Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul
von Bernd Kleber

Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand.
Und der Sattel liegt gleich nebenan,
fragt ihr mich, warum ich traurig bin,
schau ich nur zum Pferdehalfter hin ...
(Bruce Low)

Durch meine Armeezeit war ich irgendwie ein anderer geworden. Hatte gelernt, mich durchzusetzen und vor allem an meinen eigenen Vorteil zu denken.
Das Malen, welches ich auf der Kunsthochschule im Vorbereitungssemester fürs Studium gelernt hatte, konnte ich in meiner Freizeit technisch zu neuen Qualitäten ausbauen. Material dazu wurde uns unter dem Aspekt der sozialistischen Menschwerdung und -Förderung gestellt. Andere „stählten“ ihre Körper beim Sport, ich war bei den Künstlern.
Die politischen Verstrickungen durch die Solidarność-Bewegung in Danzig brachte viel Aufregung. Aber alles wurde gut. Durch das viele Malen hatte ich Familie und Freunde mit kommerziellen Bildern versorgt. Von mir signierte Meisterwerke mit Blumenstillleben, Klostergemäuern, einsamen Bäumen in Frühlingsland und anderen Motive hingen überall in meinem sozialen Umfeld im rechten Licht.
Bei uns zu Hause prangte über der Couch der Kopf eines Fuchses.
Nein, nicht Reinecke mit buschigem Schwanz. Ein Pferd mit rotbrauner Zeichnung und weißer Blesse auf der Stirn. Sein Blick war von mir so treuherzig dargestellt worden, fast traurig, dass ein Betrachter spontan vermutete, man hätte dem Tier Hafer gestohlen.
Meine Mutter war begeistert. Und jeder, der das Wohnzimmer zum ersten Mal betrat, kam nicht umhin, dieses Werk zu betrachten und von ihr den Namen des Künstlers zu erfahren.
Was? Ehrlich?- Ja, von meinem Sohn!
In seiner Größe und Farbe passte es gut zu der bürgerlichen Gemütlichkeit unseres Wohnzimmers in diesen Jahren. Ich wohnte mit einer Schwester noch bei Mama.
Ich arbeitete einige Zeit nach meinem Militärdienst als Abteilungsleiter in einem Kaufhaus. Lacke, Farben, Tapeten.
Ja, bei den Farben war es irgendwie geblieben, jedoch eher handwerklich als künstlerisch.
Mir ging es gut. Ich verdiente für DDR-Verhältnisse viel Geld und konnte zusätzliches einnehmen durch die kontrollierte Verteilung von Waren, die es nicht täglich zu kaufen gab. Zu meinen Kunden gehörten einflussreiche Professoren der Charité genauso wie die Primaballerina der Staatsoper. Ich wurde mit Eintrittskarten kultureller Veranstaltungen, Ferienreisen, Sonderbehandlungen und vor allem viel Schmiergeld versorgt. Ich lebte wie die Made im Speck und hatte mich glücklich an jeder massenpolitischen Organisation vorbeigeschummelt. Die ökonomischen Ergebnisse meiner Abteilung im Kaufhaus stimmten, waren in Bezug auf Planzahlen wie Jahresumsatz und Inventurergebnis immer von den besten im Haus. Man ließ mich in Ruhe.
Zu meinen Freunden zählten damals aber auch Handwerker aller Gewerke, auch ein KFZ-Schlosser, der sich rührend um meinen Trabant kümmerte. Der war bemüht, meinen Kugelporsche in Bahama-Beige am Laufen zu halten. Übrigens eine Farbe, die kein DDR-Bürger hätte abgleichen können, denn wer war je auf den Bahamas?
Nun kam es dazu, dass dieses Technikgenie mir einen neuen Kontakt vermittelte. Er machte mich mit dem Pferdeschlachter seines Heimatortes in der Mark bekannt, eigentlich mit der netten Gattin dieses Pferdemetzgers.
Sie erfreute sich in ihrem Ort sehr guter Beziehungen, jedoch fehlte es an Autolacken, Tapeten und weiteren Waren aus Fachabteilungen des Kaufhauses. Nicht zuletzt wünschte sie sich auch Vermittlung zu der in unserem Haus befindlichen „Exquisit“-Abteilung mit wahrhaft modischer Kleidung und luxuriösen Düften aus dem nichtsozialistischen Ausland.
Wir machten einen Termin, zu dem ich mit der freundlichen Frau, die sonst Tierleiberhälften mit der Axt spaltete, nun ganz Frau von Welt durch die gewünschten Abteilungen des Kaufhauses wandelte, um ihr eine Palette der kostbarsten Bückwarenbeziehungen auszubreiten. Zugang zu Waren von „unter dem Ladentisch“! Sie erwarb von dem und jenem, kaufte dies und das und fühlte sich einen Augenblick ähnlich wie Jahre später bei ihrem ersten Gang durch das KaDeWe.
Beladen wieder in meinem Büro im Erdgeschoss angekommen, tranken wir noch einen Kaffee und plauderten nett. Ich wartete auf mein wohlverdientes Trinkgeld. Die Fleischergattin zog mit ihren dicken Fingern geschickt ihr Lederportemonnaie aus der Handtasche und daraus einen gefüllten Umschlag. Den schob sie mir mit einem breiten Lächeln zu und zwinkerte. Sie freue sich auf ihren nächsten Berlinbesuch schon außerordentlich, merkte sie noch an. Ich solle nun noch unbedingt mit zu ihrem Wagen kommen.
Sie fuhr einen VW-Golf, der in einer kleinen Schwemme in diesen Jahren DDR-Privilegierte, Menschen mit Vermögen und Seilschaften erreicht hatte. Sie hätte noch ein besonderes Geschenk für mich. Ich trug also einige Papiertüten, Plastiktüten gab es sehr selten, mit dem großen blauen „C“ für Centrum zu ihrem Auto, wo sie mich umarmte und mir ein Paket in Pergamentpapier überreichte. Ich sah sie mit gerunzelter Stirn an.
Sie hielt ihren behandschuhten Zeigefinger auf meinen Mund und sagte leise, es handele sich um eine Gourmandise, ich werde schon Gefallen daran finden. Einmal Pferd gegessen, wolle man es immer wieder.
Dann stieg sie in ihren Golf, winkte und brauste davon.
Ich ging mit dem unhandlichen Paket zurück ins Büro. Wir arbeiteten damals an den Samstagen bis 13 Uhr. Ich rief meine Mutter an, ihr mitzuteilen, dass ich für uns eine Köstlichkeit mitbringen würde. Das Filetstück eines Pferdes!
Das widerspenstige Paket, es war fast einen Meter lang, knickte ich vorsichtig in der Mitte und steckte es in meine Aktentasche. Irgendwie war es mir unheimlich, ein so großes Stück Fleisch zu transportieren.
An diesem Tag war ich mit der S-Bahn unterwegs. Mit der Tasche unter dem Arm kam ich mir vor wie ein Schuljunge, der etwas Verbotenes getan hatte. Unwohl sah ich mich um und mit Tunnelblick nahm ich in der Bahn Platz. Die Tasche legte ich auf meinem Schoß ab.
Wie ein Serienmörder, der die abgetrennten Gliedmaßen seiner Opfer in der Stadt verteilen wolle, fühlte ich mich.
So saß ich mit Herzklopfen in der Bahn, die Tasche festhaltend, als ich den starren Blick einer älteren Dame wahrnahm. Sie konnte doch unmöglich wissen, dass ich hier ein Körperteil mit mir trug. Mir wurde siedend heiß. Ich quälte mich, stur in eine andere Richtung des Wageninneren zu sehen und spürte, dass etwas nicht stimmte. Die Dame erhob sich, blieb vor meinem Sitz stehen und meinte lautstark: „Junger Mann, ich weiß ja nicht, was Sie da in Ihrer Tasche transportieren, aber es tropft heraus.“ Dann stieg sie kopfschüttelnd aus. Hätte es nicht eine der alten Frauen sein können, deren Stimme dünn und gebrechlich war? Nein! Prima! Hatte sie doch dafür gesorgt, dass sich alle anwesenden Reisenden nun für mich interessierten.
Langsam sah ich von der Tasche zu der Blutlache auf den Boden, die sich neben meinem Fuß gebildet hatte. Beim Öffnen der Aktentasche blickte ich in Gesichter, deren Augen und Münder weit geöffnet waren. Ich versuchte das Paket, an dessen Knickstellen sich das Pergament rotbraun gefärbt hatte, in eine Lage zu bewegen.
Ich sah, dass mein linkes Hosenbein komplett rotbraun durchnässt war. Ich dachte an einen Streifschuss, an „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Gleich würde eine Stimme durch den Wagen rufen: "Hier spricht Edgar Wallace!“, während aus meiner Tasche Blut tropfte. Ein Mann murmelte etwas wie „Polizei“.
Wieso blutet das Stück Fleisch überhaupt, fragte ich mich. Als ich diese Geschichte später erzählte, erklärte man mir, weil das Fleisch so frisch war. Zum Glück musste ich aussteigen. Beim Erheben rutschte ich mit dem linken Hacken in der Pfütze aus, schmierte sie breiter, wodurch sie noch bedrohlicher wirkte. Nur nach Hause!
Meine Mutter bereitete aus dem Riesenfiletstück zwei Mahlzeiten. Das Wochenende sollte lukullisch abgesichert werden. Am Samstag wollten wir Pferdegoulasch essen aus den spitzen, etwas flacheren Enden des Filets und am Sonntag Steaks aus dem Mittelstück. Meine Schwester und ich waren schon sehr gespannt, war es doch die Premiere für uns. Pferdefleisch!
Duft von geschmortem Fleisch zog durch die Wohnung. Unser Dackel schlich um die Küche wie kurz vor der Jagd. Dann war der Zeitpunkt der Premiere gekommen.
Wir saßen um den Wohnzimmertisch und hatten das Produkt der Küchenleistung meiner Mutter vor uns stehen. Dunkles saftiges Goulasch auf Stampfkartoffeln dampfte vor sich hin und eine unheimliche Ruhe war an diesem Nachmittagstisch. Ich wundere mich heute noch, erinnerte mich die Atmosphäre doch an einen Leichenschmaus. Die Trauernden waren in Gedanken versunken.
Wir sahen uns alle drei abwechselnd mit verlegenem Grienen an, bis meine Mutter „Guten Appetit!“ wünschte. Nun begannen wir auf unseren Tellern zu stochern, verlegen Stücke hin und her zu schieben. Ich baute in dem Kartoffelbrei ein Kanalsystem für die dunkle Soße, das an antike Bewässerungssysteme erinnerte. Dann schnitt ich mein erstes Fleischstückchen an, obwohl es von mundgerechter Größe war, und kostete. Ein zartes Fleisch von auffallend delikatem Aroma hatte ich am Gaumen.
Ich spürte einen heftigen Druck in meinem Nacken, fühlte mich beobachtet. Kalter Schweiß machte sich auf meiner Stirn breit. Schauder liefen mir wie flüchtende Schaben über den Rücken.
Ich legte das Besteck aus der Hand, weil ich spürte, wie mich das Pferd in Öl von der Wand anschaute. Dabei dachte ich die ganze Zeit an Fury oder Black Beauty und sogar an unseren Hund. Beate spuckte ihre Mundportion vorsichtig auf ihren Kartoffelbrei und lachte hysterisch los. Mutter schob ihren Teller mit übertriebener Geste weit von sich, nachdem sie das Besteck klappernd auf den Tisch geworfen hatte. Wir lachten nun befreit im Chor.
Irgendwie hatte ich das Gefühl nicht loswerden können, unseren Rauhaarteckel zu verspeisen, der sich nun seinerseits an mehreren Tagen über köstlich zubereitetes Pferdefleisch schwanzwedelnd freute.
Meine Schwester summte leise eine bekannte Melodie, die von einem Pony, welches seinem Besitzer das Leben gerettet hatte.

Letzte Aktualisierung: 15.01.2012 - 17.33 Uhr
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