Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
BRASSERT
von Anne Zeisig

Mein Enkel Marius stürmt wild auf die Terrasse und umarmt mich. Sein Schulranzen wippt auf dem Rücken hin und her.
“Danke, Oma Gisela! Der Star-Wars-Tornister sieht cool aus.”
Er schnallt ihn ungelenk ab und lässt den Ranzen auf den Gartentisch fallen. Die Tageszeitung fällt hinab und meine Teetasse scheppert gegen das Milchkännchen.
“Langsam, langsam, junger Mann”, ermahne ich und halte ihn fest.
“Heute haben wir schon Zahlen geübt. Die Lehrerin ist ganz okay, aber auch streng. Und nächste Woche ist Großeltern-Enkel-Tag, hat die gesagt. Kommst du?” Er schaut mich mit seinem “Bitte-Bitte-Sag-Ja-Blick” an.
Ich nicke und streichele über sein dunkles Haar. “Bin doch auch neugierig auf deine Lehrerin.”
Marius stopft sich zwei Kekse in den Mund und brabbelt. “Oma, wenn du jünger wärst, dann könntest du meine Lehrerin sein. Das wäre toll! Nie Hausaufgaben!”
Ich wische ihm den Schokoladenmund sauber. “Das würde dir gefallen. Aber Ausnahmen gäbe es nicht.”
Er schiebt schmollend seine Unterlippe nach vorne. “Schade.”
“Ach Kind. Oma hat so viele Jahre unterrichtet. Da muss man Platz machen für junge Lehrer und Lehrerinnen.”
Jetzt kommt auch meine Tochter in den Garten und lässt sich in den Korbstuhl fallen. “Puh! So ein Kennenlern-Nachmittag kann ganz schön anstrengend sein.”
Ich gieße ihr Tee ein.
Anja trinkt einen Schluck. “Wo wir gerade beim Thema sind. Nächste Woche sind auch die Großeltern herzlich in der Schule eingeladen.”
“Das haben Oma und ich schon geregelt”, sagt Marius stolz. “Sie kommt mit.”
Meine Tochter lacht. “Bist ein vorwitziges Bürschchen geworden.”
Marius kriecht auf meinen Schoß und umarmt mich. “In der Schule hängen ganz viele Bilder an den Wänden, die du dir anschauen musst!”
Ich schicke ihn ins Haus, um Buntstifte und Papier zu holen.

Erst am späten Abend komme ich dazu, die Tageszeitung zu lesen.
Ich überfliege die Seiten mit den Sterbeanzeigen.
Da!
Der Name!
Er springt unvermittelt in meine Augen und landet in meinen Gehirnwindungen, wie ein ungebetener Eindringling, den ich längst vergessen glaubte.
Studienrat a.D. Doktor BRASSERT.
Meine Hände zittern, die Teetasse zerschellt klirrend auf dem Küchentisch und der Tee ergießt sich über die Tischdecke.
Ich kann die Zeitung nicht mehr ruhig festhalten. Die Seite zittert vor meinen Augen. Die Buchstaben verschwimmen in einem Grauschleier.
Ich setzte meine Brille ab, massiere meine geschlossenen Lider, atme ruhig und tief aus und ein.
Was steht da? ‘... traurig, einen ehemaligen, hoch geschätzten Kollegen ... ehrenwertes Andenken bewahren.’
“Der Brassert ist tot”, murmele ich mehrmals monoton und vergewissere mich, ob auch wirklich DER Brassert gemeint ist.
Fünfundneunzig ist er geworden.
“Hochgeschätzter Kollege!”, lese ich schrill. “Dass ich nicht lache! Er hat Angst und Panik verbreitet!”
Niemand hat damals bemerkt, wie der seinen Sadismus ausgelebt hat.
Mich fröstelt.
Ich lege die Zeitung beiseite, schließe meine Strickjacke bis hoch unters Kinn und blicke hinaus in die Dunkelheit.

* * *
Damals. Raphael-Schule. Klasse Vier-A.
Vor der Schultafel steht ein Riese im schwarzen Anzug mit von Pomade glänzendem Haar. Sein Scheitel ist exakt gekämmt, wie mit einem Lineal gezogen.
Das Holzlineal hält er in der Linken, den Rohrstock in der rechten Hand.
Hand?
Er hat keine Hände.
Der hat Pranken.
Ständig ist er auf der Lauer und schnüffelt mit seiner Hakennase durch die Pultreihen, stets bereit zum Zuschlagen.
Ein Mucks genügt dazu.
Ich atme flach und leise. Nur nicht auffallen.
Für Je-den Feh-ler gibt es einen Hieb auf die flache ausgestreckte Handinnenfläche.
Er steckt seinen krummen Riecher in das Klassenbuch und ruft mich und andere Kinder nach vorne.
Ich zittere.
“Gisela! Hast wieder zu wenig geübt! Ich werde dir Rotzblag zeigen, wie Ehrgeiz zum Lernen geweckt wird!”
Ich höre, wie sein Rohrstock in weitem Bogen die Luft durchschneidet und gnadenlos auf meine Handfläche aufschlägt.
Die ersten Schläge brennen sich besonders heiß in meine Haut. Danach bildet Angstschweiß einen leichten kühlenden Schutzfilm. Doch Linderung verspricht das nicht.
Hinter mir stehen einige Leidensgenossen in Reih und Glied, die auch darauf warten, sich ihre Schläge abzuholen.
Der dicke Klaus hat Glück. Hat höchstens mal einen Fehler in einer Klassenarbeit.
Nach dem vierten Schlag träume ich mich in ein Schloss. Dort bin ich die Prinzessin und meine Diener bringen mir süße Naschereien ans Bett. Die Rüschen an meinem Spitzenkleid sind rosa.
“Schläge haben noch keinem geschadet!”
Ich schaue den Lehrer nicht an. Denn das macht ihn ärgerlich und er schreit. “Guck mich nicht so dämlich an!”
Ich schaue nicht dämlich. Ich bin eine kluge Prinzessin mit wunderschönen blauen Augen. Und wenn ich meinem Vater, dem König, erzähle, was der Brassert mit mir macht, dann wird der in den Kerker gesperrt bei Wasser und Brot.
“Wenn du weinst, dann gibt es die doppelte Ration!”, dröhnt es durch den Raum.
In meinem Hals haben sich sehr viele Tränen angesammelt. Sie nehmen mir die Luft zum Atmen. Mein Hals ist zu eng für diesen Tränensee. Ich schlucke schwer und es gurgelt in meiner Kehle.
Außerdem müssen Prinzessinnen nicht weinen, weil sie schönes Spielzeug haben und eine weiße Kutsche mit sechs Pferden. Für den Sonntagsausflug in den Herbstwald.
Ich spüre, wie es warm an meinen Beinen hinabrinnt.
“Ihhh! Die Gisela hat sich in die Hose gepinkelt!”, ruft der Dicke vorlaut.
Ich blicke erschreckt zu Boden und sehe, dass ich in einer Urinpfütze stehe.
Wie gut, dass ich gerade in der Kutsche sitzte und Schokolade essen kann soviel ich mag.
“Ruhe! Du kommst auch noch dran!”, schreit der Brassert mit krebsroter Fratze. Ich habe einen kurzen Blick riskiert.
Aber viel lieber schaue ich hinüber zur weißen Wand, weil ich dort mein Märchen sehen kann, in dem ich eine schlaue Prinzessin bin. Deshalb ist auch meine Mama, die Königin, so stolz auf mich.
Endlich darf ich mich setzen. Der Urin brennt und zwickt an meinen Beinen.
“Und diese Sauerei wirst du nach Unterrichtsende aufwischen!”
Vor dem Fenster tanzen die Blätter im Wind und ich tanze mit einem Prinzen. Er hat mich auserwählt, weil ich etwas Besonderes bin mit meinen blonden langen Haaren.
Plötzlich steht wutschnaubend der schwarze Riese vor mir, kneift mich in die Wange und lässt seine Fäuste auf meinem Rücken niederprasseln.
“Aufstehen, habe ich gesagt! Du bist eine schwerhörige, begriffsstutzige Göhre!”
Er drückt mir ein Buch in die Hand. “Vorlesen! Laut! Deutlich! Fehlerfrei!”
Aber die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Außerdem muss ich wieder mühsam die angesammelten Tränen hinunterschlucken.
Ich kann nicht gleichzeitig sprechen und schlucken.
“Anfangen!”
Jetzt bloß nicht stottern!
Meine Lippen sind trocken. Ich öffne sie mühsam, weil sie aneinander festgeklebt sind. Aus meiner Kehle kommt kein Laut. Nicht das leiseste Piepsen.
Ich habe meine Stimme verloren.
“Du lechzt also nach meinem Lineal”, krächzt seine Rotvisage.
Was Lechzen ist, weiß ich nicht.
Er schlägt mir wuchtig auf meine Waden, bis ich auch meine Beine verloren habe.
Aber das macht nichts, denn mein Prinz trägt mich fortan auf seinen Händen durchs Leben, und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.
Zum Unterrichtsende erhalte ich den letzen Hieb, weil ich nach dem Abschlussgebet nicht “Amen” gesagt habe.
Ich kann doch nicht mehr reden.
Und der dicke Klaus hat noch ein Gedicht von Don Bosco vorgetragen:
“Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.”
Das war Brasserts Lieblingsgedicht.

* * *

Ich sitze in der gut besuchten Aula und erfreue mich am Treiben auf der Bühne.
Die Kinder haben ein kleines Singspiel vorgeführt.
Marius Klassenlehrerin ist eine Mittfünfzigerin, die sich für meinen Geschmack zu bieder kleidet, wo sie es doch mit jungen Kindern zu tun hat.
Aber vielleicht meinte sie auch, ein schwarzes Kostüm sei passend zu so einem Nachmittag.
Ich greife eilig zu meiner Jeansjacke, weil Marius mich nach der Vorführung hinauszieht. “Oma komm! Du musst dir die Bilder anschauen.”
Ich bleibe vor einem Kindergemälde stehen. Es zeigt ein Schloss im Wald und auf der Wiese davor sitzt ein kleines Mädchen in einem rosa Kleidchen. Es trägt ein Diadem auf dem hellen Haar. Seine Mundwinkel sind traurig heruntergezogen und es hat die Augen geschlossen.
Mein Enkel zerrt an meinem Jackenärmel. “Komm! Das sind blöde Mädchenbilder! Die malen immer nur Prinzessinnen. Hier drüben! Da! Die Jungs haben alle was von Star-Wars gemalt.”
“Marius hat mir bereits viel von Ihnen erzählt”, sagt eine dunkle Frauenstimme hinter mir.
Ich drehe mich überrascht um.
Seine Lehrerin lächelt mich an.
“Hoffentlich nur Gutes.” Ich streichele zart über seine Pausbäckchen. Er wehrt das ab und blickt um sich.
“Entschuldigung”, ich zwinkere ihm zu, “Oma hat vergessen, dass ein so großer Junge nicht mehr geherzt werden will.”
Er nickt heftig zustimmend.
“Wir suchen immer händeringend Großeltern, die ab und zu mit den Kindern lesen. Besonders in der ersten Zeit wäre das wichtig.”
Sie dreht ein kleines Plastiklineal in ihren Händen hin und her. Mir fällt auf, dass sie sehr lange, rot lackierte Fingernägel hat. “Zwei Stunden am Vormittag pro Woche wären ausreichend.”
Marius schaut mich wieder mit seinem “Bitte-Sag-Ja-Blick” an.
“Gut. Ja. Gerne.” Das wird mir bestimmt Freude bereiten und meinen Alltag bereichern.
Mein Enkel hüpft fröhlich auf und ab. “Ich habe doch gesagt, dass meine Oma so was gerne macht, weil sie früher auch Lehrerin war. Wie du, Frau Heinzel-Brassert.”

“B-R-A-S-S-E-R-T!”

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Letzte Aktualisierung: 23.01.2012 - 15.42 Uhr
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