Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Die große Frage
von Sylvia Seelert

„Professor, das ist der Durchbruch!“
Slorgs Tentakel wippten aufgeregt bei jedem wellenartigen Schritt in Richtung Professor Slingting. In einer Ausbuchtung ihres Weichteilkörpers hielt sie eine mit Polymer geschützte quadratische Platte.
„Die Graber haben es auf M-701-X gefunden. Endlich ein Leitfossil, dass uns Aufschluss über die Bewohner geben kann!“
„Liebe Slorg, dann lassen Sie uns mal einen Blick in die Vergangenheit dieses Planeten wagen!“
Slingting rückte die Lesehilfe auf den beiden Augententakeln zurecht und beugte seinen Kopf in Richtung der Platte, die Slorg behutsam auf den Untersuchungstisch gelegt hatte.
„Hum, hum“, brummelte der Professor.
„Schluuurg“, grunzte Slorg.
„Vielleicht sollten wir erst einmal die Konsistenz dieses Fossils ergründen“, schlug sie vor.
„Gut, gut“, murmelte Slingting.
„Scanner aktivieren. Analyse.“
Auf dem Bildschirm an der Wand erschienen verschlungene Symbole sowie Kolonnen mit Strichen und Punkten.
„Ein Substrat aus pflanzlichen Fasern. Interessant. Dazu kommen Pigmente und Bindemittel, aus denen sich die Zeichnung darauf zusammensetzt.“
Slorgs Augententakel waren lang geworden und an den Spitzen ganz aufgeplustert.
„Die haben ihr Essen bemalt?“, staunte sie.
„Liebste Slorg, vielleicht waren Blätter für diese Lebewesen im Gegensatz zu uns unverdaulich. Wir stehen erst am Anfang unserer Entdeckung über diese Welt. Betrachten wir doch mal genauer die Zeichnung.“
„Das Lebewesen scheint ein Gehäuse auf seinem Rücken zu tragen. Wie eine längst ausgestorbene Unterart unserer Gattung. Ob wir auf diesem Planeten das fehlende Bindeglied dazu finden? Vielleicht kamen wir einst von M-701-X?“
Vor Aufregung sonderte Slorg mehr Schleim als gewöhnlich ab, der sich um ihren muskulösen Fuß sammelte.
„Keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob dies Gehäuse synthetisch oder organisch ist.“
Slingting kritzelte ein paar Notizen auf eine gehärtete Schleimscheibe.
„Schauen Sie, Slorg, da ist ein Polygon auf dem Gehäuse eingezeichnet. Ein Hinweis, dass sie sich der Geometrie bewusst waren.“
„Sehen Sie, Professor, ein weiterer Hinweis auf Gemeinsamkeiten mit uns.“
Slingting schüttelte verneinend seinen rechten unteren Tentakel.
„Die Geometrie basiert allein auf einer universellen Logik. Untersuchen und Lernen. Da wir uns in einem gemeinsamen Universum bewegen, ist es nur logisch, dass diese Lebewesen grundlegende Systematiken wie wir entdeckt haben könnten. Im Moment können wir nur spekulieren. Es fehlen vergleichende Bilder.“
Slingting seufzte.
„Ich hoffe, die Graber liefern uns mehr Material.“
Ein schnalzendes Geräusch tönte aus dem vorderen Kopf.
„Aus dem Gehäuse ragen fünf Tentakel hervor. Roter Schleim wird unten abgesondert. Sehr merkwürdig.“
„Vielleicht Teil einer rituellen Handlung“, schlug Slorg vor.
„Oder ein normaler Verdauungs- und Ausscheidungsprozess. In dem Gehäuse könnte geschützt das Verdauungsorgan des Wesens liegen. Es sind nicht Tentakel, sondern Nahrungssubstanzen, die im Gehäuse verschwinden.“
„Das klingt logisch!“ Slorg nickte.
„Wenden wir uns nun dem Lebewesen an sich zu. Sie schienen einen gespalteten Fuß zu haben. Sehr dünn. Wenig Muskeln. Es wäre spannend zu sehen, wie sie sich damit fortbewegen konnten.“
„Vielleicht ähnlich wie die Mantodeas. Allerdings haben diese noch Dornen und Endklauen, mit denen sie sich im Boden verankern können. Dieses System hier scheint mir recht instabil zu sein“, mutmaßte Slorg.
„Und schauen Sie mal, wie dünn die Tentakel am Kopf sind. Offensichtlich scheinen hier die Sehorgane nicht angesiedelt zu sein.“
„Mir scheint, Slorg, sie haben Augenlöcher in der Vorderfront. Vielleicht ist das die vereinfachte Darstellung von Facettenaugen. Vielleicht waren sie auch blind. Alles sehr rätselhaft.“
„Sehen Sie den schwarzen Fleck“, Slorg zeigte auf den linken Rand des Bildes.
„Sie könnten einen Tintenbeutel gehabt haben, ähnlich wie unsere cephalopodischen Verwandten im Meer. Auf alle Fälle hat das Lebewesen eine schwarze Flüssigkeit abgesondert. Professor, ich glaube immer noch, wir sind dem missing link auf der Spur. Die große Frage, woher wir gekommen sind. M-701-X könnte uns endlich die Antwort geben.“
Ein glucksendes Geräusch kündigte einen Besucher an der Tür an. Slorg schleimte sich gemächlich zum Laboreingang und nahm ein Päckchen entgegen.
„Professor, ein weiterer Fund!“
Begeistert entfernte sie die Schutzhülle und hielt einen runden Gegenstand in der Hand. Er schimmerte silbern und hatte ein Loch in der Mitte.
„Legen Sie ihn unter den Scanner.“
Das Gerät taste den Gegenstand mit einem Laserstrahl ab.
„Es besteht aus Polycarbonat mit einer dünnen Aluminiumschicht auf der einen Seite.“
Eine Welle lief durch Slingtings Körper.
„Slorg“, flüsterte er, „ich glaube, wir haben einen optischen Datenträger gefunden.“
Er hantierte längere Zeit an dem Scanner, dann drehte er die Scheibe um und aktivierte den Laserstrahl.
Beats im gleichmäßigen Takt dröhnten durch das Labor.
„Fürchterlich“, schrie Slorg.
„Uargh“, röchelte Slingting. „Eine Waffe!“
Die weichen Körper der Beiden bebten im Takt der Töne, vibrierten immer stärker. Slingting versuchte vergeblich, eine Ausbuchtung zu formen, um den Scanner abzustellen. Das Labor schwamm im Schleim, das die beiden in ihrer Panik absonderten. Unter den Klängen der Bassdrum platzten schließlich ihre Körper und lösten sich zuckend zu den Beats auf, die noch immer durch das Labor dröhnten…

School's out for summer
School's out forever
School's been blown to pieces

Letzte Aktualisierung: 27.01.2012 - 18.19 Uhr
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