'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Schrottos Verständnis von Kunst (oder: Blechsarg mit Lady in Red)
von Katharina Conrad

Er liebte diesen Job. Bei allen Teufeln, er liebte ihn!
Seine Sinfonie der Zerstörung.
Ouvertüre: Ein Trommelwirbel aus knackenden Stahlstreben, dann dieses herrliche Geräusch wie von tausend Triangeln - wenn makelloses Glas im Bruchteil einer Sekunde zu Millionen winziger Splitter zerbarst! Und das furiose Finale: Das Crescendo, mit dem sich das Metall bis zur Unkenntlichkeit verformte, dieser Klang, dieses vielstimmige Quietschen, das Schrotto eine Gänsehaut über den behaarten Rücken jagte – eine Urgewalt, freigesetzt von seinem eigenen Orchester.
Rohe Kraft. Und er saß am Drücker.
Er war Gott.
So einfach war das.
Für nichts auf der Welt hätte Schrotto diesen Job eintauschen mögen, nichts anderes wollte er tun, nichts anderes wollte er sein - wozu auch! Nicht einmal die schnieken, pomierten Nadelstreiflinge beneidete er; egal, wie gut sie aussahen, wenn sie mit den Aufträgen ihrer Oberbosse im Schlepp an seinem hinteren Tor auftauchten. Mit Schrottos lukrativsten Aufträgen wohlgemerkt, und trotzdem konnte er ihre Überbringer nicht ausstehen.
Diese Handlanger der Entsorgungsindustrie, allesamt Anti-Saubermänner in verlogenen weißen Westen, Unschuldsengelkostümen – zu perfekt, um wahr zu sein.
Nicht, dass er selbst die Sauberkeit in Person gewesen wäre - Motorenöl konnte weiß Gott ein verdammt hartnäckiger Gegner sein - aber die Art von Dreck, die an diesen Jungs klebte ... Nein. Damit wollte Schrotto so wenig wie möglich zu tun haben.
Er quetschte Stahl, Blech und Plastik zu handlichen Päckchen, fing die austretenden Flüssigkeiten auf, versiegelte sie in luftdichten Behältern und übergab das Ganze ordnungsgemäß an die Sondermülldeponie. Sonst nichts.
Nichts Besonderes also.
Fröhlich summend - „Amazing Grace“ - hievte er mittels Elektromagneten den nächsten Delinquenten auf's Schafott. Wieder einer seiner Spezialaufträge. Heute morgen erst abgegeben, unangekündigt, aber mit ihm konnte man's ja machen, und außerdem hatte ihn eine saftige Kurzfristigkeitsprämie über die zusätzliche Arbeit hinweggetröstet ...
Glänzend, elegant und ohne äußerliche Schäden, quasi scheckheftgepflegt – und trotzdem ein todsicherer Kandidat für die Schrottpresse.
Meistens waren innere Verunreinigungen der Grund für solche vorzeitigen Todesurteile. Der Grad solcher Verunreinigungen variierte, von durchtränkten Sitzpolstern bis zur Komplettkontaminierung ganzer Kofferräume war alles schon dabeigewesen. In diesen Fällen füllte Schrotto dann mehrere Flüssigkeitsbehälter.
Davon abgesehen fehlte den Schätzchen allerdings nichts, und Schrotto stach es manches Mal direkt ins Herz – ein solches besaß er tatsächlich – wenn er auf seinen schwarzen Gummiknopf drückte und edel geschwungene Formen mit Mahagoni-Interieur zu ihrer allerletzten Darbietung nötigte, das Letzte, das Beste aus ihnen herauspresste, bis sie nichts weiter mehr waren als ein quadratischer Klumpen Müll.
Schrotto seufzte.
Dieses Mal saß da ein Tier auf der Kühlerhaube, und das hemmte ihn in seinem Schaffensdrang. Besagtes Herz hing wie Blei in seiner Brust, wenn er an das Schicksal dachte, welches der armen Kreatur bevorstand.
Sein öliger Finger schwebte über dem Todesknopf, sekundenlang.
„Ach, zum Teufel“, brummte er schließlich und kletterte von seiner Kanzel.
Liebevoll strich er der schnurrenden Raubkatze über den Kopf.
Und noch einmal.
Wieder schnurrte das Tier.
Ein Zahnrädchen in Schrottos Gehirn rastete ein, fast hörbar, und er stutzte.
Wieso schnurrte das Ding?
Er tippte den silbernen Jaguar mit der Fingerspitze an, aber nichts geschah, nur ein vorwitziger Ölfleck erschien, wo vorher alles blank poliert gewesen war.
Schrotto zog sein Taschentuch aus der Hose, nur um festzustellen, dass es zum Polieren beim besten Willen nicht mehr geeignet war. Schulterzuckend schob er es wieder ein, scheißegal, wozu auch die Mühe wegen eines Ölflecks, wenn sowieso die ganze Karre gleich Geschichte sein würde?
Dann kam ihm ein Gedanke. So ein Kätzchen fehlte in seiner Recycling-Sammlung nämlich noch. Er zog versuchsweise und zerrte schließlich, bis der ganze Wagen wackelte.
Und dann schnurrte das Ding wieder.
„Sakrizement, jetzt langt es aber!“
Ein Blechvieh konnte nicht schnurren, das wusste er doch! Er wippte noch einmal kräftig auf der Motorhaube.
Das Schnurren kam aus dem Kofferraum!
„Och nee!“
Genervt verzog Schrotto das Gesicht.
Sicher kam es öfters vor, dass die Vorarbeit unvollständig erledigt worden war, doch er zog es vor, das im jeweiligen Fall nicht so genau zu wissen.
Jetzt, da er es aber nun mal wusste, stand er vor einem Problem.
Seine Auftraggeber bezahlten ihn für die Entsorgung. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht für's Fragen stellen, und schon gar nicht für's Schnüffeln.
Aber weil Schrotto ja ein Herz hatte, umrundete er den Wagen und versuchte, den Kofferraum zu öffnen.
Abgeschlossen. Hier in unmittelbarer Nähe war aus dem Schnurren ein Wimmern geworden, das Schrottos harmoniebedürftiges Gehör auf eine arge Probe stellte.
Mit Brecheisen und einem großen Schraubenschlüssel kehrte er schließlich zum Wagen zurück. Damit sollte es ganz schnell gehen, und danach könnte er in Ruhe weiterarbeiten, so stellte Schrotto sich das vor.
Er stemmte die Heckklappe auf, den Schraubenschlüssel schon im Anschlag - doch der Anblick dessen, was er darunter vorfand, brachte seinen Plan komplett durcheinander, aber sowas von, und er ließ den Schlüssel unverrichteter Dinge wieder sinken, ein dümmliches Grinsen auf den Stoppelbacken – und warum?
Eine zerzauste Blondine, niedlich anzusehen in ihrem blutroten Kleid … zugegeben, sicher hatte es noch hübscher ausgesehen, als es noch weiß gewesen war und ohne diese rußgeränderten, ausgefransten Löcher, aber dennoch … Ein Speichelfaden rann aus Schrottos Mundwinkel und plitschte leise auf das Brecheisen, aber er merkte es nicht einmal, so ergriffen war er.
Und wie sie ihn flehentlich aus weit aufgerissenen himmelblauen Augen anstarrte! Vielleicht würde sie aufhören zu wimmern, wenn er den Knebel abnehmen würde?
Schrotto knallte die Klappe wieder zu.
Das ging ihn nichts an.
Er würde einfach wie gehabt …Was für eine gottverdammte Sauerei! Warum hatte er nicht einfach auf seinen vermaledeiten Ich-bin-Gott-und-mach-dich-Schrott-Knopf gedrückt? Was zum Henker hatte ihn eigentlich davon abgehalten?
Ach so. Ja. Der Jaguar auf der Kühlerhaube.
Das hatte er nun davon. Klar, dass ihm seine bescheuerte Sammlerei irgendwann zum Verhängnis werden musste. Dabei war Recycling doch sonst immer was Gutes ...
Schrotto hielt inne.
Womöglich ließ sich auch das blonde löchrige Luder noch wiederverwerten?
Vermissen würde sie jedenfalls keine Sau. Und danach könnte er einfach diskret den Dingen ihren Lauf lassen und sie eben mit dem nächsten Blechklumpen auf die Reise schicken ...
Sein Grinsen gewann an Breite. Ein pfiffiger Fuchs, jawohl, das war er, ein Checker vor dem Herrn, ein höllisch durchtriebener Kerl ...
Wieder öffnete er die Heckklappe und besah sich die Dame dieses Mal genauer. Ein dilettantischer Durchschuss in der Schulter, ein Jammer; dazu zwei, drei harmlose Treffer an Beinen und Oberarm; genug Blut, um dem Kleid die Unschuld zu rauben; nur leider zu wenig, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber er konnte es dem Schützen nicht verdenken – diese Lady in Red besaß durchaus Attribute, die einen Mann vom Wesentlichen ablenken konnten.
Trotzdem. Es war und blieb eine bodenlose Schweinerei, stümperhafte Arbeit.
Schrotto löste den Knebel und durchtrennte die Kabelbinder, die tief in ihre Handgelenke geschnitten hatten. Dabei fügte er ihr mit dem Cutter noch ein paar weitere Kratzer zu, ganz aus Versehen.
Sie reagierte nicht, und Schrotto hob ihren Kopf am Kinn an. Schade. Kein himmelblauer Bettelblick mehr. Gerade, wo er so eine gute Idee gehabt hatte.
Was hieß das jetzt, verdammt nochmal, er hatte schließlich nicht den ganzen Tag Zeit? Konnte er jetzt endlich weitermachen?
Er verpasste dem menschlichen Bündel eine herzhafte Ohrfeige und fluchte, als hellrote Blasen über die geschwollenen Lippen gurgelten.
Also doch nur bewusstlos.
Scheiße. Gott sei Dank.
Dann würde er sie eben doch in sein Kabuff tragen und herausfinden, wozu sie noch zu gebrauchen war.

Achtlos ließ er sie auf seinen speckigen Schreibtisch sacken, ihr Köpfchen mit den blonden Locken baumelte teilnahmslos von einer nackten Schulter zur anderen – aber das zarte Katzenschnurren, oder Wimmern oder was immer es war, sagte Schrotto, dass er noch Zeit hatte.
In aller Ruhe kramte er nach den Büroschlüsseln und sperrte umständlich ab, als sich mit einem Mal das Schnurren hinter seinem Rücken in zorniges Fauchen verwandelte.
Was zum Geier …
Schrotto fuhr herum.
Da stand dieses Weib auf wackelnden Pumps, x-beinig in ihrem zerrissenen Fetzen von einem ruinierten Brautkleid und richtete eine Scheißwaffe auf ihn!
Sie sollte verdammt nochmal bewusstlos sein, das oder wenigstens tot!
Stattdessen schrie sie.
„EnWaiPiDi!“
Wo bei allen Haaren am Sack des Teufels hatte sie dieses Ding versteckt gehabt? Da war doch keine Tasche gewesen?! Schrottos Verstand rollte im Leerlauf.
Was er da vor seinen Augen sah, war schlicht unmöglich.
Außer …
Schrotto griff in die Hosentasche und sortierte seine Billardkugeln, nur aus alter Gewohnheit, um seinem Gehirn beim Denken zu helfen.
Sein Gegenüber wusste leider weder von Schrottos Gewohnheiten noch von seinen Denkabläufen und vermutete daher hinter dieser Bewegung etwas ganz anderes.
Den Schall des Schusses hörte Schrotto schon nicht mehr.
Das abstrakte Relief aber, das eine Millisekunde später die Wand hinter ihm zierte, hätte ihm wohl gefallen; diese Schnörkel und Kleckse in verschiedenen Rottönen, die Dynamik der vom Zentrum zur Peripherie hinstrebenden Spritzer, das Ganze garniert mit Fragmenten aus Knochen und Haar -
das perfekte Recycling-Kunstwerk!


©KC2011 - Vers.2

Letzte Aktualisierung: 04.12.2011 - 22.56 Uhr
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