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Blaues Blut | November 2011
Herr von Santhrop macht Urlaub
von Elmar Aweiawa

Michael Ignatius Santhrop - pardon: von Santhrop – genoss die Abgeschiedenheit seiner Zweizimmerwohnung im Frankfurter Westend, die er seit Jahren nur selten verließ. Er mochte die Menschen nicht, und erst recht keine Fremden. Dabei waren ihm Menschen anderer LĂ€nder und Hautfarbe keineswegs verhasster als seine nĂ€chsten Nachbarn. Doch es war fĂŒr ihn evident, dass nirgendwo vernĂŒnftige und vor allem ertrĂ€gliche Zeitgenossen zu finden waren. Also blieb er lieber zu Hause und ertrug die ihm bestens bekannte Dummheit der Menschen seiner unmittelbaren Umgebung, als sich der vielleicht noch grĂ¶ĂŸeren Borniertheit Unbekannter auszusetzen.

Doch dann gewann er dieses Preisausschreiben. Nicht den ersten Preis, auf den er spekuliert hatte, sondern den dritten. Eine Reise nach Isny im AllgĂ€u, Vollpension, mit Familienanschluss. Ein sommerlicher „Traumurlaub“ auf dem Land.

Da er den ersten Preis, eine limitierte Sonderedition der Werke seines Lieblingsphilosophen Schopenhauer, nicht gewonnen hatte, haderte er mit sich und dem Schicksal.
„Michael Ignatius“, so pflegte er sich anzureden, „du bist ein Idiot! Warum nur hast du an diesem Preisausschreiben teilgenommen? Jetzt musst du in diesen unbekannten und mit Sicherheit ĂŒbervölkerten Ort fahren, um das Landleben zu genießen! Wie kann man nur so blöd sein und den dritten Preis gewinnen?!“

Ja, es war entschieden, diesen Preis durfte er nicht verfallen lassen, auch wenn er sich nichts als Ärger davon versprach - denn einen Gewinn nicht in Anspruch zu nehmen, hĂ€tte zu sehr gegen sein Ethos verstoßen. Zudem war er als letzter Spross eines verarmten Adelsgeschlechts darauf angewiesen, zu nehmen, was ihm geboten wurde.

Sein Auto stand derzeit nicht zur VerfĂŒgung. Genau genommen war es nur noch ein Haufen Schrott, seit ein Lastwagenfahrer dem einem stĂ€ndigen Duell gleichenden Fahrstil Herrn von Santhrops getrotzt und sich dummerweise als der StĂ€rkere erwiesen hatte.

So blieb ihm nichts anderes ĂŒbrig, als mit dem Zug zu fahren. Ein Horrorszenarium, dem sich Herr von Santhrop nur im Ă€ußersten Notfall aussetzte.
Ein Erste-Klasse-Abteil kam aus KostengrĂŒnden nicht infrage, also griff er auf die bewĂ€hrte Sockenstrategie zurĂŒck. Dicke StrĂŒmpfe, Tag und Nacht getragen, mindestens zwei Wochen lang, schlugen selbst den hartnĂ€ckigsten und lĂ€stigsten Mitfahrer in die Flucht. Meist musste er nicht einmal zur ultimativen Waffe greifen und die Schuhe ausziehen, doch wenn der Zug ĂŒberfĂŒllt und infolgedessen die Anzahl der potenziellen Konkurrenten auf das Abteil recht hoch war, griff Herr von Santhrop ohne Gnade zu diesem letzten Mittel.

Doch am Reisetag war der Zug nur halb gefĂŒllt und Herr von Santhrop konnte ohne ultimative Maßnahmen ein Abteil fĂŒr sich beanspruchen. Als er in Isny den Zug verließ, war der Reisende fast gut gelaunt – ein seltener Zustand.

Ein Taxi war bald gefunden, und der bedauernswerte Chauffeur war heilfroh, dass sein Fahrgast auf der RĂŒckbank Platz genommen hatte. Trotz weit geöffneter Fenster dem Ersticken nahe, nahm er am Ziel sein Geld mit spitzen Fingern entgegen. Der Plan, auf dem schnellsten Weg zum nahegelegenen Fluss zu fahren, dort sein Taxi zu versenken und es anschließend als gestohlen zu melden, verflĂŒchtigte sich genauso schnell aus seinem Hirn wie der Gestank aus dem Auto.

Da stand nun Herr von Santhrop, seinen Koffer in der Hand, vor dem einsamen Bauernhaus. Landleben und Familienanschluss erwarteten ihn, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn.

„Ah, da bist du ja! Wir haben dich schon erwartet.“
Die BegrĂŒĂŸung des jungen, dreisten Burschen wirkte auf den bis dato immer noch leidlich gut gelaunten Herrn von Santhrop wie ein den Lodenmantel lupfender Exhibitionist auf eine Nonne. Nichts hasste er mehr, als die Anbiederung des Du bei der ersten Begegnung. Schon gar nicht von solch einem DreikĂ€sehoch wie diesem primitiven BauernlĂŒmmel. Die dargereichte Hand ignorierte er geflissentlich und trat in die gute Stube.
Ein Blick in die Runde bestĂ€tigte seine schlimmsten BefĂŒrchtungen. Die JungbĂ€uerin, kaum 30 Jahre alt, die nur mit MĂŒhe ihre wild durcheinander krakeelenden BĂ€lger im Zaum halten konnte, stieß ihm ein herzhaftes „GrĂŒĂŸ Gott!“ entgegen, wĂ€hrend eine am Ofen sitzende, verhutzelte Alte lediglich ein debiles Grinsen fĂŒr ihn ĂŒbrig hatte.
Diese Art der BegrĂŒĂŸung empfand er als blasphemische Verhöhnung seiner Person, also bellte er los:
„Wo ist mein Zimmer?“

Die betroffenen Gesichter hoben seine Laune ein wenig, doch die Ausstattung des Gastzimmers ließ seine ZĂŒge endgĂŒltig entgleiten. Hellblau gestrichene WĂ€nde, dieses verhasste Kreuz mit dem masochistischen Menschenfreund an der Wand, und zu allem Überfluss ein Baldachin ĂŒber dem Bett. Eine Folterkammer hĂ€tte nicht abschreckender wirken können. Wie sehnte sich Herr von Santhrop nach seiner Kammer mit den grau gestrichenen, kahlen WĂ€nden.

„Ruhe wohl“, verabschiedete sich der Bauerntrampel und hatte bereits auf dem Absatz kehrt gemacht, als Herr von Santhrop noch mit dem Ausfeilen von FlĂŒchen beschĂ€ftigt war.
„Du selten blödes Arschloch!“, polterte er als Letztes, wobei offen blieb, ob er damit seinen Gastgeber, diesen Bauerntrampel, oder gar sich selbst titulierte.
Die ĂŒberfĂ€llige Dusche nebst intensivster Bearbeitung der FĂŒĂŸe mittels einer WurzelbĂŒrste sollte die letzte AktivitĂ€t des Herrn von Santhrop an diesem Abend gewesen sein. Vollkommen erschöpft stĂŒrzte er ins Bett und sank sogleich in einen tiefen Schlaf, aus dem er allerdings nach kurzer Zeit wieder erwachte.

Schweiß stand auf seiner Stirn und er brauchte geschlagene fĂŒnf Minuten, um festzustellen, was so gravierend anders war als zu Hause und ihm den Schaf raubte.
Diese grÀssliche Stille! Kein Ton, kein Laut, kein Hupen eines Autos. Nichts als diese unheilschwangere Abwesenheit von LÀrm jeglicher Art. Als Herr von Santhrop endlich begriffen hatte, sprang er mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett.
Leiderprobt aus frĂŒheren geschĂ€ftlichen Aufenthalten in Hotels im lĂ€ndlichen Raum, fĂŒhrte Herr von Santhrop diesmal eine selbst komponierte CD mit sich, die ihm gegen die unertrĂ€gliche Stille eine hartgeschmiedete Waffe zur Seite stellte. Aufnahmen des VerkehrslĂ€rms am Kamener Kreuz zur Rushhour, unterlegt mit dezentem Panzerkettengerassel vom TruppenĂŒbungsplatz Haunstein-Simmersdorf und angereichert mit einer Prise Lokalkolorit des nĂ€chtlichen Frachtflug-Verkehrs auf der Startbahn-West, waren Argumente, gegen die keine noch so perverse Stille ankam.

Doch ach, ein grĂ€sslicher Fluch zerriss die nervenzerrĂŒttende Stille. Der Akku des mitgebrachten tragbaren CD-Players war leer und eine Steckdose gab es im ganzen Zimmer nicht.
So verbrachte Herr von Santhrop die Nacht, mit Kopfhörern auf den Ohren, einem schwarzen Nachthemd bekleidet und auf der hölzernen Klobrille sitzend, in der Etagentoilette. Seine geliebten KlĂ€nge im Ohr entschlummerte er trotz der unbequemen Stellung in kĂŒrzester Zeit.

Wie gerÀdert wachte er gegen drei Uhr auf und stolperte durch das völlig dunkle Haus.
Atembeschwerden und SchweißausbrĂŒche waren Grund genug, die Stellung aufzugeben und das Heil in der Flucht zu suchen. Den Koffer, den er zum GlĂŒck noch nicht ausgepackt hatte, in der Hand, marschierte er los. Keine Minute lĂ€nger ertrug er dieses Haus. Lieber in seiner Frankfurter Wohnung auf Jahre lebendig begraben sein, als diese Folter auch nur eine Minute lĂ€nger aushalten zu mĂŒssen!

Dass es in diesem vermaledeiten Haus keine Lichtschalter gab, die sich im Dunkeln finden ließen, trieb ihn zur Weißglut, und als er sich bis zur Treppe vorgearbeitet hatte, wĂ€re er beinahe hinabgestĂŒrzt.
„Denen werd ich’s zeigen“, steigerte sich seine Wut gegen das Haus und dessen Bewohner. Unten angekommen, öffnete er in vollkommener Dunkelheit den Koffer, ertastete die PlastiktĂŒte, in der seine Socken geruchssicher verstaut waren, und zerriss den Kunststoff - ein HaifischlĂ€cheln stahl sich in sein Gesicht, obwohl die Geruchsnerven Alarmsignale zum Gehirn sandten. Ohne Abschiedsgeschenk wĂŒrde er nicht verschwinden!

Mit ausgestrecktem Arm und spitzen Fingern ergriff er die qualmenden Socken, kniete sich auf den Boden und kroch in die Richtung, in der er den Wohnzimmerschrank vermutete.
Den heftigen Schmerz, der ihn bei der Kollision mit einer spitzen Kante desselben ĂŒberfiel, ignorierte Herr von Santhrop mannhaft, lediglich ein leiser, ellenlanger Fluch ließ sich nicht unterdrĂŒcken. In unbeirrbarer ErfĂŒllung seiner Mission stopfte er die stinkenden Socken derart tief unter den Schrank, dass sie von niemandem zu sehen sein wĂŒrden

Kaum hatte er sein Werk vollbracht, durchzuckte ein plötzlicher heftiger Schmerz seine Rechte. Wie von Taranteln gestochen fuhr er hoch, schleuderte die Maus, die sich in seinen Finger verbissen hatte, quer durch den Raum und rannte zu seinem Koffer, um diesen ungastlichen Ort auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Leider hatte er vergessen, dass ihm dabei der Tisch im Weg stand, und als er mit dem empfindlichen Körperteil, das die Schöpfung unseligerweise genau in Tischhöhe angebracht hat, gegen dessen verflucht spitze Ecke stieß, stĂŒrzte er vor Schmerzen schreiend zu Boden, schlug mit dem Kopf auf den harten Fliesenboden und ... erwachte im Bezirkskrankenhaus von Isny. Um sein Bett herum wuselten kleine Kinder, eine Frau, die ihm vage bekannt vorkam, zupfte an seiner Bettdecke herum, und als ihm die laute Stimme des Bauerntrampels mit einem „GrĂŒĂŸ Gott, Herr von Santhrop“ ins Ohr dröhnte, versuchte er zu fluchen, doch er brachte keinen Ton hervor. Durch den Unfall waren seine StimmbĂ€nder gelĂ€hmt.

Ein Arzt trat ein und wandte sich an den Wortlosen:
„Herr von Santhrop, ich habe eine gute Nachricht fĂŒr Sie. Familie Huber hat sich bereit erklĂ€rt, sie bei sich zu Hause aufzunehmen und zu pflegen. Aus Ă€rztlicher Sicht ist das fĂŒr sie das Beste.“
Dann wandte er sich an das BĂ€uerlein:
„Sehen Sie, Herr Huber, seine Augen fĂŒllen sich mit TrĂ€nen der Dankbarkeit.“

An einem Preisausschreiben, das stand fest, wĂŒrde Herr von Santhrop nie wieder teilnehmen.

© aweiawa Version 3

Letzte Aktualisierung: 13.11.2011 - 20.53 Uhr
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