Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Blaues Blut | November 2011
Tessa von Hohenstein macht sich Gedanken
von Monika Heil

Als Tessa von Hohenstein erwachte, war es draußen noch dämmerig. Erschrocken fuhr sie hoch. War sie etwa wieder einmal auf der Couch eingeschlafen? Tatsächlich. Wie ärgerlich. In der Wohnung schien es noch morgenstill. Doch dann hörte sie leise Geräusche. Die kamen eindeutig aus dem Schlafzimmer. Sabine. Sabine und dieser Kerl. War der wirklich über Nacht geblieben? Ja klar, deshalb hatte Sabine sie ja auch ausgesperrt. Tessa von Hohenstein erhob sich, reckte die Glieder und sprang auf die Füße. Langsam tapste sie in Richtung Küche. Die geschlossene Schlafzimmertür ignorierte sie ostentativ.

Verwirrt schaute sie sich kurz darauf in der Küche um. Trotz des fahlen Lichtes war das Schlachtfeld nicht zu übersehen. Entsetzt riss sie ihre Augen auf. Was für eine Sauerei! Der Tisch war nicht abgeräumt, die Schüssel mit den Spaghetti noch halb voll. Sie mochte keine Spaghetti. Aber, überlegte sie, dazu gehörte doch diese leckere Hackfleischsoße und die mochte Tessa von Hohenstein fast so gern wie Lendensteaks. Tja, wie das Leben so spielt, die war natürlich alle. Klebrige Reste in der Pfanne auf dem Herd. Igitt! Sogar die Weingläser waren nicht ausgetrunken worden. Ihren besten Rotwein hatte Sabine gestern Abend kredenzt. Meist tat sie sich mit ihrem Beaujolais ziemlich gefährlich, weil der angeblich so viel gekostet hatte. Und nun hatten sie dieses teure Zeug nicht mal ausgetrunken. Unglaublich! Tessa mochte keinen Alkohol. Sie trank ein paar Schlucke Wasser. Es schmeckte ziemlich abgestanden und fad. Wie hatte Sabine nur so tief sinken können? Sie war doch sonst so eine Ordnungsfanatikerin. Es war wie immer – kamen Männer im Spiel sind, setzte Sabines Verstand aus. Seit drei Jahren lebten sie nun gemeinsam in dieser Wohnung, waren normalerweise ein Herz und eine Seele. Bis mal wieder ein Mann in Sabines Leben auftauchte. Schon wurde sie ausgesprochen beratungsresistent.

Tessa ging rüber ins Bad. Meine Güte, wieder mal lagen da überall die Klamotten der beiden rum. Schwarzes Spitzenhöschen neben roten Boxershorts. Ts ts! Was konnte sie tun, um den Typen zu vergraulen? Noch einmal Haare verstreuen? Bei Knut hatte das geklappt. Sie schüttelte sich, wenn sie an ihn dachte.
„Das ist Knut von Gegenüber!“, hatte Sabine ihn ihr eines Tages vorgestellt und sie hatte geglaubt, der sei auch adelig. Aber weit gefehlt, Knut war ein ganz Primitiver und wohnte nur in dem Haus gegenüber. Und dahin war er auch zurückgekehrt, als ihn Tessas Haare zu sehr genervt hatten. Offenbar war das ihre stärkste Waffe.
„Entweder sie oder ich“, war das Letzte, was sie von ihm gehört hatte, bevor er endgültig die Tür zuschlug.

Tessa von Hohenstein war dermaßen in Gedanken, dass sie das Öffnen der Schlafzimmertür überhörte. Auch die Schritte im Flur nahm sie zu spät wahr. Und da stand er schon in der Tür. Sabines Neuer. Mm, offenbar wollte er gut Wetter machen bei ihr. Vielleicht war der ja doch ganz nett.

Und dann überschlugen sich die Ereignisse. Der Kerl fing ein so fürchterliches Geschrei an, dass die Scheiben vibrierten, Tessa flog in hohem Bogen gegen den Wannenrand und stöhnte vor Schmerz, Sabine stürzte herbei.
„Um Gotteswillen, was ist denn hier passiert?“, übertönte sie das stimmliche Chaos. Tessa von Hohenstein versuchte es mit einer Kurzfassung. Doch die schien Sabine nicht zu interessieren. Nur seine. Er jammerte und jammerte. Dabei verstanden sowohl Tessa als auch Sabine nur die Hälfte, weil er immer wieder so schrecklich nach Luft schnappte dabei. Außerdem rannte er auch noch zurück ins Schlafzimmer. Sabine hinterher. Plötzlich blieb sie stehen, hielt sich die Seite und lachte. Wahrhaftig Sabine lachte den Typen aus.
„Ach Schatz, das hat Tessa sicher nicht böse gemeint. Ich denke, sie hat ganz einfach nur an Würstchen gedacht. Na und wenn das stimmt, ist es kein Wunder, dass sie zugeschnappt hat.“
„Das ist mir scheißegal. So lange dieses Mistvieh hier in deiner Wohnung ist, siehst du mich nicht wieder.“ Peng! Wieder mal fiel eine Tür ins Schloss.

Sabine hatte noch Tränen in den Augen. Aber wohl vor lachen. Sie drückte ihren kleinen Liebling an sich.
„Ach meine Süße, was machst du nur für Sachen? Komm, wir gehen Gassi und dann kaufe ich dir bei Metzger Müller ein richtiges Würstchen.“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und griff zur Leine. Tessa von Hohenstein warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Kurz vor zehn. Das war doch die Zeit, zu der seit Tagen dieser Dr. Meierlein mit Wotan von dem Felde unten vorbei kam. Das ist ein ganz Fescher, dachte sie nicht zum ersten Mal. Den würde sie nicht von der Körbchenkante werfen. Das Problem war nur, dass Dr. Meierlein nach Menschenjahren schon um die siebzig und Sabine erst fünfunddreißig war. Zu alt. Das fand selbst Tessa. Andererseits, der würde guten Rotwein zu schätzen wissen. „Die oder ich“, würde Dr. Meierlein sicher niemals sagen. Schließlich ist er auch ein Tierfreund. Wie sagt Frauchen immer? „Noch ist nicht aller Tage Abend.“ Eben. Wuff.

Letzte Aktualisierung: 19.11.2011 - 14.22 Uhr
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