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Blaues Blut | November 2011
Tessa von Hohenstein macht sich Gedanken
von Monika Heil

Als Tessa von Hohenstein erwachte, war es drau├čen noch d├Ąmmerig. Erschrocken fuhr sie hoch. War sie etwa wieder einmal auf der Couch eingeschlafen? Tats├Ąchlich. Wie ├Ąrgerlich. In der Wohnung schien es noch morgenstill. Doch dann h├Ârte sie leise Ger├Ąusche. Die kamen eindeutig aus dem Schlafzimmer. Sabine. Sabine und dieser Kerl. War der wirklich ├╝ber Nacht geblieben? Ja klar, deshalb hatte Sabine sie ja auch ausgesperrt. Tessa von Hohenstein erhob sich, reckte die Glieder und sprang auf die F├╝├če. Langsam tapste sie in Richtung K├╝che. Die geschlossene Schlafzimmert├╝r ignorierte sie ostentativ.

Verwirrt schaute sie sich kurz darauf in der K├╝che um. Trotz des fahlen Lichtes war das Schlachtfeld nicht zu ├╝bersehen. Entsetzt riss sie ihre Augen auf. Was f├╝r eine Sauerei! Der Tisch war nicht abger├Ąumt, die Sch├╝ssel mit den Spaghetti noch halb voll. Sie mochte keine Spaghetti. Aber, ├╝berlegte sie, dazu geh├Ârte doch diese leckere Hackfleischso├če und die mochte Tessa von Hohenstein fast so gern wie Lendensteaks. Tja, wie das Leben so spielt, die war nat├╝rlich alle. Klebrige Reste in der Pfanne auf dem Herd. Igitt! Sogar die Weingl├Ąser waren nicht ausgetrunken worden. Ihren besten Rotwein hatte Sabine gestern Abend kredenzt. Meist tat sie sich mit ihrem Beaujolais ziemlich gef├Ąhrlich, weil der angeblich so viel gekostet hatte. Und nun hatten sie dieses teure Zeug nicht mal ausgetrunken. Unglaublich! Tessa mochte keinen Alkohol. Sie trank ein paar Schlucke Wasser. Es schmeckte ziemlich abgestanden und fad. Wie hatte Sabine nur so tief sinken k├Ânnen? Sie war doch sonst so eine Ordnungsfanatikerin. Es war wie immer ÔÇô kamen M├Ąnner im Spiel sind, setzte Sabines Verstand aus. Seit drei Jahren lebten sie nun gemeinsam in dieser Wohnung, waren normalerweise ein Herz und eine Seele. Bis mal wieder ein Mann in Sabines Leben auftauchte. Schon wurde sie ausgesprochen beratungsresistent.

Tessa ging r├╝ber ins Bad. Meine G├╝te, wieder mal lagen da ├╝berall die Klamotten der beiden rum. Schwarzes Spitzenh├Âschen neben roten Boxershorts. Ts ts! Was konnte sie tun, um den Typen zu vergraulen? Noch einmal Haare verstreuen? Bei Knut hatte das geklappt. Sie sch├╝ttelte sich, wenn sie an ihn dachte.
ÔÇ×Das ist Knut von Gegen├╝ber!ÔÇť, hatte Sabine ihn ihr eines Tages vorgestellt und sie hatte geglaubt, der sei auch adelig. Aber weit gefehlt, Knut war ein ganz Primitiver und wohnte nur in dem Haus gegen├╝ber. Und dahin war er auch zur├╝ckgekehrt, als ihn Tessas Haare zu sehr genervt hatten. Offenbar war das ihre st├Ąrkste Waffe.
ÔÇ×Entweder sie oder ichÔÇť, war das Letzte, was sie von ihm geh├Ârt hatte, bevor er endg├╝ltig die T├╝r zuschlug.

Tessa von Hohenstein war derma├čen in Gedanken, dass sie das ├ľffnen der Schlafzimmert├╝r ├╝berh├Ârte. Auch die Schritte im Flur nahm sie zu sp├Ąt wahr. Und da stand er schon in der T├╝r. Sabines Neuer. Mm, offenbar wollte er gut Wetter machen bei ihr. Vielleicht war der ja doch ganz nett.

Und dann ├╝berschlugen sich die Ereignisse. Der Kerl fing ein so f├╝rchterliches Geschrei an, dass die Scheiben vibrierten, Tessa flog in hohem Bogen gegen den Wannenrand und st├Âhnte vor Schmerz, Sabine st├╝rzte herbei.
ÔÇ×Um Gotteswillen, was ist denn hier passiert?ÔÇť, ├╝bert├Ânte sie das stimmliche Chaos. Tessa von Hohenstein versuchte es mit einer Kurzfassung. Doch die schien Sabine nicht zu interessieren. Nur seine. Er jammerte und jammerte. Dabei verstanden sowohl Tessa als auch Sabine nur die H├Ąlfte, weil er immer wieder so schrecklich nach Luft schnappte dabei. Au├čerdem rannte er auch noch zur├╝ck ins Schlafzimmer. Sabine hinterher. Pl├Âtzlich blieb sie stehen, hielt sich die Seite und lachte. Wahrhaftig Sabine lachte den Typen aus.
ÔÇ×Ach Schatz, das hat Tessa sicher nicht b├Âse gemeint. Ich denke, sie hat ganz einfach nur an W├╝rstchen gedacht. Na und wenn das stimmt, ist es kein Wunder, dass sie zugeschnappt hat.ÔÇť
ÔÇ×Das ist mir schei├čegal. So lange dieses Mistvieh hier in deiner Wohnung ist, siehst du mich nicht wieder.ÔÇť Peng! Wieder mal fiel eine T├╝r ins Schloss.

Sabine hatte noch Tr├Ąnen in den Augen. Aber wohl vor lachen. Sie dr├╝ckte ihren kleinen Liebling an sich.
ÔÇ×Ach meine S├╝├če, was machst du nur f├╝r Sachen? Komm, wir gehen Gassi und dann kaufe ich dir bei Metzger M├╝ller ein richtiges W├╝rstchen.ÔÇť Sie wischte sich die Tr├Ąnen aus den Augenwinkeln und griff zur Leine. Tessa von Hohenstein warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Kurz vor zehn. Das war doch die Zeit, zu der seit Tagen dieser Dr. Meierlein mit Wotan von dem Felde unten vorbei kam. Das ist ein ganz Fescher, dachte sie nicht zum ersten Mal. Den w├╝rde sie nicht von der K├Ârbchenkante werfen. Das Problem war nur, dass Dr. Meierlein nach Menschenjahren schon um die siebzig und Sabine erst f├╝nfunddrei├čig war. Zu alt. Das fand selbst Tessa. Andererseits, der w├╝rde guten Rotwein zu sch├Ątzen wissen. ÔÇ×Die oder ichÔÇť, w├╝rde Dr. Meierlein sicher niemals sagen. Schlie├člich ist er auch ein Tierfreund. Wie sagt Frauchen immer? ÔÇ×Noch ist nicht aller Tage Abend.ÔÇť Eben. Wuff.

Letzte Aktualisierung: 19.11.2011 - 14.22 Uhr
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