Honigfalter
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul
von Bernd Kleber

Es h├Ąngt ein Pferdehalfter an der Wand.
Und der Sattel liegt gleich nebenan,
fragt ihr mich, warum ich traurig bin,
schau ich nur zum Pferdehalfter hin ...
(Bruce Low)

Durch meine Armeezeit war ich irgendwie ein anderer geworden. Hatte gelernt, mich durchzusetzen und vor allem an meinen eigenen Vorteil zu denken.
Das Malen, welches ich auf der Kunsthochschule im Vorbereitungssemester f├╝rs Studium gelernt hatte, konnte ich in meiner Freizeit technisch zu neuen Qualit├Ąten ausbauen. Material dazu wurde uns unter dem Aspekt der sozialistischen Menschwerdung und -F├Ârderung gestellt. Andere ÔÇ×st├ĄhltenÔÇť ihre K├Ârper beim Sport, ich war bei den K├╝nstlern.
Die politischen Verstrickungen durch die Solidarność-Bewegung in Danzig brachte viel Aufregung. Aber alles wurde gut. Durch das viele Malen hatte ich Familie und Freunde mit kommerziellen Bildern versorgt. Von mir signierte Meisterwerke mit Blumenstillleben, Klostergem├Ąuern, einsamen B├Ąumen in Fr├╝hlingsland und anderen Motive hingen ├╝berall in meinem sozialen Umfeld im rechten Licht.
Bei uns zu Hause prangte ├╝ber der Couch der Kopf eines Fuchses.
Nein, nicht Reinecke mit buschigem Schwanz. Ein Pferd mit rotbrauner Zeichnung und wei├čer Blesse auf der Stirn. Sein Blick war von mir so treuherzig dargestellt worden, fast traurig, dass ein Betrachter spontan vermutete, man h├Ątte dem Tier Hafer gestohlen.
Meine Mutter war begeistert. Und jeder, der das Wohnzimmer zum ersten Mal betrat, kam nicht umhin, dieses Werk zu betrachten und von ihr den Namen des K├╝nstlers zu erfahren.
Was? Ehrlich?- Ja, von meinem Sohn!
In seiner Gr├Â├če und Farbe passte es gut zu der b├╝rgerlichen Gem├╝tlichkeit unseres Wohnzimmers in diesen Jahren. Ich wohnte mit einer Schwester noch bei Mama.
Ich arbeitete einige Zeit nach meinem Milit├Ąrdienst als Abteilungsleiter in einem Kaufhaus. Lacke, Farben, Tapeten.
Ja, bei den Farben war es irgendwie geblieben, jedoch eher handwerklich als k├╝nstlerisch.
Mir ging es gut. Ich verdiente f├╝r DDR-Verh├Ąltnisse viel Geld und konnte zus├Ątzliches einnehmen durch die kontrollierte Verteilung von Waren, die es nicht t├Ąglich zu kaufen gab. Zu meinen Kunden geh├Ârten einflussreiche Professoren der Charit├ę genauso wie die Primaballerina der Staatsoper. Ich wurde mit Eintrittskarten kultureller Veranstaltungen, Ferienreisen, Sonderbehandlungen und vor allem viel Schmiergeld versorgt. Ich lebte wie die Made im Speck und hatte mich gl├╝cklich an jeder massenpolitischen Organisation vorbeigeschummelt. Die ├Âkonomischen Ergebnisse meiner Abteilung im Kaufhaus stimmten, waren in Bezug auf Planzahlen wie Jahresumsatz und Inventurergebnis immer von den besten im Haus. Man lie├č mich in Ruhe.
Zu meinen Freunden z├Ąhlten damals aber auch Handwerker aller Gewerke, auch ein KFZ-Schlosser, der sich r├╝hrend um meinen Trabant k├╝mmerte. Der war bem├╝ht, meinen Kugelporsche in Bahama-Beige am Laufen zu halten. ├ťbrigens eine Farbe, die kein DDR-B├╝rger h├Ątte abgleichen k├Ânnen, denn wer war je auf den Bahamas?
Nun kam es dazu, dass dieses Technikgenie mir einen neuen Kontakt vermittelte. Er machte mich mit dem Pferdeschlachter seines Heimatortes in der Mark bekannt, eigentlich mit der netten Gattin dieses Pferdemetzgers.
Sie erfreute sich in ihrem Ort sehr guter Beziehungen, jedoch fehlte es an Autolacken, Tapeten und weiteren Waren aus Fachabteilungen des Kaufhauses. Nicht zuletzt w├╝nschte sie sich auch Vermittlung zu der in unserem Haus befindlichen ÔÇ×ExquisitÔÇť-Abteilung mit wahrhaft modischer Kleidung und luxuri├Âsen D├╝ften aus dem nichtsozialistischen Ausland.
Wir machten einen Termin, zu dem ich mit der freundlichen Frau, die sonst Tierleiberh├Ąlften mit der Axt spaltete, nun ganz Frau von Welt durch die gew├╝nschten Abteilungen des Kaufhauses wandelte, um ihr eine Palette der kostbarsten B├╝ckwarenbeziehungen auszubreiten. Zugang zu Waren von ÔÇ×unter dem LadentischÔÇť! Sie erwarb von dem und jenem, kaufte dies und das und f├╝hlte sich einen Augenblick ├Ąhnlich wie Jahre sp├Ąter bei ihrem ersten Gang durch das KaDeWe.
Beladen wieder in meinem B├╝ro im Erdgeschoss angekommen, tranken wir noch einen Kaffee und plauderten nett. Ich wartete auf mein wohlverdientes Trinkgeld. Die Fleischergattin zog mit ihren dicken Fingern geschickt ihr Lederportemonnaie aus der Handtasche und daraus einen gef├╝llten Umschlag. Den schob sie mir mit einem breiten L├Ącheln zu und zwinkerte. Sie freue sich auf ihren n├Ąchsten Berlinbesuch schon au├čerordentlich, merkte sie noch an. Ich solle nun noch unbedingt mit zu ihrem Wagen kommen.
Sie fuhr einen VW-Golf, der in einer kleinen Schwemme in diesen Jahren DDR-Privilegierte, Menschen mit Verm├Âgen und Seilschaften erreicht hatte. Sie h├Ątte noch ein besonderes Geschenk f├╝r mich. Ich trug also einige Papiert├╝ten, Plastikt├╝ten gab es sehr selten, mit dem gro├čen blauen ÔÇ×CÔÇť f├╝r Centrum zu ihrem Auto, wo sie mich umarmte und mir ein Paket in Pergamentpapier ├╝berreichte. Ich sah sie mit gerunzelter Stirn an.
Sie hielt ihren behandschuhten Zeigefinger auf meinen Mund und sagte leise, es handele sich um eine Gourmandise, ich werde schon Gefallen daran finden. Einmal Pferd gegessen, wolle man es immer wieder.
Dann stieg sie in ihren Golf, winkte und brauste davon.
Ich ging mit dem unhandlichen Paket zur├╝ck ins B├╝ro. Wir arbeiteten damals an den Samstagen bis 13 Uhr. Ich rief meine Mutter an, ihr mitzuteilen, dass ich f├╝r uns eine K├Âstlichkeit mitbringen w├╝rde. Das Filetst├╝ck eines Pferdes!
Das widerspenstige Paket, es war fast einen Meter lang, knickte ich vorsichtig in der Mitte und steckte es in meine Aktentasche. Irgendwie war es mir unheimlich, ein so gro├čes St├╝ck Fleisch zu transportieren.
An diesem Tag war ich mit der S-Bahn unterwegs. Mit der Tasche unter dem Arm kam ich mir vor wie ein Schuljunge, der etwas Verbotenes getan hatte. Unwohl sah ich mich um und mit Tunnelblick nahm ich in der Bahn Platz. Die Tasche legte ich auf meinem Scho├č ab.
Wie ein Serienm├Ârder, der die abgetrennten Gliedma├čen seiner Opfer in der Stadt verteilen wolle, f├╝hlte ich mich.
So sa├č ich mit Herzklopfen in der Bahn, die Tasche festhaltend, als ich den starren Blick einer ├Ąlteren Dame wahrnahm. Sie konnte doch unm├Âglich wissen, dass ich hier ein K├Ârperteil mit mir trug. Mir wurde siedend hei├č. Ich qu├Ąlte mich, stur in eine andere Richtung des Wageninneren zu sehen und sp├╝rte, dass etwas nicht stimmte. Die Dame erhob sich, blieb vor meinem Sitz stehen und meinte lautstark: ÔÇ×Junger Mann, ich wei├č ja nicht, was Sie da in Ihrer Tasche transportieren, aber es tropft heraus.ÔÇť Dann stieg sie kopfsch├╝ttelnd aus. H├Ątte es nicht eine der alten Frauen sein k├Ânnen, deren Stimme d├╝nn und gebrechlich war? Nein! Prima! Hatte sie doch daf├╝r gesorgt, dass sich alle anwesenden Reisenden nun f├╝r mich interessierten.
Langsam sah ich von der Tasche zu der Blutlache auf den Boden, die sich neben meinem Fu├č gebildet hatte. Beim ├ľffnen der Aktentasche blickte ich in Gesichter, deren Augen und M├╝nder weit ge├Âffnet waren. Ich versuchte das Paket, an dessen Knickstellen sich das Pergament rotbraun gef├Ąrbt hatte, in eine Lage zu bewegen.
Ich sah, dass mein linkes Hosenbein komplett rotbraun durchn├Ąsst war. Ich dachte an einen Streifschuss, an ÔÇ×TatortÔÇť und ÔÇ×Polizeiruf 110ÔÇť. Gleich w├╝rde eine Stimme durch den Wagen rufen: "Hier spricht Edgar Wallace!ÔÇť, w├Ąhrend aus meiner Tasche Blut tropfte. Ein Mann murmelte etwas wie ÔÇ×PolizeiÔÇť.
Wieso blutet das St├╝ck Fleisch ├╝berhaupt, fragte ich mich. Als ich diese Geschichte sp├Ąter erz├Ąhlte, erkl├Ąrte man mir, weil das Fleisch so frisch war. Zum Gl├╝ck musste ich aussteigen. Beim Erheben rutschte ich mit dem linken Hacken in der Pf├╝tze aus, schmierte sie breiter, wodurch sie noch bedrohlicher wirkte. Nur nach Hause!
Meine Mutter bereitete aus dem Riesenfiletst├╝ck zwei Mahlzeiten. Das Wochenende sollte lukullisch abgesichert werden. Am Samstag wollten wir Pferdegoulasch essen aus den spitzen, etwas flacheren Enden des Filets und am Sonntag Steaks aus dem Mittelst├╝ck. Meine Schwester und ich waren schon sehr gespannt, war es doch die Premiere f├╝r uns. Pferdefleisch!
Duft von geschmortem Fleisch zog durch die Wohnung. Unser Dackel schlich um die K├╝che wie kurz vor der Jagd. Dann war der Zeitpunkt der Premiere gekommen.
Wir sa├čen um den Wohnzimmertisch und hatten das Produkt der K├╝chenleistung meiner Mutter vor uns stehen. Dunkles saftiges Goulasch auf Stampfkartoffeln dampfte vor sich hin und eine unheimliche Ruhe war an diesem Nachmittagstisch. Ich wundere mich heute noch, erinnerte mich die Atmosph├Ąre doch an einen Leichenschmaus. Die Trauernden waren in Gedanken versunken.
Wir sahen uns alle drei abwechselnd mit verlegenem Grienen an, bis meine Mutter ÔÇ×Guten Appetit!ÔÇť w├╝nschte. Nun begannen wir auf unseren Tellern zu stochern, verlegen St├╝cke hin und her zu schieben. Ich baute in dem Kartoffelbrei ein Kanalsystem f├╝r die dunkle So├če, das an antike Bew├Ąsserungssysteme erinnerte. Dann schnitt ich mein erstes Fleischst├╝ckchen an, obwohl es von mundgerechter Gr├Â├če war, und kostete. Ein zartes Fleisch von auffallend delikatem Aroma hatte ich am Gaumen.
Ich sp├╝rte einen heftigen Druck in meinem Nacken, f├╝hlte mich beobachtet. Kalter Schwei├č machte sich auf meiner Stirn breit. Schauder liefen mir wie fl├╝chtende Schaben ├╝ber den R├╝cken.
Ich legte das Besteck aus der Hand, weil ich sp├╝rte, wie mich das Pferd in ├ľl von der Wand anschaute. Dabei dachte ich die ganze Zeit an Fury oder Black Beauty und sogar an unseren Hund. Beate spuckte ihre Mundportion vorsichtig auf ihren Kartoffelbrei und lachte hysterisch los. Mutter schob ihren Teller mit ├╝bertriebener Geste weit von sich, nachdem sie das Besteck klappernd auf den Tisch geworfen hatte. Wir lachten nun befreit im Chor.
Irgendwie hatte ich das Gef├╝hl nicht loswerden k├Ânnen, unseren Rauhaarteckel zu verspeisen, der sich nun seinerseits an mehreren Tagen ├╝ber k├Âstlich zubereitetes Pferdefleisch schwanzwedelnd freute.
Meine Schwester summte leise eine bekannte Melodie, die von einem Pony, welches seinem Besitzer das Leben gerettet hatte.

Letzte Aktualisierung: 15.01.2012 - 17.33 Uhr
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