Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Warum am Montag?
von Sonja B.-Hoffmann

Ich kann nicht viel über ihn sagen, außer, dass er doch selbst an allem schuld war.
Das muss man sich mal geben: Der Typ kam an seinem ersten Tag an unsere Schule mit zurückgeschlecktem Haar, in einem schneeweißen Hemd und dunkelblauer Stoffhose. Hätte nur ein Klavier gefehlt, ich wette, er hätte sich daran gesetzt und Mozart oder so einen Quatsch gespielt. Und dann, was der von sich gab …, kein Wunder, dass ihn von uns keiner für voll nahm. Ein absoluter Nullchecker.

Andererseits …, also geahnt hat´s niemand, sonst hätten wir uns anders verhalten. Bestimmt.

*

„Das ist Charly Pankowski“, stellte ihn Frau Thiemann, unsere Erdkunde-Lehrerin, vor. „ Er kommt aus Bamberg, einer Stadt im Norden von Bayern.
„Charly …“,sie wandte sich ihm mit ihrem „sei doch so lieb“-Lächeln zu, „vielleicht zeigst du deinen Mitschülern auf der Karte, wo Bamberg liegt." Sie reichte Charly einen Stock und nickte aufmunternd zur Deutschlandkarte, die neben unserer Zimmertür hing. Er reagierte nicht und guckte uns nur blöd an. War doch klar, dass die Mädchen erst mal ablästerten und wir Jungs stießen uns gegenseitig in die Seite, um nicht lauthals loszubrüllen. Jedenfalls musste die Thiemann ihn nochmals auffordern und dann marschierte er endlich zur Karte.
"Hier liegt Bamberch."
Schallendes Gelächter.
"Bamberch" kreischte Nina aus der hintersten Ecke.
Die Thiemann setzte sofort ihr „ist doch nicht so schlimm“-Lächeln auf und erklärte: "Das ist Fränkisch. Bei diesem Dialekt wird häufig das "G" wie ein „CH" gesprochen. Das "T" wird wie "D" gesprochen und das "P" wie "B". Setz dich Charly. Bei Robert ist noch ein Platz frei."
Sie deutete auf eine Bank in der hintersten Reihe.
Robert lag wieder einmal halb quer auf dem Tisch und zog seinen Bubbelgum gerade in die Länge. Sein Schädel endete direkt auf den Schultern, allenfalls zwei Zentimeter Hals dazwischen. Er bewegte sich kein Stück.
"Robert, mach Platz", keifte ihn die Thiemann an.
Robert grunzte nur ein "Hmmh", während er seine Wabbelmasse etwas zur Seite schob.
Den Rest der Stunde war der Neue wirklich nicht zu beneiden. Robert rammte ihm unentwegt den Ellenbogen in die Seite und zwar heftig.
Dieser Dummdödel tat allerdings so, als ob er es nicht bemerkte. Ein Riesenfehler. Robert ignorieren, hieß nun mal kassieren.
Dann war Pause. Robert hatte zu Charly irgendetwas gesagt und der rannte sofort raus. Ich musste mal und bin ins Klo. Charly sauste plötzlich rein und sperrte sich in die Kabine. Dann stürzten Robert, Niki und die Zwillinge aus der Parallelklasse herein.
Robert stieß mit seinem Fuß gegen die verschlossene Klotür.
"Charly, wir wissen, dass du da drin bist. Komm raus oder wir holen dich."
Charly antwortete nicht. Als Robert wieder dagegen trat, fragte er: "Was wollt ihr von mir?" Seine Stimme zitterte. Er hatte richtig Schiss.
"Mit dir reden."
Charly schwieg und gleich darauf traten alle vier abwechselnd gegen seine Tür. "Rauskommen!"
Ich wusch mir die Hände, als Niki plötzlich an der Kabine hochsprang und darüber schaute. "Wenn du nicht sofort öffnest, dann spring ich zu dir runter."
Charly drehte langsam am Schloss, bis es klickte. Niki riss sofort die Tür auf.
"Was wollt ihr, ich habe euch nichts getan."
"Ein bisschen Spaß wollen wir. " Niki schlug seinen Hosengürtel rhythmisch in die Handfläche der anderen Hand.
„Packt ihn!", rief Robert.
Die Zwillinge fassten ihn links und rechts unterm Arm und hielten ihn fest. Robert öffnete Charlys Hose und zog sie ihm mitsamt der Unterhose hinunter. Charly versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien, was ihm jedoch nicht gelang. Die Brüder drückten ihn mit der Brust auf das Waschbecken und Niki begann auf seinen nackten Arsch einzuschlagen. Ich zog es vor, abzuhauen und erntete von Robert einen warnenden Blick. Draußen blieb ich stehen und hörte Robert zählen: "Eins, zwei, drei, ...neun..."
Es gongte und um mir herum liefen alle zurück in ihre Klassen.
Ich wartete.
"Genug", hörte ich Robert sagen.
Einer riss die Tür auf und dann rannten sie an mir vorbei. Ich überlegte noch, ob ich nachschauen sollte, als Charly schon herauskam, völlig verheult. Das Hemd, ein einziger Knitterlappen, hing nur halb in der Hose. Er würgte und lief wieder zurück ins Klo. Dann hörte ich ihn kotzen.
Mit zehnminütiger Verspätung kam er zurück ins Klassenzimmer und sah, bis auf das Hemd, völlig normal aus. Dr. No, er hieß eigentlich Scherhammer, aber wir nannten ihn so, weil er grundsätzlich zu jedem fies war, gab gerade Mathe. Er musterte Charly und ich dachte noch, jetzt plappert er. Mir wurde hundsübel, doch Charly verriet nichts. Er schlurfte zu seinem Platz. Robert lehnte sich demonstrativ in seinem Stuhl zurück und fixierte Charly.
"Bist du der Neue?"
Dr. No stand direkt vor ihm.
Charly nickte.
"Name?"
"Bangowski. Charly Bangowski."
Alle lachten.
"Was gibt es da zu lachen?"
Elen meldete sich. "Er heißt Pankowski. Er ist ein Franke und spricht das „P“ wie ein „B“ und das „K“ wie ein „G“ aus.“
"So, so. Ban..., äh Pankowski. Das nächste Mal büngtlich."
Dr. No grinste und die Klasse lachte wieder.
Robert ließ ihn für den Rest der Zeit in Ruhe.

*

Vor der Klasse wartete Charlys Mutter. Sie sprudelte auf Charly ein, nach dem Motto: „Wie wars? War doch nicht so schlimm, oder? Bestimmt hast du bald Freunde.“
Die Alte checkte nicht, dass Charlie kaum was sagte. Der war es wichtiger vom neuen Büro von Charlys Vater zu quatschen. Hörte sich nach viel Kohle an. Die hat echt nicht kapiert, dass es ihm dreckig ging und Robert und Niki lachten sich eins ab.
Charly fehlte dann eine Woche. Als ich ihn an der Bushaltestelle wiedersah, schubsten ihn sich Robert und Niki gerade gegenseitig zu. Eigentlich wollte ich was sagen, aber dann hätten die mich auf den Kicker gehabt und überhaupt konnte er doch selbst sein Maul aufreißen und zum Diri gehen. War doch echt nicht meine Sache.
Sie veräppelten ihn und sangen: "Charly Brown, das ist ein Clown, der Charly Brown."
Charly rannte daraufhin los, verfolgt von einem Gelächter. Er setzte sich ins Klassenzimmer und wartete.

*
In den nächsten Monaten fielen Robert und Niki alles Mögliche ein, um ihn fertig zu machen. Mal schütteten sie ihm Cola in seine Schultasche, mal malten sie krasse Bilder in seine Hefte, ich meine, nackte Weiber, so richtig nackt. Charly hat dafür einen Lehrerverweis kassiert und nichts gesagt, der Vollidiot.
Im Unterricht glotzte er meist vor sich hin und vermied es höllisch, auch nur einen Ton zu husten. Aber manchmal fragten ihn die Lehrer was und wenn er antwortete, sprach er jedes einzelne Wort langsam aus, was unheimlich nervte. Sein fränkischer Dialekt drang trotzdem durch. Manchmal bemühte er sich so sehr, dass er völlige Scheiße laberte. Dann sprach er nämlich die B´s wie P´s und die D´s wie T´s. Wir kriegten uns dann überhaupt nicht mehr ein und Dr. No ließ ihn erst recht auflaufen. Ich versuchte, mich zurückzuhalten.
In der Pause blieb er meist im Klassenzimmer. Einmal pieselte er deswegen sogar in die Hose.
Aber das absolut Heftigste war, was Babs erzählte. Robert soll Charly einmal mit einer Zigarette am Arm gebrannt und ein andermal zum Essen von Hundekake gezwungen haben.

Irgendwie kann man es ihm nicht verdenken, oder?

*

Als er an dem Montag verspätet in die Schule kam, habe ich gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Keine Ahnung woran.
Dr. No erzählte gerade etwas über Logarithmen, als Charly die Tür aufstieß. Er sagte keinen Ton und reagierte auch auf die wiederholten Fragen von Dr. No nicht.
Charly saß mittlerweile auch nicht mehr bei Robert, sondern allein im hintersten Eck. Er marschierte direkt auf seinen Platz und starrte dann nur noch an die Tafel. Richtig irr war sein Blick.
Ich musste aufs Klo. Zum Glück.
Es knallte irrsinnig laut. Die Außenwand hat es halb weggefegt und überall war Blut, unendlich viel Blut und zerfetzte Körper.

Letzte Aktualisierung: 27.01.2012 - 14.58 Uhr
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