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Pulp Fiction | Dezember 2011
Lisa am See
von Renate Hupfeld

Wir befanden uns auf einem wahnsinnig schmalen Pfad entlang einer Felswand, als sie sich plötzlich umdrehte, nach meiner Hand griff und versuchte, sich an mir festzuhalten.
„Hilf mir, Martin, ich kann nicht weiter.“
Links vom Weg ging es fast senkrecht hinunter in die Tiefe und ich hatte mit der zitternden Lisa an der Hand große Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Panik an dieser Stelle konnte tödlich sein, doch das durfte ich ihr im Moment nicht zeigen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass sie derartige Schwierigkeiten bekam. Beim Skifahren war ihr kein Berg zu hoch und kein Hang zu steil. Was war denn im Sommer anders? Was war mit ihr los? Mit Mühe gelang es mir sie zu beruhigen, indem ich sie aufforderte, Schrittchen für Schrittchen weiterzugehen und weder auf die Felswand noch in den Abgrund, sondern nur nach vorne auf den Weg zu schauen.
Als wir endlich mit heilen Knochen die Hochalm erreichten, ließen wir uns erleichtert ins Gras fallen. Das Plateau hatten wir ganz für uns alleine und saßen eine Weile schweigend zu Füßen des schroffen Felsmassivs, von dessen schneebedecktem Gipfel die Sonne glitzernde Reflexe auf die Spiegelfläche des Sees zauberte, bis sie plötzlich hinter dem Berg verschwand und unser schönes Plätzchen im Schatten lag. Es wurde kühl und wir bauten unser kleines blaues Zelt auf.
„Mach es dir schon mal drinnen bequem, Lisa. Ich hole Wasser und dann gibt es einen Tee.“
Bei meiner Suche nach der Quelle, die nach Informationen im Wanderführer aus den Felsen in den See sprudeln sollte, kletterte ich über Gesteinsbrocken und horchte nach einem Plätschern. Da war aber nichts. Einige Meter über mir begann schon der Gletscher und ich entdeckte den Eingang zu einer Höhle. Ein mächtiges Eisgebilde hing von der Decke herunter. Das konnte ich jedoch aus der Entfernung nicht genau erkennen. Jedenfalls war das wohl eine der Eishöhlen, von denen die Leute in der Dorfkneipe erzählt hatten. Sollten sie am Ende Recht haben mit ihrer Horrorstory? Die Quelle fand ich nicht, hörte auch immer noch kein Plätschergeräusch. Was sprach dagegen, wenn ich glasklares Wasser aus dem See schöpfte?
Mit gefüllter Feldflasche ging ich zurück zum Zelt, blieb davor stehen und schaute mich noch einmal um. Die Felsspitze war jetzt in Dunst eingehüllt, der Mond als milchiger Fleck zu erahnen. Es begann leicht zu schneien. Ja, in diesen Höhen war wettermäßig alles möglich. In kurzer Zeit legte sich ein weißer Schleier auf Zelt und Umgebung.
„Bist du es, Martin?“
„Ja.“
„Hast du die Quelle gefunden?“
„Sie war weiter entfernt, als ich dachte.“
Ich musste ihr ja nicht erzählen, dass ich die Quelle gar nicht gefunden hatte. Das Wasser erhitzte ich draußen auf unserem kleinen Campingkocher. Das dauerte ziemlich lange.
„Versuch schon mal zwei Teebeutel in der Vortasche meines Rucksacks zu finden und ein paar Zuckerstücke“, forderte ich Lisa auf.
Dann balancierte ich den Topf mit dem kochenden Wasser durch die Öffnung und kroch vorsichtig hinein zu ihr. Schön warm war es da. Wir füllten unsere Becher. Dann saßen wir nebeneinander im Zelt, wärmten uns die Hände, schlürften den süßen Tee und sahen durch den Zelteingang dicke Schneeflocken in den See schweben.
„Wenn ich mir überlege, es könnte stimmen, was der Mann erzählt hat.“
„Ach, Lisa, lass es doch. Wir sind jetzt hier und morgen ist ein neuer Tag. Ein bisschen essen wollen wir doch auch, und zwar ohne die Horrorvisionen einiger Dorfschelme. In meinem Vorrat hab ich noch feine Sachen. Hast du Hunger?“
„Klitzekleinen.“
Ich zog den Rucksack heran und kramte nach Essbarem.
„Hey, schau mal, was ich hier habe.“
„Ölsardinen, wie köstlich“, meinte sie. „Sonst mag ich sie gar nicht, aber hier im Hochgebirge ist sowieso alles anders.“
„Ohne Haut und ohne Gräten. Und was meinst du, was es dazu gibt?“
Ich kramte weiter und zog eine Packung Knäckebrot heraus.
„Voilà, wenn das keine Delikatessen sind!“
Dann holte ich mein Messer aus der Hosentasche, öffnete die Dose und gab sie ihr. Sie angelte sich mit der Gabel ihres nagelneuen Campingbestecks ein Fischchen, legte es auf eine Knäckebrotscheibe und weg war es.
„Jetzt du.“ Dose, Knäckebrot und Gabel reichte sie weiter.
„Klar, immer abwechselnd, bis alles ratzeputz weg ist. Und zum Dessert gibt’s für jeden einen Schokoriegel. Wenn das kein köstliches Mahl ist!“
„Martin“, schrie sie plötzlich auf, „hast du es gesehen?“
„Was denn?“
„Ein weißer Schatten“, kreischte sie, „schneeweiß, ganz dicht an unserem Zelt. Und das Flattern. So laut. Ganz nah.“
„Eine Fledermaus. In der Dunkelheit jagen sie.“
„Weiße Fledermäuse jagen nur tagsüber.“
Woher wollte sie das denn wissen? Klar jagten die auch nachts wie alle Fledermäuse.
Ungewöhnlich war eher, dass diese hier oberhalb der Baumgrenze herumschwirrte, wo doch ihre Heimat in den Regenwäldern von Honduras war. Möglich, jedoch, dass es auch eine Art gab, die sich in Eis und Schnee wohl fühlte.
„Nicht alle“, sagte ich und damit gab sie sich zufrieden.
„Bei den Mühlreuters ist nichts mehr so, wie es vorher war“, begann sie nach einer Weile.
„Diese Leute kenne ich nicht und du auch nicht. Gibt’s denn nichts Besseres zu reden?“
„Das Leben der Familie ist zerstört, seitdem Vanessa verschwunden ist.“
„Wer weiß, warum sie abgehauen ist. Für ein hübsches Mädchen gibt es reichlich Gründe, so ein Bergnest zu verlassen.“
„Hast du nicht gehört, was sie noch erzählt haben am Nachbartisch?“
„Was interessiert mich das dumme Geschwätz in der Dorfkneipe.“
„Einer hatte in jener Nacht ein weißes Flugwesen über Mühlreuters Haus gesehen.“
„Papperlapapp.“
„Da war es wieder“, kreischte sie, sprang auf, kniete vor ihrem Rucksack und begann, ihre Sachen einzupacken.
„Was hast du vor?“
„Ich halte das hier nicht aus.“
„Beruhige dich, es ist alles in Ordnung.“
„Hier kann ich auf keinen Fall bleiben.“
„Und wo sollen wir hin? Den Abstieg können wir jetzt nicht machen. Lebensgefährlich wäre das mitten in der Nacht.“
„Egal wie, ich gehe hinunter.“
„Denk an die Felsen, das endlose Geröllfeld und den Abgrund.“
Sie schob ihren Rucksack in die Ecke und kroch wieder neben mich.
„Guck wenigstens draußen nach, was das war.“
Große Lust hatte ich dazu nicht, aber so gab Lisa ja auch keine Ruhe.

Es schneite nicht mehr, die Wolken waren weggezogen. Der kreisrunde Mond beleuchtete von seinem Platz über dem Felsmassiv die überpuderte Alm. Ein schönes blaues Licht war das. Ich schlich um unser Zelt herum und entdeckte Fußspuren. Beim genauen Hinsehen erkannte ich das tiefe Profil meiner Wanderschuhe. Als ich zu den Felsen hinauf schaute, dachte ich unwillkürlich an die Story, die sie in der Dorfkneipe erzählten. Die Leute hier in den Bergen hatten doch wirklich eine überschäumende Phantasie. Ich wollte mir die Höhle noch einmal ansehen. Wann hatte ich schon mal die Gelegenheit, weiße Fledermäuse zu betrachten?
Über die Felsbrocken kletterte ich hinauf, bis ich am Eingang angekommen war. Da sah ich schon ein wunderbares Exemplar an der Decke hängen. Schneeweiß und viel größer als ich es mir vorgestellt hatte. Das musste ich mir ganz aus der Nähe ansehen. Ich ging hinein und betrachtete das Tier. Wo waren denn die Ohren? Vom Foto wusste ich, dass sie kopfunter baumeln wie die schwarzen. Ich ging noch näher heran. In dem Moment wurde ich von einem eisigen Sog erfasst und beinahe von den Beinen gerissen. Erschrocken fuhr ich herum. Eine schneeweiße Mähne schleuderte mir ins Gesicht und stechend blaue Augen bohrten sich in meinen Hals. Mit eisigen Klauen packte mich das Ungeheuer. Ich stemmte beide Arme gegen seinen Körper, griff jedoch ins Leere und taumelte gegen die Felswand. Verzweifelt zog ich mein Messer aus der Hosentasche, klappte es blitzschnell auf und als ich es erhob, wich mein Gegner plötzlich zurück. Jetzt würde ich ihn erledigen. Aber o Schreck! Die Waffe glitt mir aus der Hand. Ich wollte sie aufheben, rutschte aus und stürzte zu Boden.
Ein lang anhaltender schriller Schrei brachte mir das Bewusstsein zurück. Woher kam der Schrei? Lisa! Was war ihr passiert? Um auf die Beine zu kommen, musste ich mich an einem Felsblock abstützen. Wo war das weiße Ungeheuer? Nur stille Winterlandschaft, wohin ich blickte. Friedlich lag das Zelt im blausilbernen Licht am See. Dann war ja wohl doch alles in Ordnung. Ich ging los. Wie lange war ich denn weg gewesen? Lisa würde schon warten. Da kam sie mir schon entgegen. Erst nur schwach zu erkennen, dann immer deutlicher. In weißem Gewand schwebte sie auf mich zu. Wunderschön sah sie aus mit ihren wehenden Haaren, ihr Mund so rot. Sie kam näher, die Arme mir zugewandt. Ich fasste ihre Hände. So kalt. Ihr blutroter Mund lächelte mich an. Sie zog mich an sich. Ihre Zähne glitzerten silbern. Immer näher kamen die. Mein Messer! Wo war es? Ich riss mich los, lief zurück, sah schon die Klinge im Mondenschein blitzen, schnappte es, schnellte herum und hielt es der Frau entgegen. Da war sie plötzlich verschwunden.

„Du warst lange weg, Martin. Ich war wohl schon eingeschlafen“, sagte Lisa, als ich in das Zelt kroch. „Wie kalt du bist. Komm zu mir in den Schlafsack, ich wärme dich.“
Das war eine gute Idee.
„Hast du draußen etwas gefunden?“
„Gefunden, entdeckt, herausgefunden, wie du willst“, sagte ich. „Doch morgen ist auch noch ein Tag. Jetzt bin ich hundemüde und muss erst mal ‚ne Runde schlafen.“
Das würde mir in der kuscheligen Schlafsackenge auch sofort gelingen. Wenn die Sonne aufging und das Ungetüm wieder in seiner Höhle baumelte, würde ich die Quelle finden, Teewasser holen und Lisa beim Frühstück mit leckerem Cornedbeef und Knäckebrot erzählen, dass sie Recht gehabt hatten in der Dorfkneipe unten im Tal. Vor vielen Jahren waren diese Bestien in Ungarn vertrieben worden, hatten sich hier oben eingenistet und waren Jahrhunderte lang eingefroren. Durch die Erderwärmung tauten sie nun auf und trieben ihr Unwesen. Einer von denen hatte Mühlreuters Tochter das Leben ausgesaugt. Seitdem irrte Vanessa in Vollmondnächten im Gebirge umher und fand keine Ruhe.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 05.12.2011 - 11.25 Uhr
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