Wie meinst du das?“
„Nun: Du hast im Schlaf etwas von einer weißen Frau gemurmelt.“
„So?“
„Und du hast dich da offenbar vor einer Spritze gefürchtet.“

Da erzählte ich ihm den Traum. Anders als manche andere stand er noch wie auf Papier geschrieben vor meinen Augen. Mein Mann schloss mich erneut in seine Arme:
„Ich glaube, du solltest mal eine Pause machen. Das alles und deine vielen Recherchen sind zu viel für dich. Deine Miss Marple mag ja eine unermüdliche Detektivin sein. Aber du bist die Schriftstellerin Agatha Christie. Ein Mensch aus Fleisch und Blut.“

Letzte Aktualisierung: 09.10.2011 - 16.00 Uhr
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