Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Rider on the Storm
von Harry Michael Liedtke

Geschafft! Entkommen! Schwein gehabt! Verflucht, war das knapp gewesen! Jesse Santer t├Ątschelte anerkennend den Hals seines vor Anstrengung bebenden Kleppers. ÔÇ×Gut gemacht, BraunerÔÇť, fl├╝sterte er dem Pferd ins Ohr. Mit fahriger Hand wischte er sich den Schwei├č von der Stirn. Eine doch verwundernde Geste in Anbetracht des Umstands, dass es in Str├Âmen regnete, er mittlerweile bis auf die Knochen durchgeweicht war und die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. Da kam es in eisigen Sturzb├Ąchen vom Himmel und er hatte nahezu jeden Tropfen abgekriegt, aber dennoch transpirierte er, als w├╝rde er gerade seinen ÔÇ×All-you-can-fuckÔÇť-Gratisgutschein im gr├Â├čten Freudenhaus von Texas einl├Âsen. Aber die Geste verdeutlichte besser als alles andere, was er durchgestanden hatte. Zum Teufel, was ihm aus den Poren rann, war der pure Angstschwei├č. Dieses spezielle Nass floss bei entsprechender Ausl├Âsung g├Ąnzlich unabh├Ąngig von jeglichen klimatischen Bedingungen, selbst bei Frost.
Jesse blickte zum Himmel. Wenn er gl├Ąubig gewesen w├Ąre, h├Ątte er jetzt ein Dankgebet hochgeschickt. Aber da er ein unreligi├Âser Geselle war, blieb es bei einem ger├Ąuschvollen Atemaussto├č. Die Athabasken hatten ihn gehetzt, ├╝ber mehrere Stunden hinweg. Um Haares Breite war er ihnen entkommen. Pures Gl├╝ck! Ein pl├Âtzliches Gewitter hatte ihn gerettet. Entr├╝ckt starrte Jesse ein Loch in die Luft. Obwohl es gerade mal fr├╝her Nachmittag war, konnte man kaum die Hand vor Augen sehen. Sofern keine Blitze hinabschossen, war es stockfinster. So ein Wetter hatte er in seiner gesamten Trapperlaufbahn noch nie und nirgends erlebt, und er trieb sich jetzt schon seit einigen Jahren in der Natur zwischen der Sierra Madre und den Rocky Mountains herum. Ab und an funkelte es blutrot unter der dichten Wolkendecke hervor, so dass es schien, als sei die H├Âlle unters Firmament verlegt worden. Ein nasskalter Wind pfiff Jesse um die Nase und biss sich in der Haut fest, doch der Westl├Ąufer sp├╝rte nichts. Er dachte an seine Kameraden, und seine Dr├╝sen drehten wieder auf. Von ihnen d├╝rfte keiner mehr leben, und wenn doch, dann w├Ąren diejenigen besser tot. Ihm klangen noch immer die Schreie im Ohr, welche die Luft zum Erzittern gebracht hatten, als die Indsmen im Morgengrauen ├╝ber sie hergefallen waren, sowohl das Angriffsgeheul wie auch das Gellen der Abgeschlachteten. Ein vielstimmiger Chor des Todes! Wer wei├č, dachte Jesse, vielleicht hatte ja das gr├Ąssliche Gejaule das gespenstische Unwetter verursacht. Grellste Hochfrequenzschwingungen sollen doch ganz erstaunliche Dinge bewirken k├Ânnen, zum Beispiel das Zerplatzen von Glas, warum also sollte man auf die Art nicht auch die Geister rufen k├Ânnen? Schrill genug, um die Elemente durcheinanderzubringen, war das makabere Gekreisch jedenfalls gewesen.
Ein Knurren schreckte Jesse auf. Ein Feind? Nein, sein Magen! Er versp├╝rte Hunger. Logisch eigentlich, denn ans Essen war bei seiner wilden Flucht nicht zu denken gewesen und das letzte Mal hatte er gestern Mittag etwas zu sich genommen. Jesse langte in die Satteltasche und fischte ein gro├čes St├╝ck D├Ârrfleisch heraus. Ein gutes Zeichen, dass er Kohldampf schob, fand er. Daran erkannte er, dass der Schrecken aus seinen Gliedern schwand. Wurde auch Zeit!
Langsam auf dem Fleischstreifen herumkauend, dachte Jesse dar├╝ber nach, wie es eigentlich zu dem Blutbad gekommen war. Das ├ťbliche halt: Streit um Land und Edelmetall. Mit einer nicht gerade kleinen Gesellschaft von J├Ągern und Sammlern war er den Yukon heraufgezogen, alles solche Abenteurertypen wie er selbst: Desperados, Westm├Ąnner, Fallensteller, Landschaftskundler. Biberfelle hatten sie gesucht, aber Gold gefunden. Auch nicht schlecht. Nehmen wir! Ihr Gemeinschaftsclaim lag ziemlich genau an der South Fork des Koyukuk Rivers. Beim Z├Ąhneputzen hatte Carl, der Qu├ębecer, pl├Âtzlich ein paar gelbe Steinchen am Grund schimmern sehen. Im Nu hatten sie ein festes Lager errichtet, danach stand der gesamte Trupp auch schon bis zu den Schenkeln im Wasser und wusch Gold. Mit Erfolg! Die Ausbeute des ersten Tages lie├č vermuten, dass sie nicht blo├č auf Flitterkram gesto├čen waren, sondern auf eine echte Fundgrube. So weit, so gut. Dann waren die Indianer erstmals aufgetaucht, und die Probleme fingen an.
Das Land, auf dem sich die wei├čen M├Ąnner bef├Ąnden, sei ihres, hatten die Reds behauptet. Und weil sie zahlenm├Ą├čig weit ├╝berlegen und mindestens so gut bewaffnet waren wie Jesses Clique, hatten sie damit zweifellos auch Recht. Und jetzt? GibtÔÇÖs die M├Âglichkeit einer Einigung oder sprechen die Gewehre? Die Flinten blieben stumm. Man traf eine f├╝r beide Seiten vorteilhafte ├ťbereinkunft. Da die Roten dem Gold keine Bedeutung beima├čen, durften die Wei├čen so viele sonnenfarbige Kiesel aus dem Fluss holen und mitnehmen, wie sie wollten, aber daf├╝r mussten sie eine Art Lizenzgeb├╝hr entrichten. Diese Bezahlung bestand aus den Fellen aller zu Verpflegungszwecken erlegten Wildtiere und einem nicht unwesentlichen Teil der Ausr├╝stung. Um es deutlich zu sagen, viel mehr als ihre Goldwaschpfannen, S├Ąttel und Schusswaffen war den Pale Faces nicht geblieben. Jesse und seine Kumpanen hatten nahezu alles gegen die Sch├╝rfrechte eintauschen m├╝ssen: Decken, Kleidungsst├╝cke, Fangeisen, Werkzeug, Kerzen, B├╝cher ... Sogar Schmuckst├╝cke, Fotos und H├╝te hatten die Indsmen eingesackt. Aber angesichts des in Aussicht stehenden Reichtums hatten sich die wei├čen J├Ąger gern ihr R├╝stzeug abhandeln lassen. Zur├╝ck in der Zivilisation w├╝rden sie im Geld schwimmen, daf├╝r konnte man schon mal ein bisschen frieren und rumfuhrwerken. So dachten sie alle wenigstens.
Trotz der Einigung blieb das Verh├Ąltnis zwischen Wei├čen und Roten angespannt. Man traute sich gegenseitig nicht. Zum ersten gro├čen Stunk kam es nach nur drei Tagen, als die Bleichgesichter eine andere Auflage der Ureinwohner verletzten, wenngleich unabsichtlich. Beim Jagen hatte man eine heilige St├Ątte entehrt. Ein Grabmal in Gestalt eines B├Ąumchens war achtlos niedergeritten worden. Dumm gelaufen. Es kam noch zu weiteren Zwischenf├Ąllen solcherart. Ein ungewollter Streifschuss beim fr├Âhlichen Ballersch├╝tzenspiel hier, ungenehmigte Reusenerrichtung da und ein neckischer Scherz ├╝ber den urig gewandeten Medizinmann dort. Das Ma├č war voll gewesen, als der sch├Âne Johnny etwas zu heftig mit der H├Ąuptlingstochter gesch├Ąkert hatte. So heftig, dass die hohen Tannen gewackelt hatten und selbst der unf├Ąhigste Sp├Ąher das romantische Gest├Âber bemerken musste. Damit war das Kriegsbeil ausgegraben, falls die Athabasken so was ├╝berhaupt besa├čen. Was folgte, war das Massaker. Jesse hatte unversch├Ąmtes Gl├╝ck gehabt. Er hatte nicht bei den anderen am Schlafplatz gelegen, sondern war gerade von einem fr├╝hmorgendlichen Jagdausflug zur├╝ckgekommen. Aus einiger Entfernung hatte er mitansehen m├╝ssen, wie seine Begleiter niedergemetzelt worden waren. In jenem Moment, in dem der H├Ąuptling Johnnys Skalp triumphierend in die H├Âhe reckte, war die Schreckensstarre von ihm abgefallen. Er hatte er sein Pferd herumgerissen und war losgeprescht. Richtung egal, blo├č fort. Eine Handvoll Indianer hart hinter ihm her. Im wilden Galopp hatte er die f├╝nf mit dem Revolver ├╝ber der Schulter vom Pferd geschossen, eine schie├čtechnische Meisterleistung, die er sich selbst nie zugetraut h├Ątte, ├╝ber welche er sich aber nicht so recht freuen konnte. Die anderen Roten hatten ihn laufen lassen. Vorerst! Sie gew├Ąhrten ihm einen Vorsprung. Eines war klar, sie w├╝rden ihn genussvoll hetzen. Die Roten hatten die besseren und zudem ausgeruhteren Pferde, des weiteren kannten sie die Gegend genau. Er hatte keine Chance. Er wusste das, aber die Panik trieb ihn voran. Weiter, immer weiter, auch wenn es zwecklos war. Dann kamen die Wolken und mit ihnen die Blitze und die Dunkelheit. Mit dem Regen setzte auch seine Hoffnung ein. Regen war gut. Er w├╝rde seine Spuren verwischen. Dann erreichte er felsigen Boden. Optimal. Nun war es unm├Âglich zu erkennen, welche Richtung er einschlug. Er ritt so lange, bis sein Gaul nicht mehr konnte. Indianer hin oder her, nach dem Stopp schlief er ├╝berm├╝det ein. Als er nach Stunden erwachte, war er sicher, gerettet zu sein. Er lebte noch und kein Roter war in der N├Ąhe. Nun konnte er geruhsam den R├╝ckweg in die n├Ąchste Stadt antreten. Er freute sich schon auf den Saloon. Freidrinks waren quasi garantiert, denn er w├╝rde viele spannende Geschichten zu erz├Ąhlen haben, von Mord und Totschlag, Blut und Ehre, Liebe und Hass, Gold und Gier ... von Gold ... von viel Gold! Zum Henker, im Claim waren Nuggets im Wert von mehreren zehntausend Dollar gehortet, die nur darauf warteten, abgeholt zu werden. Nur er kannte die Stelle, an der sie verborgen waren, n├Ąmlich die Fichte mit dem hohlen Stamm. Sollte er die Klumpen da liegen lassen? W├Ąre doch zu schade. Aber war das Risiko nicht zu hoch? Er allein gegen einen ganzen Stamm Indianer, die ihm hasserf├╝llt ans Leder wollten?! Jesse biss ein St├╝ck Kautabak ab und m├╝mmelte nachdenklich daran herum. Mann oder Memme? Als der Geschmack des Pfriems nachlie├č, hatte er sich entschieden. Er spuckte den Sud aus, stieg auf sein Pferd und wendete es in die Richtung, aus der er gekommen war ÔÇô nach Nordwesten, zur├╝ck zum Claim, zur├╝ck zu den Athabasken ...

Letzte Aktualisierung: 08.12.2011 - 09.12 Uhr
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