Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ingo Pietsch IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Pulp Fiction | Dezember 2011
Leg` dich nicht mit Tucker an!
von Ingo Pietsch

Randolph Tucker stapfte in die Bar und fand, obwohl es kaum noch freie Plätze gab, einen leeren Hocker an der Theke. Der Hocker ächzte unter dem Gewicht des einsneunzig großen Ex-Marine, als dieser sich darauf niederließ. Mit dem kantigen Gesicht und der Kurzhaarfrisur ähnelte er Arnold Schwarzenegger. Er legte einen Lederbeutel vor sich hin und bestellte ein Bier.
„Hi, Randolph! Was hast du denn da schönes mitgebracht?“, begann der Barmann ein Gespräch.
„Das willst du gar nicht wissen!“, gab Tucker mit rauer Stimme zurück.
„Ärger gehabt?“
Tucker nippte an seinem Glas: „Die bösen Buben lassen einen nie in Ruhe.“
Und wie aufs Stichwort sah man Tucker auf dem großen Flachbildfernseher an der Wand. Alle Anwesenden starrten auf die Mattscheibe und konnten sehen, wie Tucker mit einer Maschinenpistole auf sein eigenes Auto schoss, das vor ihm wegfuhr.
Tucker sah kurz auf. „Ach das, das war heute Morgen.“
„Schlechter Tag?“
„Ganz schlechter Tag.“

Zwölf Stunden früher
Tucker lächelte die Kassiererin an, die seine Enkelin hätte sein können: „In Zwanzigern, bitte.“
Die junge Frau zählte ihm das Geld vor, als ein halbes Dutzend vermummter Gestalten die Bank stürmte.
„Alle Mann die Hände hoch und keinen Mucks!“, der Anführer unterstrich seine Drohung mit einer Maschinenpistolensalve in die Decke.
Alle warfen ihre Arme nach oben, während Tucker nicht im Traum daran dachte, dem Folge zu leisten.
Plötzlich verspürte er einen leichten Druck zwischen den Schulterblättern. Hinter ihm stand einer der Bankräuber und drückte ihm den Waffenlauf in den Nacken: „Na wird`s bald, Opa?!“
Tucker drehte sich und hob langsam die Arme.
„Na geht doch“, sagte der Typ ihm gegenüber, nervös hin und her tänzelte. Immer wieder blickte er zu seinen Kollegen.
Ein paar Minuten später rannten sie mit vollgepackten Taschen an ihm vorbei. Der Bankräuber wollte ihnen folgen, machte aber den Fehler und griff nach Tuckers Geld.
Tucker reagierte augenblicklich.
Erst brach ein Arm, dann die Nase und der Mann lag bewusstlos am Boden.
Tucker rannte mit der Maschinenpistole hinter den anderen her.
An der Eingangstür kniete er sich nieder und beobachtete den Schusswechsel, der draußen tobte.
Ein Polizeiauto explodierte und die Druckwelle warf mehrere Polizisten zu Boden.
Die Gangster hatten sich hinter Betonblumenkübeln verschanzt. Ihr Fluchtauto hatte vier platte Reifen und der Fahrer hing bewegungslos aus der offenen Tür heraus.
In einer kurzen Feuerpause rannte einer zu Tuckers Auto und schlug die Scheibe ein. Seinem geliebten Humvee.
Während die anderen Bankräuber folgten, stürmte auch Tucker hinterher, und versuchte mit kurzen Feuerstößen wenigstens einen zu erwischen, doch sie waren zu schnell. Wahrscheinlich war der Fahrer so ein Technikfreak, denn eigentlich konnte man den Wagen gar nicht kurzschließen.
Tucker blieb stehen und musste mit ansehen, wie die Polizei die ganze linke Seite des schwarzen Wagens durchsiebte. Die Reifen gingen natürlich nicht kaputt, da sie unplattbar waren.
Tucker warf die Waffe weg und wurde augenblicklich festgenommen. Er würde die Typen schon noch kriegen.

„Boah, wie bist du denn da wieder rausgekommen? Die haben dich ja ziemlich grob behandelt.“
„Ich habe halt Freunde. Überall.“
„Und hast du deinen Wagen wiederbekommen?“, wollte der Barmann wissen.
Die Nachrichten kamen Tucker zuvor, als er gerade antworten wollte.
Tucker stand vor einem brennenden italienischen Restaurant und schleifte einen Mann am Fuß hinter sich her.
„Schon wieder du?“
Tucker winkte ab.

Acht Stunden früher
Von dem Kleinkriminellen in der Bank hatte Tucker erfahren, dass der Überfall auf Little-Tonys Mist gewachsen war. Tony gehörten eine Menge Pizza-Buden, die natürlich nur Tarnung für Geldwäschegeschäfte waren.
Tucker fuhr also mit dem Taxi zum Hauptquartier von Tony und fragte freundlich nach dem Chef.
Little-Tony ließ ihn filzen und er durfte vor ihm Platz nehmen.
„Randolph, ich glaube wir hatten noch nicht das Vergnügen“, grinste ihn der Mafioso an.
„Wo ist mein Auto?“, fragte Tucker knapp.
„Ach, das war deins? Und ich dachte, du wolltest dir Geld leihen!“ Tony lachte, Tucker lachte mit, wurde aber sofort wieder ernst.
„Wo ist mein Auto?“
„Immer mit der Ruhe, alter Mann. Oder wirst du mir gleich tot vom Hocker fallen?“
Tucker sprang auf, ebenso die Leibwächter. Der erste flog in ein Aquarium, der zweite segelte durch eine Spiegelscheibe. Gäste rannten kreischend davon.
Tony wollte flüchten, Tucker folgte ihm. Die ersten Kugeln flogen. Tucker machte einen verkniffenen Gesichtsausdruck und riss einen der Stühle auseinander. Er warf die Stuhlbeine und nagelte einen der Schützen damit an die Wand.
Dann ging die Schlacht in der Küche weiter. Messer, Teller und Hummer wechselten den Besitzer. Irgendwie geriet eine Flasche Hochprozentiger in Brand und löste eine Kettenreaktion aus.
Tucker rettete Tony nach draußen. Während hinter den beiden das Restaurant in Flammen aufging, riss Tucker den Mafioso am Kragen hoch und fragte wütend: „Wo ist mein Auto?“
Hustend kam die Antwort: „Bei meinem Vater, Fat-Tony!“

„Und jetzt willst du mir noch erzählen, dass du die ganze Mafia-Bande im Alleingang erledigt hast?“, der Barmann prustete vor Lachen.
Tucker stand auf und der Wirt ging eine Schritt zurück.
Ich gehe mal kurz pinkeln und pass auf meinen Beutel auf!“
„Ok“, sagte der Barmann kleinlaut, hatte er doch tatsächlich Angst bekommen.
Während Tucker verschwand, erschien er wieder eine Aufnahme von ihm im Fernsehen. Er fuhr mit seinem durchlöcherten Wagen von Fat-Tonys Grundstück und winkte mit der Linken, weil der Blinker des Humvee zerschossen war.
Etliche Polizeibeamte schoben blutende Gangster in Handschellen in ihre Fahrzeuge.

Vier Stunden früher
Wieder hatte sich Tucker mit dem Taxi chauffieren lassen.
Als er bezahlt hatte, raste der Taxifahrer mit quietschenden Reifen davon.
Der Ex-Marine wurde anstandslos eingelassen, wurde er doch schon erwartet.
Vor dem Haupteingang wurde gerade eine Blondine von einem Kofferraum in den nächsten verladen. Ihr ehemals weißes Brautkleid war durch und durch blutgetränkt, da sie mehrere offensichtliche Schusswunden aufwies. Geknebelt und gefesselt warf man die sich windende Frau einfach in den Kofferraum und schlug die Tür zu. Die zwei von der Logistik zogen ihre Krawatten wieder straff, stiegen ins Auto und fuhren mit ihrer Ware davon.
Tucker kümmerte es nicht, er war nur wegen seines Autos hier.
Wenig später fand er sich im Büro von Fat-Tony wieder. Er saß ihm in einem bequemen Cocktailsessel gegenüber, während sich der Mafia-Boss in einen Ledersessel lümmelte.
Tucker hatte kein Auge für die teuren Vasen, Gemälde oder Teppiche. Auch nicht für das Samuraischwert auf dem Schreibtisch.
Trotzdem kommentierte der Mafiosi sein Schmuckstück: „Es schneidet alles wie Butter.“
„Ich will nur mein Auto. Und die Reparaturkostenübernahme.“
„Jetzt hör mir mal zu, Freundchen. Du kannst von Glück reden, wenn ich dich mit deinem Schrotthaufen einfach so rausfahren lasse, aber auch noch Forderungen stellen? Mit meinem Sohn, dem Schlappschwanz, hast du leichtes Spiel gehabt, aber nicht mit mir!“
„Mein Auto und das Geld!“, Tucker war aufgestanden.
Genauso schnell waren die Leibwächter zur Stelle und griffen nach ihren Waffen.
„Ich kann dich nicht hören, Tucker!“, grinste ihn der Mann an.
Drei Mal sirrte die Klinge des Schwertes, die auf rätselhafte Art und Weise in Tuckers Hände gelangt war.
Die Leibwächter fielen der Reihe nach um.
Fat-Tony glotzte auf die toten Männer und dann auf sein Ohr, das vor ihm auf dem Tisch lag.
Tucker griff danach und schrie hinein: „Mein Auto und mein Geld!“
Das Verlassen des Grundstücks dauerte nur unverhältnismäßig länger als das Betreten. Als Tucker mit der Bande fertig war, warf er zwei prall gefüllte Ledersäckchen auf den Beifahrersitz. Neben ihm begannen Polizeibeamte, die Mafiosi in Handschellen zu legen.
Niemand behelligte Tucker und so ließ man ihn fahren.

Tucker kam von der Toilette zurück.
„Ey Mann, die haben gerade erzählt, jedem der Gangster wurde ein Ohr abgeschnitten. Bist du das gewesen?“
Tucker zahlte sein Bier nahm den Beutel, schüttelte ihn zweimal hintereinander und sagte grinsend: „So was würde ich niemals tun!“

Letzte Aktualisierung: 26.12.2011 - 15.49 Uhr
Dieser Text enthlt 8381 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.