Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Blaue Saphire
von Helga Rougui

werbung
junge menschen
strahlend faltenlos leinen los
leben ewig
überleben jeden hai
keine frage
unsterblich
und in wie fern wäre ich
gern
girl auf der bacardi insel
kristallwasser klar
daß man zugedröhnt von zuviel
sonne und zuviel
sand
wirr genug erwacht um sich
in ein wasserglas rum zu stürzen
durst liquid ation
so egal kann leben sein
hm mmm hm hm hmmm hm
bacardi hm mmm hm hm hmmm hm
alle dünn und alle glücklich
niemand jemals hungrig
so einfach
ließe es sich lösen
das
welternährungsproblem

***

Die dicke Elvire wuchtete sich schnaufend aus ihrem Ohrensessel. Eben hatte sie ein Fax erhalten, das sie zu einem dringenden Auftrag rief. Das traf sich gut, hatte sie doch gerade angesichts ihres hoffnungslos überzogenen Bankkontos den entscheidend-legendären Satz gedacht: So kann es nicht weitergehen. Bevor sie aber denken konnte: Wenn es so weitergeht, muß ich wohl doch meinen mühsam zusammenge – äh – sammelten Schmuck verticken, kam glücklicherweise dieses Fax, und so wurde Elvire von jetzt auf gleich eine Wächterin des Objektschutzes.

Sie fuhr zum angegebenen Einsatzort und blinzelte sich an den wuchtigen, Weißen Säulen des zu bewachenden Hauses entlang der grellen Sonne entgegen - immer höher, immer höher, bis sie endlich beim sternstreifenblauen Himmel angekommen war.
Okay. Das war also das Objekt.
Und was oder wen genau sollte sie bewachen?
Ach ja, das Fax. Sie nestelte den zerknirschten Zettel aus ihrer Hosentasche, versuchte erfolglos, ihn glattzustreichen und dechiffrierte noch einmal den halbverwischten Inhalt:

woww yeahh this oval is so what of sexyyy office... hm mmm hm hm hmmm hm

Von wem kam das überhaupt? Dabei weiß doch jedes, auch das allerdümmste Ei, daß es sein Dotter nicht verzehren kann, ohne seine eigene Schale kaputtzuhauen.

***

Südsee. Palmen. Warmer tropischer Regen. Nasse Seide klebt an glatter gebräunter Haut. Klares flüssiges Blei gluckert ins Longdrinkglas. Nur daß der Longdrink einzig und allein aus dieser klaren Flüssigkeit besteht.

Entgeistert schaute Obama auf das sich auf seinem Schreibtisch räkelnde, verführerisch lächelnde Bacardi-Girl.
Wo kam sie her? Wo sollte er hin?
Denn draußen im Büro zeterte bereits die Stimme seiner Ehefrau Michele mit denen der Kinder und ihrer Köter, und er war hier unversehens mit Barbarella oder so eingesperrt, und wie er seine Gattin kannte, brauchte er ihr mit einem Computer(t)errorvirus gar nicht erst zu kommen.

Die einzige Lösung war – selber unsichtbar zu werden.

Eigenartig.
Obama fühlte sich urplötzlich durch und durch leicht und zunehmend farblich inkohärent – und sah - nun schon bereits körperlos aus Nichtaugen blickend - zu, wie die ihm Angetraute mitsamt dem Nachwuchs und seinen Pets ins Oval Office platzte.

***

Trockene Kehle, pelzige Zunge, stechender Kopfschmerz. Kurt erwachte, die Sonne schien ihm ins Gesicht. Er lag in seinen Klamotten von gestern quer über dem Ehebett. Was... Rum? Rum, aha. Den sollte man nicht wie Wasser trinken, das gab einen Megakater, dazu widerlich handfeste Alpträume. Aber als schwer schwarzarbeitende Aushilfskraft mit Minimalbezügen war man gewissen Beschränkungen unterworfen. Schampus gabs nur für seine reich wiederverheirateten Exfrauen, die auf seine Unterhaltszahlungen nicht angewiesen waren, die sie sowieso nicht bekommen hätten – er lachte hämisch – und offiziell war er eh nach Ibiza abgehauen, um dem Abstottern seiner Schulden nebst manch anderem abzusitzenden Ungemach zu entgehen. Sein früheres Dasein als gelernter Kassierer hatte wegen einer kleinen Unregelmäßigkeit in den Kassenbeständen ungut geendet. Er hatte seinen Verabredungen mit hübschen Damen ein bißchen diamantenen Schliff geben müssen angesichts der Tatsache, daß er nicht der gutaussehende Casanova war, als der er sich fühlte.
Eigentlich war er gar nicht mehr da.
Er wälzte sich stöhnend zum Bettrand und stemmte sich hoch. Nach einem inbrünstigen Rülpser und ausgiebiger Entleerung der Blase im Bad schlurfte er in die Küche, machte sich einen Pulverkaffee mit reichlich Milch und Zucker – Frühstück war wichtig! - , zündete sich eine Selbstgedrehte an und setzte sich an seinen Laptop.
Neue Nachricht.
Jacky. Seine große Internetliebe.
Sein Traumweib, hüftlange schwarze Haare, sinnlicher Mund, veilchenblaue Augen, Wespentaille und die Oberweite einer Jane Mansfield – was für ein Bild von einer Frau!
Kurt kratzte sich am Knöchel und fuhr sich anschließend mit der Hand durch die schütteren Haare.
Er öffnete die Mail. Mal sehn, was die Göttin heute befahl.

***

Obama schwebte an der Decke, während seine Ehefrau damit beschäftigt war, das Barbarella-Bacardi-Girl zu ohrfeigen. Ihre schwarzen hüftlangen Haare flogen unter der Wucht der Schläge hin und her, Zu ihren veilchenblauen Augen hatte sich inzwischen noch ein echtes Veilchen gesellt, ein blaues Blümchen sozusagen, Resultat des berühmten rechten Schwingers von Michele, die inzwischen genug davon hatte, auf strafferes Fleisch, als es das ihre war, einzuprügeln. Ihre Augen suchten den Raum ab, in dem sie von Rechts wegen ihren Ehemann vermuten durfte, vielleicht um ihm auch eine Packung zu verabreichen. Sie wurde enttäuscht.
Obama kreiste über den Köpfen der Anwesenden und freute sich, daß er unsichtbar war.
Das Barbarella - Girl aber stolperte weinend davon. Ein Gläschen Rum auf den Schreck konnte wahrhaftig nicht schaden.

***

Kurt las die Mail von Jacky ein drittes Mal: sie wollte sich mit ihm treffen. Hatte angeblich genug von ihrem Job, über den sie sich bisher nur vage ausgelassen hatte. Schwärmte für Geschenke, besonders für blaue Saphire in Form einer Halskette für ihr leeres, nur für Kurt reserviertes Dekolleté.
Er seufzte. Also dann. Er nahm seinen Revolver aus der Küchenschublade und steckte ihn in seinen Gürtel. Dann holte er sein Fahrrad aus dem Schuppen und radelte in die Stadt.

***

- Hände hoch, keine Bewegung, alle Halsketten aus der mittleren Vitrine auf den Tisch, schrie der maskierte Verbrecher und fuchtelte wild mit seiner Waffe. Die Verkäuferin räumte zitternd vor Angst mit gesenkten Augenlidern die Bestände teurer Rubin- und Saphirketten auf die Glastheke und wich dann mit erhobenen Armen furchtsam bis an die Wand zurück. Der Maskierte wühlte indes in dem glitzernden Spaghettihaufen Edelklunker, als ihn eine minimale Bewegung der jungen Frau innehalten ließ. Ihre Hand, an der ein Ring mit einem blauen Saphir blitzte, war zu einem hinter dem Vorhang am Wandregal verborgenen Knopf gewandert... - Schlampe! dachte Kurt, riß die Pistole hoch und feuerte zugleich mit dem durchdringend ertönenden Alarmsignal mehrere Schüsse ab. Die Verkäuferin sackte weich wie eine Gummipuppe tödlich getroffen zu Boden.
Kurt schnappte sich eine Saphirkette, stürmte im Laufschritt aus dem Laden und sah nicht mehr, wie die junge Frau, deren lange schwarze Haare sich gelöst hatten, ihm einen letzten, sterbenden Blick hinterhersandte, bevor ihre veilchenblauen Augen brachen.

***

Obama hatte derweil beschlossen, nie mehr während des nächtlichen Aktenstudiums solche Unmengen Rum zu trinken, wenn er etwa über das strategische Vorgehen gegenüber Fidel Castro sinnierte, der unlängst den USA den Krieg erklärt hatte, Endlich aus luftiger Höhe zurück war er erschöpft in einem Sessel zusammengesunken. Auf der Lehne saß Che Guevara und hielt ihm mitfühlend die Hand. Er wußte, welche Verheerungen das heimische Gesöff anrichten konnte, und bewunderte die subtile Strategie des großen kubanischen Anführers. Doch war es nun an der Zeit, dem Schauspiel ein Ende zu machen. Che wickelte eine riesige kubanische Zigarre aus, rauchte sie an und steckte sie dem Präsidenten zwischen die Lippen, der wie aufgezogen emsig daran nuckelte wie ein Kind.
Das dürfte reichen. Der Sieg des Kommunismus stand kurz bevor.

***

Kurt hatte sich in seinen blauen Anzug geklemmt, ein wirklich antikes Stück, war er doch in ihm konfirmiert worden und hatte in ihm geheiratet sowie diverse Familienmitglieder zu Grabe getragen. Nun also würde er darin seine Traumfrau begeistern. Aufgeregt drehte er sein Champagnerglas zwischen den Fingern und rückte zum hundertsten Mal das in Seidenpapier eingeschlagene Päckchen zurecht, das vor ihm lag. Wo blieb sie denn? Er wurde langsam unruhig. Was war passiert?

***

Er schreckte hoch, mußte wohl kurz eingenickt sein. An seinem Tisch saß jetzt eine Art Nilpferd mit kurzgeschorenen eisengrauen Haaren und lehnte seinen fülligen Busen an den vor ihm stehenden Platzteller. Während sich Kurt die Erklärung der Schönen für ihr Zuspätkommen anhörte, fuhr ihm durch den Kopf, daß alle Internetfotos letztlich Fakes waren, der hier sitzende Fleischberg hatte rein gar nichts zu tun mit dem Abbild seiner Jacky – aber was redete sie da? Sie war gar nicht Jacky - !?

- ...ist meine Cousine vor zwei Tagen bei einem Überfall auf das Juweliergeschäft, in dem sie arbeitete, erschossen worden, hauchte Elvire und hob einen tränenumflorten, veilchenblauen Blick zu Kurts unrasiertem Kinn, und ihr letzter, mir ins Ohr gehauchter Wunsch war, daß ich an ihrer Stelle diese Verabredung wahrnehmen und ihr zu Ehren das ihr zugedachte Geschenk – ihre Finger schnappten gierig nach dem Päckchen - entgegennehmen möge.
Alsbald hatte sich Elvire triumphierend die Kette mit den blauen Saphiren umgelegt und hielt nun freudig ihre Hand, geschmückt mit einem Ring, daneben:
- Was für ein wunderbarer Zufall! Die Kette paßt genau zu dem Stück, das mir meine arme, liebe Cousine vererbte. Sie mochte nämlich blaue Saphire über alles...

Wohl wahr, sagte sich Kurt, wer wüßte das besser als ich - aber wenn er nur so an Obama herankommen konnte, seis drum. Würde er sich halt mit diesem Nilpferd liieren, wenn das der direkte Weg zum Präsidenten war. So hatte es ihm Barbarella jedenfalls versichert.

Was Kurt nicht wußte, war, daß seine Dienste gar nicht mehr benötigt wurden, hatte doch inzwischen die Weltrevolution stattgefunden und der Kommunismus international gesiegt.

All dies focht Karl... äh... Kurt nicht an.

Aber dann ging Bacardi pleite.

Und das wars, was ihn zum Selbstmord trieb.

... hm mmm hm hm hmmm hm...

Letzte Aktualisierung: 19.12.2011 - 01.23 Uhr
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