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Vorgegebenes Textfragment | Oktober 2011
Das Herz der Lemminge
von Elmar Aweiawa

Mit einem leisen Plopp schloss sich hinter uns die Tür. Und obwohl wir aus Erfahrung wussten, dass sie sich nicht mehr würde öffnen lassen, fuhren unsere Köpfe herum.
Es gab kein Zurück. Wir mussten vorwärts.
An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine weitere Tür. Allerdings hatte sie keine Klinke, statt dessen entdeckte ich in Augenhöhe ein Tastenfeld mit Ziffern.
„Hast du eine Ahnung, wie es jetzt weitergeht?“ Ratlos schaute ich zu Chris hinüber. Für dieses Problem war eindeutig sie als promovierte Mathematikerin zuständig.
„Sie hat einen IQ von 140“, hatte mir ihr Bruder und seit zwei Jahren gleichzeitig mein Schwager, vor der Hochzeit versichert. Da musste sie doch irgendwie ...

„Man muss irgendwelche Ziffern eingeben, damit die Tür sich öffnet“, klärte sie mich auf. So weit hätte meine begrenzte Intelligenz auch noch gereicht.
„Aha, prima, und welche?“
„Schau mal, da steht in winziger Schrift etwas drunter.“
So genau hatte ich noch gar nicht hingesehen. Wirklich, wenn ich mich anstrengte, konnte ich die Buchstaben entziffern.

„Eid ist der Lemminge Herz, und nur die Zwillinge halten Abstand.
Du hast für die sechs Ziffern nur einen Versuch.“

„Was soll das bedeuten? Das ist äußerst kryptisch!“, gab ich meinem Unverständnis Ausdruck.
„Es ist natürlich eine Anweisung, wie die Tür zu öffnen ist.“
„Dann entschlüssle sie schnell, bevor wir hier noch verhungern.“
„Wir werden nicht verhungern ... Da, schau!“

Jetzt sah ich es auch. Aus einem Loch in einer Ecke des Zimmers quoll Wasser. Verdammt schnell sogar, und im Nu standen wir bis zu den Knöcheln darin. Das sah nicht gut aus. Was hatte uns nur dazu verleitet, dieses Abenteuer auf uns zu nehmen? Bisher waren wir mit viel Glück allen Gefahren entronnen, doch dieses Rätsel war vielleicht auch für Chris zu schwer, und wir mussten jämmerlich ertrinken.
Warum waren wir bloß dieser Miranda auf den Leim gegangen?! Ich hatte sie von Anfang an nicht gemocht. Fernsehstars könnten wir werden, und viel Geld verdienen, wenn wir in ihrer Show mitmachten. Allerdings nur, wenn wir sie überlebten, wie wir jetzt wussten!

„Hast du denn gar keine Ahnung?“, beschwor ich Chris flehentlich.
„Lass mich nachdenken und verbreite keine Panik. Ich ahne immerhin schon, dass der erste Teil des Satzes ein Anagramm ist.“
„Ein Ana... was?“
„Da, ich hab es schon. Wenn man die Buchstaben umstellt, wird aus ‚Eid ist der Lemminge Herz’ der etwas sinnvollere Satz: ‚Der Himmel ist die Grenze’.“
„Toll! Und du hast eine Ahnung, was das bedeutet?“
„Noch nicht, Elmar. Mach jetzt nur nicht die Pferde scheu!“
Gut gesagt, wenn uns das Wasser schon bis zum Oberschenkel reichte.

Chris und ich ergänzten uns sinnvoll. Mit der Schlange im vorigen achten Raum wäre sie niemals fertig geworden, vor allem, da wir bereits im ersten alle Waffen verloren hatten. Wenn Chris sich jetzt nicht beeilte, kamen die Zuschauer der Show doch noch auf ihre Kosten und sahen uns genüsslich live beim Ertrinken zu. Verdammtes Geld, das wir uns erhofft hatten. Und dreimal verdammte Miranda, die uns vor einem Millionenpublikum zu dieser härtesten und lukrativsten Variante überredet hatte.

„Ich bin ein Stück weiter, glaube ich. ‚Himmel’ ist wahrscheinlich das Schlüsselwort, denn es hat sechs Buchstaben, genau wie die gesuchte Lösung. Die Grenze interpretiere ich so, dass man von jedem Buchstaben des Schlüsselwortes im Alphabet entweder eins runter oder rauf gehen muss, um innerhalb der oberen oder unteren Grenze zu bleiben.
Damit ergeben sich die Buchstabenkombinationen ‚Himmel’ ‚Ghlldk’ und ‚Ijnnfm’.“
Ihre Seelenruhe angesichts des Wassers, das uns bis zur Brust reichte, war bewundernswert.

„Und was haben Zwillinge damit zu tun?“
„Das ist klar, damit sind die Doppelbuchstaben gemeint, also ‚mm’ oder ‚ll’ oder ‚nn’. Der Abstand, den nur die Zwillinge halten, muss die Abweichung der aus den beiden neuen Worten zu bildenden Ziffernfolge zu der aus dem Wort „Himmel“ erzeugten Folge sein.“
„Ich verstehe nur Bahnhof!“
„Also darf die Umsetzungsvorschrift von Buchstaben in Ziffern, die natürlich bei allen drei Buchstabenfolgen die gleiche sein muss, nicht bijektiv sein“, fuhr sie unbeirrt fort, „sonst wäre der Abstand nicht nur in den Zwillingen.“
„Bijektiv?“
„Mann! Soll ich dir jetzt einen Vortrag über Bijektivität halten oder uns hier rausholen? Im Deutschen heißt es eineindeutig ...“
„Eineindeutig, ah ja.“ Wie immer, wenn sie in ihr Mathematikerkauderwelsch verfiel, verstand ich nur Bahnhof.

„Und? Was bedeutet das für uns?“
„Klar!“, verstand ich nur noch undeutlich, weil uns das Wasser inzwischen bis zum Mund reichte. „Die Handytastatur ist der Schlüssel.
‚Himmel’ ergibt die Ziffernfolge 446635,
‚Ghlldk’ ergibt 445535, und
‚Ijnnfm’ ergibt 456636.
Da der Abstand nur bei den Zwillingen sein darf, ist die Lösung 445535. Runter mit dir und tippe die Lösung ein!“

Oh, wie ich sie liebte!
So schnell ich konnte, tauchte ich unter und kaum hatte ich die Lösung eingetippt, versank die Tür im Boden und das Wasser floss in den nächsten Raum, in dessen Mitte es in einer Öffnung gurgelnd verschwand.
„Siehst du, war doch gar nicht so schwer“, verniedlichte Chris ihren Beitrag zu unserer Rettung. Wenn ich dieses Rätsel hätte lösen müssen, wäre selbst ein Zimmer von der Größe des Kölner Doms zu klein gewesen.

Nun standen wir also im zehnten und letzten Raum. Wenn wir ihn lebend verließen, waren wir gerettet und hatten eine Million Euro gewonnen. Sicher stand uns jetzt die schwierigste Prüfung bevor, denn dass diese Schlange Miranda, und mit ihr der Sender, das Preisgeld verschenkten, war so wahrscheinlich wie eine trockene Parkbank im Regen.

Völlig durchnässt standen wir da, als sich die Tür hinter uns schloss und damit die letzte Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Rückzugs entschwunden war.
„Was wird uns wohl jetzt bevorstehen?“, versuchte Chris ihre Anspannung zu verbalisieren.
„Ihr werdet sterben, was sonst“, erhielt sie eine Antwort, die weder sie noch ich erwartet hatten. Von Miranda, die plötzlich, wie aus dem Nichts erschienen, vor uns stand.

„Das steht ja wohl noch nicht fest!“, wollte ich unsere, wenn auch noch so geringe, Chance wahren.
„Oh doch, ihr Lieben. Oder habt ihr wirklich geglaubt, dass ihr eine Million einschieben könnt? Die Zuschauer der Show sehen gerade, wie ihr in Raum zehn von einer mutierten Riesenheuschrecke zerrissen und verspeist werdet. Dagegen wird euer wirkliches Ende hier direkt human sein.“

Erst jetzt bemerkte ich, dass Miranda Nasenfilter trug. Und dass die Luft leicht nach einem seltsamen Gas roch. Man wollte uns reinlegen! Betäuben und dann ... kaltblütig ermorden. Wollte wohl nicht das Risiko eingehen, dass wir auch den letzten Raum als Sieger verließen.

Entsetzt sah ich, dass Chris, die der Teufelin Miranda näher stand, mit Schaum vor dem Mund zusammenbrach, während die wahnsinnige Frau eine Spritze aus ihrem Gewand zog.
"Tja", sagte Miranda, während sie die Spritze aufzog, "dann werden wir wohl nicht mehr viel von Ihnen haben. Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, Ihre vielen Talente kennen zu lernen."
„Was tust du da?!“, schrie ich Miranda unsinnigerweise an, denn es war ja nur zu offensichtlich, was sie vorhatte. Ich musste handeln, und zwar sofort! Der Raum füllte sich allmählich mit dem Nervengas, das irgendwo hinter Miranda hervorströmte, und gegen dessen Auswirkungen sie mittels ihrer Nasenfilter offensichtlich gefeit war. Dass sie selbst noch als Todesbote tätig wurde, statt uns einfach nur dem Nervengas zu überlassen oder jemand anderen mit unserem Tod zu beauftragen, zeugte von einer perversen Lust am Töten. Aber was war von einer Frau mit schwarzroten Haaren und einem Pflock im Ohr auch schon anderes zu erwarten. Ich hätte es wissen müssen!

Das Einströmen des Gases konnte ich nicht verhindern, doch noch war ich selbst nicht bewegungsunfähig, weil ich weiter entfernt stand.
Ich hielt die Luft an und mit einem Satz, der jedem Löwen zur Ehre gereicht hätte, sprang ich Miranda an. Mein Angriff kam völlig überraschend für die Möchtegernmörderin, und als ich sie umgeworfen hatte, riss ich ihr mit einem barbarischen Griff die beiden Stöpsel ohne Rücksicht auf ihre Befindlichkeit aus der Nase. Einen davon setzte ich in mein rechtes Nasenloch, mit dem anderen bestückte ich Chris’ linkes. Mit je einer Hand hielt ich das freie Nasenloch bei uns beiden zu.
„Bist du wieder fit?“, bedrängte ich die langsam zu sich kommende Chris, während Miranda durch meinen Überraschungscoup und das weiter ausströmende Gas zusehends die Kontrolle über ihre Glieder verlor. Sicher war das Gas nicht tödlich, sondern hatte nur betäubende Wirkung, denn Süß-Miranda legte großen Wert darauf, uns eigenhändig umzulegen. Das hatte sie eindringlich bewiesen, die Ratte.
„Na endlich, ich dachte schon, du lässt dich von der Zicke unterkriegen.“
Chris war wieder ganz die Alte. Auf sie und ihren Sarkasmus war eben Verlass.

Eine Leibesvisitation der inzwischen bewusstlosen Miranda förderte einen Schlüssel zutage, der in die Tür zur Freiheit passte. Vorerst waren wir gerettet, doch wie wir an unser Geld kommen sollten, blieb offen. Für das Publikum waren wir beide tot, und sicher würde der Sender alles daransetzen, die virtuelle und die echte Realität in Einklang zu bringen. Unser Leben war weiterhin in höchster Gefahr, die Show noch lange nicht zu Ende.

© by aweiawa
Version 3

Letzte Aktualisierung: 26.10.2011 - 15.57 Uhr
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