Ganz schön bissig ...
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Blaues Blut | November 2011
Seinen Traum kann man träumen
von Renate Hupfeld

Der provençalische Winter war vergangen und Malwida von Meysenbug wusste nicht, ob sie sich über den strahlenden Frühlingstag freuen sollte. Die Tür des Eingangsportals fiel hinter ihr ins Schloss und sie ging hinunter auf den Place des Palmiers, atmete tief ein und ließ einen Moment lang den Blick auf der schönen Fassade des Hauses Arnaud ruhen. Vor ein paar Minuten hatte sie noch von dort oben hinuntergeschaut, vom Fenster ihres Zimmers im Obergeschoss, wo sie ein halbes Jahr lang zusammen mit ihrer Schwägerin Caroline, den beiden Kindern, deren Erzieher und dem Dienstpersonal gewohnt hatte. Es war der letzte Sonntag in Hyères. In vier Tagen würde der Reisewagen sie forttragen. Das bedeutete Abschied von wunderbaren Stunden unter südlichem Himmel und von Abendgesellschaften in den Salons und Gärten dieses unvergesslichen Ortes.
Sie ging unter den Palmen, die diesem Platz seinen Namen gegeben hatten. Weit musste sie nicht laufen. Pauline wohnte nur einen Katzensprung entfernt, im Palais von Bürgermeister Denis. Zusammen wollten sie einen Ausflug in die Berge machen, wie sie es oft getan hatten in den vergangenen Monaten. Die junge Frau aus Straßburg hatte sie hier kennen gelernt und in ihr eine Freundin gefunden.

Durch das geöffnete Fenster drang Musik nach draußen, eine Klaviersonate von Beethoven. Das war Pauline. Im Schatten einer Palme blieb Malwida stehen, lauschte und stellte sich vor, wie die Freundin mit unglaublicher Leichtigkeit ihre Finger über die Tasten gleiten ließ. Klavierspielen war eine der Leidenschaften dieser talentierten jungen Frau. Die Melodie klang nach Abschied. Auch Pauline war in Abschiedsstimmung, sie und ihre Schwester würden auch bald dieses gastliche Haus verlassen und abreisen. Erst als das Musikstück verklungen war, ging Malwida hinein und ließ sich vom Hausdiener zu Pauline führen. Wie erwartet, saß die in Gedanken versunken vor dem Klavier. So kannte sie dieses sensible Wesen. Manchmal war die Freundin beim Musizieren so ergriffen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Malwida verstand das gut, erinnerte sie sich doch an die Zeit, als sie selbst achtzehn gewesen war, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Am liebsten war ihr jedoch die heitere Pauline. Die wanderte plaudernd neben ihr, sammelte Pflanzen für ihre biologischen Forschungen und war immer auf der Suche nach Motiven zum Zeichnen.
Vorsichtig näherte sie sich der Pianospielerin und strich ihr sanft über die Schulter. Pauline schnellte herum, sprang auf und sofort hellte sich ihr Gesicht auf. Die Freundinnen schlossen einander in die Arme.
„Lass uns keine Zeit verlieren. Ein Frühlingstag wie im Bilderbuch. Ich hole nur schnell Tasche und Sonnenhut aus meinem Zimmer. Wir treffen uns vor dem Haus“, rief Pauline und lief zur Tür.

Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.
„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal, wie mein Herz klopft.“
Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Recht hast du, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Die paar Meter bis zu unserer Nische am Kloster schaffst du aber noch.“
Malwida zog die Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und wie still, als sei gar nichts geschehen“, sagte Pauline.
„Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche der Sturm gewütet hat. Wie ein Derwisch hat er an der Pinie gezerrt, weißt du noch?“
„Sicher weiß ich das noch. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie die Felsen, der Sand, das Meer. Vergangene Woche hatte ich auch Angst um den Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt“, erklärte Malwida, holte ihr braunes Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnungen gefunden hatte. „Gut, dass es Papier und Bleistift gibt. Hier siehst du den sturmgebeugten Baum. Doch er ist robust, schau mal, wie gerade er da steht. Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“
Sie lachten.
„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen für dein Herbarium.“
„Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.
Malwida war einverstanden und sie wanderten bis zu den alten Gemäuern der Burganlage, von wo sie einen unbeschreiblichen Panoramablick hatten.
„Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse der Bergketten des Massivs.
„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.
Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida gab ihr Skizzenbuch der Freundin. Sie hatte gerade eine Idee:
„Heute machen wir es mal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und die gemeinsamen Tage vorher.“
Auch den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Stift das ihnen zu Füßen liegende Panorama in das Skizzenbuch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.
‚Seinen Traum kann man träumen, bis er endet, und ihn dann von vorne beginnen, 4. Mai 1845’, lautete Paulines Widmung.
Jede sah sich noch einmal die Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon fast bis zur Felsspitze hinuntergesenkt hatte.
„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis hinunter zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.
„Traumhaft schön ist es hier, ich könnte ewig hier oben bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.
„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tiefstehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer Carl Morgenstern es beschrieb, wenn er von der Faszination des Südens sprach“, erinnerte sich Malwida. „Wäre er doch jetzt hier. Dann könnten wir zu dritt malen.“
„Er muss ein guter Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt, Malwida.“
„Einige seiner Motive haben mich so sehr fasziniert, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“
„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“
„Nein, in Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“
„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“
„Es war in Frankfurt einen Winter lang. Den Unterricht bei ihm hatte ich meinem Vater abgetrotzt und für das Material habe ich goldenen Schmuck verkauft.“
„So etwas macht man doch nur, wenn man verliebt ist.“
War sie in Carl Morgenstern verliebt gewesen vergangenen Winter in Frankfurt? In der Familie wurde darüber gemunkelt. Doch eine Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit. Jedenfalls war ihr der abrupte Abschied sehr schwer gefallen, als sie mit Mutter und Schwester zurückkehren musste in die beschauliche lippische Residenz, vor genau einem Jahr. Wie sehr sie die Unterrichtsstunden bei Carl Morgenstern vermisst hatte seitdem!
„Ein bisschen war ich in ihn verliebt, doch das habe ich bisher niemandem erzählt“, antwortete sie der Freundin. „Oft habe ich Carl in seinem Atelier auf der Zeil ganz still beobachtet, wenn er an seiner Staffelei stand. Ein schöner Mann. Und wie er die herrlichsten Farben auf die Leinwand zauberte. Ich konnte mich nicht satt sehen.“
„Und jetzt heißt es wieder Abschied nehmen“, seufzte Pauline. „Es wird traurig sein, wenn wir dieses Paradies nicht mehr haben.“
„Du weißt doch: Seinen Traum kann man träumen, Pauline. Lass uns aufbrechen, bevor die Sonne untergeht.“
Als sie müde, aber zufrieden mit dem schönen Tag am Place des Palmiers ankamen, dämmerte schon der südliche Abend.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 10.11.2011 - 20.38 Uhr
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