Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Pulp Fiction | Dezember 2011
Auf zu neuen Ufern
von Monika Heil

Seit Professor Dr. Crombach verwitwet war, gestaltete sich sein Leben trist und einsam. Edita war ihm eine treusorgende Gattin gewesen, hatte Haus und Grundstück mustergültig in Schuss gehalten, seine Finanzen sorgfältig verwaltet. Sie war zu ihren Lebzeiten die perfekte Hausfrau, die ihre eigenen Bedürfnisse stets hintan gestellt hatte. Das wurde ihm immer wieder schmerzlich bewusst, wenn er Anna Piepenbrink wirtschaften sah. Allein der Lärm, den diese unsensible Haushaltshilfe veranstaltete! Unerträglich, wie sie mit dem Geschirr klapperte, die Türen knallte oder über die alten Holzstiegen stapfte. Edita hingegen war wie ein lautloser Engel durch das Haus geschwebt.
„Ach, Edita“, seufzte Professor Dr. Crombach und schaute auf die behäbige alte Wanduhr, die schon sein Großvater aufgezogen hatte.

Er musste los. Um zehn erwartete ihn Edita. Der Professor achtete penibel auf Pünktlichkeit. Wotan offenbar auch, denn er kam ohne Aufruf in den düsteren Korridor getrabt, während Herrchen seinen Paletot überzog.
„Komm, mein Guter, wir müssen los.“ Grußlos verließ er das Haus und begab sich auf seinen täglichen Weg zum Friedhof.

Ein trüber Novemberhimmel begrüßte ihn, was seine Laune nicht gerade verbesserte. Bis, ja, bis seine Effi Briest die Strasse entlang kam. Er kannte ihren richtigen Namen nicht, hatte bisher nur wenige Sätze mit ihr gewechselt. Für ihn war sie die unschuldige Effi Briest und er gäbe viel darum, ihr Major Crampas sein zu dürfen. Ein warmes Gefühl erklomm sein Herz. Diese zierliche junge Frau und ihr kleiner grauer Mischlingshund, der, die Leine hinter sich herschleifend, angesaust kam, ließen sein Herz höher schlagen, wann immer er ihnen begegnete. Wotan und Tessa – soviel wusste er schon, dass ihr kleiner Liebling Tessa hieß – begrüßten sich heute so stürmisch wie der Herbstwind, der sie umwehte. Es kam, wie es kommen musste, ihre Leinen verhedderten sich mit jedem Umkreisen mehr. So konnte es auch bei den Menschen nicht bei einem freundlichen Gruß bleiben. Der alte Mann und die junge Frau verharrten auf der Stelle und beobachteten die Tiere, die schwanzwedelnd umeinander sprangen.
„Die beiden sind ja heute recht stürmisch“, murmelte Professor Crombach. Dabei fiel ihm nicht zum ersten Mal ein, dass Tessa ein sehr ungewöhnlicher Name für einen Hund war. Er hatte einmal eine Tessa von Hohenstein gekannt. Eine Österreicherin, wenn er es recht in Erinnerung hatte. Das war lange her. Da lebte seine unvergessene Edita noch.
„Ja, sie scheinen sich wirklich zu mögen“, lachte die junge Frau und lenkte seine Gedanken wieder in die Gegenwart. „Ich Sie auch“, dachte Crombach, wagte es allerdings nicht, das laut auszusprechen. Die junge Frau bückte sich und versuchte, die Leinen zu entwirren. Fasziniert schaute er auf ihre zartgliedrigen Hände. Wie gerne wäre er ihr Major Crampas. Er stellte sich vor, wie ihre zarten Finger ....
Hubert!, rief er sich zur Ordnung und bückte sich ebenfalls, als wolle er ihr behilflich sein. Sein Rücken allerdings verweigerte sich und so blieb es bei einem Versuch. Der Professor ließ frustriert die Leine fahren. Bewundert schaute er auf das blonde Haar er jungen Frau. Engelsgleich. Ein paar Sonnenstrahlen tanzten auf ihrem Haupt. War sie ihm eben noch wie eine Blüte erschienen, die der erste Frost angehaucht hatte, zart, weiß, blass, so erschien sie ihm plötzlich wie der aufbrechende Frühling. Den Herbststurm, der ihm das Schicksal in Gestalt dieser jungen Person sozusagen vor die Füße geweht hatte, nahm er nicht mehr wahr. Der Himmel war aufgerissen. Der Tag war nicht mehr trist. Er war geschaffen für positive Gedanken, für freundliche Gesten, für einen Neuanfang. Jawohl, für einen Neuanfang!
Tessas Frauchen hatte die beiden Tiere getrennt, hielt Professor Crombach Wotans Leine hin. Dabei berührten sich ihre Hände. Zarte Röte lag auf ihren Wangen.
„Danke, meine Liebe, sehr nett von Ihnen. Darf ich Sie ein Stück begleiten?“ Erwartungsvoll schaute er in ihre himmelblauen Augen.
„Aber Ihr Weg läuft doch in die entgegengesetzte Richtung“, erwiderte sie und hielt seinen intensiven Blick fest.
„Heute nicht, heute wollte ich in Richtung Stadtcafé. Ich habe Appetit auf eine Tasse Mokka.“
„Ich mag lieber Cappuccino.“
„Wie schön. Darf ich Sie dazu einladen?“
„Gerne. Übrigens, ich heiße Elfie Brinkmann.“ Sie hielt ihm ihre kleine zarte Hand entgegen. Er ergriff sie, als sei sie aus Glas geschaffen worden.
„Major, eh, nein, Crombach, Professor Dr. Crombach. Sehr erfreut.“
Wotan schien begriffen zu haben. Er folgte Tessa und der Professor folgte Elfie Brinkmann.

Edita, die holde Verblichene, wartete heute vergebens auf ihren Mann.

Letzte Aktualisierung: 06.12.2011 - 16.26 Uhr
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