Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Clematis so groß wie Wagenräder
von Glädja Skriva

Tanjas Mann führt mich wie jeden Freitag in ihr Schlafzimmer. Es ist erfüllt von warmem Sonnenschein. Lichtpunkte tanzen heiter und leicht über die zartgelb gestrichenen Tapeten. Nur eine Bettseite liegt in düsterem Dunkel. Darin kauert eine bewegungslose Gestalt, zusammengekrümmt wie ein Embryo im Bauch seiner Mutter, Schlaf suchend und doch keinen findend mit Augen, starr gerichtet aufs Nichts.

Ganz leise spreche ich sie an: „Hi, Tanja.“ Ich bin bemüht, einen fröhlichen, aufmunternden Ton in meine Stimme zu legen. „Wie geht es dir?“ Sanft berühre ich ihren Arm. Er fühlt sich kalt und leblos an wie der einer Schaufensterpuppe. Ich halte für einen Moment den Atem an und lausche auf jedes Geräusch, dem ich hoffnungsvoll nachgehen kann. „Bitte, wenigstens ein Seufzer.“ Ein Seufzer, leise hingeworfen und doch erlösend gesprochen wie ein winziger Tränentropfen. Aber nichts. Nichts – nur Schweigen.

Schweigen seit sechs langen Monaten. Schweigen, seit Tanja ihr Leben verloren gegeben hat – mit Mara. Mara, ihre kleine Tochter, ihr Wirbelwind. Überfahren. In Sekundenschnelle ausgelöscht, dieses kleine Leben.

Ich flüstere: „Tanja, stell dir vor, draußen blüht die Clematis, die du immer so geliebt hast. Ihre Blüten sind dieses Jahr so groß wie Wagenräder und ranken sich buschig am Eingang empor. Mara hat doch immer so gerne hinter ihnen Verstecken gespielt.“ Meine Stimme wird brüchig: „Und wie hat sie sich diebisch gefreut, wenn du so getan hast, als würdest du sie dahinter nicht entdecken. Der ganze Himmel wird voll duftender, blühender Clematis für Mara sein. Riechst du ihren zarten, süßen Duft, Tanja? Tanja?“

Ein Fingerknöchel tritt härter an Tanjas Hand hervor. Fester umschließen ihre Arme die Beine. Wie zugemauert ist ihr Gesicht. Eine Mauer ohne Fenster. Nicht einmal ein kleiner Spalt ist geöffnet, um das warme Sonnenlicht einzulassen – und ihre Augen streifen mich mit keinem Blick.

Die Blüten meiner mitgebrachten Clematis fallen zu Boden. In der Stille hört man leise ihre Blätter rascheln, die ihre Frische in diesem Augenblick verloren zu haben scheinen.

Ich lege meinen Arm vorsichtig um Tanja. Wie schmal und zerbrechlich sie geworden ist. „Du hast keine Schuld. Du konntest es doch nicht ahnen, dass in diesem einen Moment sich alles so unglücklich treffen würde: das heiße Wetter, der abgesetzte Fahrradhelm, der verrückte Autofahrer. „Es war ...“ Schnell formen sich die Worte zu „Vorsehung, Schicksal, Zufall.“ Bis ich Tanja ansehe ... und alles in meinem Mund dahinwelkt wie die Clematis auf dem kalten Steinboden. Die Begriffe lösen sich plötzlich in einzelne Buchstaben auf, die wild und bedrohlich vor meinen Augen tanzen statt sich in sinnvollen Figuren zusammenzufinden.

„Ach, Tanja ...“, seufze ich verunsichert. „Mara hätte nie gewollt, dass du so traurig bist. Vielleicht hat alles doch seinen Sinn. Vielleicht sollst du einmal eine Mutter trösten, die auch ihr Kind verloren hat und deren Narben niemals verheilen werden. Vielleicht ...“ Ich lausche auf eine Souffleuse, die mir den Text zuflüstern möge, der mir die Himmelspforte öffnet zu Tanjas Welt.

Stattdessen schweben endlos lange Fragezeichenketten ? ? ? ? durch das bedrückend stille Zimmer. ? Warum ? Weshalb ? Wozu ? Ihre gebogene ? Form legt sich wie eine lange Schlange um unseren Hals und nimmt den letzten Atem.

Das Schweigen lastet auf uns wie die hereingebrochene Nacht. Ich streichle sanft Tanjas Gesicht. Im Schein des angeschalteten Dämmerlichtes im Flur kann ich ihre fahlen Wangenknochen erkennen.

Das Dämmerlicht, ein Kindernachtlicht, zeigt einen freundlich milde lächelnden Mond. Ich erinnere mich wieder an Mara und wie wir sie manches Mal zusammen ins Bett gebracht haben, wenn ich zu Besuch war. Das Gute-Nacht-Lied durfte dabei nie fehlen:

„Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt“

Ich summe weiter:

„Weißt du wieviel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf.

Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen, großen Zahl; an der ganzen, großen Zahl.“

Ich nehme Tanja in den Arm und wiege sie, wiege sie, bis ihre Augen die meinen suchen. „Jede einzelne Träne wird in einer goldenen Schale gesammelt werden“, sagt mir leise mein Herz.


“Was haste denn da für nen Scheiß fabriziert?“ Mir gegenüber sitzt im „Kleinen Cafe am Markt“ mein Schreibcoach, den ich mir teuer eingekauft habe, damit er mir solche Nettigkeiten direkt ins Gesicht sagt. „Jede einzelne Träne wird in einer goldenen Schale gesammelt werden, sagt mir leise mein Herz.“ Brr, sein Gesicht verzieht sich, als hätte er literweise Spülmittel schlucken und damit gurgeln müssen, dabei ist es jetzt nur sein Espresso, stark, schwarz und ohne Zucker, natürlich auch von mir gesponsert. „Ich lausche auf eine Souffleuse, die mir den Text zuflüstern möge, der mir die Himmelspforte öffnet zu Tanjas Welt.“ „So ein sentimentaler Schrott“. Er greift routinemäßig zu seinem Tabakbeutel, um sich eine zu drehen. Als er mir den Rauch ins Gesicht bläst, tränen meine Augen und ich beeile mich ihm zu versichern, dass es weder mein Mitheulen mit der Geschichte noch seine Kritik und erst recht nicht der Rauch war. Tapfer nippe ich an meinem schwarzen Gebräu, dieses Mal ebenfalls ohne Zucker – denn welcher Softie trinkt schon gesüßt -, während mir eine Träne zur Verdünnung hineintropft. Ich versuche ein kleines Zwinkern, das ein bisschen verunglückt und so wirkt, als wolle ich einen Schwulen anbaggern, und labere gleichzeitig etwas von „Schreibcoach und testen und Geld wert“.

Und dabei denke ich an mein Baby, das ich im zweiten Monat verloren habe.



© P.S./Glädja Skriva/Dez. 2011/Endversion

Letzte Aktualisierung: 27.12.2011 - 08.15 Uhr
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