Bitte lächeln!
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Nachsitzen!
von Ingo Pietsch

Jürgen Deppert kam sich auf dem Stuhl in der Mitte des leeren Saales ziemlich verlassen vor.
Zwei Meter entfernt saßen ihm die drei Männer des Gremiums gegenüber, die über seine weitere berufliche Laufbahn entschieden.
Er hatte seine Aufgaben wieder einmal mit mehr Elan erledigt, als ihm in seiner Position zustand.
Der Vorsitzende würde den Fall noch einmal aufrollen und Jürgen Deppert wegen Einzelheiten befragen.
Ohne Umschweife sprach ihn der Mann in der Mitte an. Dabei starrte er über die auf die Nasenspitze geschobene Brille:
„Sie kennen diese Prozedur bereits. Da sie es diesmal übertrieben haben, werden wir alles noch einmal genauestens prüfen. Also: Sie waren im vergangenen Jahr als Hausmeister an einer Grundschule angestellt. Zu ihren Tätigkeiten gehörten die Gebäudereinigung und Instandhaltung, sowie die Pflege des Schulgrundstückes.“
Jürgen Deppert nickte.
„Fall Nummer 1: Schwere vorsätzliche Körperverletzung.“
Der Vorsitzende blickte Jürgen skeptisch an:
„Hier steht, dass Sie der Lehrerin Frau Mianoli-Buschinski Drohbriefe und –SMS schickten.“
„Äh, das gehörte zu meinem Plan. Als ich herausfand, dass Frau Mianoli-Buschinski und der Direktor gemeinsame Sache machten, versuchte ich, die beiden zu verunsichern und zu Fehlern zu verleiten. Frau Mianoli-Buschinski war schon seit Jahren unglücklich mit einem Jamaikaner verheiratet, hatte aber seit Ewigkeiten ein geheimes Verhältnis mit dem Direktor. Sie hatte Angst vor ihrem Mann und vor seiner möglichen Rache.“
„Sie haben einen Schüler bestochen, damit er direkt vor ihrem Klassenzimmer Kakao verschüttete!“
„Es musste doch wie ein Unfall aussehen. Kurz vor Stundenschluss schickte ich ihr dann eine SMS vom Handy ihres Mannes. ICH WEISS ALLES!“
„Sie haben Herrn Mianoli-Buschinski das Handy gestohlen?“
„Nur geliehen.“ Jürgen formte mit seinen Händen eine Kugel und drehte sie imaginär.
„Sie wischten absichtlich den Boden vor der Tür spiegelblank, damit sie sich verletzte?“
„Na, ja, wie hätte ich ahnen können, dass sie mit so einem Tempo angeschossen käme.“
„Sie fiel so unglücklich“, der Vorsitzende sah Jürgen an, als hätte er die Verletzungen auswendig gelernt, „dass sie sich eine doppelte Beckenfraktur, einen gebrochenen Oberarm, eine verstauchte Hand und eine mittelschwere Gehirnerschütterung zuzog.“
„Immerhin hatte ich sie aus dem Verkehr gezogen.“
Der Vorsitzende sah ihn böse an und wollte etwas erwidern, als Jürgen ihm zuvorkam:
„Ich stellte im Anschluss immerhin noch das „Vorsicht, Rutschgefahr“- Schild auf.“
„Werden Sie mir ja nicht frech! Fall Nummer 2: Mutwillige Zerstörung von Privateigentum.
Eine Woche später fegten Sie auf dem Lehrerparkplatz nahe der Ausfahrt Blätter zu einem großen Haufen zusammen. Als Direktor Reinhard Linse mit seinem neuen Mercedes SL nach Hause fahren wollte, entdeckte er den Haufen. Sie machten eine einladende Geste und der Direktor fuhr mitten hinein. Allerdings wusste der Mann nicht, dass sich darunter ein Metallpfosten befand, den Sie am Morgen installiert hatten.“
„Wahrscheinlich hatte er die Mitteilung nicht gelesen, die am schwarzen Brett hing. Wäre Herr Linse nicht so schnell gefahren, dann hätte der umherfliegende Pfeiler wahrscheinlich nicht noch weitere Fahrzeuge beschädigt. Außerdem habe ich an dem Haufen vorbeigewunken.“
Der Vorsitzende schlug auf den Tisch, dass alle Anwesenden zusammenzuckten.
„Direktor Linse hätte sich ernsthaft verletzen können! Fall Nummer 3: Absichtlich provozierter Ausfall des Schulunterrichts.“ Der Ankläger blätterte weiter und schüttelte den Kopf. „Wie kamen Sie denn auf diese Idee?“
„Ich brauchte ein Ablenkungsmanöver, um den Direktor der Schule fernzuhalten.“
Dafür erntete Jürgen Deppert einen ungläubigen Blick: „Sie bastelten eine Stinkbombe aus gesammelten Kaugummiresten, Schafskot und Nadelholzspänen. Das Ganze verpackten sie in frischen Ton aus dem Töpferkurs und ließen es heimlich im Ofen des Kunstraumes heranreifen. Die Folge: Eine Nebel- und Stinkwolke die sich im gesamten Schulgebäude ausbreitete und den Unterricht für eine gesamte Woche lahmlegte. Selbst die Anwohner in der näheren Umgebung trauten sich nicht mehr aus den Häusern.“
„Und mein Plan ging voll auf. Die Kinder hatten eine Feuerwehrübung und schulfrei.“
Der Vorsitzende wurde rot.
Jürgen erkannte, dass er zu weit gegangen war. „Frau Mianoli-Buschinski war die treibende Kraft in diesem Komplott. Ich musste sie aus der Gleichung nehmen, um dann Herrn Linse einen Fehler machen zu lassen. Ich wusste, dass er den Schaden der Versicherung nicht melden würde, da er beinahe zwanzig Jahre unfallfrei gefahren war. Stattdessen bediente er sich aus dem Schuletat, um die Schäden zu beseitigen. Ich hatte selbst als Hausmeister keinen Zugriff auf sein Büro oder die EDV der Schule. Deshalb beschaffte ich unserer Abteilung Zugang zu den Räumlichkeiten, ohne dass sie gestört wurden. Zwar waren die Kollegen etwas stinkig, aber es hat sich gelohnt.“
Der Vorsitzende lehnte sich zurück: „Veruntreuung von staatlichen und karitativen Geldern in Höhe von Zweihundertfünfzigtausend Euro in fünfzehn Jahren.“
Jürgen grinste über das ganze Gesicht.
„Fall Nummer vier: Erzwungenes Geständnis unter psychologischer Gewaltanwendung. Bevor wir den Direktor festnehmen und verhören konnten, stellte er sich freiwillig völlig verängstigt der Polizei. Er gab alles aus freien Stücken zu. Er behauptete auch, dass ein schwarzer Mann mehrmals um sein Haus geschlichen sei, regelmäßig gegen die Fenster geklopft hätte und dann wieder unerkannt verschwunden sei. Herr Linse fürchtete, es handelte sich um den Ehemann von Frau Mianoli-Buschinski. Interessanterweise fand die Polizei eine leere Dose dunkle Schuhcreme im Vorgarten des Hauses. Hatten Sie auch etwas damit zu tun?“
„So etwas trauen Sie mir zu?“
Der Vorsitzende sah ihn mehre Sekunden bewegungslos an, dann sagte er:
„Sie haben jetzt als Undercover-Agent für die Bundesfinanzbehörde schon mehrere Fälle dieser Art auf ihre unkonventionelle Art und Weise erledigt. Dass Sie erfolgreich waren, wissen wir. Deshalb werden sie nur zu drei Wochen gemeinnütziger Arbeit und Nachschulung über die Dienstvorschriften verurteilt. Es kann kein Veto eingelegt werden. Wegtreten.“

Als Jürgen Deppert in seinem Auto saß, lachte er lauthals auf. Der Nächste auf seiner Auftragsliste war der Vorsitzende selbst. Und er hatte schon eine genaue Vorstellung, wie er ihn überführen könnte.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2012 - 22.13 Uhr
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