Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Menschwerdung
von Barbara Hennermann

Keinem mit auch nur annähernd intaktem Sehvermögen wäre es eingefallen, den Wildmoser Sepp als hübsches Kind zu bezeichnen.
Sein überdimensionaler Schädel schien den Hals in den schmächtigen Rumpf zu pressen, das spärliche Blondhaar strebte hartnäckig in die Gegenrichtung – vielleicht, um nicht Beute der viel zu großen Segelohren zu werden. Immerhin zierte ihn ein kräftiges und gesundes Gebiss, das allerdings wirkte, als wolle es der Mundhöhle entfliehen. Die Basedow´schen Augen, in der Antike als Attribut der „kuhäugigen Athene“ zum Schönheitsideal erklärt, schienen meist in die Ferne gerichtet und verliehen ihm einen abwesenden, entrückten Anschein.

Für seinen Vater, den Wildmoser Toni, war der Junge eine Enttäuschung. „Was soll nur aus dem Buben werden?“ fragte er sich und andere oft. (Natürlich fragte er das auf bairisch, aber dies wäre für eine breitere Öffentlichkeit schwer nachlesbar …) So versuchte er, nach altbayrischer Art, den Knaben durch Strenge und besondere Erwartung in seine geistigen Fähigkeiten zumindest mental für sein späteres Leben zu rüsten. Die Mutter dagegen, Maria, dauerte ihr Kind und sie tat alles, um hierzu einen angemessenen Ausgleich zu schaffen. Mit einem Wort – sie verwöhnte den Sepp nach Strich und Faden.

In diesem elterlichen Konfliktfeld entwickelte Sepp rasch die notwendigen Überlebensstrategien und glich seinen Charakter dem Äußeren an: Mit Fünf erwürgte er alle Kaninchen im Stall und schob die Schuld auf einen räuberischen Fuchs. Mit sechs brachte er im ersten Schuljahr die Lehrerin an den Rand des Wahnsinns, indem er Tag für Tag von acht bis Schulschluss mit den Zähnen knirschte. Mit neun modellierte er aus - den Mitschülern geklautem - Plastilin eine bluttriefende Frauenhand, die er in seinen Tornister steckte und grinsend am Schulhof den erschreckten Mädchen präsentierte. Anschließend schmiss er mit dem voll gefüllten Tintenfass nach dem Rektor, als dieser ihn zurechtwies.
Damit war die Grenze der Zumutbarkeit überschritten. Man verwies ihn der Schule. (Wegen der Schwere und Anzahl der Verfehlungen war dies selbst in Bayern ausnahmsweise möglich, obwohl er das Ende der Schulpflicht noch nicht erreicht hatte.)
Seine Mutter Maria, inzwischen wegen der letzten Jahre abgehärmt und längst in psychiatrischer Behandlung, stand dennoch treu zu ihm. „Bubele, versprichst mir, dass du das nicht mehr machst?“ (Natürlich sagte auch sie dies auf bayrisch, doch siehe oben!) Und wie in jedem der zahllosen Fälle vorher nickte der Sepp treuherzig und bekam zwanzig Euro zugesteckt, um seinen Frust mit Süßwaren vom Krämerladen um die Ecke abzubauen. Der Vater indessen, wie in den zahllosen Fällen vorher, brüllte den Sepp zusammen und drohte ihm, wie in den zahllosen Fällen vorher, Schläge mit dem Rohrstock an.
Die Situation war verfahren und es musste eine rasche Lösung her.


Mutter Marias beratender Psychiater schlug ein Erziehungscamp vor, das Sepp, fern der Familie, die Gelegenheit geben sollte, zu sich und seiner Eigenverantwortung zu finden. Zudem würden die Kosten ja von der Krankenkasse getragen, meinte er beruhigend.

So kam es, dass Sepp sich bald darauf im sozialpädagogischen Camp der Lizzy Lamur (vormals Marliese Laberle) wieder fand. Hier wurden ausschließlich die ganz schweren Fälle aufgenommen, weswegen die Teilnehmerzahl auf drei Knaben (um eventuellen Geschlechterkämpfen vorzubeugen) begrenzt war.
Das Camp befand sich auf einer Alm hoch droben am Berg, um den hier Weilenden in der Abgeschiedenheit der Natur, durch den Entzug jeglicher Außenreize und die Notwendigkeit der Selbstversorgung, ein Zurückfinden in das normale soziale Leben zu erleichtern.

Nun muss man wissen, dass selbst Sozialpädagogen auf einen solchen Job nicht scharf sind. Eigentlich hätte natürlich in dieser Konstellation ein männlicher Soz.päd. die Führung übernehmen müssen. Bloß fand sich keiner. Lizzy Lamur hatte nach einer eher desaströsen Karriere als Barsängerin (daher die Namensänderung!) umgeschult (was den Behörden unbekannt war) und konnte sich ihren ersten Job daher auch nicht aussuchen.

Im Vergleich zum Sepp waren die beiden anderen Kandidaten, psychisch betrachtet, eher normal und harmlos. Handtaschendiebstahl, kleine Einbrüche, Sachbeschädigung – nichts Aufregendes also. Der Entzug der Möglichkeiten ließ sie sofort in Lethargie versinken. Sepp dagegen war einer, dem an Sachen nichts lag. Ihm ging es um das Drangsalieren der belebten Natur – und die war auch hier vorhanden!
Er brauchte etwas Zeit, um sich in der ungewohnten Umgebung zu akklimatisieren. Doch in der dritten Nacht schnitt er den zwei Ziegen, die als Grundversorger für Milch und Käse gedacht waren sowie eine soziale Beziehung aufbauen helfen sollten, die Gurgel durch. Wie am elterlichen Bauernhof gut beobachtet, tranchierte er sie sorgfältig und steckte sie in den Tornister, den Mutter Maria ihm, vorsorglich gefüllt mit Naschwerk, mitgegeben hatte. Die dürren Ziegenbeine ordnete er wie die Finger einer Hand an und ließ sie oben herausstehen, während unten das Ziegenblut aus dem Tornister triefte. So schlurfte er in die Hütte. Schreiend liefen die beiden Mitbewohner, obgleich um einiges älter als er selbst, den Berg hinab, als sie seiner ansichtig wurden. Lizzy Lamur, durch ihr Vorleben in der Bar etwas abgehärteter und in Sorge um ihren Job, schalt ihn einen bösen Buben und riss ihm den Tornister beherzt vom Rücken. Dann holte sie aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Sepp stutzte. Das war ihm neu! Er legte die Segelohren nach hinten und betrachtete Lizzy so lange, dass der schon Angst wurde, sie würde sein nächstes Opfer. Dann nahm er die Zähne auseinander und quetschte hervor: „Soll ich dir versprechen, dass ich das nicht mehr mache?“ Lizzy schüttelte den Kopf. Die Wut quoll in ihr hoch wie eine Unwetterwolke, schwoll vom Blasslila zum Purpurrot an - und dann klatschte es zum zweiten Mal. Sepp hielt sich die Wange. Sah sie lange an. Lizzy sog zischend die Luft ein. Verdammt! Wahrscheinlich hatte sie mal wieder alles falsch gemacht! Einfach nur spontan reagiert! Nicht genug überlegt! Da – jetzt bückte sich der Sepp und hob das blutverschmierte Messer auf, das auf den Boden gefallen war …!
Lizzy wich zurück.

Und dann hörte sie dieses glucksende Geräusch.
Lachte er sie etwa aus? Lachte dieses kleine Monster sie aus, weil es die Macht über sie hatte?
Der Zorn fegte die Angst bei Seite. Fest sah sie zu ihm hin und entdeckte –
ach Gott, das arme Kind!
Dicke Tränen rannen aus den hervorstehenden Augen, Schluchzen schüttelte den mageren Körper.
Spontan – ja, wieder ohne Überlegen! – trat sie zu ihm hin, nahm ihn in den Arm, wiegte ihn hin und her. „Sch sch sch, mein Kleiner“, flüsterte sie in die großen Ohren, „sch sch sch. Alles wird gut.“ Und der Sepp schmiegte sich in die warmen Arme, an die weiche Brust und weinte und weinte. Weinte die armseligen neun Jahre fort, die er im Leben hatte bestehen müssen. Und dann machte er den Mund auf und flüsterte: „Ich mach das nicht mehr. Aber heim geh ich auch nicht mehr!“


Selbstverständlich hatte das Ganze ein behördliches Nachspiel. Aber das zu erzählen würde zu weit führen.
Selbstverständlich auch, dass das nicht so einfach war, wie der Sepp es sich dachte.
Aber zum Glück handelt es sich hier um eine Geschichte und nicht um das wahre Leben!
Aus diesem Grund geht sie gut aus:
Der Sepp durfte bei Lizzy bleiben, die wieder ihren bürgerlichen Namen annahm. Er bekam Strukturen in sein Leben, erfuhr echte Zuneigung und musste keine wie auch immer gearteten, hoch gesteckten Erwartungen mehr erfüllen. Kurz – er wurde so angenommen, wie er nun einmal war.
Er konnte endlich ein eigenständiger, selbst verantwortlicher Mensch werden!


hb/2/19.02.12

Letzte Aktualisierung: 19.01.2012 - 09.39 Uhr
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