Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Thea Derado IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Vorgegebenes Textfragment | Oktober 2011
Verwirrte Gefühle
von Thea Derado

"Tja", sagte Miranda, während sie die Spritze aufzog, "dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennen zu lernen."
Mit dem Tupfer desinfizierte sie die Stelle, an der sie gleich einstechen würde. Als ob es darauf nun noch ankäme. Aber Professionalität fordert Korrektheit.


Wie von der Tarantel gestochen, fährt Miranda auf und reibt sich ungläubig den Schlaf aus den Augen. Das wollte sie tun? Sie, die keiner Fliege ein Haar krümmen konnte? Was ging in ihr vor? Welche unbewussten Gefühle hatten sich da aufgestaut?
Wieso hat sie im Traum „Sie“ gesagt? Wie oft hat sie vorm Einschlafen das ‚Du‘ ganz zärtlich geflüstert, ihr Kopfkissen liebevoll im Arm. Du! Wie begehrte sie ihn! Aber sie verachtete sich auch gerade wegen dieser Gefühle. Noch vor kurzem war sie überzeugt, dass ihr Verstand dominieren müsse. Doch dann ging alles völlig daneben.
Gibt es nicht ausreichend Gründe, dass in ihrem Unterbewusstsein die Zuneigung in Hass umgeschlagen sein könnte? Geliebt wollte sie sein, nicht benutzt. Oder hasst sie sich selbst dafür, dass sie so …?
Wenn sie nur daran denkt, ihre Eltern könnten davon erfahren, färbt die Röte ihr Gesicht bis zu den Haarwurzeln.
Ihre Eltern! Denen grollt sie ohnehin. Wie konnten sie ihr diesen idiotischen Namen geben? Miranda! Die Burschen grölten hinter ihr her: „Im-ma randa, denn Sevilla.“ Eine Limonade dieses Namen gab es wohl auch, „belebt und erfrischt jedermann!“
Wie froh war sie, dem spießigen Heimatort entronnen zu sein. Als sie vor zwei Jahren in der Kurklinik ihre Schwesternausbildung begann, wollte sie ihren Vornamen verschweigen und gab Mira an. Aber die Personalverwaltung war unerbittlich; auf jedem Namensschild MIRANDA.
‚ Schwesta Miranda‘ schallt es aus den Krankenzimmern. Besonders aus einem.
Sie schüttelt sich.
Je mehr der Traum verblasst, umso unklarer wird es, wem die Spritze galt. Hatte sie das Gesicht des Patienten eigentlich deutlich gesehen? Sie war sich gar nicht mehr sicher, wer das Opfer war.
Eigentlich kam nicht nur einer in Frage.

Miranda hatte sich gleich in den ersten Tagen in Dr. Hehnle, ihren jungen Stationsarzt, verliebt. Viktor! Sie konnte den Namen nur schmachtend hauchen: „Viktor“. Aber nein, bei aller Liebe, ihm könnte sie nichts Böses antun, obgleich er sie anfangs gar nicht beachtete, sie ins Leere laufen ließ.
Er würde nie etwas mit einer von seiner eigenen Station anfangen, versicherten die Kolleginnen. Bei anderen war er gar nicht zimperlich. Ob er mit Vivian, der flotten Ärztin der Privatstation was hatte? Seit einem halben Jahr war sie im Haus. Einfach umwerfend sah sie aus! Kupferrotes lockiges Haar, eine Figur wie ein Playboy-Modell. Sie überstrahlte alle. Bei allen war sie sofort beliebt, jede und jeden wickelte sie mit ihrem Charme und ihrer Schlagfertigkeit ein. Auch Miranda bewunderte sie insgeheim.

Miranda verhängt den Spiegel, um nicht ihr eigenes Bild ertragen zu müssen, während sie an Vivian denkt. Sie kommt sich vor wie ein gerupftes Hühnchen. Der Unterschied ist einfach kränkend. Miranda ist sich sicher, dass auch Dr. Hehnle, Viktor, Vivian anhimmelt.
Und dann diese saublöde Situation in der Kliniksauna! Wenn sie daran denkt, könnte sie im Boden versinken und gleich alle drei umbringen; sich selbst zuerst.
Vor wenigen Wochen war es, da saß auch Vivian schwitzend auf den Brettern. So etwas hatte Miranda noch nie gesehen! Wie gebannt starrte sie auf Vivians Intimschmuck, der mitten in dem roten Gelock glitzerte. Die Frage drängte sich ihr auf, ob Viktor damit schon in Kontakt gekommen war, was er dabei empfunden haben könnte. Erregt leckte sie sich über die Lippen.
Vivian missverstand die intensiven Blicke der Jüngeren. Sie lächelte sie an, ergriff ihre Hand. Miranda zitterte. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, aber plötzlich fand sie sich in Vivians Armen, sie gierig küssend. Vivian lachte und streichelte Mirandas hungrigen Körper, der nach heftigen Liebkosungen verlangte. Egal von wessen Händen.
Sie vergaß völlig, wo sie war, bis ein kühler Luftzug sie daran erinnerte, dass auch dieser kleine Raum eine Tür hatte. Viktor, ein Handtuch überm Arm, hatte rasch die Situation erfasst und grinste über alle vier Backen.
Wütend über sich selbst, lief sie davon, so schnell sie konnte, überzeugt, dass Viktor und Vivian sich zulächelten. Was wird er jetzt von ihr denken?

Nachts wacht sie schweißgebadet auf. Wie kann sie Viktor auf sich aufmerksam machen? Immer streicht sie wie eine läufige Hündin um ihn herum, schnappt nach jedem freundlichen Wort wie nach einem abgenagten Knochen.

Sie ist selig, als Viktor sie eines Abends zum Essen einlädt. Er plaudert charmant, streichelt ihr auch hin und wieder über den Arm. Er wirkt so verlegen, als er ihr sagt, er habe später noch etwas mit ihr vor. Er erwarte einen großen Gefallen von ihr. Es sei ihm unangenehm, aber es müsse sein.
Miranda, schon leicht beschwipst, kichert. Eigentlich sollte er ihr nun langsam das Du anbieten. Aber er bleibt sehr korrekt, selbst als er sie fragt, ob sie noch Jungfrau sei. Miranda errötet und gackert noch ungehaltener. Mit einem Mann sei sie noch nicht zusammen gewesen. Aber da solle er sich doch keine Skrupel machen. Sie sei bereit dafür.
Im Grunde ersehnt sie nichts mehr, als Viktor zum Geliebten. Das sagt sie natürlich nicht, aber nach all dem Geplänkel wird es wohl im Laufe der Nacht noch dazu kommen.
Immer wieder schenkt er ihr ein. Als sie nach der zweiten Flasche Wein das Lokal verlassen, hängt sie willenlos an seinem Arm. Sie hat sich eingebildet, er nähme sie mit in seine Wohnung. Stattdessen schwenkt Dr. Hehnle in Richtung Klinik.
Hihi! Sie hat davon gehört, dass es manche Ärzte mit den Schwestern in ruhigen Nebenzimmern oder gar in den Wandschränken im Gang treiben. Vielleicht verspricht er sich davon einen besonderen Kick? Miranda kann nur noch taumeln und kichern.
Er nimmt sie an der Hand und führt sie zu einem Einzelzimmer auf der Privatstation. Kurz vor der Tür flüstert er ihr ins Ohr, sie möge nett zu dem Patienten sein, damit würde sie nicht nur seine Zuneigung gewinnen, sondern der Klinik insgesamt aus einer misslichen Situation helfen.
Er schiebt sie ins Zimmer. Am Bett eines fremdländisch aussehenden Herrn findet sie sich wieder.
Völlig überrumpelt lässt sie sich widerstandslos aufs Bett ziehen und alles mit sich geschehen. Es zwickt leicht, als er in sie eindringt. Aber nur kurz. Alles ist vorbei, ehe sie recht begriffen hat, was da abgeht.
Der Fremde lobt sie mit leuchtenden schwarzen Augen, dass sie sich für ihn aufgehoben habe.
„Meine Virginia“, lacht er sie an. „Miranda, die beste Medizin, die mir je ein Arzt verschafft hat. Komm morgen nach Dienstschluss wieder zu mir, wenn du nicht willst, dass es Ärger gibt! - Hier, kauf dir was Hübsches.“ Damit steckt er ihr grinsend einen beträchtlichen Schein in den BH.

Als sie später die Angelegenheit nüchtern betrachtet, wird sie wütend, dass ihr Chef sie zur Hure gemacht hat.
Aufgebracht stürmt sie am nächsten Vormittag zu seinem Zimmer. Kurz davor stößt sie mit Vivian zusammen. Die versucht, die kleine Furie zu besänftigen.
„Mach ihm keine Vorwürfe! Ich habe ihn gebeten, dich zu dem Patienten zu bringen. Wir wussten keinen anderen Ausweg. Alle haben Angst vor ihm, wenn sie in sein Zimmer müssen. Du allein konntest den Barbaren zähmen. Du bist sanft und nachgiebig. Ich habe dich ausgiebig beobachtet und weiß, dass dein Körper darauf brennt, geliebt zu werden. Du mit deinen 20 Jahren bist überreif - und so hingebungsvoll. Dein Hirn sträubt sich noch. Aber gerade diese unterkühlte Sinnlichkeit macht dich so begehrenswert. Mach einfach die Augen dabei zu und genieße es! Nachts sind alle Kerle grau.“

Gegen Abend wird sie wieder auf die Privatstation gerufen. Wenn sie ihre Stelle nicht gefährden will, so glaubt sie, müsse sie alle angeordneten Arbeiten verrichten, auch Olab, den Spezial-Patienten, ‚betreuen‘.
Sie hat sich an seinen übermäßig behaarten Körper gewöhnt und kratzt wie wild Arabesken in die Wolle. All ihre Wut lässt sie an Olab aus. Doch dem scheint gerade das zu gefallen. Er rastet fast aus vor Gier nach ihrem Körper.
Ist er überhaupt krank? Nie stört Personal. Wenn Telefonate kommen, schnauzt er in für sie unverständlichen Sprachen in den Apparat.
Als er Miranda bittet, sein Zigarettenetui aus seiner Jackentasche zu holen, hat sie plötzlich mehrere Reisepässe in der Hand.
Sie wartet, bis er erschöpft eingeschlafen ist. Dann schaut sie genauer hin: In allen Pässen, unterschiedlicher Nationalität, ist sein Foto, stets mit einem anderen Namen. Die Sache wird ihr unheimlich.
In der Nacht sitzt ein nordafrikanischer Posten vor seiner Tür. Er beachtet sie nicht, als sie das Zimmer verlässt.

Dr. Viktor Hehnle bittet sie mit ernster Miene in sein Sprechzimmer. Sie müsse allein reingehen. Zwei Sicherheitsbeamte wollen sie sprechen. Etwa die Sittenpolizei? Doch sie weisen sich als BKA-Mitarbeiter aus.
Olab benutze das Krankenhaus als Unterschlupf. Hier fühle er sich sicherer als in einem Hotel. Sie haben gesicherte Informationen über seine gemeingefährlichen Absichten. Mehr können sie nicht sagen. Aber sie brauchen ihre Hilfe.
Ihr Stationsarzt würde ihr ein gutes Zeugnis ausstellen und sie würde befördert.
Schließlich erteilten sie Miranda ihren Geheimauftrag, noch einmal freundlich zu Olab zu sein und seinen Wünschen nachzukommen. Sie solle so tun, als ob sie in ihn verliebt sei, um sein Vertrauen zu gewinnen. Vielleicht wäre es gut, Valium einzunehmen, damit sie sich nichts anmerken ließe.
Der Patient müsse dringend verlegt werden.
Sie soll so lange bei ihm bleiben, bis er vor Erschöpfung einschläft. Dann muss sie ihm ein Narkotikum spritzen, keine Spuren davon hinterlassen und rasch die Klink verlassen.

"Tja", sagt Miranda, während sie die Spritze aufzieht, "dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennen zu lernen."

Letzte Aktualisierung: 28.10.2011 - 16.20 Uhr
Dieser Text enthält 9973 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.