Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Die junge Krankenschwester und der ältere Arzt
von Anne Zeisig

Durch die Schlitze des mattgrauen Rollos wird das Sonnenlicht in Streifen mit weichgezeichneten Rändern golden an die weißgetünchte Zimmerwand geworfen.
Etwas Wärme breitet sich aus in dem sterilen Raum, der von einem großen metallenen Schreibtisch beherrscht wird. Dem gegenüber steht der Arzneischrank mit milchgläsernen Türen klein und bescheiden in der Ecke, als würde sein Weiß mit der Wand verschmelzen. An den Griffleisten der unteren Schubladen blättert der Lack ab.
Keine Frage. Er hatte die besten Zeiten bereits lange hinter sich.
Er hat sich ihr als Doktor Hermanis vorgestellt.

* * *

“Jürgen Sigmund Hermanis.” In den zahlreichen Falten seiner Denkerstirn funkelten Schweißperlen wie kleine Kristalle. Seine erschlafften Oberlider verdeckten fast vollständig den Blick auf seine khakigrünen Augen, die Schwester Ivonne von oben bis unten lüstern durch eine große, schwarze Brille anschmachteten.
Die Luft im überheizten Raum war geschwängert von heißer Begierde und Leidenschaft.

“Schwester Ivonne. Sie machen mich rasend. Die Vorstellung, dass Sie unter Ihrem blütenweißen Kittel nichts anderes tragen als Ihren wohlgeformten jungen Alabasterkörper, treibt mir meinen testosteronaromatisierten Schweiß aus sämtlichen Poren.” Er setzte sich lässig auf eine Ecke des Schreibtisches, schlug seine Beine übereinander und wischte sich mit seinem behaarten Handrücken über die feuchtglänzende Stirn.
Dann zog er sie eng an seinen korpulenten Körper. Sehr eng. Ihr schwarzblaues Haar duftete nach Moschus und Opium. Die Schwesterntracht fühlte sich glatt und kühl an. Ein wohlbekannter Duft aus seiner Kindheit schlich sich in seine Nase und ließ die Nasenflügel beben. Es war der Geruch nach Kernseife und Wäschestärke, welchen er mit rein und unbefleckt assoziierte.
“Meine zierliche Unschuld”, flüsterte er.
Ihre korallenblauen Augen waren halb geschlossen, aber dennoch entging ihm nicht der Funken in ihrem Blick, der entfacht werden musste.
Oder träumte sie sich, begleitet von unzähligen Wimperschlägen, in die Ferne einer ungestillten Sehnsucht?
Seine großen Hände umfassten ihre Taille und zogen die attraktive junge Frau noch enger an seinen fülligen Körper. Die wenige Luft zwischen ihnen flirrte, als schwebe sie über glühenden Sommerasphalt.

Was sollte die junge Frau ihm sagen? “Ich arbeite noch nicht lange hier”, hauchte sie. Über ihrer Stimme lagerte ein Ostinato in G-Dur. Sie blickte schüchtern hinunter auf den grauen, abgetretenen, gewachsten Linoleumboden.
Doktor Hermanis atmete schwer. Unter seinem weißen Kittel hob und senke sich seine breite Brust unübersehbar. Er nestelte am oberen Knopf ihres Schwesternkittels. “Das Timbre deiner Stimme ist ein Genuss für meine Ohren. Wir beide sind aus demselben Holz geschnitzt. Du aus Ebenholz und ich aus Eiche. Lass uns alle Konventionen über Bord werfen”.
Flackerte da etwa ein vorwitziges Leuchten in ihren Augen? Dieses geheimnisvolle Flackern trieb ihm den Schweiß abermals auf seine zerfurchte Stirn.
Die junge Frau kicherte gequält. “Aber wenn ich aus Ebenholz bin und Sie aus Eiche, dann ist es nicht dasselbe Holz.”
Er legte ihr seinen Zeigefinger auf ihre feuchtroten Lippen. “Zerstöre nicht diesen kostbaren Augenblick, wo ein Ja aus deinem Munde einen Flächenbrand entfachen könnte.”
Schwester Ivonne nahm zaghaft seine Hand in die ihrige und senkte sie hinab, um sein Vorhaben, ihren Kittel zu öffnen, sanft abzuwehren.
Was tat sie hier bloß?
“Kleines. Warum nehme ich nun eine trübe, traurige Iris wahr, die eben noch vor Lüsternheit gesprüht hat und mein Herz fast bersten ließ.”
Sie ließ seine Hand, die von unzähligen Altersflecken gezeichnet war, los. “Ich brauche Zeit.”
Er nahm ihre samtenen makellosen Hände, führte sie zu seinen Lippen und hauchte einen Kuss darauf. “Du solltest mich nicht zu lange warten lassen.” Er blickte kurz auf seine Uhr.
Schwester Ivonne rang sich ein Lächeln ab. Das ließ ihre hohen Wangenknochen noch besser zur Geltung kommen.
Sie zwirbelte eine Locke ihres Langhaares um ihren Zeigefinger.
Der Doktor zwinkerte ihr zu und schickte sich an, den obersten ihrer Kittelknöpfe zu öffnen. “Spürst du nicht auch ein unbändiges Verlangen? Eine Sehnsucht, die gestillt werden will? Eine Wildheit, die nicht länger gezähmt werden kann? Willst du mich verdursten lassen wie eine Pflanze in der trockenen Wüste? Soll ich verdorren wie ein Samenkorn ohne Mutterboden?” Er legte ihre Hand auf seine linke Brustseite. “Fühlst du den pulsierenden Rhythmus? Mein Herz schlägt nur für dich.” Wieder führte er ihre Hände an seinen Mund und liebkoste sie. “Du solltest dich nicht zu lange zieren.”
Sah sie plötzlich in seinen altersmüden Augen den Ausdruck eines gierigen Wolfes aufblitzen, der seine Beute endlich erlegen will?
Schwester Ivonne wich zurück.

Er spürte an seinen pochenden Schläfen, wie das Adrenalin sein Blut bis in die feinsten Verästelungen seines Körpers pumpen ließ. Er straffte seinen Oberkörper. In diesem Moment fühlte er sich jung.
Voller Saft und Kraft.
Oh ja!
Seine Männlichkeit war erwacht.
Er griff mit einer fahrigen und zitternden Bewegung in sein schütteres Kopfhaar. “Gehört das zu deinem Spiel? Soll ich auf Knien vor dir winseln wie ein alter vertrockneter Straßenköter? Bis mir der Sabber aus dem Maul fließt?”
Ivonne ging um den Schreibtisch herum und setzte sich. Sie fächelte sich mit einer zufällig gegriffenen Akte Luft zu.
Ein Blick nur.
Mehr war es doch nicht gewesen, was sie veranlasst hatte, sich von ihm zurückzuziehen.
Inzwischen waren die Sonnenstreifen an der kalkigen Wand verblasst. Sie hatten ihre Strahlkraft verloren.
Er stand auf, stellte sich hinter sie und begann, ihren Nacken und ihre Schultern zu massieren. “Es ist an der Zeit, wo du meine Manneskraft nicht länger verschmähen solltest.” Er senkte seine Tonlage. “Mach mit mir, was du willst. Fessele mich mit Gazeverband, verabreiche mir ein Medikament.” Gänsehaut überzog seinen Körper. “Ich unterwerfe mich dir willenlos.”
Jetzt massierte er ihre Schultern derart fest, dass es sie fast schmerzte. “Ich liebe dominante Frauen.”
Sie warf ihren Kopf in den Nacken und spürte, wie ein Schauer ihren Rücken hinunterlief. Ivonne schloss ihre Augen und sah ein zartweißes Hochzeitskleid, welches üppig mit Spitze und Volants verziert war. Die schwarze Kutsche mit vergoldetem Zierrat wurde von zwei Schimmeln gezogen.
‘Michael!’ Dieser stumme Aufschrei erschütterte jede Faser ihres makellosen Körpers.
Doktor Hermanis ließ ab von ihren Schultern und umfasste ihren kleinen, festen Busen.
Ivonne stand derart abrupt und kraftvoll auf, dass der schwere Stuhl hart gegen die Beine des Doktors schlug. Ihr Gesicht war übersäht von roten Pusteln, die sie immer bei Aufregung bekam. Die Schwester verließ den Raum.
Zurück blieb ein ältlicher Mann mit gebeugtem Rücken.

* * *

Sie stöckelte den Flur hinunter durch den Ausgang und eilte in den Park zum Weiher. Dort setzte sie sich auf eine Bank unter einer Trauerweide, deren Herbstlaub in der untergehenden Sonne rot und orangen schimmerte. Weil sie fröstelte, zog sie die Knie ihrer angewinkelten Beine bis unters Kinn und legte ihren Kopf darauf. Ihr glänzendes Haar fiel kaskadenartig über die wohlgeformten Beine.
Der Weiher ruhte still und leise.
Sie blickte auf die spiegelglatte Wasserfläche.
Wie tief das Wasser wohl war?
Tief genug?
Eine Krähe setzte sich auf das Geäst des Baumes.
Stacheln der Verzweiflung bohrten sich stechend in ihren Brustkorb.
Sie könnte sich einfach in ein Taxi setzen und heimfahren.
Da wartete Michael.
Ivonne schaute hinüber zu dem Backsteingebäude, dessen grauverhangene Fenster die niedrigstehenden spärlichen Sonnenstrahlen wie gierige Löcher bedrohlich aufzusaugen schienen.
Über der Wasserfläche verteilte sich diffus feuchter Nebel.
Ihre Tränen brannten sich schmerzend hinein in die wunde Röte ihres Antlitzes.

Jemand fasste sie an ihren Schultern.
Die junge Frau fuhr erschreckt herum und blickte in das rundliche grellgeschminkte Gesicht ihrer Kollegin Angelika.
“Biste verrückt geworden? Du kannst nich so einfach abhau’n. Wenne dich beeilst, kriegt keiner Wind davon. Kannst froh sein, dass dein Doktorchen geduldig wartet.”
Sie ergriff die helfende Hand ihrer Kollegin und zog sich japsend wie eine Ertrinkende empor. Einander untergehakt verließen sie eilig die Grünanlage.
Schluchzend zog die junge Frau ihren Kittel zurecht. “Mein Mann Michael würde das nicht dulden.”
“Mensch Kleene! Dat is schnell verdientes Geld. Die Moneten der Freier stinken nich!” Angelikas Lachen hallte viel zu laut und schrill in die Dämmerung hinein. Die Kollegin zupfte am Dekolletèe ihrer schwarzen Spitzenkorsage, welche sie züchtig unter einem Mantel verborgen hielt.
Sie waren am Zuweg des Gebäudes angelangt. “Der Alte will nur son bißken Arztroman spielen. Der steht auf son Kitsch.” Flüsterte Angelika Lara ins Ohr. “Lass den son bißken an dir rumtatschen und nach dem Verbandwechsel gibste dem seine Medizin.” Sie steckte ihr augenzwinkernd eine Tablette in die Kitteltasche. “Wirkt schnell. Und wenna aufwacht, Lara, dann fühlt der sich befriedigt und gut behandelt von Schwester Ivonne. Dat is ‘n Stammkunde. Der zahlt gut.”

Lara inhalierte tief die kühle Luft und streckte ihre gerötete Stupsnase vorwitzig in die Höhe. “Na dann! Doktorchen! Schwester Ivonne kommt zur Sonderbehandlung!”
Unter ihren weißen Lack-Pumps knirschte der Kies.

©anne zeisig version 3

Letzte Aktualisierung: 08.12.2011 - 16.12 Uhr
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